Jeff Saibene kam 2011 ohne viel Kredit nach St. Gallen. Den Abstieg konnte er nicht mehr verhindern. Dann zeichnete er sich aber mitverantwortlich für die beste Zeit des FCSG in den letzten Jahren. SENF unterhielt sich mit dem Cheftrainer über diese Entwicklung, seine Europa League-Erlebnisse und über seine Eindrücke vom Club und den Fans.

Jeff Saibene

SENF: Jeff Saibene, wie kommt ein Luxemburger dazu, in der Schweiz Karriere zu machen?

Saibene: Dass ich in der Schweiz landete, war kein Zufall, sondern wie vorprogrammiert. Ich war immer ein Schweiz-Fan; nicht einmal unbedingt vom Fussball, sondern weil mir das Land immer sehr gefiel. Mit 19 spielte ich bei Standard Lüttich, da kam eine Anfrage aus Aarau, wo ich meinen ersten Profivertrag unterschrieb.Ich blieb dann, bis auf einen kleinen Unterbruch, immer hier. Heimweh verspüre ich nicht, ich will auch nicht zurück, sondern mit meiner Familie hier bleiben.

SENF: Luxemburg gilt als Fussballzwerg. Aus welcher Perspektive betrachtet man da den Weltfussball?

Saibene: Da ich schon mit 15 aus Luxemburg wegzog und mehr als die Hälfte meines Lebens in der Schweiz verbracht habe, sehe ich den Fussball mehr aus Schweizer Perspektive. Luxemburg wurde aufgrund seines geringen Stellenwerts aber schon immer etwas belächelt, wobei ich hier mittlerweile eine gewisse Akzeptanz spüre. Dass Luxemburg die Schweiz besiegt hat, trug vielleicht auch etwas dazu bei.

SENF: Eine Akzeptanz, die du dir in St. Gallen hart erarbeiten musstest.

Saibene: Verständlicherweise stand man mir kritisch gegenüber, als ich vom Luxemburgischen Fussballverband nach St. Gallen kam.Ich war ein Durchschnittskicker, nicht viele haben mich gekannt und wir verfehlten gleich das Ziel, die Liga zu halten. Die darauffolgende Saison in der Challenge League war ebenfalls schwierig. Danach gab es aber einen radikalen Wandel, nach dem ich mir und wir uns Akzeptanz aufgebautund viel Vertrauen bei der Bevölkerung gewonnen haben. Ich geniesse derzeit ein hervorragendes Verhältnis, was sich auch in einer gewissen Anerkennung und Dankbarkeit äussert. Dies trägt viel dazu bei, dass ich mich hier sehr wohl fühle.

SENF: Zum schwierigen Start trug sicher auch das Auswärtsspiel bei Xamax bei. Was geht einem Trainer durch den Kopf, wenn Tréand für acht verbliebene Neuenburger in der 94. Minute gegen St. Gallen das 2:1 schiesst?

Saibene: Das war wirklich ein Horrormoment. Wir waren in Überzahl und konnten in diesem wichtigen Spiel gegen einen direkten Konkurrenten wenigstens überhaupt noch ausgleichen. Dann haben wiruns bei einem Freistoss komplett naiv verhalten. Statt zu flanken, schoss Hämmerli direkt aufs Tor, der Torhüter parierte den harmlosen Schuss, warf aus, Tréand liess zwei von uns stehen und schoss das Tor. Es ist eine Episode, über die wir heute 
lachen können, damals war es aber Horror. Den Abstieg bedeutete es aber nicht: Obwohl es mental ein empfindlicher Schlag war, konnten wir das Rennen bis zum Schluss offen halten, ehe wir bei YB verloren.

SENF: War es danach eine undankbare Aufgabe, die Challenge League als Ligakrösus, also quasi aus der Bayern-Perspektive, in Angriff zu nehmen?

Saibene: Die Challenge League war eine zwiespältige Geschichte. Wir haben stets unsere Pflicht erfüllt, haben aber nicht das Spektakel gezeigt, das sich das Umfeld wünschte. Zudem war die Liga unattraktiv. Obwohl ein fader Beigeschmack bleibt, erreichten wir den Aufstieg ohne Probleme. Es war auch einmal schön, die Gewissheit zu haben, aufgrund der vorhandenen Qualität acht von zehn Spielen zu gewinnen. Wir gerieten nie ernsthaft unter Druck und stiegen früh auf.

SENF: Hat es dich dann selbst überrascht, als Aufsteiger gleich souverän Dritter zu werden?

Saibene: Meistens ist es ja so, dass man als Aufsteiger den Groove mitnimmt. Es war vielleicht aber auch eine Trotzreaktion: Wir hatten wenig Kredit, viele gaben uns keine Chance. Dazu kamen mit Nater und Janjatovic entscheidende Transfers; Spieler, die uns enorm weiterbrachten, vorhin jedoch kaum jemand kannte. Mit diesen zwei Top-Fussballern in der Mitte hat sich unser ganzes System verändert. Wichtiger als die letzte Saison ist für mich aber, dass wir die Leistung in der diesjährigen Hinrunde bestätigen konnten, trotz immenser Belastung sowie gewichtigen Abgängen. Was wir in diesem halben Jahr erreicht haben, finde ich bemerkenswert.

SENF: Von der Challenge League direkt in die Europa League: Ein Traum?

Saibene: Wenn ich jemandem beim Heimspiel vor zwei Jahren gegen Carouge gesagt hätte, dass wir hier 2013 in der Europa League-Gruppenphase Valencia empfangen, hätte der mich für komplett verrückt erklärt. Es nahm von Spiel zu Spiel seinen Lauf, alles ging sehr schnell. Möglicherweise werde ich erst in einigen Jahren realisieren, was wir hier als kleiner Club erreicht haben. In Moskau mit 4:2 zu gewinnen und die Gruppenphase zu erreichen ist mit das Schönste,was ich je erlebt habe. Die 30 Minuten nach dem frühen Gegentor waren mit das Beste, was der FC St. Gallen in jüngerer Vergangenheit gezeigt hat. Ich habe in der darauffolgenden Nacht kein Auge zugemacht, erhielt viele Nachrichten. Wir machten europaweit Schlagzeilen und erhielten innerhalb der Schweiz Anerkennung und Sympathie, wie es St. Gallen noch selten erfahren hat. Mit der Qualifikation zur Europa League sowie unserem Auftreten in der Gruppenphase haben wir viel für das positive Image des Vereins getan.

SENF: Dabei hast du vom schwerstmöglichen Gegner gesprochen, als uns Spartak Moskau zugelost wurde.

Saibene: Ja, ich dachte, das ist einfach Scheisse: Da verlierst du zweimal, hast zuhause keine Zuschauer, fliegst nach Moskau und das war dann die Europa League. Natürlich habe ich das weder dem Team, noch der Öffentlichkeit gegenüber so verkauft, aber ich hatte die Russen in der Meisterschaft verfolgt und sie waren wirklich sackstark. Ehrlich gesagt, wäre ich lieber nach Stuttgart gereist.

Ich glaube, dass wir danach mit Valencia und Swansea die beste Gruppe erwischt haben. Valencia ist ein Weltclub, der in den letzten zehn Jahren zweimal im Champions League-Final stand. Das Auswärtsspiel war für alle ein grosses Erlebnis, obwohl wir hoch verloren haben. Kuban Krasnodar war weniger ein Wunschgegner – insgeheim habe ich auf Standard Lüttich gehofft, wo ich als junger Spieler fünf Jahre verbrachte.

SENF: Haben sich die Prioritäten während der Europa League-Zeit verschoben?

Saibene: Nein, gar nicht. Ich habe von Spiel zu Spiel geschaut und so rotiert, dass einerseits alle Spieler im Rhythmus blieben und wir andererseits immer genügend fitte Spieler auf dem Platz hatten. Abgesehen von den Stürmern sind wir vom Verletzungspech verschont geblieben, weshalb wir alles ganz gut bewältigt haben – obwohl
die Belastung riesig war und wir zuletzt im Dreitagesrhythmus spielten.

SENF: Wie bewältigte die Mannschaft dieses immense Pensum?

Saibene: Es ist eine Frage des Willens und der Fitness. Nach der intensiven Vorbereitung im Sommer sagten mir viele Spieler, sie seien noch nie so fit gewesen. Auch darum sind wir die Mannschaft mit dem grössten Laufpensum der Liga. Die Teams der europäischen Topligen laufen im Schnitt 122 Kilometer pro Spiel, wir rund 130! Als ich der Mannschaft vorschlug, etwas weniger Pressing zu betreiben, wollten die Jungs das nicht. Sie wollen so Fussball spielen und zeigten, dass sie dazu im Stande sind: Nach dem Auswärtsspiel in Moskau besiegten wir Luzern mit 4:1. Aus Krasnodar kamen wir freitags in der Nacht zurück, klinisch tot. Trotzdem gewannen wir gegen Zürich und liefen wieder 130 Kilometer! Vor der Winterpause gab es aber doch Spiele, in denen wir die Belastung spürten. Trotzdem: Wie oft seid ihr nach Hause gegangen und wart wirklich enttäuscht von der Mannschaft? Ich denke, diese Spiele lassen sich im vergangenen Jahr an einer Hand abzählen.

SENF: Ihr habt uns beeindruckt – wir euch auch?

Saibene: Am meisten beeindruckt hat mich Swansea, als die ganze Schlange St. Gallen-Fans an unserem Bus vorbeizog. Wenn du zu diesem Club gehörst und so etwas siehst, ist das Wahnsinn! Riesig! Auch im Stadion war es ein einmaliges Erlebnis. Fans in England, das ist etwas anderes; es ist auch Stimmung, aber nicht so, das kennen sie gar nicht. Ich bekam danach Meldungen, sie hätten so etwas noch nie erlebt. Was haben sie geschrieben? ‚Best ever!‘ Auch im Cup gegen Zürich fand ich die Stimmung unglaublich cool. Es waren 7‘700 Leute da und von der Stimmung her hatte ich das Gefühl, das Stadion sei voll. Wir haben ein riesiges Fanpotenzial, ich geniesse jedes Spiel.

SENF: Jedes Spiel? Bist du von uns manchmal nicht auch enttäuscht?

Saibene: Im Moment selten. Natürlich, wenn einer einmal einen Penalty verschiesst und danach zwei, drei schlechte Aktionen hat, ist es unglücklich wenn 50 Prozent der Fans pfeifen. Ich habe zwar ein gewisses Verständnis, es gehört irgendwie auch dazu, denke aber auch ‚Scheisse, muss das jetzt sein?‘.

SENF: Stört es dich, wenn in einem Spiel mehr gegen den Gegner als für die eigene Mannschaft gesungen wird?

Saibene: Naja, es ist halt… Hauptsache es wird gesungen (lacht).

SENF: Wir kommen nicht drum herum, das Thema Pyro anzusprechen. Stört dich das? Gefällt dir das?

Saibene: Das Problem bei Pyros ist einfach, dass es gefährlich ist. Wenn es zur Waffe und auf Menschen geworfen wird, dann ist es Horror. Wenn es aber so ist, dass es als Fest, als Stimmung genutzt wird, finde ich es grandios.

SENF: Mittlerweile bist du der mit Abstand dienstälteste Trainer der Super League. Was bedeutet dir das? Könnte sich daraus eine längere Ära entwickeln?

Saibene: Ich hatte im Dezember meinen tausendsten Arbeitstag beim FC St. Gallen. Ich denke, darauf darf ich schon ein bisschen stolz sein. Tausend Tage sind eine lange Zeit und für mich besonders schön, weil die Anfangszeit nicht so positiv war. Darum gefällt es mir, dass der Trainer hier derzeit gar kein Thema ist und es wäre speziell, wenn dies über einige Zeit so bleiben würde – sieben, acht Jahre beim gleichen Club zu arbeiten, das würde mich schon sehr reizen. Vielleicht ist das aber auch nur Wunschdenken…

SENF: A propos Wunschdenken: Was willst du unbedingt erreichen?

Saibene: (Überlegt lange) Den Cupfinal möchte ich unbedingt einmal erleben, weshalb mir das Out gegen Zürich grausam auf dem Magen liegt. Früher wollte ich einmal der erste Luxemburger sein, der in der Bundesliga trainiert. Davon bin ich aber etwas abgekommen, zumal ich mich hier derzeit wunschlos glücklich fühle. Ich geniesse hier eine riesige Unterstützung von allen Seiten und kann mir nicht vorstellen, dass ich es irgendwann und irgendwo nochmals so gut haben werde wie hier. Dennoch muss man realistisch bleiben. Wenn ein Top-Angebot kommt und der Präsident, der Sportchef und ich finden, dass ich das unbedingt annehmen müsse, würde ich wahrscheinlich auch gehen. Ich denke kaum, dass ich Guy Roux werde und hier 37 Jahre lang Trainer bleibe.

SENF: Wer weiss!

Saibene: Wer weiss, ja! Vielleicht sitzen wir in 20 Jahren ja wieder hier (lacht).

Dieses Interview erschien zum ersten Mal im SENF #01 (erschienen im Januar 2014).

Schreibe eine Antwort

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> 

Erforderlich