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Zum Abschluss war der Kinosaal vollbesetzt. Mit «Zlatan – Ihr redet, ich spiele» und anschliessender Diskussion mit dem extra aus Schweden angereisten Produzenten des Films, Lennart Ström, gingen am vergangenen Samstagabend die zweiten Fussballlichtspiele St.Gallen zu Ende. Drei Tage Fussball und Filme: Wir waren dabei und blicken zurück.

Als die Organisatoren am Donnerstag die zweiten Fussballlichtspiele St.Gallen eröffneten, beschrieben sie, wie das Festival aus einer typischen Bier-Idee entstanden war und sich nach der ersten Durchführung beim Abschlussessen zu einer Grappa-Idee weiterentwickelt hatte. Diese Entwicklung fand ihre Entsprechung auf allen Ebenen des Festivals: bei der Aufmachung der Lokalität, beim Barangebot (eine tolle Mischung aus Altbewährtem und Orientalischem bot für jeden etwas), bei der Filmauswahl und schliesslich auch bei den weiteren Programmpunkten und der Organisation. Waren die ersten Fussballlichtspiele wohl so etwas wie ein Testlauf gewesen, zeigte sich im zweiten Jahr: Sie sind da, um zu bleiben!
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Bereits der Start am Donnerstagabend zeigte den Zuschauern, dass sie sich auf die weiteren Tage freuen konnten. Die Programmauswahl war stimmig, der erste Film «Vi är bäst ändå – This is Söderstadion» sogar wie gemacht für St.Gallen und deswegen wohl auch der emotionalste für anwesende Fans des grössten hiesigen Clubs. Erzählte er doch eine Geschichte, die in vielen Zügen derjenigen des FCSG glich: nämlich die der Fans des Stockholmer Vereins Hammarby IF, der aus einem geliebten alten Stadion in eine neue Arena umziehen muss.

Ab den ersten Bildern, welche den Abriss des verlassenen Stadions zeigten, und im weiteren Verlauf des Filmes kamen immer wieder Erinnerungen an den eigenen Ablöseprozess vom Espenmoos auf, an die Bagger in der Südkurve. Viele Szenen erzeugten Resonanz beim anwesenden Publikum, weil man sich im Gezeigten und Gesagten wiedererkannte. Dies war bei den Zuschauern denn auch das hauptsächliche Gesprächsthema in der Pause und nach dem Film und wurde ebenfalls in der darauffolgenden Podiumsdiskussion aufgegriffen.

Yvette Sanchez, Daniel Fels und Daniel Torgler diskutierten dabei mit Corinne Riedener über verschiedenste Themenfelder, die im Film angesprochen worden waren: zum Beispiel über ebendiesen Ablöseprozess, über die Funktion eines Stadions als identitätsstiftenden Ort, Freiraum oder Heimat sowie über die Situation in St.Gallen im Jahr 2008. Für den längsten Lacher des Abends sorgte Torglers Aussage zu den Sektoren im Espenmoos und zu einem Kreislauf, den man dazumal als Fan vielfach durchlaufen hatte: «Als Kind im Sektor Blau wechselte man in der Jugend in die Südkurve, blieb dort einige Zeit, und begab sich dann auf die Haupttribüne, wenn man beruflich erfolgreich war, oder sonst wieder in den Sektor Blau.»

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Während bei den Podiumsdiskussionen der Fussballlichtspiele im vergangenen Jahr jeweils noch eine Fragerunde dabei gewesen war, war eine solche in diesem Jahr leider nicht mehr vorgesehen. Ein Zwischenruf aus dem Publikum zeigte jedoch: Das Thema löste so viele Fragen und Emotionen aus, dass es sich gelohnt hätte, die Podiumsdiskussion im Anschluss noch für Fragen und Wortmeldungen aus dem Publikum zu öffnen. So wurden diese in die Festwirtschaft getragen und eifrig vor dem Tiffany weiterdiskutiert.

Ebenfalls einem Thema aus Fan-Optik, jedoch einem etwas schrägeren, widmete sich der zweite Film des Abends: Die «Sons of Ben», ein Fanclub aus Philadelphia, hatten sich 1996 gegründet, bevor es ihren Club überhaupt gegeben hatte. Wir empfehlen diesen Film allen, die ihn verpasst haben, nur schon wegen der Fangesänge: «We’ve won as many Cups as you and we don’t have a team.»

Sowohl thematisch wie auch geographisch neue Wege gingen die Filme am Freitag. «The Damned United» und «I Believe in Miracles» führten nach England und hatten Trainerlegende Brian Clough zum Thema. Wieder zeigte sich die gelungene Auswahl: Der zweite Film schloss nahtlos an den ersten an, weil er mit Szenen eines Interviews begann, das in «The Damned United» den Abschluss gebildet hatte. Zusammen gaben beide diverse Einblicke in die Persönlichkeit Cloughs, so dass zum Schluss ein komplexeres Bild dieses Mannes resultierte, als gewisse seiner Aussagen in den einzelnen Filmen angedeutet hätten (zum Beispiel: «you work hard, and if you work hard, you have a chance of playing well, and if you play well, then you’ll enjoy it», aus «I Believe in Miracles»).

Etwas politischer und sozialkritischer wurde es am Samstag, dem letzten Tag der Lichtspiele. Mit «White, Blue and White» machte ein Film den Anfang, der die schwierige Situation von Osvaldo Ardiles und Ricardo Villa beleuchtet. Beide Argentinier spielten bei Tottenham Hotspur als der Falkland-Krieg ausbrach: Während zu Beginn die erfolgreiche Zeit beider nachgezeichnet wird (welche zum Beispiel auch zu einem klassischen Fussballsong geführt hat, «Ossie’s Dream»), werden die Zustände durch den Krieg komplexer und zusehends unhaltbar. Ein emotionales und berührendes Zeitzeugnis.

Diesen Themenblock schloss ein Film über arbeitslose Fussballer in Deutschland ab: «Zweikämpfer» feierte Schweizer Premiere. Bei der schwierigen Frage nach dem Zeitpunkt des Karrierenendes erkannten wir vom SENF-Team viele Parallelen zu unserem Interview mit Jörg Stiel (im SENF #06): Wie meistert ein Fussballprofi den Übergang, strukturiert seinen Alltag, wann ist der richtige Zeitpunkt, dem Game den Rücken zu kehren? Im Anschluss war Angelo Stomeo von der Swiss Association of Football Players (SAFP) zu Gast. Er sprach über die Situation in der Schweiz und legte dar, wie die SAFP Schweizer Fussballern Unterstützung bietet. Anhand des Beispiels von Adrian Winter betonte er die Wichtigkeit, am Ball zu bleiben. Winter hatte sich im Trainingscamp des SAFP fit gehalten, einen Vertrag in den USA bekommen und ist nun wieder zurück in der Schweiz.

Als Einleitung zur eigentlichen Finalissima am Samstag präsentierten Mämä Sykora und Sascha Török vom Fussballmagazin ZWÖLF allerlei Trouvaillen aus der «unheiligen Allianz zwischen den Königen Fussball und Fernsehen». Weil sie in einer stündigen Präsentation Highlight an Highlight reihten, ist es praktisch unmöglich, etwas darüber zu schreiben, was diesen gerecht werden würde. Wer dabei war, fand sich auf einer Reise durch die Vergangenheit, lachte zum Beispiel über die Trikots des FC Luzern aus der Saison 1970/71, hörte Alex Freis «Das isch emol ä Goal» (#Platzverweis) oder blickte in die Berichterstattung des Schweizer Fernsehens vor dem Cupfinal 1985, mit Matthias Hüppis Aargauer Socken (wie es Török nannte) und dem Torwandschiessen. Prädikat: Einmalig!
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Und zum Abschluss schloss sich der Kreis des Festivals mit «Zlatan – Ihr redet, ich spiele»: Es ging wieder nach Schweden. Im Film über Ibrahimovics jungen Jahre wurden Nuancen einer Person sichtbar, die wohl nur in solch frühem Filmmaterial zu finden sind. So erfuhren die Zuschauer zum Beispiel, dass Ibrahimovic als 19-Jähriger 350 Schulstunden verpasst hatte, ein Rekord. Seine Antwort dazu: «Ich habe einfach nur an Fussball gedacht, darum bin ich nicht hingegangen.» Ebenfalls einmalige Einsichten bescherte den anwesenden Gästen das abschliessende Gespräch mit Produzent Lennart Ström. Er beantwortete Fragen zur Entstehungsgeschichte des Films und schliesslich auch Fragen des Publikums. Ein überraschender und würdiger Abschluss des Tages und des Festivals als Ganzes.

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Während Kino in St.Gallen normalerweise etwa gleich spannend ist, wie die Champions League ab den Viertelfinals (ausser im Kinok ist nicht viel Neues zu erwarten, die Grossen machen das Geschäft), haben die vergangenen drei Tage gezeigt, dass auch unbekannteren und thematisch vielfältigeren Filmen eine Chance gegeben werden sollte. Die Fussballlichtspiele St.Gallen tun dies und vereinen vieles: ein ausgesuchtes Programm, abwechslungsreiche Zusatzveranstaltungen, eine Ausstellung (dieses Jahr mit Bildern von Manuel Stahlberger und vom tschutti heftli), ein durchmischtes Publikum und einen reibungslosen Ablauf. Fussball ist definitiv mehr als 11 gegen 11. Und manchmal eben auch ganz grosses Kino.


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Nach der 1:3-Niederlage gegen den FC Zürich im ersten Spiel nach der Winterpause entwickelte sich der Start der Saison 2005/06 doch noch gut. St.Gallen gewann in Aarau mit 4:1 und zuhause gegen Thun mit 5:1. Hutter & Mock machten sich auf dem Wasserweg auf zum Auswärtsspiel in Schaffhausen, wo sie einen weiteren Sieg der St.Galler zu bejubeln hofften.

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Hutter sah auf die Uhr, dann auf das grüne Ufer. Er sah weit und breit nichts von einer Stadt. Mock paddelte und plapperte. «Gleich sind wir beim Kloster Paradies, Hutter, und keine Stunde später sitzen wir schon auf der Breite. Es ist wunderbar!» Für Hutter war der Ausflug mit Mock und dem Gummiboot eine einzige Zwängerei. «Ich friere und langweile mich, wir sind zu spät und verpassen garantiert den Anpfiff. Aber Hauptsache, unserer Ruderer hat seinen Spass.»

Mock zog an einer Schnur, fischte eine Flasche Bier aus dem Rhein und reichte sie Hutter. «Wir haben vor einer Woche den FC Thun zerzaust, das sensationelle Thun, das nach dem Sieg gegen Dynamo Kiew überall ins Herz geschlossen wird. Aber auch auf dem Espenmoos wird wieder gelacht. Und darum wird in Schaffhausen alles rund laufen, Zuversicht, Hutter.» – «Und spätestens nach zwei Niederlagen in Folge ist die Party dann leider schon wieder zu Ende und die nächste mehrjährige Fastenzeit beginnt. Mock, woher nimmst du bloss deinen unglaublichen Optimismus?» Mock ruderte heftig, auf seiner Stirn perlte der Schweiss. Er strahlte: «Garat! Tönt doch genau so, wie ein Verteidiger zu spielen hat: Unerbittlich, kompromisslos und doch verführerisch wie ein seltenes Juwel. Bei Koubsky seh ich den tschechischen Europameister Ladislav Jurkemik vor mir und seine unerreichte Zuverlässigkeit. Cerrone – ein stürmischer Wirbelwind – zusammen mit Gjasula, Marazzi, Callà, den Routiniers Alex, Zellweger und Razzetti und dem Ballartisten Hassli ist der FCSG Ausgabe 2005 endlich wieder eine Mannschaft, glaub mir!»

Hutter streckte sich, schloss die Augen und versuchte sich zu entspannen. Mit Schaffhausen verband er keine guten Erinnerungen. Hier war St.Gallen der ungeliebte Favorit, dem man gerne ein Bein stellte und sich darüber ausserordentlich diebisch freute. Nicht ohne Grund: Wer auf dem Espenmoos nicht genügt hatte, durfte es in Schaffhausen probieren und war entsprechend motiviert. Eigentlich mochte Hutter solche Teams, nur blöd, dass es im Fussball immer nur drei Punkte zu verteilen gab, egal ob der Gegner sympathisch oder verhasst war.

Familie Mock hatte den Ausflug nach Schaffhausen genau geplant: Im Paradies steuerte Mock das Ufer an, auf dem Parkplatz verpackte Frau Mock das Schlauchboot im Kofferraum, während sich die beiden Fussballfans in ihre Arbeitskleidung stürzten.

Fünf Minuten vor Spielbeginn hatte das Trio die Plätze hinter dem Tor von Razzetti bezogen und nun strahlte auch Hutter. Bruno Sutter durfte den gesperrten Marazzi vertreten. Hutter nervte sich über die doofen Kommentare der eigenen Fans, die nur darauf warteten, dass Sutter möglichst viel misslang. Mock erklärte seiner Frau eine Halbzeit lang, wie all die neuen St.Galler heissen und woher sie kommen. «Jetzt gehts los», sang das St.Galler Jungvolk nach dem 1:0 von Gjasula und setze den FCSG bereits an die Tabellenspitze. Dann fällte der heissblütige Cerrone den wackeren Tsawa – rote Karte und plötzlich war es wieder wie all die Jahre zuvor. Mit Hängen und Würgen brachten die zehn Grünweissen nach dem 1:1 wenigstens einen Punkt ins Trockene. Hutter seufzte nach dem Schlusspfiff: «Alles wie gehabt.» Mock dagegen strahlte noch immer und überhörte Hutters Zweifel: «Ein Auswärtspunkt, wunderbar! Die Mannschaft hat Moral. Wir sind auf Kurs.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Parkplatz im Paradies» erschien anlässlich des Heimspiels in der fünften Runde der Saison 2005/06 gegen den FC Basel.

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Bild von Schaffhausen: CC BY-SA 3.0, Link

 


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Es war das wahrscheinlich wichtigste Spiel der letzten Saison. Am Pfingstmontag ging es gegen den direkten Konkurrenten und bekanntermassen mittlerweile abgestiegenen FC Zürich um den Ligaerhalt. Ein Mitglied des SENF-Kollektivs durfte dieses wichtige Spiel in der Loge des FCSG-Präsidenten Dölf Früh mitverfolgen. Ein Erlebnisbericht aus einer oft verhöhnten und dennoch sehr eindrücklichen Perspektive.

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Es gibt für alles ein erstes Mal. So ist es an diesem Montag nicht nur mein erster Matchbesuch mit meiner Mutter, auch sind wir eingeladen das Spiel in der FCSG-Loge mitzuverfolgen. Und schon bald merke ich, dass einiges anders laufen würde, als ich das von einem «normalen» Matchtag im Espenblock gewohnt bin. Angefangen bei der Kleiderwahl: Soll ich ein Hemd anziehen, um in der Loge nicht unnötig aufzufallen? Oder doch lieber traditionell mit dem Pullover des Fanclubs? Was wäre ich in diesem Moment doch um ein Kurven-SMS mit Dresscode froh gewesen. Schliesslich muss es der gemütliche, graue Pullover richten. Kurz darauf bin ich auch schon aus der Tür raus. Das Auto lasse ich wie immer stehen, auch wenn wir als VIP-Gäste einen Parkplatz in der Tiefgarage zur Verfügung hätten. Es sind noch zweieinhalb Stunden bis zum Match und an der Bushaltestelle treffe ich auf den ersten Gleichgesinnten. Es werde wohl ein schwieriges Spiel, der FC mache es gerne bis zum Schluss spannend, sagt er. Auf dem Weg zum Stadion macht sich dann der Hunger bemerkbar, hatte ich vor Vorfreude an diesem Tag noch gar nichts gegessen. Ein Abstecher zum Wurststand wäre dann aber wohl etwas verwegen, hatte die Einladungskarte doch ein viergängiges Menü versprochen.

Bei der Arena angekommen, gehts für einmal nicht zur grossen Treppe, sondern runter in die Tiefgarage. Beim VIP-Eingang erwartet uns ein Anblick, den man so beim Heimspiel nicht mehr gewohnt ist: Um reinzukommen, müssen wir anstehen. Zugegebenermassen nicht aufgrund von Sicherheitskontrollen, sondern wegen der beschränkten Kapazität der Aufzüge. Im Eingangsbereich – welcher gleichzeitig eine Art Trophäenraum (und kein Museum) des FCSG ist – tummeln sich bunt gemischte Leute; von älteren Ehepaaren über Familien bis zu Gruppen junger Herren ist alles dabei, was man auf den ersten Blick auch andernorts im Stadion antrifft. Der Lift bringt uns in den 5. Stock. Eine Dame des Catering-Services heisst uns willkommen und zeigt uns sogleich den Weg in die richtige Loge. Durch die Glasfront erhaschen wir den ersten Blick ins noch weitgehend leere Stadion, einzig die fleissigen Helfer des Choreo-Teams sind bereits da. Kurze Zeit später trifft auch Dölf Früh in der Loge ein, begrüsst jeden Gast persönlich und lässt eine kurze Ansprache zum Matchtag folgen. Es sei Usus, dass man in der Loge per Du sei, sagt Früh, als er die Runde vorstellt. Die Gäste des Präsidentenpaars sind an diesem Montag zwei Banker, ein Architekt, der Sohn eines (ehemaligen) Schweizer Rennstallinhabers, eine Mathelehrerin, die Wirtin vom Gäbris, der Marketingchef von FM1 mit Frau, zwei Vertreter von Jako, meine Mutter und ich. Früh hält fest, dass es wohl schöner wäre, hätte der FCZ erst nach dem Spiel gegen St.Gallen den Trainer gewechselt. Vor fünf Jahren hatte er ebendiesem neuen FCZ-Trainer, Uli Forte, gekündigt, und Forte dürfte wohl besonders motiviert sein, in St.Gallen sein Können zu zeigen. Dennoch sei man zuversichtlich und freue sich auf ein gelungenes Spiel.

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Nach der Ansprache wird die erste Vorspeise serviert; eine Herrlichkeit aus verschiedenen Salaten, Kräutern, Lachs, Nüssen und einem deliziösen Dressing. Danach brauche ich erst einmal eine Zigarette. Draussen auf dem Balkon komme ich mit Patrik ins Gespräch. Patrik ist Banker und ein guter Bekannter von Dölf. Schnell schweift das Gespräch auf mögliche gemeinsame Kontakte – zum Thema Fussball schaffen wir es nicht. Er bedankt sich für die Zigarette, und geht wieder rein. Ich bleibe noch auf dem Balkon und gehe auf die Wirtin und die Lehrerin zu. Die beiden Damen sind ebenfalls das erste Mal in der Loge und sind hell begeistert von der guten Sicht, welche der Balkon über das ganze Rund bietet. Claudia, die sympathische Wirtin vom Gäbris, kommt ins Schwärmen: Sie und Ihr Mann seien begeistert von den Fans. Es sei jeweils sehr eindrücklich zu sehen, welch tolle Stimmung der Espenblock während den Spielen erzeuge. Schade wiederum sei, dass der ganze Block oft undifferenziert als pöbelnder Haufen gewaltsuchender Idioten abgetan werde. Gleichzeitig sei es auch in der Loge nicht so steif, wie sich das manch einer im Espenblock vorstellt. Eine Mischung aus gutem Rahmenprogramm, feinem Essen und sympathischen Matchbesuchern. Nach dem Gespräch ist Zeit für die Suppe, wir gehen wieder rein. Ein weiterhin dicht gedrängtes Programm: Kaum ist die Suppe – eine etwas spezielle Zubereitung aus Klosterbräu – besiegt, kommt auch schon der Hauptgang. Währenddessen hat mir die nette Dame vom Catering unaufgefordert mein Bier aufgefüllt und ich gönne mir einen Schluck als Begleitung zum feinen Kalbsfilet. So lässt es sich aushalten.

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Nach dem Hauptgang ist Zeit für Fussball. Das Stadion hat sich gut gefüllt und das Programm des Arena-TV läuft auf Hochtouren. Zu diesem wichtigen Spiel hat sich der Espenblock eine Bären-Choreo einfallen lassen. Begleitet von grünem und weissem Rauch und lautstarkem Gesang, schaffen sie eine Gänsehautstimmung für den Einmarsch der Mannschaft. Ein schönes Bild, auch wenn sich wegen des Rauchs der Anpfiff um eine Minute verzögert. Das Spiel beginnt und sowohl die St.Galler als auch die zahlreich angereisten FCZ-Fans peitschen ihre Mannschaft mit einer Inbrunst voran, als gäbe es kein Morgen mehr. Eine würdige Stimmung für ein derart wichtiges Spiel. Zum subjektiven Wohlbefinden trägt auch die Sicht vom Logen-Balkon, auf welchem sich kurz vor Spielbeginn der vielgefragte Dölf Früh wieder zeigt, ihren Teil bei. Die Zürcher stehen hoch und kommen schnell zum ersten Gegenstoss, wirklich gefährlich wird es aber nicht. Die St.Galler holen direkt zum ebenfalls erfolglosen Gegenschlag aus. Nach einer intensiven Anfangsphase beruhigt sich das Spiel etwas. Ich beobachte Früh, wie er mit seinem Mobiltelefon die eine oder andere Nachricht beantwortet. Vielleicht eine Art der Stressbewältigung, die bei einem solch kapital wichtigen Spiel durchaus nachvollziehbar scheint.

Nach etwas mehr als einer Viertelstunde wird Salli im Strafraum von den Beinen geholt: Penalty. Früh geht direkt in die Loge, und betrachtet diese Entscheidung, wie auch viele andere, nochmals kurz auf dem Bildschirm. Dann läuft der Schütze zum Penalty an und trifft. 1:0, die Hütte tobt und die Fans zünden Pyros. Auch in der Folge ist St.Gallen klar besser als Zürich. Das lässt sich aus dieser Perspektive besonders gut beobachten. Zusammen mit meinem Nachbarn an der Glasbrüstung, Peter Weder vom Radio FM1, fachsimpeln wir über die «Löcher», welche sowohl im Spiel der Heim- als auch der Auswärtsmannschaft zu beobachten sind. Peter kennt sich aus und erklärt seiner Begleitung nebenbei kurz die Texte der Lieder, welche aus dem Espenblock zu hören sind. Währenddessen läuft das Spiel weiter. 40. Minute, ich habe kurz nicht aufgepasst, sondern Notizen gemacht: 2:0 durch Aratore. Die Hütte bebt. Ich springe rum und schreie alles raus, wie ich das aus der Fankurve gewohnt bin. Alle Gäste freuen sich über das erzielte Tor, werfen die Hände in die Höhe oder jubeln laut. Ganz so emotional wie im Espenblock wirds dann aber doch nicht. Verständlich. Danach ist Pause.

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Während der Pause wird das Dessert serviert. Dölf Früh nimmt sich Zeit und gesellt sich zu mir. Auf die Frage, was denn das Besondere an der Loge sei, betont auch er – berechtigterweise – die gute Sicht aufs Spielfeld: «Es ist natürlich nicht ganz so emotional wie im Espenblock, dafür hat man auch keine Fahnen, die einem die Sicht versperren.» Er freut sich, dass es mir in der Loge gefällt, und betont gleichzeitig: «Man muss sich aber auch bewusst sein, dass das hier pro Spiel 700 Franken kostet. Diesen Luxus verkaufen wir, das muss uns Geld in die Kasse spülen. Dafür können wir im Espenblock günstige Tickets anbieten.»

Nach dem Gespräch gehts wieder auf den Balkon. Neben mir lehnen Peter und seine Begleitung an der Glasbrüstung. Die St.Galler kommen stark aus der Kabine und fünf Minuten später macht Aratore den Sack zu: 3:0. Wir jubeln – und dieses Mal schlage ich sogar mit Peter auf das eben erzielte Tor ein. Fast wie im Block. Als ich ihn danach auf die gute Perspektive anspreche, meint Peter, es sei Fluch und Segen zugleich: «Man sieht die Löcher, regt sich dann aber auch umso mehr auf, wenn einer völlig im Schilf steht».  Dass man wegen dieser guten Sicht zum Experten wird, verneint er: «Im Stadion hat es 18’000 Fussballexperten. Klar, man kann das Spiel besser lesen, aber Fussballexperten sind wir ja alle.» Während Salli kurze Zeit später fast noch aus dem Abseits das 4:0 erzielt, unterhalten wir uns weiter über Team- und Einzelleistungen. Ein Gespräch, das ich mir so von diesem Matchbesuch nicht erwartet hätte. Weiter relativiert Peter die Vorurteile, dass es sich bei den Logen-Besuchern ausschliesslich um «Cüplitrinker» handelt: «Es gibt wohl Cüpli, wenn das jemand will, aber wichtig ist, es gibt auch Bier hier. Schlussendlich ist es eine sehr gediegene Art Fussball zu schauen. Man singt wohl nicht 90 Minuten, und trotzdem ist man sehr nah am Geschehen.» Dann ist das Spiel vorbei. Die Abstiegsgefahr ist abgewandt. Während sich das Stadion langsam leert, lauschen wir – nach einigen Tonproblemen – gespannt der Pressekonferenz. Dölf Früh bringt jedem nochmals ein Bier und stösst mit uns auf den «besten Tag der Saison» an. Ein unvergesslicher Matchtag, von dem die Erkenntnis bleibt, dass es nebst Essen und Sicht in erster Linie die Intensität und Art des Supports ist, welche den grössten Unterschied zum Spiel im Espenblock ausmacht. Es ist eine andere Art, den Match zu verfolgen, und trotzdem gehts bei den «Cüplitrinkern» wie bei den «Chaoten» im D um genau dasselbe: En Sieg für St.Gallä!


Drei weitere Perspektiven, aus denen man ein Fussballspiel verfolgen kann, finden sich im SENF #06 – Hüt isch Match. Zum Heft kommst du hier.


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Ich hatte mir das jetzt mal angetan. Wider besseren Wissens und gesunden Menschenverstands. Tatsächlich war ich ja ein bisschen erstaunt über mich selbst, dass ich mich überhaupt daran erinnert hatte…

CL-Pokal_David Flores Flickr_adapted

… naja, hatte ich. Und darum (und wohl auch aufgrund eines kleinen Teils morbider Neugierde) schliesslich die Auslosung der UEFA Champions League-Gruppenphase im Live-Stream mitverfolgt.

Nachdem ich alle technischen Hindernisse einmal überwunden hatte (der Flash Player wollte ein Update um 17.58 Uhr, zwei Minuten vor dem eigentlichen Start der Übertragung), ertönte sie zum Einklang: die Hymne, die einem sofort in die geschichtsträchtigen Stadien dieses Kontinents transportiert und an alle grossen Clubs der europäischen Ligen denken lässt. Beim «the chaaaaampions» ertappte ich mich dabei, wie ich wünschte, dass ich das doch auch einmal bei einem Spiel des eigenen Clubs hören würde.

Item, mindestens der unmittelbare Start war also besser, als ich es erwartet hatte, nachdem ich auf der Zugangs-Webseite vorgängig lesen konnte, dass die Stars langsam im Saal einträfen. Gespannt wartete ich, wie es denn nun weitergehen würde, so als Auslosungs-Zuschauer-Neuling. Schnell stellte sich heraus: Obwohl das Ganze um 18.00 Uhr hätte beginnen sollen, begann der eigentliche Vorgang erst gefühlte 20 Jahre später. Und dauerte noch einmal gefühlt so lang. Um 18.35 Uhr war ich nur noch froh, nicht im Saal sein oder mitfiebern zu müssen.

Denn auch das Überbrückungsprogramm, sicherlich zum Spannungsaufbau gedacht, hatte mindestens bei mir nicht den geringsten Erfolg. Vielmehr wirkte es wie leere Selbst-Beweihräucherung, die inhaltslos und vor allem mit viel Geplänkel Zeit zu schinden versuchte. Die Fragen der Moderatoren waren flach, die Antworten der Spieler ebenso – alles wirkte einstudiert und brachte keinerlei neue Einsichten: sogar die vermeintlich spontanen Witze der Fussballspieler, die geladen waren, um die Ziehung zu vollziehen, fielen bei allen ausser bei den Moderatoren durch.

Einen richtig faden Beigeschmack verlieh dieser Veranstaltung aber das Wissen um anstehende Änderungen im Modus der Champions League, welche seit heute auch kommuniziert sind. Nun haben sich Befürchtungen, dass genau die bereits jetzt am meisten von der Champions League profitierenden Clubs noch mehr profitieren würden, mindestens zum Teil bewahrheitet. Weiterer Kommerzausbau, eine Steigerung der Werbe- und TV-Einnahmen und schliesslich Gewinn-Maximierung scheinen zur Stunde bei der UEFA (und der FIFA) im Vergleich zum eigentlichen Spiel soweit im Vordergrund zu stehen, dass alles (selbst eine Auslosung) zur einträglichen Show verkommen muss. Am besten mit Vermarktungspotenzial im asiatischen Markt. Der Zweite der englischen Liga zieht dort halt mehr als der dänische Meister. Dass das mit einer Champions League wenig zu tun hat, scheint bei der UEFA niemanden zu stören. Die gerade laufende Zeremonie schien so wie ein weiterer Arm dieser Auswüchse – wenigstens bis zur Hälfte.

Nach der Ziehung liess ichs dann gut sein. Ich hatte genug gesehen, stellte vor der Wahl von Europas Fussballer des Jahres ab, wollte keinen Satz der ungelenken Moderatorin und des jovialen Moderators mehr hören und dachte für mich: Ja, so eine europäische Reise wäre ja schon was. Aber dem ganzen Zirkus auch einfach mal den Rücken kehren zu können, hat auch etwas für sich.

Wer im Detail nachlesen will, was sich am Modus der UEFA Champions League genau ändert, dem empfehlen wir den Artikel der Süddeutschen Zeitung.


Foto: David Flores, CC by 2.0 (adapted)


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Obwohl der FC St.Gallen am Samstag kein Spiel zu bestreiten hatte, war doch irgendwie Matchtag. Denn «Hüt isch Match» heisst die neueste Ausgabe des SENF. Am Release erzählte der Enkeln von Ky-Bun Park, wie ergriffen sein Grossvater war, als er vom neuen St.Galler Stadionname erfuhr.

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Am Samstag durften wir die mittlerweile sechste Ausgabe des SENF der Öffentlichkeit präsentieren. In der neusten Ausgabe haben wir uns mit den verschiedensten Facetten eines Heimspiels befasst und festgestellt, dass ein Matchtag eine Anhäufung von Ritualen ist.

Ähnlich verhält es sich mit dem Release einer neuen SENF-Ausgabe. Dass der offizielle Beginn eigentlich auf 20 Uhr angesetzt wird, jene Zeit aber stets um mindestens 15 Minuten nach hinten korrigiert werden muss, ist beinahe schon ein ungeschriebenes Gesetz.

Mit der Streetparade, dem Sur le Lac und der Präsentation des neuen SENF fanden an diesem Samstag gleich drei Grossanlässe statt, die sich gegenseitig Besucher streitig machten. Der unverhofft milde Sommerabend tat sein Übriges. Um die 40 Fussball- und Sprachinteressierte fanden sich aber dennoch im Fanlokal ein. Unter ihnen auch Ralph Weibel alias «dä vom OLMA-Video» und Ky-Bun Parks Enkel.

Die beiden waren die Hauptprotagonisten des Abends und erörterten die Vergangenheit des ehemaligen südkoreanischen Nationalspielers Ky-Bun Park, der neu als Namensgeber des St.Galler Stadions fungiert. FM1-Mann Weibel übersetzte Parks Ausführungen stilecht mit Kopfhörer, unsicherem Nicken und verzögerten Antworten. Parks Enkel erzählte davon, wie sein Grossvater nach Publikwerden des neuen Stadionnamens einen Hund verspeiste. Oder, dass Ky-Bun Park in Südkorea das sei, was in Argentinien Maradona, in Brasilien Pele und in Deutschland Beckenbauer sei. Die Lacher waren überschaubar. Aber nicht etwa, weil es an humoristischer Tiefe fehlte, sondern vielmehr, weil noch nicht jedem klar schien, dass sich wohlkalkulierte Fiktion abspielte.

Weitere Hintergründe zu Ky-Bun Parks St.Galler Vergangenheit und dessen Leben gibt es im neuen SENF zu lesen. Wir dürfen an dieser Stelle aber verraten: Vieles in der Biographie von Ky-Bun Park ist tatsächlich so geschehen. Nach dem Interview wurde im Fanlokal bereits eifrig gelesen und diskutiert. Über Hitzfelds Meinung zu Halbzeitansprachen, über den legendären Stadionspeaker Richard Fischbacher, über 90 Minuten im Espenblock. Besonders schön zu beobachten war es, wie Ralph Weibel und Jeong Soo Lee noch eine halbe Stunde zusammen an einem Tisch sassen und sich angeregt unterhielten.

Auch an diesem Abend war Rituelles auszumachen. Der Austausch über eben Erlebtes, untermalt von Musik und kühlem Bier – fast wie nach einem Spiel unseres FC St.Gallen.

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Zu kaufen gibts den neuen SENF unter diesem Link, aber auch an den Heimspielen des FC St.Gallen.