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Felix Lauffer – FCSG-Fan auf der Gegentribüne – hat uns sein grün-weisses Fussball-ABC in Reimform zukommen lassen, das wir hier natürlich sehr gerne veröffentlichen.

Gegentribuene

Abstieg – Schreckgespenst für alle! –
soll nie mehr ein Thema sein.
Dafür setzen sich, so hofft man,
Vorstand, Trainer, Spieler ein.

Ballbesitz ist äusserst wichtig
für ein attraktives Spiel.
Führt er aber nicht zu Toren,
nützt er nicht besonders viel.

Continis Ex-St.Galler sind
bei ihm gewiss in guten Händen,
doch wollen den Vaduzer-Fluch
wir ein für alle Mal beenden.

Das Espenmoos ist längst Geschichte,
und auch Arena heissts nicht mehr.
Mit «kybunpark» tun sich die Leute,
so wie man hört, noch etwas schwer.

Ersatztorhüter Herzog ist
geduldig und loyal.
Das ehrt ihn sehr, denn er ist ja
nur selten erste Wahl.

Freistösse tritt er fabelhaft,
Aleksic, unser Star.
Man wünscht, es sei auch künftig so,
wie es schon mehrmals war.

Gaudino, jung und unverbraucht,
entzückt mit seiner Kunst
und steht darum beim Publikum
in allerhöchster Gunst.

Hefti setzt sich vorbildlich ein,
mit Kampf und Leidenschaft.
Als Youngster hat er darum früh
den Sprung ins Team geschafft.

Internationale Spiele
hätten alle liebend gern,
doch in aktueller Lage
bleiben sie unendlich fern.

Junge Spieler sind zu fördern,
das hat seine Gültigkeit.
Aber bis zur echten Reife
dauert es halt seine Zeit.

Karadeniz, zwar ein Hüne,
war nicht wirklich ein Gewinn.
Dass er auch schon wieder abreist,
ist durchaus in unserm Sinn.

Lopar, unser Super-Hüter!
Immer ist auf ihn Verlass.
Wenn er seine Klasse ausspielt,
macht der Fussball richtig Spass.

Mutsch, der Kämpfer mit viel Power,
ist für unser Team fürwahr
ein nachahmenswertes Beispiel
(trotz dem angegrauten Haar).

Nachspielzeit ist dann von Nutzen,
wenn die Mannschaft auch versteht,
dass ein wirkungsvoller Einsatz
bis zum Schlusspfiff weiter geht.

Offside-Regeln bieten häufig
Stoff für grosse Diskussion,
denn es prellen Fehlurteile
Skorer oft um ihren Lohn.

Penalty für unsern Gegner
ist nicht das, was uns gefällt.
Umso grösser ist der Jubel,
wenn ihn Dani sicher hält.

Qualität in unsrer Mannschaft
ist das dringendste Gebot,
denn sonst herrscht dann Ende Saison
wieder allergrösste Not.

Rückrunden sind nicht unsere Stärke,
das zeigte die Vergangenheit.
Dies künftig radikal zu ändern,
ist es nun wirklich höchste Zeit.

Stürmer, die auch endlich treffen,
sind bei uns unheimlich rar.
Gern würd‘ man sich einen wünschen,
wie es Zamorano war.

Tore müssen wir erzielen,
dafür gilt es erst einmal
echte Könner aufzutreiben
für das Angriffs-Personal.

Unterstützung braucht die Mannschaft,
damit sie den Sieg erringt.
Darum ist es äusserst wichtig,
dass der zwölfte Mann sie bringt.

Verletzungen gehören leider
zum Fussball, wie der Punkt zum i.
Auch wenn man sich das noch so wünschte,
ganz ohne geht es schliesslich nie.

Wunderdinge auf die Schnelle
schaffen, kann ein Trainer nicht.
Aber nach dem Einarbeiten
steht auch er dann in der Pflicht.

X-beliebig gilt für Spieler,
die vor langer Zeit als Kind
grosse Hoffnungsträger waren,
aber dann gestrandet sind.

Yverdon war einst auch Gegner,
aber das ist lange her.
Gegenwärtig gibt es diese
Konstellation nicht mehr.

Zuschauer hat der FCSG
gewiss die besten weit und breit.
In guten und in schlechten Tagen:
Sie halten zu ihm, jederzeit.


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Dzengis Cavusevic wechselt zum FC Zürich. Wir haben dem Stürmer im SENF #03 einen Artikel gewidmet, den wir an dieser Stelle zu seinem Abgang in voller Länge zugänglich machen.

CavusevicVier von 30 St.Galler Toren in der Hinrunde hat Dzengis Cavusevic geschossen. Das ist für einen Stürmer nicht besonders viel – gegenüber SENF erklärt der Slowene, wie es dazu kam und weshalb er mit der eigenen Hinrunde und derjenigen der Mannschaft doch zufrieden ist.

Fussballer haben häufig die Angewohnheit, dass sie in Interviews nichtssagende Floskeln verwenden. Das liegt nicht etwa daran, dass sie keine Meinung, ja keinen Charakter hätten, sondern dass ihnen dies oftmals vom Verein eingetrichtert wird, ihnen Sanktionen vom Trainer drohen. Deshalb flüchten sie in hohle Phrasen wie «wir schauen von Spiel zu Spiel» oder «wichtig ist, dass die Mannschaft gewonnen hat» – Aussagen, die mittlerweile niemand mehr hören kann beziehungsweise lesen will.

Dzengis Cavusevic bildet da keine Ausnahme. Der Slowene sagt nach der Hinrunde etwa «meine Statistik interessiert mich nicht» oder «es sind immer noch 18 Spiele zu spielen». Nur: Dem Slowenen nimmt man das ab. Dies erkennt man nicht nur im Gespräch mit dem Spieler, der sich danach vergewissert, ob der Interviewer auch wirklich alles verstanden habe, da sein Deutsch nun einmal nicht so gut sei. Man erkennt dies primär an seiner Körpersprache auf dem Feld, an seinem Einsatz für die Mannschaft, am eifrigen Torjubel mit Teamkollegen, wenn diese eingenetzt haben, an seiner unbändigen Lust, seinem Beruf Fussballspieler nachgehen zu können.

Fragt man den Slowenen nach seinem persönlichen Highlight der Vorrunde, so nennt er nicht etwa das Tor gegen YB nach 13 Saisonminuten. Oder das 2:1 in der Nachspielzeit gegen Luzern, mit dem Cavusevic nach drei Runden dafür zuständig war, dass in St. Gallen nicht schon wieder Unruhe ausbrach, da die ersten beiden Spiele mit nur einem Punktgewinn gar nicht positiv in Erinnerung blieben. Cavusevic sagt: «Mein Highlight ist, dass ich gesund bin, spielen kann, trainieren kann, der Mannschaft helfen kann.» Und man nimmt es ihm ab, wenn er sich solcher Allgemeinplätze bedient: Weil er im Gegensatz zu anderen Ex-Spielern dankbar dafür ist, dass ihm der FCSG nach zwei Kreuzbandrissen die Stange gehalten hat.

«Ich versuche zu helfen, auch defensiv. Ich versuche, Aktionen zu kreieren und auch für andere Platz zu machen», so der Slowene weiter, «ich schaue nicht auf meine Statistik. Das ist mein Charakter.» Und auch hier: Man glaubt es ihm, weil der 27-Jährige eine ebenso unscheinbare wie authentische Erscheinung hat, weil er seine technischen Defizite stets durch viel Einsatz kaschiert. Dass das in St.Gallen gerne gesehen ist, ist ihm bewusst. Dennoch treibt es ihm die Schamesröte ins Gesicht, wenn man ihm erzählt, dass er gerade für seinen kämpferischen Spielstil vom St.Galler Publikum stark geschätzt wird. «Das wusste ich so nicht», lächelt er verschmitzt.

Er ist bescheiden, der Cavusevic. Er träumt, wohl weil er so oft von Verletzungen gebeutelt wurde, nicht mehr von einer Weltkarriere bei einem Weltverein, sondern kann sich «auch vorstellen, die Karriere hier zu beenden. Ich habe hier alles, was ich brauche, sowohl als Profi wie auch im Privatleben.» Seit gut fünf Jahren wohnt Cavusevic in der Ostschweiz, vor dem FCSG war wie bei so manchem Spieler der FC Wil sein Arbeitgeber. Ein Verein, der auch sehr herzlich, ja familiär sei, so Cavusevic, «aber die Kulisse ist hier doch eine ganz andere».

Überhaupt, die Fans. Cavusevics Stimme wird noch leiser als sonst schon, wenn er sagt, dass hier eine super Stimmung herrsche und es ein schlechtes Gefühl sei, auswärts manchmal als Verlierer vom Feld gehen zu müssen. «Es ist ein Scheissgefühl», sagt er pointiert, «den Fans nichts zurückgeben zu können, wenn sie mehrere Stunden nach Sion, Basel oder sonst wohin reisen und wir dann das Spiel verlieren. Aber auch die Fans wissen, dass das halt ein Teil des Fussballs ist.»

Und verloren, das hat der FCSG in der Hinrunde hin und wieder. Vor allem am Anfang und am Schluss; wichtig sei gemäss Cavusevic aber gewesen, dass man sich dadurch nicht aus dem Konzept bringen liess. St. Gallen war nach dem Unentschieden in Vaduz ins Niemandsland der Tabelle abgerutscht, konnte sich in Baulmes nur sehr mühselig gegen 
Le Mont-sur-Lausanne in die nächste Cup-Runde vorarbeiten. Der Saisonstart verlief harzig, was nicht anders zu erwarten war: Nach dem Kater der letzten Rückrunde fanden viele Wechsel statt, die Automatismen haben sich erst mal einspielen müssen.

Und auch hier gilt: Das ist keine hohle Phrase, wenngleich einige Punktverluste doch sehr ärgerlich waren. St.Gallen setzte zu einer positiven Serie an, die mitunter zwei Spieler als Sieger hervorbrachte: Der französische Offensivmann Yannis Tafer, der St. Gallen mit spielerischen Kabinettstückchen beglückt, wie dies kaum einem seit dem Meistertitel je gelungen ist, sowie Everton, seines Zeichens Terrier und Knochenbrecher im zentralen Mittelfeld. Immer hauchdünn an der Grenze zur roten Karte, aber vielleicht nicht zuletzt deshalb so wichtig für ein Kollektiv, das im Sommer seiner Schaltstation im Mittelfeld beraubt wurde, wofür ein Mix aus Neu- und Geldgier zuständig war.

Sieben Meisterschafts- und zwei Cupspiele in Folge verlor St.Gallen nicht, daraus folgte das Vorrücken in den begehrten oberen Teil des Klassements. In diese Phase fällt die Qualifikation für den Cup-Viertelfinal ebenso wie der zweite Sieg gegen den FC Basel – das Punktemaximum gegen den Schweizer Ligakrösus hat in dieser Spielzeit sonst nur Real Madrid erreicht. Die Euphorie nahm in dieser Phase Ausmasse an, die einem FC St. Gallen beinahe schon fremd sind, den Fussballfan in seiner manisch-depressiven Veranlagung aber charakterisieren. Viele erwarteten deshalb das, was darauf folgte: eine zweite schwächere Phase. Nach dem spektakulären 3:3 gegen Vaduz definierte es Innenverteidiger Daniele Russo, auch er ein Aufsteiger der Saison, deutlich: «Wir haben jetzt noch zwei Spiele.Diese werden uns aufzeigen, wo wir stehen: Holen wir Resultate, war die Hinrunde sehr gut. Tun wir das nicht, war sie mittelmässig bis gut.» Es folgte ein 2:4 gegen YB, die zuvor starke Abwehr kassierte in drei Spielen zehn Tore. «Wir waren unglaublich naiv», ereiferte sich Trainer Jeff Saibene, «so etwas darf uns nicht passieren.» Um einem Wiederholen dieser Szenen vor dem letzten Saisonspiel gegen Sion vorzubeugen, führte der Luxemburger Videoanalysen durch,insbesondere mit den Innenverteidigern.

Dass Sion dann ein zahnloser Tiger war, spielte St. Gallen zwar in die Karten, das Spiel wurde aber gewonnen, weil der FCSG Geduld walten liess, sich durch Sions einschläferndes Spiel nicht einlullen liess und kämpferisch blieb. Aus diesen Komponenten resultierte ein niemals gefährdeter 2:0-Sieg, der dafür gesorgt hat, dass der FCSG punktgleich mit Thun auf dem vierten Tabellenrang überwintert – vier Punkte hinter YB und Zürich auf dem zweiten, zehn Punkte vor GC auf dem sechsten Tabellenrang. Von einem neuerlichen Abenteuer in Europa zu träumen ist in der Ostschweiz derzeit keineswegs utopisch.

«Es ist schade um zwei, drei Punkte, die wir leichtfertig vergeben haben», kann sich Cavusevic nicht vollumfänglich mit der Winterpausen-Bilanz anfreunden, «aber es ist so, wie es ist. Wir müssen uns nun gut vorbereiten und versuchen, so viele Punkte wie möglich zu holen.» Man habe vor der Saison zwar kein konkretes Rangziel definiert, dennoch lässt er durchblicken, dass er mit einem neuerlichen Einzug in die Europa League liebäugelt. «Ob das dann realistisch ist oder nicht, werden wir sehen. Es sind immer noch 18 Spiele zu spielen.»

Dass er das letzte Europacup-Abenteuer aufgrund seiner Verletzungen verpasste, scheint ihn derweil weniger zu plagen, als man das als Aussenstehender denken könnte. «Natürlich bin ich motiviert, aber ich war zufrieden, dass die Mannschaft gezeigt hat, dass sie auch im europäischen Vergleich Qualität hat», gibt er nochmals eine Phrase zum Besten. Dann fügt er mit einem schelmischen Lächeln doch noch an: «Ich hoffe, ich bin im nächsten Jahr dabei!»

Nicht aus Verbitterung, die letzte Europacup-Phase verpasst zu haben. Nicht aus persönlichem Geltungsdrang. Sondern aus der simplen Lust,Fussball zu spielen. Durch seine Verletzungen blieb ihm dies nämlich lange genug verwehrt.


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Public Viewing direkt am See, mit Freibier und miesem Catering. Fast wie in den All-inclusive Ferien, nur näher. Der sechste und letzte Teil unseres Public Viewing-Tests.

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Sommerabend in Arbon. Velofahrende Kinder mit neongrünen Sonnenbrillen, Nike Airs und Barcelona-Shirts. Frau Latscha zückt den Schlüssel und schliesst die Pedalo-Vermietung. Ein parfümierter Herr erzählt seiner Freundin von den bevorstehenden Ferien im fernen Las Vegas. Eine beinah perfekte Idylle, nur die Aufbauarbeiten für das bevorstehende Seenachtsfest verhindern Ferienstimmung am nahen Bodensee.

«Zu dä EM chasch mi aso alles froge!»

«Wer spielt hüt?», fragen wir am Wurststand. «Portugal-Wales, morn Dütschland-Frankrich und am Sunntig denn dä Final», erklärt die Bratwurst-Verkäuferin. «Spielplan auswendig gelernt?» – «Nei, zu dä EM chasch mi aso alles froge!»

Alles klar. Wir bestellen Znacht für knappe 20 Franken, überwinden unsere Festbank-Abneigung und nehmen an einem freien Tisch Platz. Als Arboner kennt man hier schnell Leute. Sehen und gesehen werden: Nette Menschen aus der Schulzeit und solche, die man lieber nie kennengelernt hätte. («Hesch no Kontakt mit em Dani?» – «Nai, und du?» – «I au nöd.»)

Es wäre ein guter Tag, um sich von Egger’s Catering für einmal positiv überraschen zu lassen. Aber trocken bleibt trotz frischer Seeluft trocken und auch das harte Bürli schmeckt am See nicht besser. Dabei sah die in doppelter Ausführung installierte Beschriftung «Holzkohlengrill» so vielversprechend aus. Jänu. Während das SRF schöne Aufnahmen des Austragungsortes Lyon zeigt, liebäuglen wir mit der Eistheke auf der anderen Seite. Vielleicht später.

«I bin so nervös», sagt eine junge Dame mit dunkelroten Lippen. «Chunsch mit, wenn er do isch?» Fussball scheint eine halbe Stunde vor Spielbeginn Nebensache zu sein. Dabei geht es um viel: Der Sieger qualifiziert sich immerhin für den Final.

Vom Pinkeln direkt auf die Ersatzbank

Kurz vor Matchbeginn füllt sich die Arena allmählich. Das Public Viewing in Arbon ist vieles: Jugendtreff, Stammbeiz, Jassturnier, Familienausflugsziel. Viele Portugal-Shirts sind zu sehen, und keine Wales-Trikots. Bevor es losgeht: Pinkelpause – bei der Rückkehr dann die böse Erkenntnis: Eine Gruppe hat unsere Plätze eingenommen und scheint sich da pudelwohl zu fühlen. Wir nehmen auf der Schlosswiese Platz.

«Gwlad, gwlad, pleidiol wyf i’m gwlad», legt Wales gesanglich vor, und Portugal kontert: «Às armas, às armas!», zu den Waffen, zu den Waffen. Nationalhymnen – da geht die Post ab. Auf dem Feld dann in der Folge weniger: 19 Minuten dauert es, bis der Ball das erste Mal in Richtung Tor rollt. Die walisische Fussballinnovationsabteilung hat eine neue Eckballvariante entwickelt. Schöne Variante, dennoch kein Tor.

Die Portugiesen nebenan atmen auf und starten den Versuch, sich das Spiel schönzutrinken. «Wer wött ä Bier?» In kürzester Zeit kommen zehn Bestellungen zusammen. Das Beste daran? Der bequeme Service: Das Bier kann direkt auf der Wiese bestellt werden – sehr günstig sogar, wie sich für die Portugal-Fans später herausstellen wird.

«Fantisch – mehr vom Leben»

Auf dem 21 Quadratmeter grossen Full-HD-Screen läuft inzwischen die 40. Spielminute. Statisches hin- und her, Ronaldo versauert im walisischen Strafraum, es fehlt an Ideen. Und uns an einer Wolldecke. In Arbon ist es kalt geworden.

21.46 Uhr: Halbzeit. Zeit für einen kleinen Rundgang durch die Arena, in der jeder freie Zentimeter für inspirierende Werbebotschaften genutzt wird: «Schnider…die Abfalllöser» und «Thurgauer Kantonalbank – Mehr vom Leben» können mit «Soll ihr Fest gelingen – müssen Sie zu Egger springen!» nur knapp mithalten.

Positiv: der freie Eintritt. Wer dennoch zahlen will, kann für 31 Franken und 40 Rappen einen Platz am «Fantisch» mieten. Im Preis inbegriffen sind ein halbes Poulet und ein Getränk nach Wahl.

Wer eine abgetrennte Zone mit Polo-Shirt-tragenden Networkern bevorzugt, dem sei obige Lounge empfohlen. Hier wird Rotwein getrunken und an Zigarren genuckelt. Auch Bill Mistura, der ehemalige CEO der Betriebs AG, scheint sich da pudelwohl zu fühlen – das Hündli in der Runde sowieso.

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Finaleinzug und Freibier

Das Spiel geht weiter. «Simmer do eigentlich di ainzige Fans?», fragen sich die Portugiesen neben uns. Von den Fantischen scheint man hier auf der Wiese nichts zu wissen. Item. Viel Stimmung kommt auch in der zweiten Halbzeit nicht auf.

Dann, plötzlich, in der 50. Minute: «Goooooooal!» CR7, ein zu null. «Goooooooal!» 53. Minute, Nani, zwei zu null. Jetzt ist die Hölle los am Bodensee. Glückliche Portugiesen in Arbon jubeln, enttäuschte walisische Fans skandieren in Lyon «Just don´t wanna go to work».

40 Minuten bleiben ihnen, um sich noch ein wenig vor der Arbeit zu drücken, doch Portugal lässt nichts mehr anbrennen. Doch kurz vor Schluss folgt doch noch eine Schrecksekunde für die Portugal-Fans nebenan. Die Servierdame taucht noch einmal auf: «Wäg dä 10 Bier…» – «Ah…, jo genau…» – «Isch imfall scho guet.»

Die Portugal-Fans können ihr Glück kaum fassen: Finaleinzug und Freibier. Ungläubiges Nachfragen, aber tatsächlich: «Isch würkli guet so. I weiss nödmol, wo dä Chef isch.» Besser als Ferien in Las Vegas.

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Kurzbewertung:

Lage: 5 von 5 Croissants – Nah am Wasser gebaut, kombiniert mit feinster Tribünen-Architektur. Sehr schön.

Stimmung: 4 von 5 Croissants – Durchmischtes Publikum, eine ansehnliche Anzahl Fans und ordentliche Stimmung. Das alles trotz lahmem Spiel.

Verpflegung: 2 von 5 Croissants – Egger’s Catering erinnert an die kulinarischen Tiefflüge der FCSG-Partien, aber sorgt so immerhin für gewohntes Fussball-Ambiente. Insider-Tipp: Nefis Kebap Hüsli in der nahen Arboner Altstadt.

Kosten: 3 von 5 Croissants – Freier Eintritt. Fantisch für die sogenannten Fans und eine Loge für die vermeintlich Mehrbesseren. Die EM-Arena wird ihrem Namen gerecht.

#Platzverweis:

Seit kurzem können Schiedsrichter schon vor Anpfiff der Partie rote Karten verteilen. Wir haben schon vor Turnierbeginn zehn Herren eruiert, bei denen wir von dieser Möglichkeit Gebrauch machen würden.

Im ersten Test kam Roman Neustädter hinzu, im zweiten Stephan Lichtsteiner und im dritten der Schiri. Im vierten Test wurde das WLAN der Militärkantine vor Anpfiff vom Platz gestellt, um danach im fünften Test von Petrus Gesellschaft zu bekommen. Dieses Mal muss das Catering dran glauben. Verkohlte Bratwürste und harte Bürli dürfen wir während der Fussball-Saison noch zur Genüge Essen. Deshalb: #Platzverweis!


Dieser Beitrag erschien am 8. Juli 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. Während der EM testen wir verschiedene Public Viewings der Region.


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König Fussball regierte auch im Sittertobel – zumindest kurzzeitig, während des Viertelfinals zwischen Deutschland und Italien am Samstagabend. Teil fünf unseres Public Viewing-Tests.

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In St.Gallen gab es neben der Europameisterschaft wohl nur ein Thema in den letzten Wochen: das Openair St.Gallen. Diese vier Tage im Sittertobel sind ein Fixpunkt im Ostschweizer-Kalender der Partyfans, Musikinteressierten oder Borderline-Alkoholiker.

Während des Openairs rückt vieles in den Hintergrund, zum Beispiel Logik, Leberwerte, Körperhygiene. Ansonsten brave Bürger brüsten sich mit bierseligen Banalitäten vergangener Heldentaten und hoffen im Konsumparadies Sittertobel den ultimativen Rausch zu erleben. Da muss sogar der ansonsten unangefochtene König Fussball zurückstecken. Entsprechend wenig merkte man am Freitag im Sittertobel vom Viertelfinal zwischen Wales und Belgien, über das wir hier berichtet haben.

Ausziehn, ausziehn!

Die Partie Deutschland-Italien am Samstag hingegen vermochte im Sittertobel doch ein paar Emotionen zu wecken: Bereits am frühen Nachmittag waren die ersten mit Gummistiefeln und passendem Trikot auf dem Gelände anzutreffen und am frühen Abend konnten die ersten biergeschwängerten Aufforderungen zum Ausziehen des jeweils anderen Nationalmannschaftstrikots beobachtet werden. Wenig später waren die Trikots dann entweder (freiwillig) ausgezogen oder so dreckig, dass man nicht mehr zwischen Freund oder Feind unterscheiden konnte.

Das Tragen von Gummistiefeln erwies sich als weise Entscheidung, denn das Openair-OK hatte sich dazu entschieden, die Leinwand dort aufzustellen, wo laut Andi Rohrer nur jene zelten, die nicht aus St.Gallen stammen. Eine halbe Stunde vor Anpfiff machte man sich also auf den Weg, um diesen unsäglichen Ort zu finden.

Die Suche war einfach; man musste lediglich den vielen dreckigen Fussballtrikots und komischen Dialekten folgen. Während andere vor der Sitterbühne den Klängen vonCaribou lauschten, versammelten sich mehrere hundert Fans vor der grossen LED-Leinwand am Abhang beim Viadukt. Dieser Übertragungsort erwies sich allerdings nicht wirklich als tauglich wegen der matschigen Unterlage.

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Aufgrund eines fehlenden Bierstandes in Sichtweite wurde auf das mitgebrachte PET-Bier und vorgedrehte Sportzigaretten zurückgegriffen. Auch eine Toilette oder ein Verpflegungsstand konnten in der näheren Umgebung nicht ausgemacht werden.

Kein Bier, kein WC

Wirklich Stimmung kam vor der Leinwand nicht auf. Am lautesten waren noch die halbherzigen «Italia-Italia»-Rufe. Ob sich die miese Stimmung durch die eher unspektakuläre erste Halbzeit oder durch den fehlenden Bier-Nachschub erklären lässt, wissen wir nicht. Einige Fans nutzten die ersten 45 Minuten sowieso lieber zum temporären Ausschlafen des Rauschs.

Erst mit den beiden Toren in der zweiten Halbzeit wachten die Fans auf. Gebracht hat es jedoch wenig; nach 90 Minuten stand es 1:1. Aufgrund einer ähnlich ereignislosen Verlängerung musste der Sieger schliesslich im Penaltyschiessen erkoren werden. In Erinnerung geblieben ist davon vornehmlich der verschossene Elfmeter des Hobby-Tänzers Zaza und das tränenverschmierte Gesicht der italienischen Torwartlegende Gianluigi Buffon nach dem Ausscheiden gegen Deutschland.

Sittertobel-Rutschbahn

Mit dem Ende der Partie legte sich auch die Dunkelheit wieder über das Sittertobel. Einige Fans bekundeten in der Folge Mühe damit, den erklommenen Platz am Abhang wieder zu verlassen und rutschten nicht ganz freiwillig auf dem Allerwertesten hinunter. Nach einigen akrobatischen Einlagen hatten es jedoch auch die letzten Trinkfreudigen wieder auf den halbwegs begehbaren Weg geschafft. So übergab König Fussball das Zepter wieder an die Verlockungen des Openairs und die Fans verschwanden nach und nach wieder in Richtung der wummernden Bässe und Lichter.

Kurzbewertung:

Lage: 2 von 5 Croissants – zugegeben, einen besseren Platz auf dem durchkommerzialisierten Openair-Gelände zu finden, gleicht einer Herkulesaufgabe.

Stimmung: 3 von 5 Croissants – viele Leute, spannende Affiche und erhöhte Promillewerte. Trotzdem konnte der Funken nicht wirklich springen; die Stimmung war darum etwa gleich elektrisierend wie an einem GC-Heimspiel.

Verpflegung: 1 von 5 Croissants – kein Bierstand, keine Toilette und auch kein Essensstand in Sichtweite.

Kosten: 2 von 5 Croissants – zwar hat es keinen Eintritt gekostet, aber wenn man das Openair-Ticket einrechnet, war es bis jetzt locker das teuerste Public Viewing unserer Reihe.

#Platzverweis:

Seit kurzem können Schiedsrichter schon vor Anpfiff der Partie rote Karten verteilen. Wir haben schon vor Turnierbeginn zehn Herren eruiert, bei denen wir von dieser Möglichkeit Gebrauch machen würden.

Im ersten Test kam Roman Neustädter hinzu, im zweiten Stephan Lichtsteiner und im dritten der Schiri. Nachdem im vierten Test das W-LAN der Militärkantine vor Anpfiff vom Platz gestellt wurde, muss dieses Mal Petrus dran glauben. Literweise Regen und ein steiler Abhang sind eine schlechte Kombination für ein Public Viewing. Deshalb: #Platzverweis!


Dieser Beitrag erschien am 5. Juli 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. Während der EM testen wir verschiedene Public Viewings der Region.


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Eine EM soll spannend sein, erst recht im Viertelfinal. Das Spiel Wales gegen Belgien war das über weite Strecken. Trotzdem hat die Militärkantine zusätzlich Spannung heraufbeschworen, ob man überhaupt alle Tore mitkriegen würde. Teil 4 des Public Viewing-Tests.

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An diesem Freitgabend ist Wales sowas wie Gallien. Umzingelt von Ländern, die sich in den letzten Tagen mal mehr, mal weniger freiwillig aus Europa verabschiedet haben, sind die Waliser als letztes Team von ennet dem Ärmelkanal noch an der EM dabei. Dass das Märchen weitergeht, daran mag kaum einer glauben. Der Gegner ist schliesslich Geheimfavorit Belgien. Einen ungeheimeren Geheimfavoriten gab es noch nie.

Trotzdem verspricht das Spiel interessant zu werden. Beide Mannschaften stehen nicht für Abwehrschlachten, und die bisherigen Auftritte der Waliser garantieren zumindest, dass sie selber keineswegs als Aussenseiter auftreten werden. Nicht zu vergessen: In der Qualifikation zur EM holte Wales gegen Belgien vier von sechs möglichen Punkten.

Auf dem französischen Balkon

Gute Voraussetzungen also für den nächsten Public Viewing-Besuch, dieses Mal bei der Militärkantine in St.Gallen. Los gehts für einmal bereits rund zwei Stunden vor dem Spiel, schliesslich wollen wir auch die Küche der Militärkantine testen und damit in einer der schönsten Gartenwirtschaften der Stadt Platz nehmen.

Wir machens kurz: Kulinarisch gibts wohl nur wenige Public Viewings, die mit der Militärkantine mithalten können. Das Essen schmeckte den anwesenden SENF-Mitgliedern so gut, dass selbst der Anti-Vegetarier unter ihnen im für einmal fleischlos gewählten Hauptgang nichts vermisste.

Das Public Viewing selbst findet auf dem französischen Balkon statt. Ja, auch wir hatten keine Ahnung, was so ein französischer Balkon ist. Nachdem wir gegooglet haben, ist die Verwirrung noch grösser. Ein bodentiefes Fenster mit Geländer davor? Wie soll man denn da Platz finden, um Fussball zu schauen? Das wird doch etwas gar eng? Gemeint ist hier aber der nur über eine Aussentreppe erreichbare Balkon auf der Strassenseite der Militärkantine.

Auch wenns also nicht eng wird, intim scheint der Abend bei unserem Eintreffen trotzdem zu werden. 20 Minuten vor Spielbeginn stehen wir zu zweit auf dem Balkon vor etwa 40 leeren Stühlen. Kein Personal, keine Gäste und vor allem keine Leinwand. Als wir uns schon in Richtung Restaurant aufmachen wollen, um uns zu erkundigen, wird eine Ladung Bier herangetragen und wir sind ansatzweise beruhigt. Wenig später folgen auch ein Fernseher und ein paar Gäste. Knappe 20 werdens am Schluss sein.

Das Barteam übergibt die Fernbedienung kurzerhand dem SENF-Kollektiv. Wir schätzen diese Anerkennung unserer Kompetenz und machen uns daran, über eine App namens Teleboy einen Fernsehsender einzuschalten. Nach bangen Momenten läuft ZDF und wir sind nun vollends beruhigt.

Während wir also den Nationalhymnen der beiden Teams lauschen und vom angebotenen Sleeping Bear Ale der Barfuss Brauerei kosten, ergibt sich aus vorbeifahrenden Autos und Openair-Shuttle-Bussen sowie der Abenddämmerung hinter dem Bundesverwaltungsgericht die passende Stimmung. Nachdem wir erst befürchtet hatten, es werde eng, und danach dachten, es werde intim, wirds jetzt romantisch. Passend dazu zünden die Verantwortlichen die Lichterkette an. Schön.

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Zittern vor dem Penaltyschiessen

Das Spiel scheint die Erwartungen ebenfalls zu erfüllen. Nach einem flotten Beginn, wie es jeder Sportkommentator im deutschsprachigen Raum nennt, geht Belgien dank einem schönen Weitschuss von Nainggolan in Führung. Wir befürchten, dass der frühe Führungstreffer des Favoriten dem Spiel nicht gut tun wird. Danach scheint es erst auch auszusehen. Doch die Waliser geben sich nicht auf und gleichen schon bald aus.

Der Treffer kommt nach einer Eckball-Variante, die im ZDF treffend «die rote Lokomotive» genannt wird. Vier Waliser stehen sich bei einem Eckball praktisch auf den Füssen, um sich dann im letzten Moment zu verteilen. Sie stehen so eng beieinander, dass sie alle auf einem französischen Balkon, wie er uns von Google erklärt wurde, Platz gehabt hätten. Beim Ausgleich – und praktisch bei jedem weiteren Versuch dieser Variante – geht mindestens ein Angreifer vergessen.

Bis zur Pause ist das Spiel danach keineswegs schlecht, aber Tore fallen keine. 15 Minuten und ein weiteres Ale später steigt das Bild aus. Die Hoheit über die Fernbedienung, eben noch Anerkennung, wird zur Last. Die Teleboy-App (oder der Fernseher?) findet kein verbundenes Gerät, die Netzwerkverbindung scheint weg. Wildes Drücken auf der Fernbedienung gepaart mit vergeblich vorgegaukelter Kompetenz sind die Folge. Irgendwann scheint ein WLAN «Hotel» auf und die Verbindung ist wieder da. Drei Minuten sind in der zweiten Halbzeit gespielt, passiert ist zum Glück nichts.

Uns beschleicht ob der schlechten Verbindung die Angst, dass das Spiel ins Elfmeterschiessen gehen könnte. Was, wenn beim Stand von 4:4 das Bild wieder weg ist? Was, wenn wir dafür verantwortlich gemacht werden? Zittrig verfolgen wir die zweite Hälfte. Abgesehen von ein paar kurzen Aussetzern bleibt das Bild aber da. Und zum Elfmeterschiessen kommt es sowieso nicht. Während das grosse England am Aussenseiter Island scheiterte, wirft das kleine Wales den belgischen Mitfavoriten mit den Treffern zwei und drei aus dem Turnier. Und das alles andere als unverdient.

Wir übergeben die Fernbedienung dem Barpersonal und hoffen, dass die Verbindungsprobleme behoben werden können. Besonders fürs Finale, wenn – so wir gemunkelt – das OK der Fussballlichtspiele St.Gallen die Bar schmeissen wird.

Kurzbewertung:

Lage: 4 von 5 Croissants – eigentlich gäbe es für die Lage bloss drei Punkte. Schliesslich sind die Ansprüche hoch und die Bushaltestelle Sporthalle eben doch zu weit weg. Aber die idyllische Abendstimmung hinter dem Bundesverwaltungsgericht gibt einen zusätzlichen Punkt.

Stimmung: 2 von 5 Croissants – leider ist nicht viel los auf dem französischen Balkon. Das mag für viele ganz angenehm sein, aber ein paar Aaahs und Oohs fehlen dann halt doch.

Verpflegung: 5 von 5 Croissants – im Restaurant nebenan gibts sehr gutes Essen. Dass beim Public Viewing Ale serviert wird, lässt die SENF-Herzen höher schlagen.

Kosten: 4 von 5 Croissants – ja, wir sind streng. Aber wenn sonst die Stange meist deutlich unter fünf Franken kostet, ist das Spezli für fünf Franken halt schon teuer. Eintritt kostet hingegen auch dieses Public Viewing nicht.

#Platzverweis:

Seit kurzem können Schiedsrichter schon vor Anpfiff der Partie rote Karten verteilen. Wir haben schon vor Turnierbeginn zehn Herren eruiert, bei denen wir von dieser Möglichkeit Gebrauch machen würden.

Im ersten Test kam Roman Neustädter hinzu, im zweiten Stephan Lichtsteiner und im dritten der Schiri. Wenig überraschend verweisen wir das WLAN der Militärkantine des Feldes. Mit einem Kabel wäre die Verbindung sicher besser gewesen. Deshalb: #Platzverweis!


Dieser Beitrag erschien am 3. Juli 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. Während der EM testen wir verschiedene Public Viewings der Region.