Am 20. März 2005 gewann der FC St.Gallen zum letzten Mal in Bern. Hutter & Mock waren nicht vor Ort, aber trotzdem dabei.

Hutter und Mock

Hutter hoffte auf den grossen Coup: beruflich, privat, sportlich. Seine persönliche Erfolgsbilanz war niederschmetternd: Seit fünfzehn Jahren versuchte er vergeblich, den geklauten Globus aus Zürich zurückzuholen in sein Museum. 0:1. Seit zehn Jahren wünschte er sich vergeblich, dass Tanja nach St.Gallen zog und mit ihm zusammen eine Familie gründete. 0:2. Seit drei Jahren hoffte er vergeblich, dass der FC St.Gallen auswärts so auftrat wie zu Hause. 0:3. Hutter sass in seinem Wohnzimmer und feierte zusammen mit seinem Neffen Geburtstag. Sie spielten «Eile mit Weile». Hutter lag im Hintertreffen, sein zwölfjähriger Neffe kannte kein Erbarmen und schickte ihn konsequent zurück an den Start. Im Radio berichtete Toxic.fm direkt aus dem Berner Neufeld: «Die blonde Mähre Bruno Sutter ist ein ständiger Unruheherd in der St.Galler Verteidigung. Er hat und gibt sich Mühe. Aber besser einmal auffallen als nie: Warum nicht mit einer gelben Karte!» Hutter traute seinen Ohren nicht. Bei «Sport und Musik» hatten die Reporter auf Radio Beromünster einst Dramen erzählt, Heldensagen aus der Hölle St.Jakob, aus dem Hexenkessel Tourbillon und von den wunderbaren «Prinzen der Nacht» aus Lausanne. Toxic.fm war bekifftes Radio für Fussball-Fans unter sechzehn. Hutter wechselte die Frequenz.

Sein Neffe feierte den «Eile mit Weile»-Sieg mit einem Computer-Spiel. Hutter blätterte in den seltsamen Briefen, die er in den letzten Wochen erhalten hatte: «Die Liga gegen das Rauchen möchte sie auf eventuelle Spätfolgen hinweisen, die sich im gewiss kommenden Alter zeigen werden – vielleicht ist es dann zu spät –, möchten aber den Teufel nicht an die Wand malen und hoffen, dass wir sie an einem Nichtrauchertreffen einmal persönlich kennen lernen dürfen.» Hutter trank Alkohol, er war Fan des FC St.Gallen, er hatte offensichtliche gesundheitliche Risiken – aber er rauchte nicht! Wer kam auf die Idee, ihn nikotinfrei und endlich glücklich zu machen? Sein Neffe tippte ihm auf die Schuler. «0:1, Freistoss von Julio Lopez aus dreissig Metern.» Hutter öffnete ein Vollmond-Bier, wartete auf den YB-Ausgleich und las eine Geschichte mit dem Titel «Zweni Alouf» – nichts über Zinedine Zidane, sondern eine Nachricht vom 61-jährigen YB-Fan Ernst Burren. «Bi de Juniore hani immer aui Penautine gschosse. I ha jede versänkt. I ha aber ou immer gnue Alouf no. D Delia hät nüt vo Schutte wöue wüsse. Aber woni im letschte Lehrjohr s Schutte wäge ihre ha ufgä, isch si gli druf mit emene angere gange»: So wie Burren wollte Hutter alt werden: «Bin YB-Fan seit 1957. Ein primitives Interesse, ich bringe es einfach nicht weg. Zu meiner Frühpensionierung haben sie mir einen YB-Dress, einen Schal und ein Chäppi geschenkt. Als ich mit dem ankam, fanden das meine Freunde so blöd, dass ich es in der Halbzeit wieder abgezogen habe.»

Hutter dachte an Mock, der gerade in diesem Moment seinen Kaninchen die ersten frischen Löwenzahnblätter durchs Gitter schob, denn dank Merenda (auf Pass von Sutter) und Pavlovics Tor des Monats führte St.Gallen in Bern schon 0:3 und Hutter stellte sich Ernst Burrens Ärger vor. «Nei! Usgrächnet gägä Sangauä!» Er fragte seinen Neffen, ob er Lust habe auf eine Pizza. Sie schlenderten locker die Marktgasse hinab und hatten keine Ahnung von YBs Anschlusstreffern zum 2:3. Beim Kino Scala fragte Hutter den Neffen: «Wenn Träume fliegen lernen, Renn Zebra renn, Die Tiefseetaucher oder Die wilden Kerle. Was willst du zum Geburtstag?»

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog. Zu den Magazinen gehts hier lang, zu der Rubrik auf dem Blog hier lang.

Die aktuelle Episode «Zweni Alouf» erschien anlässlich des Heimspiels am 26. Spieltag der Saison 2004/05 gegen den FC Zürich.

Hutter & Mock

Schreibe eine Antwort

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> 

Erforderlich