Der FC St.Gallen dümpelt auch nach den ersten Spielen der Rückrunde in der Saison 2004/05 in den untersten Tabellenrängen vor sich hin. Kein Wunder, dass sich Hutter & Mock in die Vergangenheit flüchten und über hitzige Spiele diskutieren.
Hutter und Mock im November

Hutter lief der Schweiss über den bleichen Körper. Mocks Kopf war ganz rot. Sie hockten auf den Holzpritschen, schwitzten und schwiegen. Hutter hatte einen trockenen Mund und atmete schwer. Er sah eine Riesenschlange vor dem Getränkestand. Nach fünf Minuten merkte er, dass er einem Becher Mineralwasser ganze zehn Zentimeter näher gekommen war, und er ging durstig zurück zu seinem Sitzplatz. Am Eingang hatten sie ihm die Flaschen mit seinen Getränkevorräten abgenommen. Am Gitter vor dem Fansektor wedelten einige mit Geldscheinen und baten die Menschen vor dem Stadion um etwas Flüssiges. Die Sonne brannte. Die Spieler auf dem Rasen nutzten jeden Unterbruch, um sich abzukühlen. – «Mock, was war das hitzigste Fussballspiel deines Lebens?» Mock liess sich Zeit. Plötzlich tauchten Stimmen und Farben auf. Rotblau gegen Grünweiss. Er roch altes, trockenes Holz und hörte aufgeregtes Murmeln. Dann brach es direkt über ihm los, ganz plötzlich, ein wildes Durcheinander von Flüchen, Schreine, Stampfen und Klatschen. Er sauste aus der Toilette hinauf zum Tribünenaufgang, vorbei an erhitzten und zornigen Gesichtern, und zwängte sich zwischen Vater und Grossvater auf die hölzerne Sitzbank. Vater schüttelte den Kopf, immer wieder, ein Spieler in rotblau trottete unter Pfiffen in die Garderobe. Grossvater stand auf, fuchtelte mit seinem Stock. «Nur Ärger mit den Tessinern, jedes Mal! Knochenbrecher, Schauspieler, Simulanten!» Dann passierte es: Nach einer weiteren roten Karte brach der Schiedsrichter das Spiel ab, einer der berüchtigten Riva-Brüder aus Chiasso stellte sich vor die Tribüne und zeigte dem St.Galler Publikum seinen Allerwertesten.

Hutter sah Mock fragend an: «Sag schon, was war die unglaublichste Szene, die du mit eigenen Augen miterlebt hast?» Mock sass neben seinem Vater auf der düsteren, alten Espenmoos-Holztribüne. Unten auf dem Feld setzte der deutsche Techniker Renner im Sonnenlicht endlich zu seinem berühmten Trick an: Ball hoch in die Luft, mit dem Nacken abstoppen, langsam abtropfen lassen, zurück zum Fuss – und das alles mitten im Spiel. Mock blickte zu seinem Vater, der den Kopf schüttelte und lächelte dabei.

«Verrückte Spiele? Klar, das 3:3 gegen Aarau im Cup, die perfekte Achterbahn der Gefühle. Akwuegbos Ausgleich in Genf – eine Wärmedusche an einem trostlosen, grauen Dezembersonntag. Amoahs 4:4 gegen GC in der Meistersaison, eine einzige Glücksbotschaft. Aber was wirklich unter die Haut ging?» Hutter schüttete Eukalyptuswasser über die heissen Steine. Es zischte und der Dampf breitete sich in der ganzen Kammer aus. Hutters Natel piepste. Tania schickte ihm ein SMS: «Ich friere. Du fehlst mir. Der FCZ spielt schlecht. So werden wir nie Meister.» Mock wusste genau, wann er sich das letzte Mal so richtig aufgeregt hatte. Es war nach dem kürzlichen Cup-Out gegen Aarau, als er die Auslosung erfahren hatte. Heimspiel gegen Luzern! Nun ausgerechnet für Aarau. «Hutter, jetzt fällts mir ein. Das irrste Tor! Das war doch dieser Iselin, Siegtreffer für Aarau im Cupfinal! Ein blinder Verzweiflungsschuss aus vierzig Metern, genau ins Lattenkreuz. Alle kennen nur diese eine Szene von Iselin, am nächsten Morgen ging er zur Arbeit, als wäre es die normalste Sache der Welt. Wunderbares Goal. Das machst du einmal in deinem Leben. Schön, wenn dir das im Cupfinal passiert.»

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Bisher erschienen:
«Kurort St.Gallen» im SENF #02
«Müll in der Marktgasse»
«Stöckl oder Zamorano»
«Rock im Stadion»
«Heiliger Ivan» im SENF #03
«Was dann?»
«Kiki, Trello und Philippe»
«Grünweisse Flotte»
«Rudi und Lolita» im SENF #04
«Schneetherapie»
Die aktuelle Episode «Spiel des Lebens» erschien anlässlich des Heimspiels am 24. Spieltag der Saison 2004/05 gegen den FC Aarau.

Hutter & Mock

Schreibe eine Antwort

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> 

Erforderlich