Vertragsverhandlungen im Nachtklub, geschobene Spiele, Prügeleien und Drogenhandel: Der Fussballspieler Savvas Exouzidis hat alles erlebt, was Fussball zum Räuberroman macht. Exouzidis wird anlässlich der Fussballlichtspiele St.Gallen am Samstagabend, 13. Juni an einer Podiumsdiskussion teilnehmen. In der Ausgabe 40 des Fussballmagazins Zwölf hat er einen ersten Einblick in seine Geschichte gewährt.

Exouzidis

Fussballer wohnen in grossen Einfamilienhäusern, tragen nur die feinsten Klamotten, fahren schicke Autos und wenn sie ihren Kontoauszug anschauen, überkommt sie ein zufriedenes Grinsen: Das ist das vorherrschende Bild von Fussballern. Zutreffen tut es allerdings nur auf einen verschwindend kleinen Prozentsatz der 120 000 Fussballprofis weltweit. Auf mich jedenfalls nicht im Geringsten. Ich bin Savvas Exouzidis, 32, Verteidiger beim FC Winterthur.

Ich wuchs als Grieche in Deutschland auf. Mit 18 spielte ich in der Oberliga, der vierthöchsten Spielklasse, gegen Vereine wie Denzlingen, Ditzungen und – genau – auch Hoffenheim. Ich träumte vom Profisein mit Eigenheim und Sportkarosse. Ein Türchen tat sich aber erst auf dank Verbindungen meines Vaters. Bei AEL Limassol auf Zypern durfte ich ein Probetraining absolvieren. Ich nutzte die Chance, und mir wurde ein Vertrag in Aussicht gestellt mit einem Lohn von 100 000 Euro im ersten Jahr. Das war viel Geld für einen 19-Jährigen, der bis zu dem Zeitpunkt noch als Speditionskaufmann arbeitete!

Bis zur Vertragsunterzeichnung blieben noch drei Wochen. Ich genoss die Zeit in meinem Dorf in Baden-Württemberg: Noch einmal die Freunde treffen, noch einmal mit ihnen ein bisschen kicken auf dem Bolzplatz. Was kann schon passieren bei einem 5 gegen 2? Heute weiss ich es. Immer wenn ich etwas Positives denke, geschieht genau das Gegenteil. Als ich passe, spüre ich Schmerzen, und mich haut’s voll um. Meniskus kaputt, Vertrag weg. Ich fiel lange aus, aber ein Jahr später wollte mich AEL noch immer. Doch plötzlich verhandelten ganz viele Leute mit. Keine Ahnung, wer da alles dreinredete. Später erfuhr ich, dass der doppelte Lohn für mich verlangt wurde, was dem Verein zu viel war. Schliesslich kam ich bei Aris Limassol unter, einer klassischen Liftmannschaft, für nur 25 000 Euro – im Jahr. Alles wegen einmal 5 gegen 2. Aber immerhin: Ich hatte es in eine erste Liga geschafft.

Kokain und schwarze Tüten

Sportlich allerdings war es ein Debakel. Wir haben nur verloren. Man konnte aber auch nicht gewinnen in dieser Liga. Wenn wir vorne lagen, gab’s plötzlich zwei Rote Karten und Elfmeter gegen uns, ohne Berührung des Gegners. Das muss man gesehen haben! Gleichzeitig durften sich unsere Gegner praktisch alles erlauben. Wir hatten im Sturm einen Nigerianer: Joseph Nwafor, einen Schrank von einem Mann. Der wurde mal von zwei Gegenspielern mühevoll niedergewalzt und kriegte dafür Gelb wegen Schwalbe. Unglaublich!

Ich dachte, vielleicht gewinnen wir, wenn ich in der Kirche eine Kerze anzünde. Das war aber bloss wieder so eine blöde Idee von mir. Ich flog mit Gelb-Rot vom Platz, und wir kassierten sechs Tore. Kurz darauf trat mir einer auf den Fuss. Von da an konnte ich nur noch nach Spritzen spielen. Als mein Fuss zu einem grossen Klumpen angeschwollen war, legte mir der Verein einen Wisch vor, in dem stand, dass ich keinen Pfennig mehr kriegte, wenn ich nicht innerhalb von zwei Monaten genesen würde. Ich hatte damals keine Ahnung, wie das Geschäft läuft, und unterschrieb blauäugig. Der Arzt meinte, ich hätte noch Glück gehabt. Bei einer Infektion hätte man den Fuss vielleicht amputieren müssen. Eine OP war aber unumgänglich, und somit wurde ich auch nicht mehr bezahlt – und mir ging das Geld aus. Tagelang hatte ich nur Brot, Wurst und Milch.

Natürlich stiegen wir ab, mit nur vier Punkten aus 26 Spielen. Doch das war nicht Minusrekord. In Zypern endet fast jede Saison mit einem abgeschlagenen Letzten. Ich wechselte zu einem kleinen Verein in Griechenland, der überraschend in die zweite Liga aufgestiegen war: Poseidon Neon Poron. Man munkelte, der Präsident handle mit Drogen. Meine neuen Mitspieler erzählten mir, wie er jeweils das Geld in einer schwarzen Tüte in die Kabine stellen würde, damit sie es verteilten. Ich habe ihn leider nie kennengelernt, weil kurz vor meiner Ankunft ein Schiff mit 5,5 Tonnen Kokain abgefangen und er verhaftet worden war.

Ich verdiente 600 Euro im Monat. Dazu gab’s einmal am Tag ein Gratis-Essen in einem Restaurant für Fernfahrer. Gesundheitlich lief es nicht besser: Wegen eines Muskelfaserrisses bestritt ich nur die letzten drei Saisonspiele. Wenigstens lies es in denen perfekt für mich. Nach der Sommerpause fragte mich mein Trainer, ob ich Lust auf die erste Liga habe. Es gebe ein Angebot von Panionios Athen. Kurzerhand reiste ich in die Hauptstadt – und rieb mir erst mal die Augen. Die Adresse des Treffens war ein Nachtklub. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde. Ich kannte ja nicht mal den Verein richtig. Man führte mich an einen riesigen Tisch mit üppigen Früchteschalen. Dahinter sass ein 140-Kilo-Mann, der mich mit tiefer Stimme begrüsste: Achilleas Beos, mein zukünftiger Präsident. Früher war er ein einfacher Fan gewesen, dann ging er in die USA, wo er als Türsteher arbeitete und angeblich mit Waffen handelte. Als er zurückkam, war er steinreich und kaufte sich den Verein. Dieser Koloss in seinem schlecht sitzenden Anzug schaute mich an, verlangte von einem seiner Lakaien einen Füllfederhalter und schrieb auf einen Zettel sein Angebot: 700 Euro. Ich schluckte leer. Wieder nur so wenig Geld, und das beim Tabellensechsten der ersten Liga. Ein Witz!

Doch ich war eingeschüchtert und fühlte mich fremd, da ich trotz meiner griechischen Abstammung das Land nur aus dem Urlaub kannte. Zudem hatte ich keinen Berater, musste also alleine um meinen Vertrag feilschen. Immerhin getraute ich mich einzuwerfen, dass 700 Euro ja nicht mal zum Essen reichten. «Na gut», brummte der Präsident, «dann machen wir halt 800. Weil du viel essen musst. Nutz deine Chance oder lass es.» Er versprach mir noch einen grossen Bonus, falls ich mehr als 15 Spiele absolvieren würde, und so sagte ich zu.

Entlassung in der Pause

Einfacher wurde die Zusammenarbeit allerdings nicht. Auf der Hinfahrt ins Vorbereitungslager blieb mein Auto stehen. Sofort unterrichtete ich die Vereinsvertreter, doch sie machten keine Anstalten, mir zu helfen. Und bei der Rückkehr lud man uns irgendwo in Athen aus, dabei hatte ich keine Wohnung und keine Ahnung, wo ich war. Schliesslich konnten wir einen Funktionär auftreiben, der die Heimatlosen aus der Stadt karrte und zu viert in eine Wohnung steckte. Seit 50 Jahren hatte die aber wohl niemand mehr betreten. Mehr ein Museum denn eine Unterkunft. Die erste Nacht verbrachte ich auf dem Sofa, ohne ein Auge zuzutun.

Das Team hatte sich in der Vorsaison für den UEFA-Cup qualifiziert. In der Qualifikation schalteten wir Udinese aus, da war ich aber noch auf der Bank. Aber in der Gruppenphase war ich dabei. Damit eröffnete sich mir eine ganz neue Welt. Wir spielten auswärts gegen Sporting Lissabon – also im Stadion, in dem Griechenland Europameister geworden war. Ich war die Sechs und musste laufen wie noch nie. Wir schlugen uns wacker, verloren jedoch 2:4. Nach dem Schlusspfiff kam der Präsident in die Kabine und machte uns total zur Schnecke. «Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid? Ihr verliert gegen diese Truppe?» Das war echt irre. Wir mit unseren jungen Spielern und den 800 Euro im Monat hatten auswärts Nationalspielern und Millionären gegenübergestanden! Von da an war Beos nach jedem Spiel und nach jedem Training bei uns in der Kabine und tobte. Als wir im Abstiegskampf zur Pause mal 0:1 zurücklagen, kam er rein und schmiss den Trainer auf der Stelle raus.

Wie fast überall in Griechenland zahlte auch Panionios gegen Saisonende hin keine Löhne mehr. Erst zum Abschluss gab es den grossen Zahltag, an dem ausstehende Löhne ausbezahlt werden. Oder werden sollten. Ein Spieler nach dem anderen wurde ins Büro des Präsidenten zitiert und kam kurze Zeit später niedergeschlagen wieder heraus. Niemand erhielt die volle ihm zustehende Summe. Aber keiner muckte auf, weil alle froh waren, wenigstens wieder mal etwas zu bekommen. Schliesslich hatten sich bei den meisten mittlerweile einige Schulden angehäuft. Das geht in Griechenland manchmal so weit, dass Spieler aufhören müssen, weil ihnen schlicht das Geld fehlt, um die Existenz zu sichern. Umso erstaunter war ich, als man mir anstandslos meine ausstehenden 2000 Euro aushändigte. Ich gab mich damit aber nicht zufrieden und erinnerte den Präsidenten an den versprochenen Bonus. «Hast du das schriftlich?», fragte er zurück. Hatte ich natürlich nicht. Statt der 15 000 kriegte ich 1500 Euro, und dazu durfte ich mir noch anhören, wie der Präsident seinen Gehilfen fragte: «Sag mal, wie kann es sein, dass wir bei jedem kürzen, nur bei diesem Arschloch Exouzidis nicht?» So hat er mit allen gesprochen, die ganze Zeit. Allerdings gehört das zur griechischen Kultur. Da werden immer alle verflucht: Vater, Mutter, das ganze Programm, im Stadion sowieso. «Malaka», also «Wichser», ist dort schon fast ein Rufname. «Malaka, spiel mal den Ball!», hörst du auf jedem Fussballplatz.

Auch abseits der Lohnfrage waren leere Versprechungen an der Tagesordnung. Jedes Jahr sah ich in der Zeitung ein Bild unseres Präsidenten vor einem Bagger und die Meldung, dass Panionios nun endlich mit dem Bau eines Trainingsgeländes beginne. Passiert ist nie etwas. So blieb es dabei: Wir trainierten immer an verschiedenen Orten und standen jedes Mal Ewigkeiten im Stau.

Der Präsi im Infight

Noch tragischer war der Umgang der Vereinsbosse mit den Spielern, längst nicht nur bei uns. Ich hörte von Profis, die mit vorgehaltener Waffe zur Vertragsunterschrift genötigt wurden. Aber auch ohne Gewaltandrohung akzeptieren alle fast jede Behandlung. Denn wer aufmuckt, dessen Karriere kann in Griechenland sehr schnell zu Ende sein. Das musste ein ehemaliger Teamkollege von mir erfahren: Als er die unrechtmässigen Salärkürzungen nicht hingenommen und sich mit der sportlichen Leitung eines neuen Vereins fast schon geeinigt hatte, spannten die beiden Klubpräsidenten zusammen – so verfeindet sie auch waren. Ein Anruf genügte, und der Spieler war hier wie dort nicht mehr erwünscht.

Auch in der zweiten Saison mit Panionios kämpften wir gegen den Abstieg. Am vorletzten Spieltag mussten wir zum direkten Konkurrenten OFI Kreta. Zehn Bodyguards begleiteten uns – aus reinen Prestigegründen. Doch in der Halbzeit kamen sie unerwartet zum Einsatz. Im Spielertunnel war die Hölle los: eine riesige Prügelei mit Spielern, Ordnern, Polizisten und Leibwächtern! Ich holte den Präsidenten, der stürzte sich gleich ins Getümmel und haute einfach jeden weg. Wir taten es ihm nach der Pause gleich und gewannen. Da uns der Sieg aber noch nicht zur Rettung reichte, kam es in der letzten Runde zum Fernduell mit Kreta. Obwohl wir früh 2:0 vorne lagen, sich der Gegner kaum wehrte und wir gewannen, war der Präsident extrem nervös und forderte die Fans hinter dem Tor dazu auf, die Tornetze zu zerschneiden, damit unser Spiel länger dauert als jenes von Kreta.

Man hört ja dauernd von verschobenen Spielen in Griechenland. Da muss man sich nichts vormachen. Das passiert andauernd und überall. Profis, die so wenig verdienen, sind nun mal anfällig für unlautere Angebote. Da gab es zum Beispiel dieses letzte UEFA-Cup-Spiel gegen Dinamo Tiflis. Beide Mannschaften waren schon ausgeschieden, es ging um nichts mehr. Ich war angeschlagen auf der Bank und musste mit ansehen, wie wir in der ersten Halbzeit an die Wand gespielt wurden. Nach der Pause kehrte das Spiel total, und wir gewannen 5:2. «Na klar», dachte ich, «so wie der Gegner zu Beginn anrannte, muss er ja einbrechen». Tja, so naiv war ich damals. Dabei waren genau auf diesen Spielverlauf extrem hohe Beträge gewettet worden. Heute gehen sowohl die UEFA wie auch die Wett-Industrie davon aus, dass die Partie geschoben war. Nur unser Präsident sagte danach: «Das Spiel war lupenrein. Alles nur Gerüchte!» Die Spuren führten zwar bis zu Hoyzer und dem Café Kairo, eine Untersuchung brachte indes keine Beweise. An den Kragen ging es Beos erst viel später, als er einem anderen Verein vorstand. Er wurde lebenslang gesperrt und sein Klub aus der obersten Spielklasse ausgeschlossen. Ich will gar nicht wissen, bei wie vielen verschobenen Partien ich unwissentlich dabei war. Denn auch ich hatte mehrere solche Anfragen erhalten, konnte aber immer widerstehen.

Überall Schwarzgeld

Nach drei Jahren hatte ich genug von Panionios – und von Griechenland. Es gibt dort kaum einen Verein gibt, der seriös arbeitet. Um Steuern und Sozialleistungen zu sparen, halten die Funktionäre oft nur den Mindestlohn im Vertrag fest. Den Rest gibt’s – wenn überhaupt – schwarz. Einmal habe ich mal versucht, einen sauberen Vertrag zu kriegen. Iraklis Thessaloniki wollte mich, und ich sagte klipp und klar, keine Schwarzgeldzahlungen zu billigen. Iraklis war einverstanden, ich löste den Vertrag mit Panionios auf und fuhr zur Vertragsunterzeichnung. Doch da wollte plötzlich niemand mehr etwas von unserer Vereinbarung wissen. Der Vertrag kam nicht zustande.

Bei Waalwijk in Holland durfte ich endlich erleben, wie es auch sein kann, Fussballer zu sein. Dort habe ich mich zum ersten Mal als richtiger Vollprofi gefühlt. Doch auch da hielt das Gute nicht lange an. Nach einer Verletzung erhielt ich keinen neuen Vertrag. So liess ich mich überreden, noch einmal mit Iraklis zu verhandeln. Es war ein Fehler. Nach meiner Unterschrift wurde ich monatelang nicht bezahlt, bis ich pleite war. Mein Vater half mir aus der Patsche. Doch es wurde nicht besser: Sowohl bei Katerini als auch bei Diagoras Rhodos musste ich vor Gericht gehen, um mein Gehalt zu erstreiten – ohne Erfolg.

Wenn du ständig mit dem Minimum lebst, kannst du nie etwas auf die Seite legen. Ich fürchte, als Rentner kriege ich nicht mal 50 Euro im Monat. Viele sagen mir deshalb: «Savvas, hör doch einfach auf!» Doch das ist nicht so einfach. Ich habe die letzten zwölf Jahre nur Fussball gespielt. Ohne ihn fehlt mir jede Sicherheit. Das macht mir Angst, mit 32 und als Langzeitverletzter erst recht. Welche Farbe der nächste Lamborghini haben könnte, diese Frage wird sich mir nie stellen.

Exouzidis

Dieser Artikel erschien erstmals im Fussballmagazin Zwölf, Ausgabe 40. Wir danken herzlich für die Genehmigung zur Veröffentlichung.

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