Wer hierzulande an Fussballfans in Asien denkt, der landet meistens bei chinesischen Fans, welche die Spieler des FC Bayern München bei der Ankunft zu ihrer China-Tournee bejubeln. Dabei geht vielfach unter, wie kreativ und spannend asiatische Fanszenen sind. Um das bekannter zu machen, haben Daniel Polomski und Tobias Enkel Football Fans Asia gegründet. Sie dokumentieren Spiele, Fanszenen und einzelne Gruppierungen aus verschiedenen asiatischen Ländern und geben so Einblick in eine in Europa bisher wenig bekannte Welt der Vielseitigkeit.

Ähnlich entstanden wie die Fussballlichtspiele St.Gallen – aus einer Bieridee – gibt es Football Fans Asia seit 2016. Bobotoh, der erste Kurzfilm über die Fans eines indonesischen Clubs, läuft am kommenden Samstag am Festival. Wir haben Daniel Polomski getroffen und mit ihm über den Film, asiatische Fanszenen, Football Fans Asia und Sepak Bola – also Fussball – gesprochen.

SENF: Bobotoh hat die Fans von Persib Bandung zum Thema. Warum habt ihr genau diesen Club und diese Fans für euren ersten längeren Film ausgesucht?

Polomski: Wir waren vorher schon oft in Indonesien beim Fussball und über das Spiel Persib Bandung gegen Persija Jakarta wird medial am meisten berichtet, es ist omnipräsent. Es ist das Spiel, an dem seit Jahren die Auswärtsfans nicht zugelassen werden. Diese Verbote gibt es, weil leider auch Personen sterben. Die Mannschaften des gegnerischen Teams werden teilweise in gepanzerten Fahrzeugen aufs Spielfeld gefahren, weil sie sonst gefährdet wären. Persib Bandung gegen Persija Jakarta wird der «Indonesische Classico» genannt. Und dann kam ehrlich gesagt ein Zufall dazu. Als wir überlegten, dass wir ein solches Projekt machen möchten, war es einfach auch das nächste interessante Spiel in Südostasien, welches wir sehen konnten.

SENF: Verschiedene Elemente aus dem Film widerspiegeln Elemente europäischer Fanszenen sehr stark. Was sind Hauptorientierungspunkte der Fans oder Fanszenen, welche ihr begleitet habt?

Polomski: In Indonesien ist Italien das Vorbild. Ganz klar. Als begonnen wurde, Fussball in Indonesien zu zeigen, gab es nur die Bildrechte für die Serie A. So hat jeder Indonesier ausschliesslich die Serie A gesehen, wenn er Profifussball aus Europa schauen wollte. Da kommt dieser ganze Ultra-Gedanke her, die Indonesier haben das als Inspiration genommen. In Bandung, wo unser Erstlingsfilm herkommt, ist das ein bisschen anders. Es gibt nur eine kleine Gruppe, die in einer ganz anderen Ecke im Stadion steht und den komplett italienischen Stil fährt. Und oft nennen Fans auch türkische Vereine, meistens Galatasaray Istanbul, als Vorbild.

SENF: Wie äussert sich diese starke Orientierung an Italien?

Polomski: Sehr viele Fahnen, ein komplett geschlossener Support. Die Fans machen 90 Minuten ausschliesslich, was der Capo sagt. Nichts Anderes. Bei PSS Sleman, wo wir gerade waren, einem Zweitliga-Verein, geht das sogar so weit, dass sie vor dem Spiel nichts Scharfes essen und keine kalten Getränke zu sich nehmen sollen, weil das auf die Stimme geht. Das sind ungeschriebene Gesetze. Und 90 Minuten Dauersupport ist dann tatsächlich auch zu beobachten. Es ist nicht bloss ein Ideal, an das man heranzukommen versucht. Wenn man da ist, sieht man, dass das genau in der Form funktioniert. Für uns war das das Beeindruckendste: Sie ziehen wirklich 90 Minuten komplett an einem Strang.

SENF: Und was sind merkliche Unterschiede zu europäischen Szenen?

Polomski: In Sleman geht alles, was im Brigata Curva Sud Shop, dem Ultras-Shop, verkauft wird, zu 100 Prozent an den Verein. Wenn sie Choreographien machen, sammeln sie im Stadion unter sich noch einmal extra. Das ist einer der grössten Unterschiede zu Europa. Ein weiterer ist die Organisation der Fans. Viele Jobs, welche in Europa von Sicherheitskräften ausgeübt werden, von der Polizei oder privaten Sicherheitsdiensten, werden von den Fans übernommen. Wenn du hier oder in Deutschland mit Bussen auswärts fährst, wirst du von Polizisten eingerahmt und auf eine Raststätte gezogen, sobald die Polizei mitkriegt, dass die Fanszene von XY auf der Autobahn in diese Richtung fährt. In Indonesien ist das überhaupt nicht der Fall. Die Fans sind komplett sich selbst überlassen. Wenn sie durch gefährliche Gebiete von rivalisierenden Fanszenen fahren, wird vorher der komplette Konvoi angehalten, es wird mit Funkgeräten koordiniert, wie sie durch die Stadt fahren, und jedes Auto hat seinen korrekten Platz. Mit absolut minimaler Polizeipräsenz, auf externe Kräfte legt da niemand wert.

SENF: Gibt es länder- und szenespezifische Einflüsse, wo eine eigene Identität erkennbar wird bei den Szenen?

Polomski: Auf jeden Fall. In Indonesien geht Fanszene-technisch wohl am meisten. Obwohl sie viele Gesänge kopieren, haben sie trotzdem lokale Gesänge und Kulturgüter. Sie bringen Dangung – eine traditionelle zentral-javanische Musikform, Lieder und Rhythmen – genauso ein wie europäische Gesänge und bewahren ihre lokale Kultur. Und Indonesien ist ein riesiges Land, es gibt auch regionale Einflüsse. Die Vereine sind wahnsinnige Identitätsanker. Egal wo wir als Football Fans Asia hingefahren sind, wenn wir die Menschen gefragt haben, was der Verein für die Stadt bedeutet, was die Stadt für den Verein bedeutet: Das geht immer Hand in Hand. Das ist untrennbar verbunden und der Fussball ist wahrscheinlich jeweils der Hauptidentitätsmarker.

SENF: Wie müssen wir uns die Zusammensetzung einer Kurve in Indonesien vorstellen?

Polomski: Jünger. Wenn ich ein Wort wählen müsste, dann jünger. Es ist beeindruckend, wie viele junge, motivierte Menschen dort sind. In europäischen Stadien sieht man immer noch die Väter, die ihre Töchter und Söhne zum Fussball gebracht haben, in den Kurven stehen. Das hat man in Indonesien und Malaysia kaum. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass es noch eine relativ neue Subkultur ist und vielleicht die erste Generation, die diese entwickelt.

SENF: Mit Football Fans Asia dokumentiert ihr Teile dieser Subkulturen, ihr macht das ehrenamtlich. Was ist eure Grundidee und was sind eure nächsten Projekte?

Polomski: Wenn man in Südostasien unterwegs ist, haben die Menschen unglaublich Ahnung vom europäischen Fussball. Am meisten natürlich von der Premier League, weil sie damit auch viel Geld verdienen, Fussballwetten sind richtig gross. Dann von populären Vereinen, die oft gewinnen. Aber selbst wenn man vom HSV spricht, können die Menschen das zuordnen. Wenn man in Europa jemanden nach Persib Bandung fragen würde, würde keiner auf die Idee kommen, wo das in Java ist. Das hat uns sehr beeindruckt. Und deswegen wollten wir ein Projekt starten, das Fussball-Interessierten aus ganz Europa ermöglicht, sich über solche Dinge informieren zu können.

Aktuell planen wir einen etwas längeren Film über den Port FC aus Bangkok, um die 45 bis 60 Minuten. Wir haben viele Kontakte in Bezug auf die Verbindung vom Club zu den Slums, zum Beispiel ein 14-jähriger Rapper, der in den Slums gross geworden ist und Musik für den Club macht. Oder Personen, welche ähnliche Projekte wie „Humans of New York“ machen, ein Thailänder macht nach dieser Vorlage „Humans of Thai Port“. Es gibt ein unglaublich grosses Engagement für diesen Verein in der Szene und wir wollen eine solche Dokumentation jetzt in den nächsten Wochen in Angriff nehmen.


Wer nach diesem ersten kurzen Einblick in eine diverse und faszinierende Fussballwelt in Südostasien mehr erfahren möchte, dem sei der Kurzfilmblock an den Fussballlichtspielen St.Gallen, am Samstag, 2. September, empfohlen. Beginn ist um 15.00 Uhr, Bobotoh wird gezeigt und Daniel Polomski wird anwesend sein. Wer sich ausserdem weiter über die laufenden Projekte von Football Fans Asia informieren möchte, kann dies via Facebook, Youtube, Instagram, und Twitter tun.

Die dritten Fussballlichtspiele St.Gallen starten am kommenden Mittwoch, 30. August, und dauern bis Samstag, 2. September. Nebst dem erwähnten Kurzfilmblock bietet das Programm auch dieses Jahr mehrere Highlights: so zum Beispiel eine Weltpremiere mit der Dokumentation über unseren Meistertrainer, Marcel Koller, oder die Schweizpremiere von Pelé: Birth of a Legend (hier ist das volle Programm zu finden). T minus 2 Tage: Die Vorfreude steigt!

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