Am 22. Oktober 2005 verliert der FC St.Gallen gegen Küssnacht am Rigi, ein Team aus der 2. Liga interregional. Die Erwähnung des Schwyzer Orts reisst heute noch tiefe Wunden bei jedem FCSG-Fan auf. Kein Wunder hatte sich Hutter schon kurz nach Abpfiff in eine Traumwelt geflüchtet.

Hutter setzte sich in den Voralpenexpress und döste ein. Schon kurz nach Küssnacht war er weit weg. Er trieb sich bei den Flugzeugen im Lustenauer Rheinvorland herum. Wenn er einmal gross wäre, würde es endlich klappen. Einmal mitfliegen! Aus dem Flugzeug drückte ihm einer Geld in die Hand. «Gang mer a Biir gi hoola, dänn kascht mitkoa!» Es war der übliche Scherz des Piloten, der auf billige Art zu seiner Pausenverpflegung kommen wollte. Enzo Hutter kam mit der Flasche Bier zurück zur Maschine und der Pilot liess ihn einsteigen. Das Flugzeug startete, holperte über die Graspiste und hob ab. Der Pilot zog in einer Kurve über den Rhein und Hutter sah das Dorf von oben: Kanal, Wohnhaus und Fussballplatz. Das grüne Rechteck war eingerahmt von vielen schwarzen Punkten. Hutter war der einzige Dorfbewohner, der jetzt nicht dort unten schrie und tobte. Ganz Widnau hatte sich auf den Besuch des FC St.Gallen gefreut. Es war das Spiel des Jahres: Stadt gegen Land. Und Widnau lachte, denn diese Meisterschafts-Partie hätte es doch gar nie geben dürfen, aber das grosse St.Gallen spielte ja schon seit fünf Jahren in der 1. Liga, und jetzt sogar gegen die Feierabendfussballer aus Widnau! Gegen die vom Rhein! – Deren Fussballplatz bei Hochwasser überschwemmt wurde. Die noch mit Schaufel und Spaten ausrücken mussten, um den Rasen bespielbar zu machen! Lächerlich. Der Pilot drehte ein paar Runden, kehrte sicher zurück zur Landepiste am Rhein und Hutter rannte am Zoll vorbei auf direktem Weg nach Hause.

Hutter hörte, wie sein Vater vom Match berichtete. Ein junger St.Galler Journalist hatte sich in der Zeitung über den bescheidenen FC Widnau lustig gemacht. Ein paar Hitzköpfe wollten sich dafür persönlich beim ahnungslosen jungen Mann aus der Stadt bedanken. Als dann das Spiel wirklich so lief, wie es die Zeitung aus der Hauptstadt vorausgesagt hatte – Widnau hatte keine Chance –, da wurde der junge Journalist beschimpft und bedrängt. Von ein paar unzimperlichen Widnauer Burschen bekam er den freundlichen Rat, sich besser nie mehr auf diesem Platz blicken zu lassen. Der junge Schreiberling, Sohn eines italienischen Maurers, packte seine Notizen, rückte die Brille zurecht, eilte auf den Bahnhof und fuhr mit dem nächsten Zug zurück in die Stadt. «Der Fussball macht euch noch ganz verrückt», sagte die Mutter zum Vater. Sie war froh, dass Sohn Enzo sich lieber hinter Büchern vergrub. Was hätte der Vater heute gesagt, nach diesem Cup-Match in Küssnacht? Er hörte ihn und seine unverwechselbare tiefe Stimme: «Sangalla – gschiid reda und tumm välüüra.» Der Zug hielt in Arth-Goldau und Hutter schreckte auf. Mock schwieg noch immer und schaute aus dem Fenster. Hutters Neffe spielte mit dem Natel.

Der Zug kroch hinauf Richtung Rothenturm. Hutter tauchte wieder weg. Er ging in Shorts und T-Shirt an ein südamerikanisches Stadt-Derby – Colo Colo gegen Universidad. Seine Freunde hatten ihn zu dieser Veranstaltung gezwungen. Sonst werde der «profesor suizo» Chile nie verstehen können. Hutter war überwältigt. Auf der Haupttribüne beschimpften unauffällige und gewöhnliche Menschen den Gegner mit einer Hingabe und Liebe zu ihrem eigenen Klub, wie es Hutter bisher nur aus dem Theater gekannt hatte. Hutter war elektrisiert und von da an jedes Wochenende mit dabei im Stadion. Plötzlich rüttelte Mock an Hutters Schulter und sagte mit einem Lächeln: «Biberbrugg, Reisene zur Schwarzen Madonna von Einsiedeln bitte umsteigen!» Der Neffe legte das Natel auf die Ablage und seufzte: «So ein Mist, die Herbstferien sind vorbei, am Montag fängt die Schule wieder an.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Tiefflug» erschien anlässlich des Heimspiels in der 13. Runde der Saison 2005/06 gegen den FC Schaffhausen.

Hutter & Mock

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