Was ist der Neue beim FCSG eigentlich für ein Typ? Einer mit Ecken und Kanten, der nach Emotionen giert. Könnte also zum Verein passen.

Joe Zinnbauer

Eigentlich waren wir uns ja sicher: Die dunklen Rauchschwaden beim Auswärtsspiel in Basel stellten die obligate Begleiterscheinung einer Papstwahl dar. Oder entsprechend dem St.Galler Pendant in jenen Tagen: der Trainerwahl.

Womöglich symbolisierten die unzählig in die Höhe gereckten Fackeln aber auch einfach Zündhölzli. Unter Saibene schien die Reiboberfläche zuletzt hart abgenutzt. Heftiges «Zöseln» in den Jahren 2011, 2012 und 2013 sowie im Herbst 2014 hatte dazu geführt, dass nur noch grauer Karton übrig blieb. Das Hölzli entzündete sich nicht mehr. Es war Zeit für ein neues Schächteli.

Passt Joe zu uns?

Dieses präsentierte die St.Galler Führung vor einer Woche mit Josef «Joe» Zinnbauer. Eine überraschende Lösung, waren doch zuvor viele andere Namen gehandelt worden. Dennoch ist es eine Lösung mit Weitsicht.

Auf den ersten Blick bringt Zinnbauer Bundesliga-Glamour und Nachwuchserfahrung mit. Zudem dürfte das finanzielle Risiko überschaubar sein, da die Espen Zinnbauer von einer Regionalliga-Mannschaft weg verpflichteten.

Aber passt das? Das mit unserem FC St.Gallen und dem Neuen, mit Joe?

Er habe «Feuer gefangen», als er sich den Verein näher ansah. Der FCSG scheint für den Emotionsmenschen Zinnbauer Sinn zu machen. Man betrachte die ruhmreiche Historie des FC St.Gallen, der eine Pionierrolle einnahm, um den Fussball in der Schweiz zu etablieren. Und man betrachte das Stadion, das – trotz Aura einer unpersönlichen Multifunktionsarena – gut besetzt und mit Leben gefüllt ist. Die leise Sehnsucht nach Grossem, nach neuerlichem «Zöseln», liegt da in der Luft.

Dafür ist der Europa-League-Rausch noch zu präsent, siegestrunkene Hinrunden-Erfolge wie in den letzten beiden Saisons noch zu sehr im Gedächtnis.

Kapitel HSV war kein Scheitern

Zinnbauer stillt diese leise Sehnsucht nach Grossem. Von September 2014 bis März 2015 trainierte der Bayer die erste Mannschaft des HSV. Seeler, Keegan, Magath, später Barbarez und mit Abstrichen auch van der Vaart – wobei letzterer noch unter Zinnbauer spielte – trugen alle das Trikot mit der Raute.

Dass Zinnbauer als Trainer der Bundesliga-Mannschaft freigestellt wurde, lässt kein Urteil über seine Fähigkeiten zu. Dafür verwendet man in der Berichterstattung rund um den Bundesliga-Dino HSV zu oft Begriffe wie «chaotisch» und «peinlich». 1983 noch Sieger im Europapokal der Landesmeister, ist der HSV zum Abstiegskandidaten verkommen. So liest sich die Beschäftigung beim HSV in der Vita von Joe Zinnbauer beinahe mehr als wertvoller Erfahrungsschatz, denn als klägliches Scheitern.

Insbesondere das unstete Umfeld in Hamburg dürfte dazu führen, dass Zinnbauer der St.Galler Führung viel abgewinnen kann. Präsident Früh und Sportchef Stübi sind zweifellos pflegeleichter, als es die Vorgesetzten in Hamburger Zeiten waren.

Die Chance, auf höchster Ebene seine Ideen umsetzen zu können, dürfte unter Umständen Zinnbauers Verlangen, in die Bundesliga zurückzukehren, überlagern. Die Unterschrift unter einen Dreijahresvertrag ohne Ausstiegsklausel unterstützt diese These.

Zinnbauers Gänsehaut-Momente

Und wenn man denn etwas aus dem Boulevard-Thema rund um Zinnbauers Finanzgeschäfte mitnehmen will – dann die Einsicht, dass er im Fussball findet, was er in seinem Unternehmen vergeblich suchte: Emotionen. Danach giert Zinnbauer nun. Sein wichtigstes Stilmittel ist die Ansprache. Gestandene Bundesligaspieler berichteten von Gänsehautmomenten in der Kabine bei seinen Reden.

Oftmals aber mündet die so erzeugte Motivation in einer unkontrollierten Aggressivität (wir hoffen inständig, dass Everton seinen Deutschunterricht nicht fortsetzt): In der vergangenen Saison belegte der HSV in der Fairplay-Tabelle den letzten Platz. Während 23 von 34 Saisonspielen trug Zinnbauer dabei die Verantwortung. Es ist eine Statistik, die als Indikator für die Bereitschaft der Spieler dienen kann. Böse Zungen werden aber behaupten, dass sich dahinter auch taktische Unbeholfenheit verbirgt.

«Es ist wie am Anfang einer Beziehung. Erst später bemerkt man die Ecken und Kanten», sagte Zinnbauer dem «Tagblatt» bezüglich Kennenlernen der Mannschaft.

An diesem frühen Herbsttag zünden wir eine Kerze an. «Zöseln» halt. Und bis zum Bemerken von Ecken und Kanten geben wir uns der naiven Vorstellung hin, dass das passen könnte mit dem Neuen, mit Joe. Und wer weiss, vielleicht gefallen uns diese Ecken und Kanten. Denn trotz dem auch im Fussball herrschenden Kapitalismus, ist das Zwischenmenschliche eine ungemein bedeutende Komponente. Timing und Chemie lassen sich nicht planen. Vielleicht wird aus der Kerze schon bald wieder ein Feuerwerk.

Anzünden! Los!


Dieser Beitrag erschien am 22. September 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.

Ein Gedanke zu „ZÖSELN MIT ZINNBAUER

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