In diesem Sommer wird bereits die zehnte Ausgabe des St.Galler Fussballmagazins SENF erscheinen. Wir nehmen dieses Jubiläum zum Anlass, uns der Verbindung von Fussball und Musik zu widmen. Zusätzlich zum Jubiläumsheft erscheint deshalb gleichzeitig ein Tonträger. Und du kannst mit deiner Musik darauf vertreten sein.

Fussball ist primär eine optisch geprägte Betätigung: Im Stadion oder vor dem Fernseher sitzen Zuschauerinnen und Zuschauer, die Fussball schauen. Aber Fussball hat eine mindestens so starke akustische Komponente. Das kollektive Seufzen nach einer vergebenen Torchance, der ohrenbetäubende Jubel nach einem Treffer oder auch das in St.Gallen verbreitete, langgezogene «Schüüüüss!», sobald ein Spieler in mehr oder weniger verheissungsvoller Position auftaucht, sind nur einige wenige Beispiele für die Bedeutung der akustischen Komponente des Sports.

Noch deutlicher wird die Verbindung von Akustik und Fussball, wenn man die Rhythmen betrachtet, die von den Fans in den Stehkurven der Stadien gesungen werden. Anlehnungen an Evergreens der Musikgeschichte sind keine Seltenheit. Und auch neue Melodien werden komponiert, teils sogar extra als Musikstück produziert wie unlängst für «Üses Lied», die Stadion-Hymne des FC St.Gallen.

Im Sommer 2018 erscheint die zehnte Ausgabe des St.Galler Fussballmagazins SENF. Dieses Jubiläum möchten wir mit einer besonderen Ausgabe feiern und diese deshalb der Verbindung von Fussball und Akustik im Allgemeinen, aber insbesondere jener von Fussball und Musik widmen. Bereits Mani Matter besang mit «Mir hei e Verein» seine Liebe zum lokalen Fussballclub. Und wer gesehen und gehört hat, wie die YB-Fans nach dem gewonnenen Meistertitel auf dem Platz «Scharlachrot» gesungen haben, wird die Verbindung von Musik und Fussball ganz sicher nicht abstreiten.

Auch Ostschweizer Musiker lassen sich vom Volkssport Fussball inspirieren. Die bereits erwähnte neue Hymne des FC St.Gallen, an der neben verschiedenen Musikern auch ein Fanchor mitgewirkt hat, ist dabei nur ein Beispiel. Die Palette ist weit und ist auch gerne einmal etwas zynischer, wie Jack Stoiker beweist, dessen Band Knöppel unlängst die Auszeichnung für den besten Schweizer Rocksong – gewählt in einem Publikumsvoting von Radio SRF – entgegennehmen durfte.

In unserer Jubiläumsausgabe möchten wir diese Beziehung zwischen Fussball und Musik nicht nur thematisieren, sondern auch über das gedruckte Magazin hinausgehen. Unsere Jubiläumsausgabe wird ergänzt durch eine Musikbeilage in Form einer CD. Wir möchten an dieser Stelle nicht zu viel verraten, aber wir möchten möglichst vielen Musikern die Chance geben, einen Teil zum Gelingen des Musikprojekts beizutragen. Deshalb rufen wir alle Musikerinnen und Musiker, die sich mit dem FC St.Gallen verbunden fühlen, dazu auf, uns ihren Song einzusenden. Thematisch sollte sich dieser im Bereich Fussball, FC St.Gallen oder Stadt und Region St.Gallen bewegen. Genauere Infos sind unter info@senf.sg erhältlich. Natürlich können wir nicht garantieren, dass es jeder eingesandte Song auf den Tonträger schafft. Wir können aber garantieren, dass wir jeder Einsendung die gleichen Chancen geben.


Der FC St.Gallen hat mit Peter Zeidler einen neuen Trainer und setzt damit alles auf eine Karte. Die Reise führt vorerst ins Ungewisse, dafür beginnt sie harmonisch.

An der Pressekonferenz gab es diesen einen Augenblick. Hüppi erzählte in gewohnt optimistischem Fernseh-Sprech, wie überzeugt er von den neuen Rahmenbedingungen beim FC St.Gallen sei. Sportchef Alain Sutter und der neue Chefcoach Peter Zeidler sahen sich flüchtig an und konnten nicht anders als lächeln. Eine wunderbar unkontrollierte Gesichtsregung.

Sutter sagte später, er freue sich «unglaublich», endlich mit Zeidler zusammenarbeiten zu dürfen. Die Ungeduld der Verliebten. Ein Tatendrang, der sich besser heute als morgen entladen sollte. Und so bemerkte Sutter wiederum einige Minuten später, sie – er und Zeidler – hätten schon mit der Arbeit begonnen. Als hätten sie sich ihrer Ungeduld beugen müssen.

Neulinge im Business

Die Crew, die den FCSG wieder in ruhigere Gewässer führen soll, steht nun. Harmonischer könnte sie kaum sein. Sämtliche Protagonisten in federführenden Rollen ziehen am selben Strick. Der Dreijahresvertrag protokolliert diese Stimmung exemplarisch. Doch er ist auch ein Wagnis, weil die Laufzeit dieses Kontrakts ohne Not 36 Monate beträgt. Und vielleicht unterstellt man Hüppi und Sutter denn auch ein wenig Naivität, wenn sie ihren neuen Trainer mit einem solchen Vertrag ausstatten, zum Schluss der Vorstellung Zeidlers aber einräumen, dass sie Neulinge sind in diesem Business. Es sind diese Momente, in denen sich der Verdacht einschleicht, dass die üblich pathetischen Worte Hüppis die Machbarkeit des Fussballs übersteigen.

Der Verwaltungsrat, dem Hüppi vorsteht, und Sutter setzen auf diese eine Vision. Hüppi nennt sie die «grün-weisse Bewegung». Ein Journalist platzierte halb scherzend, halb ernst in einem Nebensatz, Hüppi sage manchmal das Eine, meine aber das Andere. Womöglich sagt Hüppi in Wahrheit jedoch das XXL-Eine, meint aber das XS-Eine. Er gewährt seinen eigenen Worten viel Platz, wählt sie gross in ihrer Bedeutung.

Die Vision: eine Bewegung. Ein Begriff, der eher dem Sprachduktus von Aktivisten, Politikern oder Sekten entspringt. Und diese Bewegung ist alternativlos. Sie kennt nur eine Richtung. Peter Zeidler scheint für diese Richtung wie geschaffen. Früher war er als Pädagoge im Schwabenland tätig – ein Punkt im Lebenslauf Zeidlers, den Sutter besonders beeindruckend gefunden haben dürfte. Zeidler selbst schätzt diesen Faktor realistisch ein, sagte einmal: «Alle Trainer müssen auch Pädagogen sein.»

Lehrjahre in Rangnicks Fussballabor

Erfolgreiche Fussballtrainer müssen die Menschen führen können. Französisch- und Sportlehrer hin oder her. José Mourinho, Carlo Ancelotti oder Josef Heynckes haben nicht Lehramt studiert, standen nie täglich vor einer Schulklasse. Und doch wird diesen herausragenden Trainern eine hohe Empathiefähigkeit nachgesagt.

Allerdings verspricht der Lebenslauf Peter Zeidlers auch fachlich einiges. In den Hoffenheimer Jahren wirkte er an der Seite Ralf Rangnicks mit, als die TSG in die Bundesliga aufstieg und als Neuling die inoffizielle Herbstmeisterschaft feierte. Rangnick wird nicht erst seit damals taktische Weitsicht attestiert. Es gibt Fachkundige, die Rangnick zuschreiben, als erster deutscher Fussballlehrer die Viererkette eingesetzt zu haben. Auch das bedingungslose Pressing soll in Rangnicks Fussballlabor entstanden sein. Peter Zeidler tüftelte mit. Damals noch im Hintergrund. Später emanzipierte sich der frankophile 55-Jährige von Rangnick und ging nach Österreich.

Langfristiger Erfolg blieb sowohl Rangnick als auch Zeidler meist verwehrt. Die oft spektakuläre Spielweise nutzte sich irgendwann ab. Hohes und schnelles Anlaufen wird gerade in qualitativ hochstehenden Ligen irgendwann durchschaut, ist berechenbar. Equipen, die kombinationssicher sind, schaffen es, die Pressingwellen zu umspielen.

Das Kader der St.Galler ist ohnehin nur bedingt auf diese Revolten-gierige Spielweise ausgerichtet ist. Es bräuchte neue Spieler, was jedoch einiges kosten würde. Tafer oder Aleksic sind sensible Feingeister, deren Arbeitsethos nicht immer mit 90-minütigem Pressing in Einklang zu bringen sein dürfte. Barnetta gehen nach und nach Geschwindigkeit und Ausdauer ab.

Prädestiniert für den zeidlerschen Fussball scheinen dafür Toko und Sigurjonsson: eifrige Balljäger, die den schnellen vertikalen Pass durchaus in ihrem Repertoire haben. Doch ist ungewiss, ob die beiden in der kommenden Spielzeit noch in der Ostschweiz unter Vertrag stehen werden.

Destination: Luftschloss

Hüppi und Sutter fahren mit der Luftbahn durch die Nacht. Destination: Luftschloss. Attraktiver Fussball, der erfolgreich ist: Das ist keine innovative Ambition. Womöglich ist es sogar das Idealbild dieser Sportart. Fussball, wie ihn sich Reynolds, später Michels und Cruyff ausgedacht haben und Guardiola in Perfektion praktizieren liess. Vielleicht genügten auch einige Partien an der Anfield Road in dieser Saison diesen Ansprüchen. Vorerst reicht der neuen Führung aber, sich in den Top Fünf des hiesigen Championats zu etablieren. Das ist kein Luftschloss.

Der spektakuläre Weg dahin dann schon eher. Der FCSG will Weg und Ziel gleichermassen zelebrieren. Hüppi und Sutter wollen den Fünfer und das Weggli. Und sie wollen dies mit harmonischer Eintracht. Harmonisch vom Weg abkommen und grandios das Ziel verfehlen. Oder eben gemeinschaftlich schön brillieren und Erfolge einfahren. Wir präferieren Zweiteres, natürlich. Und fahren mal mit.

Es wird sich zeigen, ob diese Richtung stimmt. Ein lauerndes Unbehagen ist da schon. Es kann sein, dass man als St.Galler Fan etwas befangen ist, wegen der Geschichte. Durch die hart erarbeitete Akzeptanz, sich selbst genügen zu können – gerade bei den vielen Enttäuschungen. Nun der neue Kurs, mit neuer Steuerrichtung. Wir sind gespannt. Und ungeduldig. Die Ungeduld der Verliebten.


Dieser Artikel erschien zuerst beim Kulturmagazin Saiten.


Lange schien die Saison 2005/06 für den FC St.Gallen eigentlich schon so gut wie gelaufen. Gegen Ende kamen die Espen aber doch nochmal in Abstiegsnöte. Entsprechend wichtig war das Heimspiel gegen Yverdon in Runde 30. Glaubt man Hutter, so war Zelli in diesem Spiel Fussballgott und Schutzengel in Personalunion.

Hutter suchte seinen Stammplatz. Er zählte von der Säule an sieben Tritten aufwärts. Gegen YB waren es fünf und gegen GC sechs Tritte gewesen – beide Plätze hatten Niederlagen gebracht. Hutter versuchte die Gedanken der Mitkämpfer auf der Gegentribüne zu lesen: Er sah Gleichgültigkeit, Trotz oder Hoffnungslosigkeit. Der Speaker kündigte die St.Galler Mannschaft an und Hutter rutschte bei «Pascal» ein herzhaftes «Jenny» heraus. Er erntete böse Blicke für den schlechten Scherz. Hutter konnte nichts dafür, aber für ihn passte der leidenschaftliche Kämpfer Jenny noch immer besser zum FCSG als zum welschen Yverdon.

Die Südkurve gab allen Grünweissen im Stadion den Tarif bekannt: «Ab jetzt gibt’s keine Ausreden mehr!» Ein Tor für Yverdon! Hutter malte sich aus, was dann im Stadion passieren würde. Ein Vulkanausbruch! Ein Lavastrom des Zorns. Fünf Jahre Enttäuschung und Wut der Anhänger würden das Spielfeld in ein unbespielbares und heimtückisches Moor verwandeln. Ideale Voraussetzungen für ein befreites und kreatives Spiel zweier Teams, denen das Wasser bis zum Hals stand. Das kleine Yverdon verbarrikadierte sich im eigenen Strafraum. Alex, Marazzi, Callà und Hassli stürmten an, aber ihnen fehlte die Ruhe, einfach auf die offene Lücke vor dem gegnerischen Tor zu warten.

0:0 zur Pause. Mocks Zuversicht am Bierstand hinter der Gegentribüne war ungebrochen. «Hutter, das Tor wird fallen! Ja, so wie alle hier hätte ich auch lieber Schällibaum als Trainer gehabt, weil er mit seiner Hingabe und seiner Leidenschaft so gut zu uns gepasst hätte. Wir hätten ihm sogar eine unglückliche Niederlage gegen Yverdon verziehen. Aber das Tor für uns wird auch ohne Schällibaum fallen.» Hutter sagte nichts. Mock hatte vierzig Saisons Erfahrung auf dem Espenmoos, Hutter brachte es nur auf siebzehn.

Die Stimmung auf den Rängen wurde gereizt. Yverdon roch den Braten, wagte sich in den Strafraum von Goalie Razzetti und plötzlich flog der Ball auf das leere St.Galler Tor zu. Die ersten Fans krümmten sich schon vor Ärger, andere verwarfen die Hände und setzten zur nächsten Verwünschung der eigenen Spieler an. Der Ball senkte sich langsam, nur wenige Zentimeter fehlten noch bis zur Torlinie. Hutter sah die silberne Kugel sekundenlang leuchten. Ein teuflischer Regisseur hielt Film und Ton an, um den Schrecken in den hintersten Winkel des Espenmoos zu verbreiten. Alle sollten den Matchball sehen und nie mehr vergessen. – Doch dann kam er, der Retter, der Erlöser, der sich mit seiner Befreiungsaktion endgültig unsterblich machte. Er ganz allein zauberte die Wärme zurück in die untröstlichen Herzen der Fans und brauchte Glauben und Versöhnung zurück auf das Espenmoos. – Es war Zelli! Er flog durch den Strafraum und haute den Ball im letzten Moment weg in die Wolken, als wäre er ein Schutzengel, als wollte er sagen: «Aber das ist doch selbstverständlich, dafür bin ich doch da!» Zellis Glanztat rüttelte alle auf. Callà schoss überlegt zum 1:0 ein und kurz darauf stürzte sich Alex ungestüm auf einen Prellball, der sich hinter dem Yverdon-Hüter zum 2:0 ins Netz senkte. Neben Hutter sagte einer: «Alex stolpert einfach jeden Ball ins Tor.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Schutzengel» erschien anlässlich des Heimspiels in der 32. Runde der Saison 2005/06 gegen den FC Zürich.

Hutter & Mock


Das Leben als Fussballfan ist nicht immer einfach. So manch einen hat seine Leidenschaft für den beliebten Ballsport schon in den Wahnsinn getrieben. Damit uns das auf der SENF-Redaktion nicht passiert, können wir auf die Hilfe des bekannten Fussball-Therapeuten Dr. O.W. zählen. In unregelmässigen Gastbeiträgen bietet er seine Hilfe an. Heute gratuliert er den Berner Young Boys zur Überwindung von Morbus Semper Secundus.

Kuren hilft nach ausgestandenen Krankheiten, wieder zu Kräften zu kommen. So auch nach fussball-induzierten. Das können Sie mir glauben, liebe Leserinnen und Leser, denn ich bin ausgewiesener Fachexperte zu allen diesen Krankheiten auf dem Fussballplatz Schweiz.

Aus diesem Grund wende ich mich nun, in diesem speziellen Augenblick, an alle Bernerinnen und Berner, die in den letzten Jahren teilweise stillschweigend, teilweise lautstark an Morbus Semper Secundus gelitten haben – und erst noch an einer besonders schwerwiegenden Form davon, die schon chronische Züge angenommen hatte.

Soeben haben Sie diese überwunden und dazu möchte ich zuallererst von Herzen gratulieren. Das stimmt mich zuversichtlich für alle anderen an einer fussball-induzierten Krankheit Leidenden. Davon gibt es ja weiss Gott noch genug, auch wenn die Symptome von Morbus Krösus aufgrund des Auskurierens von Morbus Semper Secundus weniger zahlreich geworden sind (zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, um es im Volksmund zu sagen).

Gleichzeitig möchte ich aber darauf aufmerksam machen, dass es gerade jetzt wichtig ist, den Genesungsprozess langsam anzugehen, schliesslich ist das Überwinden der Krankheit auch unter gütigster Mithilfe des Gegners zustande gekommen. Finden Sie nach dem ganzen Trubel Ruhe, lassen Sie die erste Müdigkeit zu, und ziehen Sie in Betracht, eines der exklusiven, auf diese Krankheitsbilder zugeschnittenen Kur-Programme der Klinik AU zu besuchen:

Workshop 1:
Wie finde ich eine Balance zwischen den Erinnerungen an diese schwere Zeit, den Anforderungen des Alltags, sowie der Freude über die überwundene Krankheit? (von und mit Dr. O.W.)

Workshop 2:
Wie leite ich freigewordene Energie um, die nicht mehr in das Kontrollieren der Krankheit investiert werden muss? (von und mit Dr. O.W.)

Workshop 3:
Welche Strategien gibt es, um Rückfälle ins YBELIEVE zu verhindern? (von und mit Dr. O.W.)

Alle Workshops sind Teil mehrwöchiger Kur-Programme, sind zertifiziert und werden unter Leitung von führenden Experten auf diesem Gebiet durchgeführt.

Zum Schluss noch ein kurzes Wort der Warnung: Wo Morbus Semper Secundus überwunden wurde, besteht fruchtbarer Boden für Morbus Krösus. Es hilft, früh anzufangen, Ausschau nach möglichen Symptomen zu halten.

Herzlich, Ihr Dr. O.W.


Zur Person

Dr. O.W. ist in Fachkreisen bekannt als der erfahrenste und erfolgreichste Therapeut von fussball-induzierten Krankheiten. Sein Kundenstamm umfasst Fans, Spieler, Trainer und Vereinspräsidenten aus der ganzen Schweiz. Dr. O.W. hat sich unter anderem dadurch ausgezeichnet, dem SENF-Ticker-Team in einer emotional schwierigen Phase beizustehen. Nicht einfach nur wöchentlich auf der Behandlungscouch, sondern live und vor Ort bei zahlreichen Versuchen des FC St.Gallen, auf die Erfolgsspur zurückzukehren.


Offiziell hat es einfach nicht mehr gepasst. Wie bei einer ausgelatschten Beziehung hat man sich auseinandergelebt. Der Trainer hat die Mannschaft nicht mehr erreicht. Die Mannschaft nicht mehr auf den Trainer gehört. Oder: Der eine hat die Ideen des anderen nicht mehr wie gewünscht umgesetzt. So oder ähnlich tönt es immer, wenn im Fussballbusiness ein Trainer entlassen wird. So auch heute in St.Gallen: Die Verantwortlichen sahen kein Vertrauen von Contini in die Vorgesetzten und ihre Ziele.

Wenn sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht mehr vertrauen, muss eine der beiden Seiten die Notbremse ziehen. Das gilt in einer Toggenburger Schreinerei genauso wie im Schnellimbiss in der Zürcher Bahnhofshalle oder beim FC St.Gallen. Somit erscheint der Schritt des FCSG, trotz laufendem Vertrag, zukünftig auf Trainer Giorgio Contini zu verzichten und die Zusammenarbeit per sofort zu beenden, für Aussenstehende nur logisch. Zu oft hat man in den Medien davon gelesen, wie unzufrieden Contini mit der Situation beim FC St.Gallen ist.

Doch, wie SENF exklusiv in Erfahrung bringen konnte: Der offizielle Grund der Trennung ist mit Vorsicht zu geniessen. Denn: Es war noch bis vor Kurzem beschlossene Sachen, bis zum Vertragsende mit Contini weiterzuarbeiten. Einleuchtend, denn finanziell kann sich der FCSG eigentlich keinen weiteren Trainer auf der Lohnliste leisten. Gekippt ist der Verwaltungsrat nach dem Spiel vom Samstag gegen Thun. Allerdings nicht wegen der Niederlage.

Die Leserinnen und Leser unseres Livetickers beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten haben bereits während des Spiels mitbekommen, dass zwei Posauner im Stadion anwesend waren, um die Mannschaft zu «unterstützen». Dutzende Leserinnen und Leser beschwerten sich bei uns. Sogar das St.Galler Tagblatt berichtete im Nachhinein. Gemäss den investigativen Recherchen des Tagblatts darf nicht jeder sein Instrument mitbringen, die beiden Herren hatten aber eine Bewilligung dazu. Und genau hier liegt der wahre Grund für die Entmachtung Continis.

Ausgestellt hat die Bewilligung nämlich der Trainer höchstpersönlich. Pikant: Die beiden Musikanten sind Mitglied des Giorgio-Contini-Fanclubs. Die Bewilligung soll Contini zudem an seinen Vorgesetzten vorbeigeschleust haben. «Tätschhässig» soll gemäss Zeugen der sonst so besonnen und ausgeglichen agierende Sportchef Alain Sutter gewesen sein, schliesslich favorisiere er die im ganzen Stadion verbotenen Vuvuzuelas. Continis Vergehen wiegen für die Verantwortlichen des FCSG schwer: Vetternwirtschaft, Handeln gegen die Interessen des Arbeitgebers, Überschreiten von Unterschriftskompetenzen sowie Unterstützung von organisiertem Instrumentenschmuggel. Gerüchten zufolge sollen sich die Musiker auch der akustischen Belästigung hart arbeitender Medienschaffender schuldig gemacht haben. Der Assistenztrainer Markus Hoffmann muss seinen Posten im Zuge der Posaunen-Affäre ebenfalls räumen. Eine Gehilfenschaft Hofmanns könne im «Ostschweizer Posaunen-Krimi» (Blick) nicht ausgeschlossen werden. Im verschwiegenen Ostschweizer Blechinstrumenten-Milieu wird eifrigst ermittelt.

Contini ist somit ab sofort wieder auf dem Trainermarkt zu haben. Das dürfte vor allem die Zürcher Grasshoppers zutiefst ärgern. Hätten Sie mit der Verpflichtung von Thorsten Fink nur wenige Stunden länger zugewartet, sie hätten stattdessen Contini und Hoffmann haben können. Contini hätte seinen Fanclub und die lautstarke musikalische Unterstützung gratis in den Stimmungsmoloch Letzigrund mitgebracht.


(Video: Screenshot Youtube)