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«Der FC St.Gallen gewinnt die Champions League. Nach dem Sieg gegen den FC Schalke 04 im Halbfinale war auch Paris Saint-Germain den Grün-Weissen hoffnungslos unterlegen.» Was wie die Off-Stimme aus den schönsten Träumen eines FCSG-Fans klingt, könnte tatsächlich Realität werden. Zugegeben, auf dem Rasen dürften die St.Galler Spieler kaum je für solche Nachrichten sorgen. Seit vergangenem Dezember tritt der FC St.Gallen aber auch in der virtuellen Welt des Fussballs an. Dort könnte möglich sein, was dem Verein sonst verwehrt bleibt.

Als erster Super League-Vertreter, der in eSports einsteigt, übernimmt der älteste Fussballclub der Schweiz auch in der virtuellen Fussballwelt eine Pionierrolle. Aber nicht nur deshalb macht der FC St.Gallen mit. Es geht dabei auch – manche sagen vor allem – um die Erweiterung des Marktes, um zusätzliche Sponsoren oder um Likes in den Sozialen Medien.

Wir haben uns in dieser auch für uns neuen Welt umgesehen. Wir sprachen mit den Profi-eSportlern und den Verantwortlichen des FCSG und setzten uns mit dem Präsidenten des Schweizer eSports-Verband zusammen. Und natürlich haben wir auch selbst recherchiert, eingeordnet und sogar mitgespielt.

Wie immer befassen wir uns neben dem Titelthema mit vielen weiteren Geschichten rund um den FC St.Gallen, die Stadt St.Gallen und den Fussball im Allgemeinen. Erscheinungstermin für die achte Ausgabe des SENF ist der 17. August. Zum ersten Mal wird der Release im Bierhof stattfinden, wohin das Fanlokal per Saisonstart umziehen wird. Ganz unserem Titelthema entsprechend ermöglichen wir euch eine FIFA-Partie gegen die Profis des FC St.Gallen. Dazu müsst ihr einfach am Vortag des Release, also am Mittwoch, 16. August, schon in den Bierhof kommen und euch im Ausscheidungsturnier beweisen. Am Release erwartet euch nebst dieses David gegen Goliath-Duells wie immer auch ein Einblick in unser Heft und ein kurzes Gespräch zum Titelthema.

Wer am 17. August noch in den Ferien weilt, sonst verhindert ist oder ganz einfach auf Nummer sicher gehen will, der kann unsere neuste Ausgabe bereits jetzt vorbestellen.


HIER: SENF #08 VORBESTELLEN


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Jeder FCSG-Fan weiss es. Seit YB im neuen Wankdorf spielt, hat der FC St.Gallen dort noch nie gewonnen. Das konnten Hutter & Mock bei ihrem Besuch im November 2005 natürlich noch nicht wissen. Was aber damals schon offensichtlich war: Bei YB setzt man auf Ladies Night und Gastgeschenke. Oder einfacher: auf Event.

Wankdorf

Hutter führte Tanja über Schnee und Glatteis in Richtung Wankdorf. Mock trug einen Haufen Sitzkissen und Wolldecken vor sich und Pia her. Es war klirrend kalt und die Glocken läuteten. «Mitternachtsmesse im Stade de Suisse! Wer hatte eigentlich die Idee gehabt zu diesem besinnlichen Ausflug?» Mock hatte nur gewartet, dass Hutter damit beginnen würde. «Ich, Hutter, ich allein, und ich würde jederzeit wieder gleich entscheiden. Falls du umkehren willst, – bitte, Bern hat bestimmt ein wunderbares Kulturprogramm in gut geheizten Räumen.»

Plötzlich standen sie vor der leuchtend weissen Fassade des Schweizer Fussballtempels. Tanja und Pia wurden von hilfsbereiten Stewards in gelben Westen hineingeführt. Es war Ladies Night! Hutter und Mock tappten wie abservierte Liebhaber hinter ihren Frauen her. Sie trauten ihren Augen nicht. Sie sassen in der Kathedrale des Schweizer Fussballs und waren fast allein. Hutter hatte seine eigene Methode, um die Stimmung im Family Corner aufzuheizen: «Wirklich überzeugend, diese Super League! Statt gratis Heizkissen und Kafi Schnaps zu verteilen, reissen sie uns mit ihrem neuen Stadion-TV auch noch den letzten Nerv aus.» Hakan Yakin legte sich auf Grossleinwand Gurken aufs Gesicht und Adrian Eugster plapperte im Smoking über seine alten Kollegen aus St.Gallen. «Entertainment vor dem Match gehört heute einfach dazu, Schalke machts, Real auch und Austria Lustenau sowieso.»

Hutter dachte an das 1:0 von Hottiger gegen Italien und an die schwankende Stahlrohrtribüne im alten Wankdorf. Ein verzweifelter Speaker bat die entfesselten Schweizer Fans inständig, mit dem Stampfen aufzuhören. Das war Unterhaltung! Trainer Loose hatte seiner Truppe gegen die Kälte viel Vorwärts-Bewegung verordnet. Callà stach wie ein Pfeil hinein in die freien Räume auf dem Flügel. Marazzi dribbelte sich schwindlig. Alex fightete. Aber der letzte Pass wollte einfach nicht gelingen. Dann unterschätzte Cerrone eine harmlose Flanke von Aziawonou und Varela versenkte den Ball mit dem Kopf hinter Razzetti. 1:0. Hutter stand auf: «Das wars wohl, ich organisiere Überlebensnahrung. Tanja, wie wärs mit einer kleinen Stadionbesichtigung?» In der Pause spielte der neue Mister Schweiz mit drei weiblichen Matchbesucherinnen um Tickets für das Robbie-Williams-Konzert! Mock gähnte und Pia fragte nur, warum sie bei einem Wettbewerb eigentlich nie gewinne. In der zweiten Hälfte wärmten die Grünweissen ihre zahlreichen Anhänger endlich mit gefälligem Spiel auf. Sie schnürten die Gastgeber minutenlang im Strafraum ein, fanden die Lücke zum Tor aber doch nicht. Mock spürte seine Zehen nicht mehr. Pia massierte ihre gefrorene Nase. Ein YB-Spieler blieb verletzt am Boden liegen. Sanitäter rollten eine Bahre aus dem Jahre 1954 aufs Feld und über die Grossleinwand flimmerte die Werbung für ein neues Schmerzmittel. Mock faltete die Wolldecke zusammen. «Pia, ich habe dich an einen schrecklichen Ort ausgeführt. Komm, wir suchen unsere Freunde!»

Mock wunderte sich, als ein Steward Pia eine gelbe Rose überreichte. Da traf ihn ein Schneeball am Kopf. Mock sah zornig auf und erblickte Hutter und Tanja, die lachten und ihn mit weiteren Schneebällen herausforderten. Mock und Pia nahmen die Einladung an.


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Schneeball für Robbie Williams» erschien anlässlich des Heimspiels in der 17. Runde der Saison 2005/06 gegen Neuchâtel Xamax.

Hutter & Mock


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Gegen Ende des Jahres 2005 zeichnete sich für den FC St.Gallen bereits eine weitere Übergangssaison ab. Gegen hinten genügend Abstand, gegen vorne kaum Chancen. Hutter & Mock waren im November 2005 aber sowieso mit der «Nati» beschäftigt, die in der zu zweifelhaftem Ruhm gekommenen Barrage gegen die Türkei den Einzug in den Europapokal schaffte. Ein bisschen St.Gallen gab es dennoch: Im Kader damals stand Tranquillo Barnetta.

Hutter stellte den Teller mit dem Tomaten-Mozzarella-Salat auf den Tisch. «Heute gilt nur rotweiss, Mock! Das fängt beim Essen an. Was hast du mitgebracht?» – Mock zauberte aus einer Tasche einen knallroten Apfel und legte ihn ohne Kommentar neben den Salat. Hutter versuchte, Mock in Stimmung zu bringen. Ein Wohnzimmer in der St.Galler Altstadt war nicht der ideale Ort, um sich das Spiel des Jahres anzusehen. Mock war sauer: «Jetzt sitzen im ‘Stade de Suisse’ all die kultivierten Menschen, die vor zehn Jahren bei einer Einladung zum Fussball noch die Nase gerümpft haben. Aber Fans wie du und ich, die das alte Wankdorf gefüllt haben, müssen heute draussen bleiben.»

Hutter füllte den Fressnapf mit einer Extra-Portion. Amoah und Rubio rasten daher. Während die zwei Katzen frassen, schnitzte Mock ein Schweizer Kreuz in den Apfel. Der slowakische Schiedsrichter pfiff die Partie an. Barnetta tanzte locker durch die türkische Verteidigung. Er widerlegte alle Vorurteile über St.Gallen: Tranquillo war kreativ, mutig, elegant. Ein Filou und Herzensbrecher, der Mitspieler und Fans ansteckte mit seiner Begeisterung. Barnetta vertrieb den kleinlichen Trotz auch aus Hutters Wohnzimmer und Mocks Augen begannen zu strahlen. «Ich nehme alles zurück, was ich je über Köbi und diese Mannschaft gesagt habe. Vogel mit seiner Ruhe und Übersicht ist Weltklasse. Senderos ein Leuchtturm in stürmischer See. Magnins Hingabe ein Geschenk. Da sind elf wahre Freunde auf dem Platz!»

Amoah und Rubio verfolgten aufmerksam jede Bewegung der beiden Fans vor dem Fernseher. Nach Senderos 1:0 schoss Mock aus dem Sofa in die Höhe und kippte den Mozzarella-Salat vom Tisch auf den Teppich. Amoah und Rubio stürzten sich darauf. Hutter lachte: «Verwüste diese Wohnung, Mock, mach was du willst, solange es uns an die WM bringt.» In der Pause rieb Mock mit einem Lappen auf dem Teppich herum und hörte dem von der «Nati» tief beeindruckten deutschen Fussballlehrer Daum zu. Hutter kehrte mit einer Ersatzverpflegung aus der Kälte zurück. «Kulinarisch haben wir die Barrage leider schon verloren.» Hutter drückte Mock einen Dürüm in die Hand. «Schneller gibt’s nichts.»

Nach der Pause deuteten die Türken an, warum sie die Deutschen kürzlich an die Wand gespielt hatten. Mock rutschte nervös auf dem Sofa herum und massierte Amoahs Rücken. Hutter tigerte durch die Wohnung und krümmte sich bei jedem verunglückten Konter der Schweizer. «Hat das denn nie ein Ende? Gut gespielt und doch nicht gewonnen, ein Leben lang. Warum?» – Mock zischte: «Schluss mit dem Gejammer. Wir kommen durch, dank Köbi. Der Mann hat einen siebten Sinn.» Endlich kam der Moment des Triumphs. Der einfache Mann aus Zürich-Wiedikon stopfte allen Besserwissern das Maul – mit einer einzigen Auswechslung: Kuhn brachte Behrami!

Drei Minuten später versenkte der Kosovo-Schweizer den Ball hinter Goalie Volkan zum 2:0 im Tor. Mock und Hutter sprangen auf und Mock stiess die Flasche mit dem Apfelsaft um. Rubio und Amoah sausten zum Fleck auf dem Teppich. Abpfiff. Mock holte einen Lappen in der Küche und wischte den Apfelsaft auf. Hutter trat hinaus auf den Balkon. Am Himmel leuchtete der Mond. Am Bohl hupten die Autos. Durch die Marktgasse rannten einige mit einer Schweizer Fahne. Es war fast wie im Mai 2000.


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Wie im Mai» erschien anlässlich des Heimspiels in der 15. Runde der Saison 2005/06 gegen GC.

Hutter & Mock


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Die Nachricht schlug ein: Aus gesundheitlichen Gründen tritt Dölf Früh als Präsident des FC St.Gallen schon im Mai zurück. Wie er in die Clubgeschichte eingeht, wird massgeblich auch davon geprägt sein, wem er die Macht übergibt.

Als Dölf Früh 2010 das Präsidentenamt beim FC St.Gallen übernahm, hatte der Club gerade eine der schwersten Krisen durchlebt. Zusammen mit anderen Geldgebern bewahrte Früh den Club vor dem Konkurs, verlangte dafür aber auch den entsprechenden Einfluss. Die Rettung brachte Früh in weiten Teilen von Beginn weg eine Art Heldenstatus ein.

Es gab aber auch Kritik. Insbesondere die Strukturen des Clubs, die mit der Übernahme einhergingen, waren umstritten. Bis zum Einstieg Frühs existierte zwar neben der FC St.Gallen AG mit der Betriebs AG schon eine weitere – und sehr umstrittene – Organisation, sie hatte aber nicht den Einfluss, den die an ihre Stelle tretende FC St.Gallen Event AG erhalten sollte. Diese lag von Beginn weg in den Händen weniger privater Investoren. Und sie wurde faktisch zur Muttergesellschaft der FC St.Gallen AG. Zwar blieb letztere im Publikumsbesitz, die Publikumsaktionäre büssten aber an Bedeutung ein.

Nur eine ausserordentliche GV

Realistischerweise hatten die Kleinaktionäre zwar auch vorher nur wenig zu sagen (wir haben auch deshalb unlängst mehr Demokratie gefordert). Zumindest theoretisch bestand jedoch immer die Möglichkeit, an einer Generalversammlung einen Entscheid in die gewünschte Richtung zu lenken. Faktisch wurden die Entscheide über den FC St.Gallen neu aber in der Event AG getroffen. Das zeigt gerade auch die aktuelle Situation. Der FC St.Gallen verweist in seiner Medienmitteilung bloss auf eine ausserordentliche Generalversammlung der Event AG. Zwar wird danach auch die FC St.Gallen AG eine Wahl durchführen, die wird aber wohl nur noch Formalität sein.

Der Dachverband 1879 befürchtete auch deshalb vor rund sieben Jahren: «Die langfristige Ausrichtung des FCSG liegt somit in der Hand von privaten … Investoren, die ihren Spass am FCSG vielleicht bald verlieren.» Insbesondere Dölf Früh hatte über seine eigenen Anteile an den beiden Gesellschaften sehr viel Macht angehäuft.

Die Skepsis war aber auch gross, weil die Misswirtschaft in den Jahren vor der Übernahme kaum personelle Konsequenzen hatte. Das Unverständnis darüber, dass verantwortliche Personen weiter beschäftigt wurden, war vielerorts sehr gross. Es sollte sich jedoch bald zeigen, dass auch Früh aufräumen wollte. Nach und nach ersetzte er die verantwortlichen Personen jener Tage. Heute ist von der ehemaligen Führungsriege praktisch niemand mehr an Bord. Zwar wollte Früh nie über einzelne Personalien sprechen, er liess aber immer wieder durchblicken, wie wichtig ihm die richtigen Leute sind, gerade in Führungspositionen. Und richtig war vor allem, wer ähnlich tickte.

Wenig Nebenschauplätze und klare Zuständigkeiten

Gegen aussen führte das dazu, dass eine bis dahin ungekannte Professionalität Einzug hielt. Die Zuständigkeiten waren und sind klar geregelt. Und sie werden beim FC St.Gallen heute gelebt, nicht nur festgehalten. Der Präsident selbst hingegen tritt in der Öffentlichkeit kaum auf. Es wurde ruhig um den FC St.Gallen. Wenn die Espen in den Schlagzeilen standen, dann fast nur noch wegen der Leistungen auf dem Platz. Die Nebenschauplätze, die in der Vergangenheit so oft das mediale Bild geprägt hatten, verschwanden zusehends. Selbst nach den vielen Spruchbändern im Spiel gegen den FC Thun blieb es erstaunlich ruhig.

Wer direkt mit Früh zu tun hatte, kannte aber auch dessen andere Seite. Früh konnte sich in Diskussionen derart enervieren, dass sich auch schon mal Unbeteiligte ob des Lärmpegels umdrehten. Oft genug prallten in diesen Diskussionen grundsätzlich andere Einstellungen aufeinander. Wir können es nur vermuten, aber das Arbeiten mit und für Früh war ziemlich sicher nicht nur einfach.

Die Strukturen des FC St.Gallen sind in der Präsidialzeit Frühs im Kern unverändert geblieben. Zwar haben sich die konkreten Besitzverhältnisse etwas verschoben, noch immer aber wird ersichtlich, wie viel Macht sich bei Früh konzentriert. Wir haben diese Verhältnisse (und die aller Super League-Clubs) für unsere aktuelle Ausgaberecherchiert.

Früh hält selber 8,25 Prozent an der FC St.Gallen AG. Er hat aber auch grossen, wenn nicht bestimmenden Einfluss auf die 41,35 Prozent, die von der FC St.Gallen Event AG gehalten werden. In dieser ist er mit fast 40 Prozent nämlich bei weitem der grösste Aktionär. Trotzdem haben sich bisher die schlimmsten Befürchtungen nie bewahrheitet. Im Gegenteil. Wiederholt hat sich Früh dafür ausgesprochen, dass ein Fussballclub kein Investitionsobjekt sei. So sagte er beispielsweise vor zwei Jahren im Interview mit uns: «Ich verwalte hier nur eine Institution, die der Ostschweiz und der Allgemeinheit gehört.»

Ein Club sollte «kein Kommerz-Objekt» sein

Er scheint dies auch heute noch so zu sehen. Vor wenigen Wochen befragte ihn die NZZ zum Fall des FC Wil. Früh sagte unter anderem: «Ein Schweizer Klub ist ein Gut der Region, da geht’s um Tradition, um gesellschaftliche Verpflichtung, um Verlässlichkeit. Er sollte kein Kommerz-Objekt sein.» Noch erfreulicher für die Fans dürfte sein, dass sich die Verantwortlichen untereinander abgesichert haben, sollte einer der Beteiligten aussteigen. Wir haben im jüngsten Artikel in dieser Kolumne schon resümiert: «Ein Verkauf des FC St.Gallen ist damit zwar nicht unmöglich, aber eben schwieriger als sonstwo.»

Obwohl Früh den Club nicht als Investitionsobjekt begriff, hat er ihn immer auch wie ein Unternehmen verstanden, das es auf Vordermann zu bringen gilt. Und unternehmerisch scheint er das geschafft zu haben. Der FC St.Gallen steht 2017 auf soliden finanziellen Beinen. Der unternehmerische Fokus wurde Früh immer mal wieder aber auch übel genommen. Zwar wünschte man sich in St.Gallen zum Zeitpunkt der Übernahme nichts sehnlicher als Stabilität. Aber nach einer ersten Phase der Konsolidierung und befeuert durch die sensationelle Europa League-Qualifikation im Jahr 2013 war das Verlangen der Fans nach sportlichen Höhepunkten eben doch wieder grösser.

Mit der Mittelmässigkeit wollten sie sich nicht mehr zufriedengeben. Das wiederholt ausgegebene Ziel des Ligaerhalts stand für viele gleichbedeutend mit Ambitionslosigkeit. Gepaart mit dem fast schon trotzig anmutenden Festhalten am erfolglosen Zinnbauer zum Ende der letzten Hinrunde, schien es offensichtlich, dass der Fokus auf die finanzielle Gesundheit auch seine Kehrseite hat. Zum ersten Mal nach der Skepsis bei der Übernahme kämpfte Früh wieder mit einem etwas härteren Gegenwind.

Wer tritt die Nachfolge an?

Ob nun ein Verkauf bevorsteht, ist nicht sicher. Zwar will Früh das Präsidentenamt abgeben, einzelne Medien berichten aber, dass er die Aktienpakete behalten wolle. Ob sich ein neuer Präsident darauf einlassen wird, ist zumindest fraglich. Ohne die Übertragung der Aktienpakete bliebe Früh der starke Mann. Sicher ist bisher nur, dass die Übergabe des Präsidentenamts ansteht. Und sie kommt vermutlich etwas eher, als Früh das geplant hatte. Noch vor zwei Jahren sagte er zu uns: «Ich habe es in jeder Unternehmung zu meiner Aufgabe gezählt, die Nachfolge zu regeln.» Die Umstände, die jetzt zum Wechsel an der Spitze führen, verunmöglichen diese Planung, sollte sie denn nicht sowieso schon weit vorangeschritten sein.

So oder so: In den nächsten Wochen wird sich zeigen, wie Früh in die Geschichte des FCSG eingehen wird. In den Jahren seit seiner Übernahme hat er viel dafür getan, die anfängliche Skepsis abzubauen. In erster Linie, weil der Club ohne finanziellen Sorgen dasteht. Zudem aber auch, weil die Verantwortlichen mit Bedacht kommunizieren. Lieber sagt man beim aktuellen FC St.Gallen mal gar nichts, als eine unnötige Diskussion zu befeuern. Mit einer guten Nachfolgeregelung kann sich Früh endgültig ein Denkmal setzen. Sein Fokus auf das Unternehmerische, sein teilweise etwas stures Festhalten an getroffenen Entscheiden und seine selbst proklamierte Ahnungslosigkeit bezüglich der sportlichen Seite des Fussballgeschäfts würden ihm dann wohl verziehen.

Sollte der Club aber in dubiose Hände geraten, könnten die Befürchtungen aus der Zeit der Übernahme doch noch Tatsache werden. Und darunter würde nicht nur Frühs Erbe leiden, sondern eben vor allem auch der FC St.Gallen und seine Fans.


Dieser Beitrag erschien am 10. April 2017 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv kommentiert dort in der Rubrik «Am Ball» das Geschehen auf und neben dem Platz.

 


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Dass der FC Wil erneut vor dem finanziellen Abgrund steht, hat auch damit zu tun, wie die Vereine im Schweizer Fussball organisiert sind. Eine Reform der Ligavorgaben wäre dringender als der aktuell diskutierte Umbau des Super League-Modus.

Noch immer ist ungewiss, wie es beim FC Wil weitergeht. Oder ob es überhaupt weitergeht, auch wenn mittlerweile zumindest die Januarlöhne bezahlt sind. Nach dem Abgang der türkischen Investoren fehlt im Bergholz Geld, viel Geld. Es ist natürlich ein Leichtes, die Schuld den Geldgebern in die Schuhe zu schieben. Es ist ja auch zu verurteilen, einen Fussballclub einfach so fallen zu lassen und garantierte Summen nicht auszuzahlen.

Die Schuld kann und muss man aber auch den Wiler Verantwortlichen rund um Jetzt-wieder-Präsident Roger Bigger geben. Sie waren es, die den Verein zum zweiten Mal einem ausländischen Investor ausgeliefert haben. Das erste Mal 2003 lässt sich vielleicht noch mit der finanziellen Not erklären, die nach dem Desaster rund um die durch den vormaligen Präsidenten Andreas Hafen veruntreuten UBS-Millionen geherrscht hat. Dass man in Wil aber rund zehn Jahre später schon alle Lehren vergessen hatte und erneut den Weg ging, sich ausländischen Investoren anzuvertrauen, kann nur mit einem Wort erklärt werden: Grössenwahnsinn.

Natürlich ist es dem FC Wil unbenommen, sich nicht mit dem Mittelfeld der Challenge League abgeben zu wollen. Natürlich darf der FC Wil sich eine andere Zukunft ausmalen, als für immer der kleine Bruder des FC St.Gallen zu sein. Aber ein solcher Wandel lässt sich nicht von jetzt auf gleich erzwingen.

Bigger wollte genau das. Lieber heute als morgen in der Super League mitspielen. Und gleich danach im europäischen Geschäft mitmischen. Das Interesse der Öffentlichkeit sollte – nicht nur in der Schweiz – auf den FC Wil fallen. Das Experiment ist gescheitert, wie wir jetzt wissen. Das Mittelfeld der Challenge League wäre auf einmal wieder mehr als genug.

Tieferliegendes Problem

Der Fall wirft ein Schlaglicht auf Bigger und seine Vertrauten. Die jüngsten Entwicklungen bestätigen alle, die schon immer gewusst haben wollten, dass das nicht gut kommen kann. Zugegeben, bei einigen dürfte eine gewisse Schadenfreude mitspielen. Verständlich, gerade in Anbetracht von Biggers jüngsten Äusserungen, in denen er einigen Spielern fehlende Loyalität vorwirft, weil sie an ihren ursprünglichen Verträgen festhalten wollen.

Verständlich, wenn man bedenkt, dass beim Aktienverkauf an die Türken nicht wenig Geld geflossen ist. Wie viel das war, bestätigt niemand. Dass der jetzt wieder in den FC Wil reinvestierte Betrag, mit dem sich die Task Force rund um Bigger rühmt, geringer ausfällt, darf zumindest vermutet werden. Die Schadenfreude verstellt aber auch den Blick auf das eigentlich Wichtige, das die Fussballschweiz aus dem Fall Wil mitnehmen muss.

Pflicht zur AG

Seit rund zehn Jahren müssen Vereine, die in der Super League mitspielen wollen, als Aktiengesellschaften organisiert sein. In der Challenge League, wo der FC Wil zurzeit spielt, ist das zwar nicht zwingend. Die Pflicht wurde aber just eingeführt, als der FC Wil für kurze Zeit erstklassig war. Und sowieso: Wer aufsteigen will, muss bereits zu dem Zeitpunkt als Aktiengesellschaft organisiert sein, zu dem er die Lizenz für die Super League beantragt.

Aktiengesellschaften haben zur Vereinsform, die davor üblich war und es heute in unteren Ligen immer noch ist, vor allem einen grossen Unterschied: Sie sind nicht demokratisch. In einem Verein hat jedes Mitglied eine Stimme. Sollten die gewählten Vereinsvertreter überborden, kann die Hauptversammlung eingreifen. Bei einer AG gibt es für jede Aktie eine Stimme. Wer mehr Aktien hält, hat mehr zu sagen. Das führt meistens dazu, dass die Macht in den Händen von wenigen Aktionären liegt.

In der siebten Ausgabe unseres Fussballmagazins SENFhaben wir die Besitzverhältnisse aller Super League-Teams aufgezeigt. Beim überwiegenden Teil wird schon auf den ersten Blick ersichtlich: Der oder die Einzelne hat wenig zu sagen. Bei manchen Clubs gar nichts, weil sie – wie zum Beispiel der FC Sion – komplett im Besitz einer einzigen Person sind.

Rihs-Brüder könnten YB verkaufen

Diese Machtfülle geht solange gut, bis die bestimmende(n) Person(en) Ungutes im Schilde führen. Bei YB halten sich Gerüchte hartnäckig, die beiden Rihs-Brüder wollten den Verein verkaufen. Sollten sie einen passenden Käufer finden, könnten sie das ohne Weiteres tun. Die Sport und Event Holding AG, die im Besitz von 100 Prozent der Aktien der BSC Young Boys Betriebs AG ist, gehört je zur Hälfte den beiden Brüdern.

Dieses Problem wurde an einzelnen Orten bereits erkannt. Beim FC Basel zum Beispiel. Auch hier gehört zwar nur ein Viertel der FC Basel 1893 AG dem Verein FC Basel 1893 und damit einem demokratischen Gefäss.

Die Verantwortlichen haben dem Verein anlässlich der Generalversammlung vom Juni vergangenen Jahres aber ein Vetorecht eingeräumt. Und diesen Verein will man in Basel weiter stärken, seine Mitgliederzahl auf 10’000 ausbauen. Damit hat der Verein ein weitgehendes Mitspracherecht, obwohl drei Viertel der FC Basel 1893 AG einer weiteren Aktiengesellschaft gehören, der FC Basel Holding AG, in der nur Wenige das Sagen haben.

FC St.Gallen «gehört der Allgemeinheit»

Auch beim FC St.Gallen hat man sich solche Überlegungen gemacht. Als 2010 im noch nicht lange eröffneten Stadion im Westen der Stadt das Geld auszugehen drohte, öffnete unter anderem Dölf Früh sein Portemonnaie. Geld gab es aber nur unter der Voraussetzung, entsprechenden Einfluss in den beiden Aktiengesellschaften zu haben, in denen sich der FCSG organisiert.

Für den Spielbetrieb verantwortlich ist die FC St.Gallen AG. Sie gehört nur noch zu rund 40 Prozent Kleinaktionären. Knappe zehn Prozent gehören der Priora Gruppe, rund acht Prozent Präsident Dölf Früh und rund 41 Prozent der zweiten AG, der FC St.Gallen Event AG. Diese wiederum gehört zu knapp 40 Prozent Dölf Früh. Weil aktuell auch noch knappe 20 Prozent der AG selbst gehören, hat Früh auf dem Papier nahezu bestimmenden Einfluss auf die FC St.Gallen Event AG und damit auf die FC St.Gallen AG.

Bereits vor zwei Jahren sagte Früh im Interview mit uns: «Ich verwalte hier nur eine Institution, die der Ostschweiz und der Allgemeinheit gehört.» Er wiederholte diese Aussage in leicht angepasster Form vor einigen Wochen in der NZZ, als er zum FC Wil befragt wurde: «Ein Schweizer Klub ist ein Gut der Region, da geht’s um Tradition, um gesellschaftliche Verpflichtung, um Verlässlichkeit. Er sollte kein Kommerz-Objekt sein.» Die Verantwortlichen haben sich deshalb untereinander abgesichert, sollte einer der Beteiligten aussteigen. Ein Verkauf des FC St.Gallen ist damit zwar nicht unmöglich, aber eben schwieriger als sonstwo.

Die Beispiele Basel und St.Gallen zeigen im Kontrast zu Wil aber vor allem eines: Es braucht den Willen der starken Person(en) im Verein, damit die Kontrolle über den Club nicht ohne Weiteres in fremde Hände übergehen kann. Die Ligavorgaben führen zur Bildung von Aktiengesellschaften, kümmern sich aber nicht um deren Schicksal.

Zwar müssen seit früheren Abgängen von Investoren neu auch gewisse Bankgarantien vorgelegt werden, nur nützt dies wenig. Die türkischen Investoren beim FC Wil hatten die nötigen Garantien. Die zwölf Millionen, die davon heute noch fehlen sollen, müssten gerichtlich erkämpft werden. Selbst wenn das zum Erfolg führen würde, so käme dieser vermutlich zu spät. Und sobald ein ausländischer Investor die Lust verliert, sind ihm Schweizer (Liga-)Vorgaben sowieso herzlich egal. Die türkischen Investoren haben ihr Aktienpaket an Dritte verkauft, ohne davor die Liga zu informieren, wie es an sich Pflicht wäre.

Vereine müssen Mehrheit haben

Es gäbe zwei einfache Varianten, diesen Missstand zu beheben. Die eine wäre, die AG-Pflicht wieder abzuschaffen. Nur dürften die wenigsten Vereine davon Gebrauch machen, zu gross wäre der Aufwand. Und zumindest in Teilen hat die Pflicht ja auch ihren Sinn: Geht die Profimannschaft unter, kann der Verein weiterleben. Zumindest theoretisch.

Die andere Variante wird in Deutschland bereits praktiziert, auch wenn sie aktuell unter Beschuss gerät. Die sogenannte «50+1»-Regel ist simpel: Auch bei einer Aktiengesellschaft muss die bestimmende Mehrheit – 50 Prozent der Stimmen plus eine Stimme – beim ursprünglichen Verein liegen. Dadurch bestimmt dieser, wohin sich die Aktiengesellschaft entwickelt.Passt die Entwicklung den Vereinsmitgliedern nicht, schieben sie einen Riegel vor. «One man, one vote» wäre nicht mehr nur toter Buchstabe. Sondern gelebte Realität.

Selbstredend müsste die Regel dann auch konsequent durchgesetzt werden. In Deutschland kommt sie auch deshalb unter Beschuss, weil zu viele Ausnahmen möglich sind. Wer beispielsweise schon mehr als 20 Jahre «ununterbrochen und erheblich gefördert» hat, darf mehr als 50 Prozent besitzen. Das ist unter anderem bei Hoffenheim der Fall, wo SAP-Gründer Dietmar Hopp als Mäzen auftritt.

Dazu kommt, dass die Regelung auch ohne Ausnahmeregelung geritzt wird. Bei RB Leipzig hält zwar ein Verein die Mehrheit an der AG, nur ist es nahezu ein Ding der Unmöglichkeit, diesem Verein beizutreten. Das alles sind aber Probleme, die sich aus der Welt schaffen lassen. Nur ein Problem lässt sich auch mit dieser Lösung nicht gänzlich verhindern: Die Vereinsmitglieder müssen vernünftige Entscheidungen fällen.

So wie sich die Fans des FC Wil in den Medien und per Flugblatt geäussert haben, darf das für diesen Fall zumindest bezweifelt werden. Dann wäre das aber zumindest ein demokratisch legitimierter Untergang.


Dieser Beitrag erschien am 10. März 2017 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv kommentiert dort in der Rubrik «Am Ball» das Geschehen auf und neben dem Platz.