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Man kann von der EM halten, was man will – sicher ist: Sie bringt Menschen vor Bildschirmen zusammen. Und schafft damit vorübergehend neue öffentliche Räume. Das Senf-Kollektiv testet im Verlauf der EM ein paar Public Viewing-Orte. Zum Auftakt: Grossacker St.Gallen.

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Als wir an der Haltestelle Grossacker aus dem  Bus steigen, sticht uns die Grossleinwand sofort ins Auge. Prominent steht sie mitten auf dem Innenhof des Einkaufszentrums. Wo Menschen normalerweise auf den Bus warten, mit vollen Einkaufstaschen über den Platz hetzen oder nach dem Einkaufen den neusten Tratsch und Klatsch des Quartiers austauschen, lädt ein Public Viewing während der EM dazu ein, sich länger als üblich dort aufzuhalten.

Und: Im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen, wo für den gleichen Fussball und den gleichen Salzgeber Eintritt verlangt wird, können die Spiele beim Grossacker gratis angesehen werden.

Loge im Obergeschoss

Festbänke und Holztische vor der Leinwand, die Terrasse des Restaurants «la bocca» und – vermutlich jeweils nur nach Ladenschluss – auch Festbänke unter dem Vordach der Post: Einen Platz findet an diesem Samstag jeder Besucher. Das Spiel zwischen Russland und England scheint keine grossen Massen anzuziehen. Wir mögens natürlich exklusiver und begeben uns in den Logenbereich im Obergeschoss. Von dort hat man die beste Sicht auf die Leinwand, könnte aber auch dem Treiben an den Festbänken zuschauen. Könnte.

Wegen des Wetters – es regnet zwar nur ab und an – haben sich die meisten der rund 50 Besucher unters Vordach zurückgezogen. Im Logenbereich spielen Kinder mit einer Plastikflasche Fussball. Strassenfussball, quasi. Quartierfussball.

Sowieso hat dieses Public Viewing Potenzial, dem Quartier Leben einzuhauchen. Umso mehr irritiert es, dass im Quartier niemand informiert wurde, was beim Grossacker während der EM passiert. Zumal man doch fast alles richtig gemacht hat und weiterhin macht: Die Grossleinwand läuft nur solange, wie sie muss. Der Lärmpegel ist nicht zu brachial, und das Bier kostet angenehme vier Franken dreissig, mit einem Bierpass ist sogar jedes sechste gratis. Dazu gibt’s Würste vom Grill.

Wer kein Fleisch mag oder sich während der EM schon zu viele Bratwürste gegönnt hat, kann sich in der Speisekarte des «la bocca» umsehen. Sollte dort kein Platz in Sichtweite der Leinwand frei sein, hängt beim Quartier-Italiener auch ein Fernseher im Lokal, in dem man übrigens auch sein Bier wieder loswerden kann. Sogar fürs Geldabheben – auch wenn bloss glücklicher Zufall für die Veranstalter – ist beim Grossacker gleich mit zwei Automaten gesorgt.

Lediglich die Helligkeit der Leinwand irritiert. Wir empfehlen auch für Spiele um 21 Uhr die Sonnenbrille mitzunehmen. Und wir empfehlen auch, sich von den unzähligen «Dieser Bereich wird videoüberwacht»-Hinweisen und dem anwesenden Sicherheitsmann nicht irritieren zu lassen. Ob Auflage oder dem aktuellen Sicherheitswahn geschuldet: Nötig wärs wohl kaum. Dass zum Schluss einer der letzten Besucher beim Abräumen einer Festbank und absichtlich die Rolle vorwärts versucht, konnte auch der Sicherheitsmann nicht verhindern.

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Kurzbewertung:

Lage: 5 von 5 Croissants – mit einer eigenen Bushaltestelle ist das Public Viewing perfekt erreichbar. Zentrum muss nicht immer Stadtzentrum sein; hier sind wir mitten im Quartierzentrum.

Stimmung: 2 von 5 Croissants – grosszügigerweise, aber bei dem Wetter ist wohl kaum ein Public Viewing unter freiem Himmel mit Bombenstimmung gesegnet.

Verpflegung: 3 von 5 Croissants – vom Grill gibt’s Würste und bei der Pizzeria das übliche Angebot. Etwas Spezielles vermisst man.

Kosten: 5 von 5 Croissants – Eintrittspreise gibt’s nicht und das Bier erhält man für faire 4.30, jedes sechste sogar gratis.

#Platzverweis:
Seit kurzem können Schiedsrichter schon vor Anpfiff der Partie rote Karten verteilen. Wir haben schon vor Turnierbeginn zehn Herren eruiert, bei denen wir von dieser Möglichkeit Gebrauch machen würden. Die Erfahrung lehrt uns, dass bei jedem Spiel eine Personalie dazukommt.

Bei Russland gegen England war das nicht anders. Roman Neustädter stand in der Startaufstellung der russischen Nationalmannschaft. Russe ist der Schalke-Spieler aber erst seit Mitte Mai. Zwar hat er durchaus russische Wurzeln und gegen eine Einbürgerung an sich ist auch gar nichts einzuwenden, aber wenn Putin per Präsidialdekret kurz vor der EM eine solche verfügt, riecht das zumindest mal streng. Deshalb: #Platzverweis!


Dieser Beitrag erschien am 13. Juni 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. Während der EM testen wir verschiedene Public Viewings der Region.


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Die Fussball-Europameisterschaft in Frankreich beginnt heute. Mit der steigenden Vorfreude hat auch die Berichterstattung über Sportliches und über das Drumherum zugenommen. So konnte man in den vergangenen Tagen in der NZZ unter anderem lesen, dass neue Regeln gelten: Bei Penaltys darf der Schütze nicht mehr verzögern, die Dreifachbestrafung – rote Karte, Elfmeter und Spielsperre – gibts nicht mehr und die Unterwäsche muss die gleiche Farbe wie die Hose haben. Am Wichtigsten aber: Der Schiri kann schon vor Anpfiff rote Karten austeilen.

rote Karte

Das muss man uns nicht zweimal sagen! Wir haben eine Liste zusammengestellt, wer bereits vor Anpfiff von uns die rote Karte kassiert – immer für essentielle Vergehen gegen die Sportlichkeit.

Unbestrittene Nummer 1: Cristiano Ronaldo. Selbst ihm selber geht der endlos andauernde Hype um seine Person langsam auf die Nerven.

Nummer 2: Ricardo Cabanas. Sorry, Ricci, das isch Europameischterschaft. Biz Reschpekt!

Nummer 3: Granit Xhaka oder Taulant Xhaka. Weil sie jede Frage nach der komischen Situation, gegeneinander zu spielen, so geduldig beantwortet haben. Mit der direkten roten Karte vor Spielbeginn ist die Lage von vornherein entschärft.

Nummer 4: Renato Steffen. Olémine, tätowierte Unterarme. #Pussy, wusste schon Büne Huber, mfall!

Nummer 5: Burim Kukeli. Absteigen und EM spielen: Disqualifiziert!

Nummer 6: Hakan Yakin. Nein, das war vor ein paar Jahren. Dieses Jahr sind Sie, Herr Yakin, nicht mehr aufgeboten, jetzt lassen wir die Jungen einmal ran.

Nummer 7: Davide C. Brauchts hier eine Begründung? Davide C. kriegt von uns immer die rote Karte.

Nummer 8: Batuhan Karadeniz. Weil sonst die Einlaufkinder Angst kriegen würden.

Nummer 9: Alex Frei. Seine Eskapaden vor Spielbeginn sind unerträglich. „Das isch emol e Schueh“ – „Das isch emol ä Triggo“ – „Das isch emol ä Düre“

Nummer 10: Gianni Infantino. Aus Sepp Blatters Vermächtnis lernen heisst auch, besser von Beginn an Rot zu zeigen.

Wir erheben mit dieser Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Welchen Spieler (oder Funktionär) haben wir vergessen? Teilt uns eure Vorschläge in den Kommentaren oder via soziale Medien mit #Platzverweis mit.

Foto: Ian Burt, CC BY 2.0 (Quelle)


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Die Saison 2015/16 ist vorbei, der FCSG schafft nach einer durchzogenen Leistung den Klassenerhalt. Die Senf-Experten blicken zurück auf eine weitere Übergangssaison.

Zu Beginn der Saison hatten wir vor allem Fragen: Wie wird unsere Abwehr in die neue Saison starten? Wie präsentieren sich die Neuzugänge? Welche Ziele kann der FCSG in dieser Saison verfolgen? Antworten hatten wir damals noch nicht. Zu unberechenbar waren die Espen schon in den zwei Jahren zuvor aufgetreten.

Nach fünf Spielen war dann eigentlich schon klar, wie die Saison werden würde. Nach dem Sieg gegen Luzern – dem ersten von insgesamt drei 1:0-Erfolgen gegen die Innerschweizer – stand der FCSG auf Platz 4. Die Statistik sprach eine deutliche Sprache: Es wird wieder eine unansehnliche Saison. Ohne Ambitionen nach oben, ohne grosse Gefahr nach unten. Wenig später legte nach rund vier Jahren Jeff Saibene sein Traineramt nieder und der zuvor als HSV-Jugendtrainer tätige Joe Zinnbauer übernahm für ihn. Wir hofften, dass er ein Feuer entfachen würde: «Anzünden! Los!» So lautete das einfache Fazit unseres ersten Blicks auf den Trainer.

Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben

Nach der Winterpause zog sich das bekannte Muster jedoch weiter, wie wir feststellen mussten: «Das ist zu wenig für ambitioniertes Liebäugeln mit Europa. Aber auch zu viel, um sich ernsthaft Abstiegssorgen zu machen.» Daran änderten auch die Neuverpflichtungen zur Saisonhalbzeit nichts. Danach ging es wie in den beiden Saisons zuvor bergab.

Zwei Probleme konnten wir in der Mitte der Rückrunde ausmachen: Die Verteidigung und die beiden ersten 15 Minuten beider Halbzeiten. Daran sollte sich bis zum Schluss wenig ändern. Im Gegenteil. Die Anzahl der Gegentore stieg stetig und zu den schlechten Anfangsviertelstunden gesellten sich praktisch alle anderen Spielabschnitte. Nur gerade vor der Pause trat der FCSG noch halbwegs positiv auf. So brach vor dem Heimspiel gegen den FC Zürich doch nochmal das grosse Kribbeln aus. Die Ostschweizer waren doch noch in den Abstiegskampf geraten und mussten dringend punkten.

Im Spiel gegen den FC Zürich zeigten die Espen für einmal jedoch eine starke Leistung und entledigten sich damit der Abstiegssorgen. Allerdings trug der FCZ mit einer desolaten Leistung nicht unerheblich dazu bei, dass die St.Galler drei Runden vor Schluss den Klassenerhalt auf sicher hatten. Wenig erstaunlich, dass jetzt genau der FCZ den Gang in die Challenge League antreten muss.

Die Tore fallen hinten statt vorne

Der Klassenerhalt vermag nicht darüber hinwegzutäuschen, dass der FCSG eine missratene Saison gespielt hat. Insbesondere die Rückrunde war einmal mehr desolat. DieStatistik beweist es. Auch der Vergleich mit den anderen Teams ist wenig schmeichelhaft: Nur gegen den FC Luzern (neun Punkte) und gegen den FC Thun (sieben Punkte) holte der FCSG mehr als die Hälfte der möglichen zwölf  Punkte. Und nur gegen die Berner Oberländer gelang es den Espen, mehr Tore zu erzielen als zu erhalten. Auf die neue Saison muss sich einiges ändern, wenn man sich an den Europapokal- statt an den Abstiegsrängen orientieren will. Ein gesichertes Mittelfeld zwischen diesen beiden Polen gibt es bei einer Zehnerliga ohnehin nicht.

Zuallererst muss insbesondere in der Verteidigung für Stabilität gesorgt werden. Auch wenn der neu gefundene Fokus auf die Jugend beim FCSG grundsätzlich begrüssenswert ist, die abgelaufene Saison zeigt eben auch das Problem daran: Nach einer passablen Hinrunde folgte vor allem in der Defensive ein desolates Auftreten. Das Innenverteidigerduo Angha/Gelmi fiel nach der Winterpause regelrecht in ein Loch, aus dem es bis zum Schluss nicht mehr wirklich rauskam. Auch personelle Veränderungen brachten nur bedingt Besserung. Mit 66 Gegentoren stellen die Ostschweizer nach Zürich und Lugano die drittschlechteste Abwehr der Liga.  Für die nötige Stabilität braucht es wohl ein, zwei gestandene Spieler. Alain Wiss könnte so einer sein, nur war er aufgrund eines brutalen Fouls zu Beginn der Rückrunde lange verletzt. Und sowieso: Ob einer reicht, ist mehr als zweifelhaft.

Wenn die Espen aus einer gesicherten Defensive heraus agieren können, läuft es vielleicht auch offensiv wieder ganz von allein. Wahrscheinlicher ist aber, dass auch hier Änderungen nötig sind. Ein richtiger Knipser fehlt dem FCSG nach wie vor – lediglich 41 Treffer zeugen davon. Keine andere Mannschaft hat in der Saison 2015/16 so wenig getroffen wie die Ostschweizer – sogar der Absteiger FCZ schoss sieben Tore mehr.

Und dann die Trainerfrage

Nicht zuletzt muss auch Trainer Zinnbauer beweisen, dass er der richtige für den FC St.Gallen ist. In der SENF-Redaktion sind die Meinungen geteilt. Sicher ist: Die grossen Motivationskünste, die Zinnbauer nachgesagt werden, hat er bisher vermissen lassen. So schlecht, wie das Team jeweils aus der Kabine kam, scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein. Die Gänsehaut, von der frühere Spieler nach Zinnbauers Ansprachen gesprochen haben, hatten in dieser Saison höchstens die Fans. Aus anderen Gründen.


 

Dieser Beitrag erschien am 27. Mai 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


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Fans, Polizei und Vereine streiten sich in regelmässigen Abständen darüber, weshalb kritische Situationen anlässlich von Fussballspielen manchmal zur Eskalation führen. Der Schwarze Peter wird dabei gerne der jeweils anderen Partei zugeschoben. Der Berner Sportwissenschaftler Alain Brechbühl wollte es genauer wissen und hat zu diesem Zweck bereits wissenschaftliche Studien durchgeführt. Wir lassen ihn nach seinem ersten Beitrag aus dem Jahr 2014 und den mittlerweile aktualisierten Befunden noch einmal in einem Gastbeitrag zu Wort kommen.

Fanmarsch in Swansea

Fangewalt ist in der Schweiz ein medialer und politischer Dauerbrenner. Das verdeutlichen etwa politische Vorstösse wie das Hooligankonkordat oder die medialen Debatten um hohe Sicherheitskosten wie zuletzt nach den Ausschreitungen rund um das Spiel FCB-FCZ im April. In der Schweiz wird – wie jüngst im Jahresbericht des Bundesamtes für Polizei – die Wichtigkeit der Ultras bei der Auslösung von gewalttätigen Ausschreitungen hervorgehoben. Aktuelle Studien aus dem Ausland hingegen betonen die Interaktionen der involvierten Gruppen (zum Beispiel Fans und Polizei) als Ursache von Fangewalt. Ein Erklärungsansatz hierfür bietet das Elaborated Social Identity Model (ESIM) von Steve Reicher. Das ESIM besagt vereinfacht, dass jegliche Handlungen der gegenüberstehenden Gruppe stets interpretiert und bewertet werden. Werden etwa Handlungen der Polizei von den Fans als illegitim wahrgenommen, kann dies zu einer Vereinigung von friedlichen und gewaltbereiten Fans führen, so dass plötzlich der Grossteil der Fans ein gewalttätiges Handeln der Fans als gerechtfertigt empfindet.

Verschiedene Studien (zum Beispiel Stott, Hoggett, & Pearson, 2012) empfehlen entsprechend eine zurückhaltende Polizeitaktik, in der Ordnungsdienst-Einheiten im Hintergrund behalten werden, während an der Front vor allem kleinere, normal uniformierte Polizei-Teams arbeiten. Gemäss diesen vorliegenden Resultaten sind die Wahrnehmungen und Interpretationen der involvierten Personen essentiell für ein besseres Verständnis von Fangewalt. Bisher existierten jedoch nur Studien aus dem Ausland; und diese wurden mehrheitlich im Rahmen von Spielen der Nationalmannschaften durchgeführt. Aussagekräftige Studien aus dem zentraleuropäischen Klubfussball und mit Ultras fehlten hingegen bisher gänzlich. Die durchgeführte Studie beschäftigt sich deshalb unter anderem mit den Wahrnehmungen von kritischen Situationen rund um Spiele des BSC YB und des FCSG. Eine kritische Situation wurde dabei als ein Interessenskonflikt zwischen zwei gegenüberstehenden Gruppen (zum Beispiel Fans & Polizei/Sicherheitsdienst) definiert, bei welcher es unklar ist, ob die Situation in einer Eskalation endet oder nicht. In einer kritischen Situation wartete bspw. eine Gruppe Fussballfans bei der Eingangskontrolle innerhalb des Durchsuchungsbereichs auf ihre Kollegen, worauf plötzlich eine Gruppe aus Sicherheitsdienstmitarbeitern in voller Ausrüstung in den Bereich kam, um die Fans ins Stadion zu drängen. Konkret wurde den Fragen nachgegangen wie die involvierten Parteien eine solche kritische Situation wahrnahmen und wie sich kritische Situationen ohne eine Eskalation von solchen mit einer gewalttätigen Eskalation unterscheiden.

Für die Studie haben wurden insgesamt acht solcher kritischen Situationen aus der Saison 2012/13 untersucht.  Vier davon endeten in Gewalt. Zu allen acht Situationen haben wir verschiedene Personen befragt, um genauere Erkenntnisse zu erhalten. Dafür wurden total 59 Interviews mit 35 verschiedenen Personen geführt. Darunter waren Fans, Fanarbeiter, Polizisten und Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten.

Die interviewten Personen zeigten häufig gruppenspezifische Wahrnehmungen. Die Fans etwa hatten klare Vorstellungen bezüglich ihres eigenen Raums. Entsprechend dieser Vorstellungen wurde die Distanz zu der gegenüberstehenden Gruppe in zwei Fällen als ungenügend betrachtet, wohingegen die Polizei beziehungsweise die Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten diese als genügend bewerteten. Die fehlende Distanz wurde von den Fans als aggressives oder provokatives Handeln bewertet. Die Bewertungen der gegenüberstehenden Gruppe wurden jeweils mit (negativen) Beispielen aus der Vergangenheit belegt. Manche Fans, Polizisten und Sicherheitsangestellte neigten ebenso zur negativen Stereotypisierung der gegenüberstehenden Gruppe. So beschrieben etwa mehrere Polizisten und Sicherheitsangestellte die Fussballfans generell als gewaltsuchend und provokativ. Drei Fussballfans beschrieben die Polizei und Sicherheitsangestellten als ihr Feindbild. Auch das Äussere der gegenüberstehenden Gruppe floss in die Bewertung der Situation mit ein. Die Fans identifizierten die Ordnungsdienst-Montur (bestehend aus Körperpanzerung, Helm, Schild, etc.) als provokativ, wohingegen Polizei und Sicherheitsangestellte die Vermummung und Handschuhe der Fans als Symbol für Gewalt bezeichneten. Insbesondere die Fans bewerteten die Handlungen der gegenüberstehenden Gruppe kritisch, indem sie diese als legitim oder illegitim bezeichneten. Bei der Wahrnehmung von illegitimem Verhalten der gegenüberstehenden Gruppe wurden Bemühungen zur Selbstregulierung der kritischen Situation reduziert. Stattdessen wurde Verständnis für die Selbstverteidigung aggressiver Fans gezeigt. Für diese Bewertungen scheint auch die vorherrschende Fankultur von Relevanz.

Kritische Situationen blieben am ehesten friedlich, wenn ein informativer Dialog zwischen den Gruppen stattfand, der über die Ziele der aktuellen und zukünftigen Handlungen der beiden Gruppen informierte. Auch der Verzicht auf provokative Elemente (Ordnungsdienst-Montur, Vermummung) wirkte sich im Rahmen der acht Situationen positiv auf den Verlauf der Situation aus. Im Gegensatz dazu führte die Verhaftung eines Fans aufgrund von pyrotechnischem Material zu einer Eskalation. Auch hier scheint die vorherrschende Fankultur zentral: Die interviewten Fans messen der Verwendung von Pyro eine hohe Wichtigkeit bei. Des Weiteren versuchten einige Fans sich in der Rivalität mit anderen Gruppen als mächtig zu präsentieren. Dies zeigte sich insbesondere mit gegnerischen Fangruppen, wobei Provokationen zwischen den Fangruppen zu einer Eskalation führten.

Entsprechend unterstützt die durchgeführte Studie die bereits vorhandenen Resultate aus dem Ausland (zum Beispiel das ESIM): Basierend auf den Ergebnissen könnte empfohlen werden, die Ordnungsdienst-Einheiten im Hintergrund zu behalten und an der Front Dialogteams einzusetzen. Die Trennung der Fans sollte bestmöglich aufrechterhalten werden um Aufeinandertreffen zu verhindern, wobei hier infrastrukturelle Massnahmen zu bevorzugen wären. Ebenso sollte die Diskussion über Pyrotechnik vorangetrieben werden, da sich Verhaftungen aufgrund von Pyro als relevanter Punkt für Eskalationen zeigte in dieser Studie.


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Was hat die türkischen Investoren bewogen, beim FC Wil einzusteigen? Schlüssige Erklärungen sind Mangelware, die Frage bleibt nach wie vor bestehen. Der St.Galler Journalist Etrit Hasler hat einen Erklärungsvorschlag.

FC Wil

Auch wenn sich die mediale Aufregung wieder ein bisschen gelegt hat, bleiben die wilden Gerüchte um die neuen Besitzer des FC Wil weiter in Umlauf. Und so sicher wie das Gegentor in der letzten Minute der Nachspielzeit noch fällt, werden diese Gerüchte alle wieder hochkommen, sobald beim FC Wil irgendetwas nicht rund läuft – und es wird nicht allzu lange dauern, bis beim FC Wil nicht einmal mehr der Ball im Kindertraining rund läuft.

Diese Gerüchte haben alle gehört: Der neue Besitzer hat den Klub nur gekauft, um dort Geld zu waschen. Oder die Kehrseite desselben Gerüchts: Der Kerl ist grössenwahnsinnig und hat echt das Gefühl, mit dem FC Wil könne man über mittlere Frist mit ein paar Investitionen an die internationalen Geldtöpfe kommen und sogar Geld verdienen. Die Wahrheit ist viel banaler. Ich kenne nämlich einen Zusammenhang, den so noch niemand erkannt hat.

Ganz fernab jeglicher medialer Reaktion ging vor rund zwei Jahren nämlich ein Stück Fussballkultur unwiederbringlich verloren: EA Sports stellte am 25. November 2013 seine FIFA Manager-Reihe endgültig ein – dies, nachdem FIFA Manager 14 gerade nur noch ein Datenbank-Update gewesen war. Für mich und ein paar hundert andere Spieler weltweit brach damit eine Welt zusammen.

Die Reihe mag zwar ihre Macken haben, aber dennoch kann ich mit gutem Gewissen sagen, dass ich wohl mit keinem anderen Spiel so viele hundert Stunden verbracht habe. Meine Champions League-Siege mit dem FC Winterthur, den Hull City Tigers, ja, zwischendurch sogar mal dem FC St.Gallen und nicht zuletzt den Hellbarden Appenzell waren Stoff für Legenden – die Hellbarden zogen beim ersten Champions League-Final im eigenen Stadion immerhin 150‘000 Zuschauer auf den Landsgmeendplatz. Realistisch mag das nicht sein, aber trotzdem kann ich mit gutem Gewissen behaupten, alles was ich jemals über Fussball wissen musste, von FIFA Manager gelernt zu haben. Zum Beispiel dass man sein Geld zuallererst in die Jugendarbeit investiert und eben nicht in überteuerte Transfers. Oder dass es zwar Spass machen kann, einen Trainer von heute auf morgen zu feuern, aber dass es einer längerfristigen Strategie durchaus förderlich ist, auch mal fünf oder sogar zehn Jahre einem einzelnen Trainer die Stange zu halten.

Unrealistisch, sagt ihr? Naja, die erste Strategie funktioniert beim FC Winterthur ganz gut und die zweite hat Manchester United auch nicht gerade geschadet. Und ganz ehrlich: Auch wenn ich von den virtuellen Fans als Vereinspräsident häufig als „wahnsinnig“ betitelt wurde, waren meine Entscheidungen meist nicht irrer als jene von Ancillo Canepa. Und im Unterschied zu den Vereinsleitungen von Xamax oder GC bin ich in all den Spieljahren noch nie auf Trickbetrüger hereingefallen.

Was hat das alles mit dem FC Wil zu tun? Ganz einfach: Ich hege die Vermutung, dass Murathan Doruk Günal, der junge neue Präsident des FC Wil, einfach ein passionierter FIFA Manager-Spieler war, der genauso deprimiert war wie ich, als er erfahren hat, dass sein Lieblingsgame nicht mehr weiterentwickelt wird. Und wenn er ähnlich tickt wie ich, dann hat er in den letzten Jahren zwar hunderte von Stunden in das Managen von virtuellen Sportvereinen gesteckt, aber keine einzige Minute in das Erlernen von Programmiersprachen. Soll heissen, auch wenn er locker seinen milliardenschweren Papa Mehmet Nazif Günal hätte anbetteln können, er soll ihm einfach das Geld leihen, um EA Sports die Reihe abzukaufen, wählte er lieber die einfachere Version: Wir starten einfach ein neues Spiel in der Realität.

Das Problem ist natürlich, dass die Realität kein Spiel ist. Also manchmal schon, aber eben nicht eines, bei dem man jederzeit einen früheren Spielstand wieder laden kann, wenn etwas total schief gegangen ist. Und natürlich kann man auch in der Wirklichkeit einfach zum nächsten Verein weiterwandern, wenn man beim ersten Versuch nur verbrannte Erde hinterlassen hat. So wie es eines Tages wohl auch die Familie Günal tun wird. Was dann aus dem FC Wil wird, werden wir sehen. Sicher ist nur dies: In der Wirklichkeit ist etwas unwiderruflich weg, wenn es erst mal weg ist. Das gilt für die FIFA Manager-Reihe wie auch für den FC Wil.