Nach der WM ist vor – ja vor was denn jetzt genau? Teil 2 der Serie «Weisser Elefant am Kap der guten Hoffnung». Den Teil 1 gibts hier.

Nach der WM änderte sich die Situation. Die Gesellschaft trat an die Stadt heran mit der Bitte um Subventionen sowie der Einforderung weiterer Zugeständnisse, beispielsweise einer Umzonung, da sich die fixen Unterhaltskosten bei einer Nachprüfung als höher wie ursprünglich budgetiert herausgestellt hatten. Trotz intensiver Verhandlungen konnten sich die Parteien nicht auf eine Vertragsänderung einigen, worauf Sail Stadefrance von seinen Verpflichtungen zurücktrat und den Vertrag im Oktober 2010 bei Bezahlung einer Busse vorzeitig auflöste. Die Stadt hatte keine andere Möglichkeit, als die Vermarktung kommissarisch zu übernehmen, aber noch herrschte Optimismus. Pieter Cronje, der Pressesprecher der Stadtregierung, liess sich mit den Worten zitieren: «Im Haushalt von Kapstadt sind die Betriebskosten bis Juni 2011 eingeplant. Kapstadt ist ein beliebtes Reiseziel … Im Gegensatz zu anderen Stadien hat das Cape Town Stadium gute Chancen, lukrative Events auszurichten.» Cronje zeigte sich zuversichtlich, einen Betreiber finden zu können, der das Stadion gewinnbringend führen und allfällige Einnahmen versteuern werde. Als Heimstadion sollte das Stadion neu Ajax Cape Town dienen, einem Franchiseverein von Ajax Amsterdam, das vom Athlone Stadium an den Green Point umzog.

Rasenmäher Südafrika

Das Experiment wurde schnell abgebrochen. Durchschnittlich verloren sich nur etwa 8’000 Fans bei Heimspielen im weiten Rund, was nicht mal den untersten Zuschauerring zu füllen vermochte. Als absoluter Tiefpunkt gilt im Übrigen das Freundschaftsspiel gegen GC im Januar 2013 mit gerade mal 200 (!) Zuschauern – was natürlich niemanden hier wirklich überraschen kann. Ajax Cape Town verlor mit den Heimspielen viel Geld und zog die Notbremse, das Cape Town Stadium stand wieder ohne regelmässigen Nutzer und Hauptmieter da. Zwar ist vorgesehen, dass Ajax in der nächsten Saison 16 Heimspiele am Green Point austragen soll, allerdings wird die Stadt wohl die Mietkosten deutlich reduzieren und dem Verein finanziell unter die Arme greifen müssen. Amortisieren lässt sich das Stadion so nicht, Profit generieren erst recht nicht.

«Auf lange Sicht muss eine Arena der Kategorie Cape Town Stadium zwischen 16 und 22 Veranstaltungen im Monat ausrichten, um die Kosten zu decken», so die Einschätzung von Jacques Grobbelaar, dem Geschäftsführer von Stadium Management SA. Dazu kommt erschwerend, dass ein neuer Betreiber mindestens zwei Jahre Planungssicherheit und Unterstützung braucht, bis er profitabel wirtschaften kann, was Investoren abschreckt. Lukrative Grossanlässe wie Open-Air Konzerte werden mehrere Jahre voraus geplant. Zwar gaben sich seit 2011 Rihanna, Justin Bieber, Neil Diamond, U2 und andere die Ehre, aber ansonsten gab es nur vereinzelte Anlässe wie Bankette, kleinere Kongresse oder Filmshootings – viel zu wenig für ein Stadion dieser Grössenordnung. Man braucht zwingend einen dauerhaften Mieter.

Hoffnung versprach man sich vom Rugbysport und Gespräche wurden mit dem Western Province Verband aufgenommen, welcher das Cape Town Stadium für Länderspiele der Springboks, Verbandsspiele der Western Province und auch für die Cape Town Stormers hätte nutzen können. In seiner bisherigen Heimstätte hatte der Verband als Eigentümer jedoch sämtliche Betreiber- und Marketingrechte in der eigenen Hand und musste keine Miete zahlen. Warum also Mieter in einem fremden Heim werden, wenn man selber bereits Hauseigentümer ist? Wirtschaftlich gab es hierfür keine Notwendigkeit. Dazu kam der starke Druck der Anhänger. Newlands ist als zweitältestes Rugbystadion der Welt ein Nationalheiligtum für Rugbyfans und für den Umzug befürchtete man grosse Proteste oder schlimmer noch, einen Boykott. Die Lokalzeitung berichtete, dass sich die Stadt und der Rugby Verband im Januar 2014 weigerten, das Cape Town Stadium für die symbolische Summe von einem Rand zu überschreiben.

Kapstadt ist natürlich nicht allein, in anderen WM-Stätten herrscht die gleiche Misere vor. Als besonders drastisches Beispiel gilt das Peter Mokaba Stadion in Polokwane im Nordosten des Landes. Dort konnte seit der WM nicht eine einzige bedeutende Veranstaltung ausgerichtet werden; es gibt in der Stadt keinen grossen Sportverein, der das Stadion mit 45’000 Plätzen nutzen kann – was aber schon vor der WM absehbar war. Allein die Bewachung des leeren Stadions kostet jedes Jahr über 1 Million Franken. Das gleiche gilt für das Mbombela Stadion in Nelspruit, das wohl demnächst als erste WM-Stätte abgerissen wird. Im ehemaligen Moses Mabhida Stadion von Durban (Schweiz-Spanien) kann man sich heute abseilen und Bungeejumping-Touren buchen, aber Auto-Shows und vereinzelte Fussballspiele (wie etwa Heimspiele der Orlando Pirates aus Johannesburg, die für subventionierte Heimspiele extra einfliegen) decken die Betriebskosten nicht. Eine schwarze Null in der Jahresabrechnung gibt es einzig im 2010 als Soccer City bekannt gewordenen Stadion in Johannesburg. Dort wurden die Namensrechte an eine Bank veräussert, die lokalen Fussballvereinen Kaizer Chiefs und Orlando Pirates aus Soweto tragen hier ihre Heimspiele aus und Rugbyspiele finden ebenso statt wie grosse Konzerte oder die Abdankungsveranstaltung für Nelson Mandela. 2011 gab es im Soccer City bereits 45 Anlässe, Tendenz steigend.

Aus all diesen Gründen nimmt die Kritik an den weissen Elefanten der WM 2010 unvermindert zu. Gerade in den Grosstädten wie Kapstadt oder Durban ist die dritte Welt mitunter einen Steinwurf von der ersten entfernt. Soziale Gegensätze, Armut und Arbeitslosigkeit prägen das Alltagsleben, umso sinnloser erscheinen die leerstehenden und von den Steuerzahlern getragenen Stadien. Eddie Cottle kommt in seiner Analyse «A Preliminary Evaluation of the impact of the 2010 FIFA World CUP: South Africa» (finanziert vom schweizerischen Arbeiterhilfswerk) zum Schluss, dass die enorme Summe von 1,5 Milliarden Euro – bis Brasilien im Übrigen die teuerste WM der Geschichte – angesichts der grassierenden Armut im Land anders hätte investiert werden müssen, es habe schlicht keine Nachhaltigkeitsüberlegungen gegeben. Auch die Gewerkschaften kritisieren den defizitären Unterhalt der Stadien und machen alternative Vorschläge zur Umnutzung. So forderte der Gewerkschaftsverbund Cosatu, das Cape Town Stadium in Sozialwohnungen umzuwandeln. Unternehmer betonen ihrerseits, dass es vor einem Umzonungsprozess nicht möglich sei, Geschäftsräume zu führen. Das wird auch in den lokalen Medien intensiv diskutiert, und die Lokalzeitung Cape Argus schiesst in regelmässigen Abständen scharf gegen die Stadtverwaltung. Regelmässig spricht man sich in Leserbriefen für den Abriss des weissen Elefanten aus.

Wie es weiter gehen soll, weiss niemand so recht. Und so wird diskutiert, debattiert und gestritten. Vorschläge werden in die Runde geworfen, Visionen entworfen, Katastrophenszenarien an die Wand gemalt, die Lokalzeitung titelt «Time for Cape Town Stadium SOS» oder «Reisst das Stadion ab». Es herrscht ein emsiges Tauziehen in einer Grundstimmung aus Ratlosigkeit und Zweckoptimismus. Bis eine Lösung gefunden ist, steht das Stadion weiter und die Stadtverwaltung bezahlt das business as usual mit Steuergeldern.

Kurz vor meinem Besuch wurde für hunderttausende Rand ein neuer Rasen verlegt. Für die FIFA war die WM in Südafrika mit einem Gewinn von rund zwei Milliarden Euro die erfolgreichste aller Zeiten.

Am Abend vor dem Heimflug sitze ich mit einem Bier am Strand und geniesse den Blick über die Bucht hinüber zur Stadt. Die Abendstimmung ist traumhaft: Die Sonne taucht in den Südatlantik ein und färbt den Tafelberg rot, Lion’s Head und Signal Hill werfen lange Schatten über die Stadt, und davor funkelt das weisse Stadiondach wie die Schwanzflosse eines gigantischen Wals – ein Anblick ergreifender, vollendeter Schönheit.

Eine gekürzte Version dieses Textes wurde im Schreyhals (Oktober 2014) abgedruckt.

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