Sepp Blatter referiert an der ETH Zürich, vor und im Gebäude kommt es zu massiven Protesten, die Polizei schreitet ein. Der Vorsitzende der rechtssprechenden Kammer der FIFA Ethik-Kommission, Hans-Joachim Eckert, entscheidet, dass bei der Vergabe der zukünftigen WM an Katar und Russland alles mit rechten Dingen vonstatten gegangen sei. Weil kritische Stimmen im Moment vor allem in die Zukunft blicken und sich auf die kommenden Weltmeisterschaften konzentrieren, blicken wir zurück auf die Weltmeisterschaft vor vier Jahren in Südafrika und auf die nach wie vor langen Schatten, welche diese wirft. Klaas-Jan Olifant vom Basler Schreyhals weiss Interessantes zu berichten. Wir hören zu.

Weisser Elefant
2010 fand die Weltmeisterschaft erstmals auf dem afrikanischen Kontinent statt und die Vorfreude auf den wirtschaftlichen Aufschwung in Südafrika war gross. Insgesamt wurden geschätzte 3,5 Milliarden Euro für Infrastruktur, Strassen, Flughäfen und das öffentliche Verkehrssystem ausgegeben, 1,5 Milliarden davon allein für Neu- und Umbauten der Stadien: Fünf von zehn Stadien wurden für den Grossanlass neu gebaut. Vier Jahre später schreibt aber nur eine der Spielstätten schwarze Zahlen. Bürgermeister, Lokalpolitiker, Anwohner und Betreibungsgesellschaften sind uneinig, wie die Bauten rentabel bewirtschaftet werden sollen, manche fordern eine komplette Neunutzung und den Abriss. Was tun also mit einem modernen Stadion, das einfach nicht rentiert? Eine Spurensuche am Kap der Guten Hoffnung.

Das Cape Town Stadium ist zwar erst knapp über fünf Jahre alt, dennoch ranken sich viele Geschichten um den weissen Elefanten vom Kap. Die Capetonians sind gesprächsfreudige Menschen und jeder hat eine Meinung zum Prunkbau am Green Point. Egal mit wem man redet, Unternehmer, Taxifahrer, Professoren, Kassierer oder Polizisten, man hört die verrücktesten Anekdoten: von einem FIFA-Präsidenten, der sich quasi aus der Luft in den Standort verliebte und mit Nachdruck einen kompletten Neubau forderte; von einem Rugbyverband, der sich dagegen aussprach, das Stadion für die symbolische Summe von einem südafrikanischen Rand (ca. 10 Rappen!) zu übernehmen; von Anwohnern, die einer wirtschaftlichen Nutzung skeptisch gegenüberstehen, weil sie ein Casino fürchten; und einer französischen Betreiberfirma, die noch vor Vertragsbeginn lieber eine Busse für den Ausstieg aus den Verpflichtungen bezahlte, als das defizitäre Stadionmarketing zu übernehmen.

Als gesichert gelten folgende Zahlen: Die Stadt muss jedes Jahr 53 Millionen Rand für den Unterhalt aufbringen (ca. 5,5 Millionen Franken), das Stadion generiert aber nur gerade 13 bis 18 Millionen Rand. Den Rest bezahlt die öffentliche Hand. Der Verlust zeichnete sich schon vor Jahren ab und wurde seit Baubeginn heftig kritisiert. Je nach Betrachter herrscht eine Mischung aus Stolz und Enttäuschung, wirtschaftlichem Optimismus und Resignation, Freude und Ärger. Je nach Ansicht wird das Cape Town Stadium als Abrissprojekt gesehen oder als enormes wirtschaftliches Potential für die Stadt.

Aber der Reihe nach. Nach dem Zuschlag der FIFA, die Weltmeisterschaft 2010 nach Südafrika zu vergeben, besuchte Joseph S. Blatter das Land mehrfach. Kapstadt war als Spielort gesetzt und es wurden mehrere Möglichkeiten diskutiert: Favorisiert war in den frühen Planungen ein Ausbau des bestehenden Athlone Stadium oder eine Erweiterung und Modernisierung der Newlands Arena, des zweitältesten Rugbystadions der Welt. Athlone und Newlands liegen in den Cape Flats, in der Nähe des Flughafens, und hätten die benötigte Infrastruktur (öffentliche Erschliessung, Parkplätze, Fünfsternhotel für die FIFA in 30 Minuten Anfahrtszeit) ohne grosse Auflagen erfüllen können. Das Fassungsvermögen war in beiden Fällen ausreichend (34’000 und 52’000), sie hätten ohne kolossale Investitionen vergrössert und auf den neusten Stand gebracht werden können.

Dann kam es aber zum Meinungsumschwung. Die Geschichte hält sich hartnäckig, dass Blatter und der damalige Staatspräsident Thabo Mbeki im Helikopter über die Stadt flogen, um die Örtlichkeiten aus der Luft zu besichtigen, und sich Blatter während dieses Fluges für einen neuen Standort stark gemacht haben soll: den Green Point am Signal Hill, direkt an der Victoria and Albert Waterfront und vor dem majestätischen Tafelberg. Dieser Spielort ist ohne Frage einer der schönsten der Welt, direkt an einem der beliebtesten und bekanntesten Postkartenmotive Afrikas, was den Ausschlag gab.

Postkarte Weisser Elefant
Was dann weiter geschah, ist nicht ganz klar, aber es gilt als gesichert, dass die FIFA sich gegen den Umbau bestehender Stadien und für einen kompletten Neubau in Green Point aussprach. Sie nahm indirekt Einfluss, indem Überlegungen zur Spielvergabe öffentlich gemacht wurden. Kapstadt hätte im Fall eines umgebauten kleineren Stadions in den Cape Flats nur ein Spielpaket von vier Vorrunden- sowie einem Achtelfinalspiel bekommen sollen. Die offizielle Begründung lautete, dass Viertel- und Halbfinalspiele zwingend 65’000 Zuschauern Platz bieten müssten, was in beiden Umbauprojekten unrealistisch war. Der Rivale Johannesburg hätte davon profitiert – das Soccer City in Johannesburg war bereits als Finalort gesetzt. Für den Fall eines Neubaus am Green Point mit entsprechender Grösse wurde aber ein volles Paket von acht Spielen inklusive Viertel- und Halbfinale zugesagt, wovon sich die Stadt einen wirtschaftlichen Schub versprach.

Während der Planungsphase kam es zu Spannungen mit den betroffenen Anwohnern sowie politischen Auseinandersetzungen zwischen dem Bürgermeister und Helen Zille, der Premierministerin der Provinz Western Cape. Zille forderte, dass das Stadion nach dem Grossanlass selbsttragend sein müsse und fürchtete einen weissen Elefanten – einen architektonischen Prunkbau, der Prestige und Anerkennung einbringt, das Budget der Stadt aber belastet, weil er sich nicht finanzieren lässt. So machte Zille die Bewilligung für den Stadionneubau von finanziellen Garantien der Regierung und auch der FIFA abhängig, was kontrovers diskutiert wurde und hohe Wellen warf. Die Situation beruhigte sich erst, als die südafrikanisch-französische Betreibergesellschaft Sail Stadefrance, die auch das Stade de France in Paris betreibt, sich bereit erklärte, die Stadionvermarktung bis 2040 zu übernehmen. Die Finanzierung der insgesamt 450 Millionen Euro Baukosten wurde zu 73% von der Landesregierung übernommen, zu 5% von der Regierung der Western Province und zu 22% von der Stadt Cape Town.

Das alte Green Point Stadion, Heimstätte von Santos Cape Town mit 18’000 Plätzen, wurde 2007 grösstenteils abgerissen und durch das heutige Cape Town Stadium ersetzt, das an der WM 68’000 Zuschauern Platz bot und heute auf eine Kapazität von 55’000 reduziert ist. Das erzürnte Fussballfans, aber die Würfel waren gefallen: Das offiziell teuerste aller südafrikanischen Stadionprojekte wurde 2009 feierlich eröffnet. Die Spiele verliefen reibungslos, allerdings führte die WM nicht zum erhofften Reibach – der Aufmarsch von Fussballfans aus aller Welt war wie bekannt weit geringer als erhofft.

Wie sich die Situation nach der WM veränderte, kann man im zweiten Teil dieser Serie nachlesen.

Eine gekürzte Version dieses Textes wurde im Schreyhals (Oktober 2014) abgedruckt.

Ein Gedanke zu „WEISSER ELEFANT
AM KAP DER GUTEN HOFFNUNG

  1. Was mir vor allem aufgefallen ist während der WM:

    1. Auch in den Vorbereitungen war Geld immer ein Thema, denn es wurde an den falschen Stellen gespart. Der beauftragte Sicherheitsdienst Black Stallion (ich glaube so hieß er…) bezahlte die Mitarbeiter so schlecht, dass sie schon vor Anfang der WM streikten und die gesamte Stadionsicherheit dann von der Polizei übernommen wurde.

    2. Ich war 8 Wochen in Greenpoint und das, was unsere Helferlein vor Ort bekamen war weniger als der Schnitt in Südafrika. Es wurde einfach ausgenutzt, dass die Leute trotzdem dafür gearbeitet haben, weil sie dabei sein wollten.

    3. Vor dem Stadion gab es ein großes Zeltdorf, aufgeteilt in Affiliate Plätze (für die Sponsoren, aus dem Kopf würde ich sagen ca. 1.500 Plätze) und dann Business Plätze für die Tickets, die vor dem Spiel und nach dem Spiel noch Essen/Trinken gebucht hatten (ca. 7.500 Plätze).
    Ingesamt habe ich als VIP-Catering-Logistik-Leiter in dieser Zeltlandschaft 8 Spiele (glaube ich…) betreut. Die Business Seats waren in den ersten 5 Spielen komplett leer. Es wurden so wenig Karten Verkauft, dass alle ins Stadion upgegraded wurden… Nur in den letzten Spielen kamen überhaupt Besucher zu uns. (500 – 1.500).

    4. Einige der Stadien waren nie komplett fertig gestellt und sind wohl direkt nach der WM abgerissen worden. Wahrlich Geldverschwendung.

    Und was noch dazu kommt ist der rücksichtslose Umgang der Fifa mit dem Thema Essen. Allein über die Lebensmittel, die wir weggeschmissen haben, könnte ich lange Geschichten erzählen, aber das dann einander mal 😉

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