Moskau, Swansea, Valencia, Krasnodar. Diese vier Städte rufen im Gedächtnis der meisten FCSG-Fans schöne Erinnerungen an Europa League-Spiele hervor. Dabei geht oft ein wenig vergessen, dass sich der FCSG zuerst einmal für das internationale Geschäft qualifizieren musste. SENF hat sich mit Kristian Nushi getroffen und mit ihm auf diese erfolgreiche Zeit zurückgeblickt.

Kristian Nushi

Es war ein warmer Tessiner Mai-Sonntag, an dem der FC St. Gallen 2012 in Locarno gastierte. Nach einer Saison in der Challenge League konnte mit einem Sieg der Wiederaufstieg besiegelt werden. Kristian Nushi erinnert sich: «Für uns war es ein einfaches Spiel. Wir hatten die ganze Saison vom ersten bis zum letzten Spiel einen unglaublichen Druck. Als der Aufstieg feststand, fiel der ganze Druck weg. Das war einfach nur ein unglaubliches Gefühl.»

In der darauffolgenden Sommerpause bewies Sportchef Heinz Peischl ein gutes Händchen. Mit Stéphane Besle konnte ein gestandener Innenverteidiger verpflichtet werden und vom FC Sion stiess Mario Mutsch zum Team. Der zurückgetretene Daniel Imhof und der zum FC Luzern abgewanderte Philipp Muntwiler wurden durch Stéphane Nater und Dejan Janjatovic ersetzt. Letzterer war bereits im Winter zum FCSG gestossen und war vornehmlich in der U21 eingesetzt worden. Seine Berufung in die erste Mannschaft im Sommer 2012 war dann auch eher zufällig, wie Nushi sagt: «Dzengis Cavusevics Fuss schwoll vor dem ersten Spiel gegen YB plötzlich an. Jeff Saibene entschied sich, sein System umzustellen, und rief Janjatovic an, der noch zuhause im Bett lag. Dieser eilte in den Säntispark, wo wir jeweils vor dem Spiel assen, und kam so zu seinem Debüt.» Janjatovic zeigte darauf einige starke Spiele und sicherte sich so seinen Stammplatz.

Im zweiten Saisonspiel in Lausanne bewies Oscar Scarione erstmals seine Torriecher-Qualitäten und erzielte den einzigen Treffer des Spiels. Es sollte das erste von 21 Toren und damit der erste Schritt auf dem Weg zur Torjäger-Krone sein. Nach den legendären Spielern Ivan Zamorano und Charles Amoah war er damit erst der dritte Spieler in Grün-Weiss, der sich als bester Torschütze einer Saison auszeichnen konnte. Auch Nushi kommt ins Schwärmen, wenn er von Scarione spricht: «Wenn jemand in einer Saison 21 Tore schiesst, ist er ein herausragender Spieler. Scarione war zudem ein Teamplayer mit einem super Charakter.»

Den Sieg in Lausanne feierten die St. Galler Fans ausgelassen: «Schwiizer Meischter 13» sangen sie in den Gassen von Lausanne, zu jener Zeit noch mit höchst ironischem Unterton. Dies sollte sich jedoch in den folgenden Wochen ändern. Der FCSG spielte äusserst erfolgreich und nach acht Spieltagen war es das erste Mal seit 2006 wieder so weit: Er grüsste von der Tabellenspitze. Nushis Augen glänzen, wenn er von jener Zeit erzählt: «Niemand hat von uns erwartet, dass wir so gut spielen. Aber irgendwie hat einfach alles zusammengepasst. Es gab Spiele, wo wir schlecht spielten, aber trotzdem gewannen. Die Mannschaft hat super harmoniert. Die Stimmung war bombig. Mit gewissen Spielern habe ich drei- bis viermal pro Woche etwas unternommen.»

Der Höhenflug ging sogar noch weiter. Erst am elften Spieltag musste der FC St. Gallen erstmals als Verlierer vom Platz. Ausgerechnet im unbeliebten Letzigrund gegen die ungeliebten Grasshoppers war es um die Ungeschlagenheit geschehen. Ein weiterer Einbruch vor der Winterpause, wobei aus den letzten vier Spielen lediglich zwei Punkte resultierten, liess für die Rückrunde allerdings nichts Gutes erahnen und trübte die Freude darüber, dass der FC St.Gallen auf dem dritten Platz überwintern würde. Nushi fällt es nicht schwer, darüber zu sprechen: «Wir wussten ja, dass dieser Höhenflug nicht ewig weitergehen konnte und irgendwann eine kleine Krise kommen würde. Diese Niederlagen musst du einfach abhaken, nach vorne schauen und dich auf das nächste Spiel konzentrieren.»

Aufgrund der komfortablen Tabellensituation konnte in der Winterpause auf unnötige Nottransfers verzichtet werden. Dennoch zeigte sich der FCSG auf dem Transfermarkt aktiv. Mikael Ishak und Sébastien Wüthrich wurden geliehen, Ermir Lenjani definitiv verpflichtet. Gerade Nushi dürfte die Verpflichtung von Wüthrich nicht gefallen haben, könnte man meinen, weil er doch auf derselben Position spielte. Doch er hatte damit überhaupt keine Probleme: «Für mich war Konkurrenz immer gut. Wer keine Konkurrenz hat, hat keinen Erfolg. Ich wusste immer, was ich kann, und habe mir gesagt, dass ich der Mannschaft helfen kann, wenn ich fit bin. Klar, jeder will spielen, aber es kommt immer auf die Situation an. Eine kleine Verletzung kann schnell dazu führen, dass der Trainer nicht auf dich setzt. Oder wenn dein Konkurrent ein super Spiel macht, kannst du nicht 
erwarten, dass du im nächsten Spiel spielst. Ich habe mich da immer professionell verhalten und den Entscheid des Trainers 
akzeptiert. Mein Motto war immer, dass ich es dem Trainer in der nächsten Woche im Training zeige.»

Die Rückrunde begann für die Espen, wie die Vorrunde aufgehört hatte. Im Kühlschrank Tourbillon erzielte Captain Philippe Montandon den einzigen Treffer der Partie. Blöd nur, dass er den Ball in bester Stürmermanier in die eigenen Maschen hämmerte. Glücklicherweise kehrte bereits im nächsten Spiel die Leichtigkeit der Vorrunde zurück. Der FC Luzern wurde gar mit einem 4:0 nach Hause geschickt. Scarione traf gleich dreimal, zweimal vom Elfmeterpunkt. Am 9. März 2013 konnte sich auch Nushi erstmals in die Torschützenliste eintragen lassen. Bei der 1:3-Niederlage gegen GC traf er zum zwischenzeitlichen Ausgleich: «Für das Selbstvertrauen eines Spielers sind Tore natürlich sehr wichtig und motivierend und als Flügelspieler 
geben einem auch Assists ein schönes Gefühl. Sie sind fast so schön wie Tore», erklärt Nushi, der in jener Saison vier Tore erzielte.

Allgemein fiel in der ganzen Saison auf, dass sich der FC St.Gallen – fast wie früher im Espenmoos – extrem heimstark zeigte. Nur gerade bei drei von 18 Spielen verliess man den heimischen Rasen als Verlierer. Dementsprechend resultierte Ende Saison ein höchst erfreulicher dritter Platz, was gleichbedeutend mit der Qualifikation für die Europa League-Playoffs war. In spezieller 
Erinnerung dürfte das letzte Saisonspiel in Basel geblieben sein. Während der FC Basel und dessen Anhänger in gewohnter 
Manier den Meistertitel feierten, schien die Freude über den dritten Platz beim mitgereisten St. Galler Anhang um Welten grösser zu sein. «Dankä für die geil Saison», klang es aus den Kehlen der gut 1’000 mitgereisten Fans. Die Gesänge der Ostschweizer schienen die Meistergesänge der Basler Anhänger im gut gefüllten St.Jakob-Park sogar zu überstimmen.

Für Nushi brachte die Europa League-Qualifikation jedoch eine herbe Enttäuschung mit sich. Da Russland den Kosovo nicht als Staat anerkennt, erhielt er für das Rückspiel gegen Spartak Moskau kein Visum und musste in der Schweiz bleiben. Nushi wirkt heute noch aufgebracht, wenn er darüber spricht: «Das verstehe ich immer noch nicht. Ich konnte das gar nicht glauben und war sehr überrascht von der UEFA, welche gar nichts unternommen hat. Ich finde es eine riesige Frechheit, wenn ein Spieler Europa League spielt und kein Visum bekommt. Ich dachte zuerst, das sei ein Witz.» Immerhin wurde Nushi durch die Qualifikation für die Gruppenphase entschädigt, denn in drei Europa League-Spielen wurde er eingewechselt. Wieder leuchten seine Augen, wenn er davon erzählt: «Die Europa League war unglaublich. Das war ein Highlight meiner Karriere. Wir wussten ja, dass wir von der Qualität her gegen Swansea und Valencia keine Chance haben würden. Trotzdem hat am Schluss nicht viel gefehlt, dass wir uns für die nächste Runde qualifiziert hätten. Jeff Saibene hat auch immer gesagt, wir sollen den Moment geniessen.»

Im folgenden Sommer lief Nushis Vertrag aus und wurde nicht mehr verlängert. Die Frage, ob er den Verein nicht schon früher verlassen wollte, verneint er: «Ich hatte fast jedes Jahr konkrete Angebote aus dem Ausland, zwei von Vereinen, die heute in der 1. Bundesliga spielen. Allerdings wollte ich in der Schweiz bleiben, da hier alle meinen Verwandten leben. Ich habe mich vom ersten Tag an wohl gefühlt. Als ich zum FC Wil wechselte, war für mich klar, dass ich eines Tages für den FC St. Gallen spielen will. Auch meine Tochter ist infiziert. Ihre erste Lieblingsfarbe ist grün, ihre zweite weiss. Ihre Lehrerin hat uns beim Elterngespräch darauf angesprochen und verwundert gefragt, ob mit ihr deswegen etwas nicht stimme.»

Nach seinem Engagement beim FCSG wäre Nushi beinahe in der Major League Soccer bei D.C. United gelandet. Er flog sogar nach Washington, zeigte sich angetan von der amerikanischen Kultur. Allerdings scheiterte der Wechsel im letzten Moment, da die Amerikaner die zuvor versprochene Vertragsdauer ändern wollten. Nushi wechselte darauf zum FC Winterthur, wo er noch bis zum vergangenen Sommer spielte. Seine berufliche Zukunft lässt er momentan offen. Zurzeit bildet er sich im Bereich Sportmanagement weiter und auch das Trainerdiplom macht er nebenbei. Wer weiss, vielleicht sehen wir den jeweils aufopferungsvoll kämpfenden Kosovaren eines Tages an der Seitenlinie als Trainer des FC St. Gallen. An seinem Einsatz wird es sicherlich nicht scheitern.


Dieser Text erschien zuerst im SENF #05. Diese Ausgabe kannst du hier bestellen.

 

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