Das 3:3 des FC St.Gallen zum Saisonauftakt in Lausanne scheint zu bestätigen, was wir in Teil 1 unserer Saisonvorschau konstatiert hatten: Sportlich gibt es Grund zum Optimismus, im Umfeld sieht es freilich etwas anders aus.

Das Kader des FC St.Gallen Ausgabe 2017/18 lässt sich sehen. Im ersten Teil unserer Saisonvorschau kamen wir zum Schluss, dass die Fans durchaus positiv in die Saison gehen können. Das 3:3 in Lausanne hat zwar einzelne Schwächen aufgezeigt, aber eben auch eines unserer Fragezeichen – die Offensive – zumindest teilweise beseitigt. Auch wenn die erste Halbzeit der später abgebrochenen Partie in Lugano nicht berauschend war: Sportlich macht sich dieses Jahr kaum jemand wirklich Sorgen.

Die grossen Baustellen des FCSG scheinen heuer im Umfeld zu liegen. Seit dem überraschenden Rücktritt von Dolf Früh blieb kaum Zeit zum Durchatmen. Gefühlt verging kaum eine Woche ohne eine Nachricht zum Umfeld des Vereins. Doch eigentlich ist der Anfang der aktuellen Unruhen schon früher zu suchen, mindestens 2015: Im März jenes Jahres ersetzte Marco Otero Roger Zürcher als Nachwuchschef. Otero soll sich von Donato Blasucci beraten lassen. Dem Spielerberater wird, wie das «St.Galler Tagblatt» es ausdrückte, «grossen Einfluss auf Früh» attestiert. Kurze Zeit später trat auch Sportchef Heinz Peischl zurück. Sein Nachfolger wurde Christian Stübi.

Stübi in der Kritik

Stübi war nicht unbedingt der Wunschkandidat der meisten Fans. Viele hegten Zweifel, ob er der Aufgabe gewachsen ist. In seinen rund zwei Jahren als Sportchef schaffte er es, viele Zweifler zu überzeugen. Dabei halfen vor allem die Transfers von Tranquillo Barnetta, Albian Ajeti oder Nzuzi Toko.

Als im Mai dieses Jahres Zinnbauer doch endlich entlassen wurde, schien vorerst etwas Ruhe einzukehren. Mit Giorgio Contini wurde ein Nachfolger eingestellt, der in St.Gallen wegen des Meistertitels 2000 sowieso viel Kredit geniesst. Vor allem aber dürfte jedem St.Galler Fan in schmerzlicher Erinnerung sein, wie oft Contini als Vaduz-Trainer gegen den FCSG angetreten ist und nie verloren hat. Dass er auch Teil des Blasucci-Netzwerks sein soll, wusste man zwar auch zu dieser Zeit schon, es warf aber kaum Wellen.Am meisten Kritik musste er einstecken, weil er als Nachfolger von Jeff Saibene den deutschen Joe Zinnbauer präsentierte, dem er gleich einen Dreijahres-Vertrag anbot. Als Sportchef ist er offiziell zumindest mitverantwortlich, dass der FC zu lange am Deutschen festhielt. Es wurde jedoch schon früh gemunkelt, dass Zinnbauer auch bei Stübi nicht mehr viel Kredit genossen hat. Das «Tagblatt» schrieb sogar: «Doch völlig überraschend – und gegen den Willen Stübis – wird nicht der Deutsche, sondern Talentmanager und Co-Trainer Martin Stocklasa entlassen.»

Contini, Stübi und Otero auf einer Ebene

Das änderte sich kurze Zeit später. Wenige Tage nach der Bekanntgabe des neuen Trainers konnte Früh auch seinen eigenen Nachfolger präsentieren: Mit Stefan Hernandez wurde ein gänzlich Unbekannter Präsident der FC St.Gallen Event AG. Die weitreichenden Änderungen geschahen indes im Organigramm der FC St.Gallen AG – quasi als letzte Amtshandlung änderte Früh dort das System: Der bisherige «Future Camp Ostschweiz»-Geschäftsführer Ferruccio Vanin wurde zum CEO. Darunter stehen Contini, Stübi und Otero auf einer Ebene. Die Änderung kam faktisch einer Entmachtung des Sportchefs gleich, auch wenn dies von verschiedenen Beteiligten immer wieder abgestritten wird.

Das Organigramm der FC St.Gallen AG. (Bild: fcsg.ch)

Dieses System stösst rundherum auf Skepsis. Das «Tagblatt» schrieb von einem Pulverfass und zitierte den früheren YB- und heutigen Rapid Wien-Sportchef Fredy Bickel, der das neue Organigramm als «höchst untragbare Lösung» bezeichnet. Erschwerend kommt hinzu, dass Vanin und Otero seit gemeinsamen FCO-Zeiten ein verschworenes Team zu sein scheinen.

Wie gross der Einfluss von Berater Blasucci auf die beiden und auf Contini ist, ist von aussen schwierig abzuschätzen. Dass mit dem neuen Assistenztrainer Markus Hoffmann und Konditionstrainer Harry Körner zwei weitere, vermeintlich zum Blasucci-Netzwerk gehörende Exponenten den Weg nach St.Gallen finden, beruhigt zumindest nicht. Hernandez gab in einem «Tagblatt»-Interview an, die Sache im Griff zu haben. Er dulde keine solche Einflussnahme. In einem Artikel des «Tagesanzeigers» räumte er jedoch ein, von der Allianz rund um den Spielerberater zu wissen.

Für Stübi wurde die Situation offenbar untragbar. Er gab seinen Rücktritt bekannt. Die Unruhe verging auch in der Folge nicht. Nur wenige Wochen vor Saisonstart wurde der bisherige Physiochef Simon Roth abgesetzt – die Gründe blieben vage – und Verteidiger Roy Gelmi wechselte – mit unschönen Nebengeräuschen – nach Thun, obwohl er eigentlich gerne in St.Gallen geblieben wäre.

Wer will Sportchef werden?

Natürlich sind Netzwerke im Fussball nicht prinzipiell verwerflich. So funktioniert der Sport, vielfach sind Netzwerke sogar unabdingbarer Bestandteil. Wer zum richtigen Berater ein gutes Verhältnis pflegt, kommt eher zu einem guten Transfer. Dass sich die Verantwortlichen bei der Besetzung von wichtigen Posten in ihren Bereichen nach Vertrauten umsehen, ist ebenso wenig im Grundsatz verwerflich. Dass der Einfluss eines einzelnen «Kuchens» aber so gross wird, dass ein Sportchef nur noch den Ausweg des freiwilligen Rücktritts sieht, dürfte so eigentlich nicht geschehen.

Damit in St.Gallen wieder Ruhe einkehren kann, braucht der FC St.Gallen einen starken Sportchef, der nicht zum gleichen Dunstkreis gehört. Ob im bestehenden Organigramm überhaupt Platz dafür ist, scheint äusserst fraglich. Welcher Sportchef würde eine solche Position übernehmen wollen? Deshalb darf auch dieses Organigramm nicht sakrosankt sein.

Hier ist Hernandez gefragt: Wenn er von Allianzen Kenntnis hat, die ihm die Arbeit und dem FCSG die Zukunft erschweren, muss er einschreiten. Zur Not auch gegen den Willen Frühs, der diese Änderung des Organigramms zum Schluss seiner Amtszeit noch umgesetzt hat. Wieso es zu dieser Änderung kam, die sich nicht aufzudrängen schien, bleibt sowieso weiterhin unklar. Im angesprochenen «Tagesanzeiger»-Artikel wird von Unstimmigkeiten zwischen Früh und dem restlichen Verwaltungsrat zum Schluss seiner Amtszeit gesprochen.

Früh soll verkaufen

Vor diesem Hintergrund wäre es wünschenswert, wenn Früh den angekündigten Verkauf von Teilen seines Aktienpakets möglichst bald umsetzt. Damit würde er deutlich machen, dass er nicht im Hintergrund als graue Eminenz weiterwirken will. Mit seinen aktuell beinah 50 Prozent Anteilen an der FC St.Gallen Event AG dürfte sich dieses Gerücht sonst noch lange halten.

Die Gefahren eines Verkaufs sind schliesslich gering, auch dank Früh. Er und das restliche Aktionariat haben sich untereinander abgesichert, um einen Verkauf in unliebsame Hände möglichst zu verunmöglichen. Damit würde Früh auch den Prozess der Machtübergabe abschliessen. Wie wir schon zu seiner Rücktrittsankündigung geschrieben haben, wird es diese Übergabe sein, die im kollektiven Gedächtnis der FCSG-Fans den Ausschlag geben wird, wie Früh in Erinnerung bleibt.


Dieser Beitrag erschien am 2. August 2017 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv kommentiert dort in der Rubrik «Am Ball» das Geschehen auf und neben dem Platz.

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