Wenn die Länderspielpause im Oktober den Fussball in den obersten Ligen ruhen lässt, vertreiben sich die St.Galler die Zeit an der OLMA. Da wars uns aber zu gefährlich, weshalb wir dann doch lieber beim Fussball geblieben sind und uns auf den Plätzen der Stadt umgesehen haben.

Der Regionalfussball leidet vielerorts unter Zuschauerschwund. Seit beinahe zu jeder Tages- und Nachtzeit Topspiele im TV verfolgt werden können, ziehen viele Fussballinteressierte die heimische Stube dem Fussball unterer Ligen vor. Anstatt zu lamentieren, hatten die Initianten der Lokalrunde zum Tag des Amateurfussballs gerufen. Im Schlepptau der aus Deutschland stammenden Initiative Glotze aus, Stadion an sollte am vergangenen Wochenende der Fokus auf die Vereine gelegt werden, die auch für den Fussball der Spitzenklasse die Basis bilden. Mit dabei waren mit dem FC Winkeln und dem SC Brühl auch zwei St.Galler Vereine. Während die erste Austragung der Lokalrunde hierzulande noch auf wenig Resonanz stiess, ist sich der Schweizer Koordinator Daniel Kessler, Vorstandsmitglied des FC Kreuzlingen, jedoch sicher, «dass sich die Lokalrunde über kurz oder lang auch bei uns etablieren wird.»

SENF nahm die Vorlage auf und sah sich gleich die ganze letzte Woche im Amateurfussball um. Nach insgesamt fünf Spielen fühlen wir uns bestätigt: Auch in den unteren Ligen lohnt sich der Besuch vor Ort. Manchmal wegen dem Spiel, manchmal wegen dem Drumherum und manchmal auch, weil gar nicht zu Ende gespielt wird. Aber der Reihe nach: Kurzfristig hatten wir erfahren, dass Sven Lehmann am Dienstag beim FC Winkeln in einem Testspiel gegen den FC St.Otmar sein Debut geben sollte. Der Sven Lehmann, der so von Verletzungen gebeutelt wurde, dass er seine vielversprechende Karriere schon auf der Schwelle vom Nachwuchs in die erste Mannschaft des FCSG beenden musste. Als er in der zweiten Halbzeit schliesslich eingewechselt wurde, hatte er jedoch nur wenig Zeit, Akzente zu setzen. In der Mitte der zweiten Halbzeit fiel nämlich das Flutlicht aus und konnte auch nicht wieder eingeschaltet werden. Wir fühlten uns ins Espenmoos zurückversetzt und schwelgten in Erinnerungen.

Stromausfall WInklen-St.Otmar

Darüber vergassen wir beinahe, dass auf einem anderen Platz mit funktionierendem Licht schon das nächste Spiel anstand. Wie sich herausstellte, hatten wir jedoch noch reichlich Zeit: Der Schiedsrichter für das Achtelfinal im OFV-Cup zwischen dem Viertligisten KF Dardania St.Gallen und dem Drittligisten FC Romanshorn war unauffindbar. Der eiligst aufgebotene Ersatzschiri pfiff das Spiel dann mit rund 20-minütiger Verspätung doch noch an. Der Unterklassige erwischte den besseren Start und als es 2:0 für die Hausherren stand, fragten wir uns, warum diese Mannschaft nicht in einer höheren Liga spielt. Die Antwort gab uns das Team kurz darauf selbst: Wegen einer desolaten Abwehrleistung, aus der der Torhüter im negativen Sinne noch herausstach, stand es plötzlich 2:3. Die Romanshorner hatten das Spiel gedreht, der Höherklassige schien sich doch noch durchzusetzen. Dann wurde es gehässig. Die aggressive Spielweise mit diversen Rudelbildungen auf dem Platz schien dem Heimteam Motivation zu verleihen. Nach einer erneuten Wendung und als Dardania wieder mit 4:3 in Führung lag, machte auch der Torhüter viele seiner anfänglichen Fehler wett. Auf der Linie war er dann doch ausgesprochen reaktionsschnell. Am Ende des Spiels – der Trainerstab Dardanias schien mittlerweile um das Dreifache angewachsen, so manch ein Zuschauer fand sich am Spielfeldrand wieder – hatten sich einige Gemüter noch immer nicht abgekühlt. Es folgte eine weitere Rudelbildung, dieses Mal mit Spielern und Zuschauern. Aus der Ecke Dardanias flog eine Wasserflasche Richtung Romanshorner Spieler, die Romanshorner Zuschauer antworteten mit rassistischen Ausfällen gegenüber dem albanischen Team. Auch wenn das alles nach einem unschönen Abend klingt, er war unterhaltsam. Und letztendlich sind Dialoge wie «Gits jez endli wieder Fuessball?» – «Nei, Füscht!» halt doch irgendwie amüsant, solange sie nicht zur Tatsache werden.

Rudelbildung Dardania-Romanshorn

Der Anfang unserer Amateurfussball-Woche war also vielversprechend. Grund genug, am Samstag einen zweiten Versuch zu starten, Sven Lehmann spielen zu sehen. Beim 2. Liga-Duell Winkeln gegen Rorschach sass Lehmann jedoch erneut auf der Bank. So musste er mit ansehen, wie sein Torhüter mit einem ziemlichen Lapsus die frühe Führung der Hausherren zunichtemachte, was auf der Tribüne mit «Jede Mätsch!» kommentiert wurde. Er durfte aber auch mitansehen, wie sich sein Team zurückkämpfte und noch vor der Pause erneut in Führung ging. Trotz grundsätzlicher Sympathien für den St.Galler Verein hätten wir auf dieses zweite Tor gerne verzichtet. Der Zillertaler Hochzeitsmarsch als Tormusik machte uns umgehend zu Sympathisanten des FC Rorschach. So waren wir dann auch froh, dass das lupenreine Eigentor zum 2:2 zu Beginn der zweiten Halbzeit vom Speaker einem Rorschacher zugerechnet wurde. Wer weiss, ob uns sonst die Trommelfelle noch einmal geschmerzt hätten. Diese waren nach der Halbzeitmusik – gespielt wurden Klassiker der Musikgeschichte wie «Dicke Titten, Kartoffelsalat» und «Geh mal Bier holen, du wirst schon wieder hässlich» – noch rekonvaleszent. In der 75. Minute durfte Lehmann dann ins Geschehen eingreifen, konnte aber wieder keine Akzente setzen. Im Gegenteil: Die Rorschacher waren kaltschnäuziger und trafen in der Schlussviertelstunde noch zwei Mal. Ein 2:4-Auswärtssieg, erneut schwelgten wir in Erinnerungen.

Anzeigetafel Winkeln-Rorschach

Mit ein wenig Angst, ob der FC St.Otmar ähnliche musikalische Tiefschläge setzen würde, machten wir uns am Sonntagmorgen auf ins Lerchenfeld. Im erfreulich umfangreichen Matchprogramm stellten wir zu unserer Erleichterung fest, dass der neue Speaker ein C-Junior des eigenen Vereins ist. Wenig Gefahr, die neusten Ballermann-Scheiben anhören zu müssen. Unsere Ohren waren sicher, aber auch die Augen hatten Freude am offenen Schlagabtausch. Das Drittligaspiel zwischen St.Otmar und dem FC Pfyn wäre wohl schon früh entschieden gewesen, hätte der Keeper des Heimteams nicht mehrere Male glänzend pariert. So stand es zur Pause nur 0:1. Der kurz nach der Pause gefallene zweite Treffer der Gäste war dann doch die Entscheidung. Da halfen weder der Anschlusstreffer noch die offensichtliche – und geglückte – Beeinflussung des Schiedsrichters mit Rufen nach Abseitspositionen und am allerwenigsten die Verunglimpfung des Gegners als «huere Wäffeler-Mannschaft».

Matchprogramm St.Otmar

Der krönende Abschluss dieser Woche sollte beim Heimspiel des SC Brühl erfolgen. Die Einlaufmusik «Wenn nicht jetzt, wann dann – wenn nicht hier, wo sonst» liess Böses erahnen, lief diese doch tags zuvor schon beim FC Winkeln. Gottseidank hatte der Stadion-DJ aber danach ein Erbarmen mit den 850 Anwesenden. Das Spiel ist schnell erzählt, denn spielerische und musikalische Höhepunkte fehlten: Die Kronen konnten gegen die U21 des FC Zürich zwar in Führung gehen und lange gegen die Ausgleichsversuche standhalten, kurz vor Ende schien aber die Luft auszugehen. Aus dem 1:0 wurde ein 1:2.

Wurststand Brühl-FCZ

Was bleibt nach so einer Woche in den vermeintlichen Niederungen des Regionalfussballs? Im Amateurfussball ist sicher nicht die heile Welt zu finden, die sich so manch ein Fussballromantiker wünscht. Auch hier sind die Matchprogramme voll mit Werbung, auch hier stehen einzelne Spieler unter einem Patronat. Und manchmal wirds in den unteren Ligen erst recht ruppig. Nichtsdestotrotz scheint jenseits der obersten zwei Ligen alles noch etwas einfacher, gemächlicher, persönlicher. Vor allem eine Qualität, die wir in den Topligen vermissen, zeichnet den Amateurfussball jedoch aus: Er ist authentisch.

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