Man kann von der EM halten, was man will – sicher ist: Sie bringt Menschen vor Bildschirmen zusammen. Und schafft damit vorübergehend neue öffentliche Räume. Das Senf-Kollektiv testet im Verlauf der EM ein paar Public Viewing-Orte. Teil 2: Palace St.Gallen.

palace

Seit Jahren ist das Palace ein sicherer Wert während grossen Turnieren. Zum einen ist man vor den Kapriolen des Wetters geschützt: Wenns draussen zu heiss ist, ists im ehemaligen Kino angenehm kühl. Wenns regnet – wie dieses Jahr eigentlich ständig – ists drinnen trocken. Zum anderen sind die Besucher meist sehr angenehm. Keine grölenden Massen, keine aufgeheizte Stimmung, viele fachkundige Gespräche.

Wer ob der negativen Schlagzeilen aus Frankreich Angst vor herumfliegenden Stühlen hat, den können wir auch beruhigen: Die Kino-Sessel sind fest im Boden verankert und sowieso zu schwer. Seine volle Qualität kann das Palace allerdings vor allem dann ausspielen, wenn nicht die Schweizer Nationalmannschaft spielt und der Saal nicht so überfüllt ist.

Zugegeben, die lauten «Oohs» und «Aahs», wenn mal wieder ein Schweizer seine bisher nicht bekannten St.Galler Wurzeln zeigt und eine Grosschance versemmelt, die haben schon was für sich. Gemeinsam leiden ist ja doch irgendwie angenehmer. Und auch der Torjubel, wie beim 1:1-Ausgleichstreffer durch Mehmedi gegen Rumänien, ist in der Masse irgendwie intensiver. Glück soll ja das einzige sein, was grösser wird, wenn man es teilt. So viel Fussballromantik muss sein.

Aber eben, wenn sich das Palace nach einem Schweizer Spiel leert und für das anschliessende Spiel Frankreich gegen Albanien nur noch jeder zweite Kinosessel besetzt ist, dann fühlt es sich wie ein überdimensioniertes Wohnzimmer an. Vorne wird «töggelet», in den Sesseln wird gefachsimpelt und das Sofa wird kurzerhand so vor die Leinwand verschoben, wie man es zuhause auch vor den Fernseher stellen würde.

Wäre das für die eigene Gesundheit nicht schädlich, man könnte in der Tat einziehen. Aber eben, bei Bratwurst als Grundnahrungsmittel und grossem Bier für faire sechseinhalb Stutz dürfte man das schon nach zwei von vier Wochen EM bereuen. Wobei, wenn man dort wohnt, muss man sich ja auch nicht mehr so fest bewegen.

Wenns beim Public Viewing an diesem Mittwochabend etwas zu bemängeln gab, dann eigentlich nur, dass die Jungs vom Adrenalin-Team lediglich das Spiel der Schweiz gegen Rumänien live kommentierten. Zumal man sie wegen der vielen Leute eben auch nicht so gut verstand. Bei Frankreich-Albanien waren zwar weniger Leute anwesend, diese wären dafür aber sicher umso aufmerksamer gewesen.

Und nebenbei: Eine Loge im Obergeschoss gibts hier natürlich auch. Wer aber dort Platz nehmen will, muss bei Spielen der Schweiz früh kommen. Das frühe Kommen lohnt sich übrigens sowieso: Sobald das Palace nämlich voll ist, wird auch trotz eines fehlenden Eintrittspreises «ausverkauft» vermeldet.

Kurzbewertung:

Lage: 4 von 5 Croissants – das erste getestete Public Viewing hatte mit einer eigenen Bushaltestelle einen vermutlich nicht zu überbietenden Vorteil. Deshalb müssen wir hier pingelig sein. Der Bahnhof ist leider ein paar Meter zu weit weg, um als Palace-eigen zu gelten.

Stimmung: 4 von 5 Croissants – beim Schweiz-Spiel sicher angenehmer als anderswo und meist herrscht perfekte Wohnzimmeratmosphäre. Abzug gibts nur, weil wir mehr Adrenalin hören wollen.

Verpflegung: 3 von 5 Croissants – Das Essensangebot ist zwar nicht sonderlich innovativ, dafür verfügt das Palace über eine komplett eingerichtete Bar – ein neuer Sitzungsort fürs SENF-Kollektiv?

Kosten: 5 von 5 Croissants – Gratis Eintritt und grosses Bier für 6.50. Zudem gibts bei jedem Bier die Chance, eine Stange zu gewinnen.

#Platzverweis:

Seit kurzem können Schiedsrichter schon vor Anpfiff der Partie rote Karten verteilen. Wir haben schon vor Turnierbeginn zehn Herren eruiert, bei denen wir von dieser Möglichkeit Gebrauch machen würden.

Im ersten Test kam Roman Neustädter hinzu. An diesem Abend müssen wir Lichtsteiner tadeln. So ein unnötiges Foul, das zu einem Penalty führt, dürfte dem erfahrenen Verteidiger nicht passieren. Wegen ihm musste die Schweiz einem Rückstand nachrennen. Ohne dieses unnötige Foul wäre das nicht passiert. Deshalb: #Platzverweis!


Dieser Beitrag erschien am 17. Juni 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. Während der EM testen wir verschiedene Public Viewings der Region.

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