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Fussball ist Kultur, propagieren die Organisatoren der Fussballlichtspiele St.Gallen seit der ersten Durchführung im Jahr 2015. Auch im dritten Jahr in Folge ist es gelungen, dies mit einem vielfältigen Programm zu untermauern. Das Publikum scheint ebenfalls zuzustimmen: Das OK konnte einen Publikumsrekord vermelden. Wir waren auch bei der Ausgabe 2017 als Medienpartner vor Ort und haben eine Rangliste mit vier Highlights des Festivals erstellt: eines für jeden Festivaltag.

Tag 1, das Highlight zu Beginn:

In der Pause des Auftaktfilms, einem Dokumentarfilm über das Leben unseres Meistertrainers Marcel Koller, war ein weit verbreitetes Gesprächsthema die Aussage Kollers, ihm seien nach den Jahren bei den Grasshoppers bei seinen nächsten Stationen vor allem Unterschiede in Sachen Professionalität aufgefallen. Die Älteren unter unseren Lesern erinnern sich, Koller hatte nach Ende seiner Spielerkarriere und ersten Schritten als Assistenztrainer bei GC zuerst zu Wil und dann zu St.Gallen gewechselt, und hier teilweise kalte Duschen und Schnee auf dem Spielfeld vorgefunden. Unser erstes Highlight daher: die Szenen im Film, in denen Koller unsere ehemalige Spielstätte besucht und auf dem Weg erzählt, wie sie hier beim Restaurant am Eingang zur Haupttribüne «amel Boccia gspielt hend», und jeweils vor Spielen im Winter «am Schnee usehole gsi sind». In der Ostschweiz ticke man eben einfach ein bisschen anders, so Koller im Film.

Tag 2, Bullshit wird Bingo:

Als am anderen Ende der Stadt das Spielfeld des St.Galler Stadions während des Qualifikationsspiels der Schweiz gegen Andorra gerade zu versinken drohte, spielte man am Public Viewing der Fussballlichtspiele ein Spiel der etwas anderen Art. Für uns ist diese Variante, wie man ein Fussballspiel der Nationalmannschaft sehen kann, schlagartig zur favorisierten aufgestiegen: mit einer Bingo-Karte in der Hand, auf der sich mögliche Ausdrücke des Moderators zu einem grossen Ganzen zusammenfügen, dem Bullshit-Bingo. Klassiker wie «der Mann aus Sursee» finden sich ebenso darauf wie «Ronaldo-mässig» oder «Aufflackern von fussballerischem Können». Unser persönliches Highlight ist unter den gegebenen Wetter-Bedingungen aber ganz klar «rutscht im dümmsten Moment aus». Den flüssigen Hauptpreis (nein, keine Dusche im sintflutartigen Regen) hat übrigens ein Mitglied des SENF-Kollektivs gewonnen, was natürlich mit der Auswahl dieses Highlights überhaupt nichts – ÜBERHAUPT NICHTS – zu tun hat!

Tag 3, durch eine andere Linse:

Wer es nicht gesehen hat, hat was verpasst. Unser drittes Highlight stammt aus der Begleitaustellung Am Ball: Meister FC St.Gallen, wo Portraits der St.Galler Meistermannschaft zu sehen (und zu kaufen) waren, fotografiert von Franziska Messner-Rast. Während alle Portraits die Spieler in ungewohnter Umgebung zeigen, stellt dasjenige von Ivan Dal Santo, dazumal Schönling der Mannschaft, alle anderen in den Schatten – auch dasjenige unseres aktuellen Trainers. Diese Frisur. Dieser Blick. Diese Pose.

Tag 4, Abschluss-Furioso:

Während wir auch für den vierten Tag eine ganze Auswahl an Highlights zur Verfügung hätten (wer Shaolin Soccer noch nicht auf der Liste zu schauender Filme hat, sollte dies unbedingt nachholen – ein grosses Danke für den Tipp gebührt der Zwölf-Redaktion), ist unser letztes Highlight eines, das allgemein ausfällt.

Auch dieses Jahr hat das Organisations-Komitee es geschafft, in der Gestaltung des Festivals, in der Programmauswahl und im Zusammenstellen der Schwerpunkte neue Massstäbe zu setzen. Die Tages-Themen waren sorgfältig gewählt – vom Erfolg des Underdogs, zur Nationalmannschaft, einem Südamerika-Fokus und dem Traum vom Profi –, kleinere Produktionen erhielten genauso Raum wie grössere und Gespräche mit Regisseuren und Podiumsdiskussionen erlaubten das Aufgreifen zahlreicher Themen: Dies ergab erneut ein stimmiges Gesamtpaket. Mit 400 Eintritten gab es zudem einen Zuschauerrekord, auch auf dieser Ebene sind die dritten Fussballlichtspiele gewachsen. Unser Fazit ist darum auch in diesem Jahr wieder klar: Wir freuen uns schon jetzt auf die nächste Ausgabe.


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Vor rund zwei Jahren sorgte die Enthüllungsplattform «Football Leaks» zum ersten Mal für Aufsehen. Bis heute ist unbekannt, wer hinter dieser als Blog betriebenen Dokumentenablage steht. Journalisten, die einen Kontakt herstellen können, müssen mit dem Pseudonym John vorliebnehmen. So auch Rafael Buschmann und Michael Wulzinger, die den Whistleblower getroffen und vor kurzem das Buch «Football Leaks: Die schmutzigen Geschäfte im Profifussball» veröffentlicht haben.

John weiss Bescheid über Transfer-Summen, Löhne und Vertragsdetails der Fussballwelt. Über «die Schattenwelt der Branche», wie es im Klappentext des jüngst erschienen Buches heisst. Diese wird durchleuchtet wie noch selten zuvor. «Es sind legale, halblegale und vermutlich auch illegale Deals, der grösste Teil davon war bis zu den Enthüllungen nicht bekannt», schreibt die Journalistin Nicole Selmer in einer Rezension. Und weiter: «Die Enthüllungen der ‚Football Leaks‘ reihen sich ein in die Berichte über korrupte und korrumpierende Fussballinstitutionen und Akteure. Längst hat ein Gewöhnungseffekt eingesetzt, und diese Nachrichten werden allzu schnell mit einem Achselzucken hingenommen. Die Autoren fordern auch deswegen, dass der Fussball nicht sich selbst und seinen Regeln überlassen bleiben darf.»

Am 16. September 2017 ist einer der Autoren, Spiegel-Redakteur Michael Wulzinger, in St.Gallen zu Gast. SENF präsentiert eine Lesung mit Wulzinger. Er wird anschliessend in einer offenen Fragerunde Einblick in den Entstehungsprozess des Buches, die Recherchen und andere Themen geben. Die Veranstaltung startet um 19.00 Uhr im Bierhof in St.Gallen, der Eintritt ist frei und das Buch kann vor Ort erworben werden.


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Das Spiel zwischen Neuchâtel Xamax und dem FCSG musste 2006 in der Lausanner Pontaise ausgetragen werden. Im damaligen Ausweichstadion von Xamax in La Chaux-de-Fonds war zum Rückrundenbeginn noch nicht an Fussball zu denken. Hutter ergriff die Möglichkeit eines Auswärtsspiels in Lausanne und besuchte «den besten Fussballer anzutreffen, den die Stadt St.Gallen je hervorgebracht hatte».

Hutter zählte aus dem fahrenden Zug die Schneepflüge auf den Strassen. Bis Gossau hatte er es schon auf dreizehn gebracht. Mock lag im Tiefschlaf irgendwo zwischen Muolen und Untereggen – im Fasnachtskostüm unter einer Festbank. Der Neffe war mit dem Snowboard Richtung Berge verschwunden. Der Intercity überquerte die Sprachgrenze. Plötzlich hörte der Schnee auf und die Wiesen wurden grün. Hutter stieg in Lausanne aus dem Zug und suchte die Bar de Rosemont gegenüber der Hauptpost. Dort drin hoffte er : Richard Dürr!

King Richard war beim SC Brühl gross geworden und nach einem Abstecher zu den Young Boys 1961 bei Lausanne-Sports gelandet, wo er neun Saisons lang spielte. Dürr war der Regisseur im Team der blauweissen Könige der Nacht, die im Flutlicht so traumhaft aufspielten. Da konnten welsche Journalisten noch so lange über den jämmerlichen und rustikalen Fussball in der Ostschweiz lamentieren – einer der grössten Fussballer in Lausanne war ausgerechnet ein waschechter St.Galler, der auf Drei Weiern und im Krontal zum technisch versierten Fussballer geworden war und am Ball einfach alles konnte.

Dürr begrüsste den Gast aus der Ostschweiz warmherzig und wunderte sich über den Grund der Reise: «Xamax – St.Gallen auf der Pontaise? Habe ich nicht einmal mitbekommen.» – Hutter lieferte Dürr die Stichworte und dieser begann zu erzählen: «Der Sitzstreik von Lausanne im Cupfinal gegen Basel? Der Schiedsrichter wurde nach dem Spiel in die vierte Liga zurückversetzt, das sagt alles aus über seine Leistung.» – Hutter staunte über die Wimpel an den Wänden: Real Madrid, Barcelona und mitten drin der SC Brühl. Dürr war 1966 sogar auf einer saudiarabischen Briefmarke erschienen, anlässlich seiner WM-Teilnahme mit der Schweiz, wo er überraschend gegen England spielen musste. «Köbi Kuhn wurde suspendiert, weil er abends mit ein paar Engländerinnen losgezogen war!»

Hutter hatte die Zeit vergessen, noch 10 Minuten bis zum Anpfiff. Dürr lobte Gérard Castella: «Ein bescheidener Trainer, der sich nie in den Vordergrund stellt.» – Dann schob er einem Stammgast seine Autoschlüssel zu und Hutter wurde direkt vor den Stadioneingang der Pontaise gefahren. Er stieg die Treppen zur eleganten Haupttribüne hinauf und staunte über die schweren Eichentüren, die ihn an ein Theater erinnerten. Das Stadion war fast leer und das Spiel vielleicht auch darum so aussergewöhnlich: Hier waren alle Fans an einem Auswärtsspiel. Die rotschwarzen Neuenburger verfolgten den grünweissen St.Galler Alex und versuchten vergeblich, ihn am Torschuss zu hindern. 0:1 in der ersten Minute! Hutter hörte den Torjubel der St.Galler Spieler bis unter das Dach der Haupttribüne. Auf der leeren Gegentribüne leuchtete das blauweisse Klubemblem von Lausanne. Hutter schrieb Mock ein SMS: «Guter Ort, dieses Lausanne. Höchste Zeit, dass die Blauweissen ins Oberhaus zurückkehren.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Chez Richard» erschien anlässlich des Heimspiels in der 22. Runde der Saison 2005/06 gegen die Berner Young Boys.

Hutter & Mock


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Wer hierzulande an Fussballfans in Asien denkt, der landet meistens bei chinesischen Fans, welche die Spieler des FC Bayern München bei der Ankunft zu ihrer China-Tournee bejubeln. Dabei geht vielfach unter, wie kreativ und spannend asiatische Fanszenen sind. Um das bekannter zu machen, haben Daniel Polomski und Tobias Enkel Football Fans Asia gegründet. Sie dokumentieren Spiele, Fanszenen und einzelne Gruppierungen aus verschiedenen asiatischen Ländern und geben so Einblick in eine in Europa bisher wenig bekannte Welt der Vielseitigkeit.

Ähnlich entstanden wie die Fussballlichtspiele St.Gallen – aus einer Bieridee – gibt es Football Fans Asia seit 2016. Bobotoh, der erste Kurzfilm über die Fans eines indonesischen Clubs, läuft am kommenden Samstag am Festival. Wir haben Daniel Polomski getroffen und mit ihm über den Film, asiatische Fanszenen, Football Fans Asia und Sepak Bola – also Fussball – gesprochen.

SENF: Bobotoh hat die Fans von Persib Bandung zum Thema. Warum habt ihr genau diesen Club und diese Fans für euren ersten längeren Film ausgesucht?

Polomski: Wir waren vorher schon oft in Indonesien beim Fussball und über das Spiel Persib Bandung gegen Persija Jakarta wird medial am meisten berichtet, es ist omnipräsent. Es ist das Spiel, an dem seit Jahren die Auswärtsfans nicht zugelassen werden. Diese Verbote gibt es, weil leider auch Personen sterben. Die Mannschaften des gegnerischen Teams werden teilweise in gepanzerten Fahrzeugen aufs Spielfeld gefahren, weil sie sonst gefährdet wären. Persib Bandung gegen Persija Jakarta wird der «Indonesische Classico» genannt. Und dann kam ehrlich gesagt ein Zufall dazu. Als wir überlegten, dass wir ein solches Projekt machen möchten, war es einfach auch das nächste interessante Spiel in Südostasien, welches wir sehen konnten.

SENF: Verschiedene Elemente aus dem Film widerspiegeln Elemente europäischer Fanszenen sehr stark. Was sind Hauptorientierungspunkte der Fans oder Fanszenen, welche ihr begleitet habt?

Polomski: In Indonesien ist Italien das Vorbild. Ganz klar. Als begonnen wurde, Fussball in Indonesien zu zeigen, gab es nur die Bildrechte für die Serie A. So hat jeder Indonesier ausschliesslich die Serie A gesehen, wenn er Profifussball aus Europa schauen wollte. Da kommt dieser ganze Ultra-Gedanke her, die Indonesier haben das als Inspiration genommen. In Bandung, wo unser Erstlingsfilm herkommt, ist das ein bisschen anders. Es gibt nur eine kleine Gruppe, die in einer ganz anderen Ecke im Stadion steht und den komplett italienischen Stil fährt. Und oft nennen Fans auch türkische Vereine, meistens Galatasaray Istanbul, als Vorbild.

SENF: Wie äussert sich diese starke Orientierung an Italien?

Polomski: Sehr viele Fahnen, ein komplett geschlossener Support. Die Fans machen 90 Minuten ausschliesslich, was der Capo sagt. Nichts Anderes. Bei PSS Sleman, wo wir gerade waren, einem Zweitliga-Verein, geht das sogar so weit, dass sie vor dem Spiel nichts Scharfes essen und keine kalten Getränke zu sich nehmen sollen, weil das auf die Stimme geht. Das sind ungeschriebene Gesetze. Und 90 Minuten Dauersupport ist dann tatsächlich auch zu beobachten. Es ist nicht bloss ein Ideal, an das man heranzukommen versucht. Wenn man da ist, sieht man, dass das genau in der Form funktioniert. Für uns war das das Beeindruckendste: Sie ziehen wirklich 90 Minuten komplett an einem Strang.

SENF: Und was sind merkliche Unterschiede zu europäischen Szenen?

Polomski: In Sleman geht alles, was im Brigata Curva Sud Shop, dem Ultras-Shop, verkauft wird, zu 100 Prozent an den Verein. Wenn sie Choreographien machen, sammeln sie im Stadion unter sich noch einmal extra. Das ist einer der grössten Unterschiede zu Europa. Ein weiterer ist die Organisation der Fans. Viele Jobs, welche in Europa von Sicherheitskräften ausgeübt werden, von der Polizei oder privaten Sicherheitsdiensten, werden von den Fans übernommen. Wenn du hier oder in Deutschland mit Bussen auswärts fährst, wirst du von Polizisten eingerahmt und auf eine Raststätte gezogen, sobald die Polizei mitkriegt, dass die Fanszene von XY auf der Autobahn in diese Richtung fährt. In Indonesien ist das überhaupt nicht der Fall. Die Fans sind komplett sich selbst überlassen. Wenn sie durch gefährliche Gebiete von rivalisierenden Fanszenen fahren, wird vorher der komplette Konvoi angehalten, es wird mit Funkgeräten koordiniert, wie sie durch die Stadt fahren, und jedes Auto hat seinen korrekten Platz. Mit absolut minimaler Polizeipräsenz, auf externe Kräfte legt da niemand wert.

SENF: Gibt es länder- und szenespezifische Einflüsse, wo eine eigene Identität erkennbar wird bei den Szenen?

Polomski: Auf jeden Fall. In Indonesien geht Fanszene-technisch wohl am meisten. Obwohl sie viele Gesänge kopieren, haben sie trotzdem lokale Gesänge und Kulturgüter. Sie bringen Dangung – eine traditionelle zentral-javanische Musikform, Lieder und Rhythmen – genauso ein wie europäische Gesänge und bewahren ihre lokale Kultur. Und Indonesien ist ein riesiges Land, es gibt auch regionale Einflüsse. Die Vereine sind wahnsinnige Identitätsanker. Egal wo wir als Football Fans Asia hingefahren sind, wenn wir die Menschen gefragt haben, was der Verein für die Stadt bedeutet, was die Stadt für den Verein bedeutet: Das geht immer Hand in Hand. Das ist untrennbar verbunden und der Fussball ist wahrscheinlich jeweils der Hauptidentitätsmarker.

SENF: Wie müssen wir uns die Zusammensetzung einer Kurve in Indonesien vorstellen?

Polomski: Jünger. Wenn ich ein Wort wählen müsste, dann jünger. Es ist beeindruckend, wie viele junge, motivierte Menschen dort sind. In europäischen Stadien sieht man immer noch die Väter, die ihre Töchter und Söhne zum Fussball gebracht haben, in den Kurven stehen. Das hat man in Indonesien und Malaysia kaum. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass es noch eine relativ neue Subkultur ist und vielleicht die erste Generation, die diese entwickelt.

SENF: Mit Football Fans Asia dokumentiert ihr Teile dieser Subkulturen, ihr macht das ehrenamtlich. Was ist eure Grundidee und was sind eure nächsten Projekte?

Polomski: Wenn man in Südostasien unterwegs ist, haben die Menschen unglaublich Ahnung vom europäischen Fussball. Am meisten natürlich von der Premier League, weil sie damit auch viel Geld verdienen, Fussballwetten sind richtig gross. Dann von populären Vereinen, die oft gewinnen. Aber selbst wenn man vom HSV spricht, können die Menschen das zuordnen. Wenn man in Europa jemanden nach Persib Bandung fragen würde, würde keiner auf die Idee kommen, wo das in Java ist. Das hat uns sehr beeindruckt. Und deswegen wollten wir ein Projekt starten, das Fussball-Interessierten aus ganz Europa ermöglicht, sich über solche Dinge informieren zu können.

Aktuell planen wir einen etwas längeren Film über den Port FC aus Bangkok, um die 45 bis 60 Minuten. Wir haben viele Kontakte in Bezug auf die Verbindung vom Club zu den Slums, zum Beispiel ein 14-jähriger Rapper, der in den Slums gross geworden ist und Musik für den Club macht. Oder Personen, welche ähnliche Projekte wie „Humans of New York“ machen, ein Thailänder macht nach dieser Vorlage „Humans of Thai Port“. Es gibt ein unglaublich grosses Engagement für diesen Verein in der Szene und wir wollen eine solche Dokumentation jetzt in den nächsten Wochen in Angriff nehmen.


Wer nach diesem ersten kurzen Einblick in eine diverse und faszinierende Fussballwelt in Südostasien mehr erfahren möchte, dem sei der Kurzfilmblock an den Fussballlichtspielen St.Gallen, am Samstag, 2. September, empfohlen. Beginn ist um 15.00 Uhr, Bobotoh wird gezeigt und Daniel Polomski wird anwesend sein. Wer sich ausserdem weiter über die laufenden Projekte von Football Fans Asia informieren möchte, kann dies via Facebook, Youtube, Instagram, und Twitter tun.

Die dritten Fussballlichtspiele St.Gallen starten am kommenden Mittwoch, 30. August, und dauern bis Samstag, 2. September. Nebst dem erwähnten Kurzfilmblock bietet das Programm auch dieses Jahr mehrere Highlights: so zum Beispiel eine Weltpremiere mit der Dokumentation über unseren Meistertrainer, Marcel Koller, oder die Schweizpremiere von Pelé: Birth of a Legend (hier ist das volle Programm zu finden). T minus 2 Tage: Die Vorfreude steigt!


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Wäre Fussball Musik, wären die ersten Klänge des neuen FCSG-Albums noch etwas unsauber. Aber mit Potenzial. SENF analysiert den Saisonstart und die Musiker.

Jedes Fussballspiel hat einen gewissen Sound. Die spannenden Begegnungen sind laut. Latenter Olma-Geräuschpegel, Szenenapplaus, überraschter Aufschrei, nervöses Knistern in Strafraumnähe, lautes Zurückweichen der Sitzschalen bei plötzlichem Aufstehen, kollektives Schreien. Auch am Fernseher singt das Spiel ein Lied. Durch die Lautsprecher hallt das hoffnungsvolle Anfeuern bei vielversprechendem Ballgewinn, der Kommentator hebt die Stimme und beschleunigt die Wortkadenz, die Gespräche vor dem Bildschirm weichen dem ungeduldigen Fingernägelkauen.

Die rockigen Spiele – vorbei?

Viele Partien jedoch klingen mittlerweile ähnlich. Ähnlich leise. Die Mutation vom Fussballverein zum globalen Unternehmen hat vor allem im internationalen Kräftemessen einen äusserst vorhersehbaren Klangteppich erzeugt. Das Ergebnis: Mit einigen wenigen Ausnahmen – blaue Füchse und zweikampfbrünstige spanische Hauptstädter – geben die Immergleichen den Ton an. Aber es gibt sie noch, diese rockigen Spiele. Auch in St.Gallen. Als man Sitten am zweiten Spieltag überzeugend 2:0 bezwang, war es laut. Der Konter kurz vor Schluss zur Entscheidung hörte sich wunderbar an. Die Instrumente harmonierten. Barnetta sah den freien Raum, in welchen Aratore stiess, der wiederum Ajeti im Fünfmeterraum bediente.

Doch seit diesem Sieg über die Walliser sind die Spiele des FCSG nicht mehr laut. Besonders die Schlussphasen gegen Luzern und GC waren enttäuschend, wobei natürlich nicht der einmal mehr lächerlich leere und entsprechend stimmungslose Letzigrund gemeint ist, sondern die Abstinenz dieser überraschten Aufschreie. Es gab schlicht keinen Anlass dazu. Dafür waren die letzten Auftritte des St.Galler Ensembles zu uninspiriert, zu mutlos, zu leise.

Klar sind fünf gespielte Runden nur überschaubar aussagekräftig. Das fachmännische Auge versucht, Tendenzen zu erkennen, mindestens aber am Stammtisch bereits Erwähntes auf Papier zu bringen. Und wenn ein Spiel Musik macht, dann wäre eine Saison ein Album. Den Opener hätten wir uns entsprechend schon angehört. Klar, da warten noch viele andere Songs, doch lässt uns das Anfangsstück erahnen, wie der Rest aussehen könnte.

Ouvertüre: die Identifikationsfigur

Dem FC St.Gallen ist der Opener – trotz einiger Durchhänger – insgesamt nicht allzu schlecht geglückt. Kein glorioses Politik von Coldplays damaligem Meisterwerk A Rush of Blood to the Head, aber immerhin. Betrachten wir uns den Start etwas genauer.

Daniel Lopar im Tor ist eine Identifikationsfigur, und die sucht man vielerorts händeringend. Am Rheinknie stattete man einen verspielten Argentinier mit jenem Emblem aus, da es wohl auf dem Platz an Optionen mangelte. Die Identifikationsfigur Lopar ist gut auf der Linie, nach wie vor aber etwas unbeholfen mit dem Ball am Fuss. Umsichtige Verantwortliche dürften sich allmählich nach einem technisch versierteren Nachfolger umsehen. Die wahre Identifikationsfigur Lopar verabschieden wir dann dereinst im letzten Heimspiel der Saison gegen den FC Basel mittels Platzsturm. Dangge, Dani!

Mit Ersatzkeeper Stojanovic steht bereits ein durchaus fähiger Mann mit langfristigem Vertrag bereit. Ein Modell, wie man es in Luzern oder Bern praktiziert, scheint nicht allzu abwegig.

Verteidigung: Dissonanzen ums System

Lopars Defizite im Umgang mit dem Plastik werden mitunter durch eine der augenscheinlichsten spielerischen Änderungen seit dem Amtsantritt Giorgio Continis offenbart: dem Spielaufbau. Selbst bei hochstehenden gegnerischen Angriffs- und Mittelfeldreihen verlangt Contini, den weiten, oftmals ziellosen Ball zu unterlassen und stattdessen über die Verteidiger flach aufzubauen.

Der Match im Letzigrund förderte auch die Erkenntnis zutage, dass Alain Wiss für jenen spielerisch ambitionierten Aufbau wesentlich ist. Der Widersacher hat einzig den Passweg zum derzeitigen Sechser Peter Tschernegg zu blockieren, um die Spieleröffnung in den Aufgabenbereich der St.Galler Verteidigungsreihe zu befördern. Doch dort tun sich die meisten grün-weissen Defensivprotagonisten schwer, einen sinnvollen ersten Ball zu spielen. Ausser eben der unter Joe Zinnbauer kaum mehr berücksichtigte Wiss.

Will man die Defensive beurteilen, muss man immer auch die Frage nach dem System beantworten. Die Dreierkette wartet mit anderen Aufgaben auf als die Viererkette. Contini startete die Spielzeit mit Viererkette, wo der solide Neuzugang Philippe Koch rechts begann. Für die Dreierkette, auf die Contini mittlerweile umgestellt hat, ist Koch nicht prädestiniert, da es ihm an Offensivdrang fehlt. Über jenen verfügt der fleissige und ungleich flexiblere Andreas Wittwer, der in beiden Systemen Platz findet.

Karim Haggui mimt wie gewohnt den erfahrenen Leitwolf mit Stärken im Zweikampf hoch wie tief, mit Schwächen aber im Stellungsspiel und bezüglich Geschwindigkeit. Bei Silvan Hefti erhofft man sich den nächsten Schritt, wenn auch damit zu rechnen ist, dass der 19-Jährige bei Erfüllung dieser Hoffnung kaum zu halten ist. Der jüngste Neuzugang Yrondu Musavu-King ist erst einmal für Grün-Weiss aufgelaufen. Eine kräftige Erscheinung, dessen fehlende Spielpraxis beim 0 : 2 erbarmungslos aufgedeckt wurde. Mal sehen, ob sich der Gabuner steigern kann.

Gedämpfter Optimismus im Talentschuppen

Im Mittelfeld zählt Tschernegg zu den Gewinnern der Startwochen. Der Österreicher ist ein umsichtiger Ballverteiler, der glücklicherweise nicht unter der im Fussball weitverbreiteten Krankheit der Selbstüberschätzung leidet. Tschernegg macht das, was er kann: einfache Bälle spielen. Der unsägliche Berlin-Mitte-Pferdeschwanz ist sein einziges Zugeständnis an den Übermut. Ansonsten meist angenehm unaufgeregt, wenn er den Ball hat. Spannend zu beobachten dürfte sein, was Contini macht, wenn Captain Nzuzi Toko zurückkehrt. Toko ist ein anderer Spielertyp. Eher Abräumer als ruhiger Ballverteiler. Man kann dies auch als Chance begreifen.

Tscherneggs Mittelfeldgenosse Stjepan Kukuruzovic ist ebenfalls neu beim FC St.Gallen, zeigt sich aber unauffälliger. Obwohl der Neuzugang aus Vaduz immer beginnen durfte, ist er noch kein federführender Akteur im St.Galler Mittelfeld. Es scheint, als suche der 28-Jährige noch nach einer sinnvollen Balance zwischen defensiver Kontrolle und offensivem Kreieren.

Bei Yannis Tafer oder Danijel Aleksic bemühen wir uns nun schon länger, Optimismus walten zu lassen. Kein naives Vorhaben, sind die beiden doch überdurchschnittlich talentierte Fussballer.

Das bekannte Dogma, dass Talent alleine eben nicht alles sei, greift zu kurz und gehört zurück in den Sprüche-Baukasten von Trainern. Eine solche Aussage steht externen Beobachtern nicht zu, da sie zwischen den Zeilen fehlenden Fleiss unterstellt. Gleichwohl gehört es zu den Aufgaben eines hoch veranlagten Spielers, diese Fertigkeiten auch in Wettkampfmomenten abrufen zu können. Sowohl bei Tafer als auch bei Aleksic sind solche Augenblicke äusserst rar. Ob Contini den beiden zur ersehnten Konstanz verhelfen kann? Bei Aleksic zumindest sind Fortschritte sichtbar.

Fortissimo – manchmal – im Sturm

Bei Nassim Ben Khalifa scheint man ähnliche Symptome auszumachen. Zweifelsfrei ist der weitgereiste Romand ein Spieler, der Intelligenz, technische Raffinesse und einen guten Abschluss mitbringt. Dass er trotz U17-Weltmeistertitel und Bundesliga-Verträgen mit 25 beim FC St.Gallen spielt, spricht allerdings nicht für die erfolgreiche Umsetzung der genannten Attribute. Auch hier ist Contini gefordert. Ben Khalifa wirkte in seinen bisherigen Einsätzen teilweise etwas isoliert.
Roman Buess ist ebenfalls eine Alternative im Sturm. Er ist ein anderer Stürmertyp als Ben Khalifa. Nicht so kombinationssicher, dafür aber physisch robuster. Einer, der sich aufreiben kann im Zweikampf mit gegnerischen Verteidigern, um Räume zu schaffen. Dass man auf der Stürmerposition verschiedene Spielertypen hat, spricht auch für den ehemaligen Sportchef Christian Stübi, der den Kader nachvollziehbar verstärkt hat.

Anders als Tafer und Aleksic präsentieren sich da die nicht minder talentierten Marco Aratore und Albian Ajeti. Den beiden gelingt Bemerkenswertes: Selbst an schwachen Tagen gibt es diese einzelnen Augenblicke, in denen sie offensiv Vielversprechendes kreieren. Insbesondere Ajeti schafft es stets, sich in ein Spiel zu kämpfen. Notfalls lässt er sich fallen und sichert sich im Mittelfeld Berührungen mit dem Spielgerät, um initiierend auf das Spiel einwirken zu können. Es ist wohl die seltene Melange zwischen kraftvoller Kampfeslust und beachtlichen technischen Fähigkeiten, die den Stürmer so begehrt machen. Beide sind derzeit Fixstarter. Aratore stand sogar trotz vorhandener Alternativen auf den Flügelpositionen in sämtlichen fünf Partien in der Startelf. Wie im übrigen auch naturgemäss Lopar, Haggui, Tschernegg und Kukuruzovic.

Der zündende Refrain fehlt

Ein richtiges Gerüst, einen verlässlich guten Refrain, hat Contini bislang aber noch nicht gefunden. Im FC St. Gallen hatte man eines in der Meistersaison. Man hatte im Herbst 2007 eines, als man mit Philippe Montandon, Marcos Gelabert und Francisco Aguirre zwischenzeitlich vom Leaderthron grüsste. Und man hatte mit dem zurückgekehrten Montandon, Stéphane Nater und Oscar Scarione eines, als man furios kontinentales Berufsreisen erreichte.

Das mag daran liegen, dass mit Anführer Toko ein Baustein dieses Gerüsts noch einige Wochen fehlt. Das liegt mutmasslich aber auch daran, dass es Tranquillo Barnetta (noch) nicht schafft, unverzichtbar für diese Mannschaft zu sein.

Dies gründet womöglich darauf, dass Contini rotierte. Im Falle des GC-Spiels tat er dies auf vier Positionen. Für Wohlwollende erscheint dies sinnvoll, da eine englische Woche mit zwei Auswärtspartien an die Substanz geht. Andere werden anmerken, dass sich so kaum Automatismen erarbeiten lassen. Nur: Contini liess die Startelf einzig vor dem Luzern-Spiel unberührt. Und prompt verlor der FCSG nach seltsam lethargischer Vorstellung 0:2. Rotation muss also nicht schlecht sein.


Dieser Beitrag erschien am 24. August 2017 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv kommentiert dort in der Rubrik «Am Ball» das Geschehen auf und neben dem Platz.