Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Bereits erschienen sind «Kurort St.Gallen» im SENF #02 und «Müll in der Marktgasse» auf diesem Blog. Die nun folgende Episode ist zum Heimspiel gegen den FC Basel am siebten Spieltag der Saison 2004/05 erschienen. Der FCSG war mehr schlecht als recht in die Saison gestartet, was Hutter & Mock nicht von einem Besuch beim Auswärtsspiel in Thun abgehalten hatte, wo sie Zeuge eines wunderbaren Freistosstors beim Unentschieden gegen den damaligen Leader wurden.

Thun

Mock schob den leeren Teller auf die Seite. Er zeichnete ein Rechteck auf das Papiertischtuch und begann Namen aufzuschreiben. «Im Tor Pédat und Stiel, klar. Innenverteidigung: Rietmann und Zwyssig – sicher, das sind zwei verdiente Natispieler. Aber wo bleibt Herbert Stöckl, unser Mister Cupfinal aus dem Jahr 1977? Wenn Urs Fischer mitspielen darf, dann muss aus Deutschland auch Stöckl her! Der kämpfte und schrie auf dem Espenmoos herum wie ein Verrückter, dabei hiess der Gegner nicht Borussia Dortmund, sondern bloss Etoile Carouge. Ohne Stöckl gibt es kein St.Galler Allstar Team!» Hutter nahm ein Stück Brot und warf es aus der Gartenbeiz in hohem Bogen in Richtung Aare. Sofort stürzten sich Enten darauf. «Alle Plätze der ehemaligen Stars sind schon besetzt, Mock. – Zamorano und Rubio sind ja da, was willst du mehr?» Mock leerte sein Bierglas in einem Zug und stand auf. «Hör auf! Verteidiger Stöckl war für den FC St.Gallen viel wichtiger als Stürmerstar Zamorano. Hätten die zwei in der gleichen Mannschaft gespielt, dann wären wir schon 1990 Meister geworden und nicht erst zehn Jahre später!» Hutter und Mock schlenderten stumm über die Holzbrücken und Schleusen Richtung Bahnhof. Fussball in der Provinz! Hutter genoss die Ruhe vor dem Match. Keine Knallpetarden, kein Krawall, sondern rundherum freudige Erwartung und strahlende Gesichter. Hutter hatte Respekt vor den Thuner Fans. Im Bus lauschte er dem weichen Singsang: «Gäge Sangaue chöi si nid gwinne, aber mir blibe glich Ärscht ir Tabäuä!»

Der Ordner vor dem Gästesektor durchsuchte Hutters Rucksack und hielt ihm die Zeitung entgegen. «Zletscht Mau heisi drmit äs Füür gmacht. Tüäat das hüt bitte underlaa. » Mock goss etwas Bier über den «Sonntagsblick» und gab in breitem Thurgauer Dialekt zurück: «Wössedsi, mer sind nöd äso, aso mit üs hends si kei Omständ.»

Weit weg spielten elf St.Galler gegen den Absturz auf den zweitletzten Tabellenplatz – durch eine Leichtathletik-Laufbahn und eine Rabatte aus geköpften Tännchen von den eigenen Fans getrennt. Razzetti schrieb ein weiteres Kapitel für das Buch: «Grandiose Goalies in Grünweiss». Doch allein gegen den flinken Renggli hatte auch Razzetti keine Abwehrchance. 1:0 für Thun. Mock starrte in den Boden. Hutter suchte verzweifelt nach einer frohen Botschaft, um Mock aufzuheitern. «Denk an den Cupmatch, als wir hier auch 2:0 hinten lagen und am Schluss alles gut herauskam. Denk ganz fest daran, das nützt!» Mock verschwand irgendwo hinter dem Erdwall des Gästesektors. Dann bekam St.Gallen einen Freistoss, 25 Meter vor dem Tor. Jairo oder Sutter? Hutter schloss die Augen, es war ganz still um ihn herum. Er hörte, wie der Thun-Goalie seine Leute in der Abwehrmauer dirigierte. Dann kam der Pfiff, und eine Sekunde später lag sich der Gästesektor in den Armen. Mock schüttelte ihn: «Weltklasse! Sutter ist ein Freistossgott!» Hutter wünschte sich ganz fest, dass nichts mehr passiert oder dass der Schiedsrichter das Spiel sofort abpfeifen würde. Mock dagegen begann die St.Galler Spieler anzufeuern, als wollte er sie ganz allein zu diesem Auswärtspunkt beim Tabellenführer schreien. Irgendwann tippte ihm Hutter auf die Schulter: «Mock, ich bin dabei, wir holen diesen Stöckl in Bayern ab und bringen ihn ans St.Galler Jubiläumsspiel.»

Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Hutter & Mock

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