Man kann von der EM halten, was man will – sicher ist: Sie bringt Menschen vor Bildschirmen zusammen. Und schafft damit vorübergehend neue öffentliche Räume. Das Senf-Kollektiv testet im Verlauf der EM ein paar Public Viewing-Orte. Zum Auftakt: Grossacker St.Gallen.

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Als wir an der Haltestelle Grossacker aus dem  Bus steigen, sticht uns die Grossleinwand sofort ins Auge. Prominent steht sie mitten auf dem Innenhof des Einkaufszentrums. Wo Menschen normalerweise auf den Bus warten, mit vollen Einkaufstaschen über den Platz hetzen oder nach dem Einkaufen den neusten Tratsch und Klatsch des Quartiers austauschen, lädt ein Public Viewing während der EM dazu ein, sich länger als üblich dort aufzuhalten.

Und: Im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen, wo für den gleichen Fussball und den gleichen Salzgeber Eintritt verlangt wird, können die Spiele beim Grossacker gratis angesehen werden.

Loge im Obergeschoss

Festbänke und Holztische vor der Leinwand, die Terrasse des Restaurants «la bocca» und – vermutlich jeweils nur nach Ladenschluss – auch Festbänke unter dem Vordach der Post: Einen Platz findet an diesem Samstag jeder Besucher. Das Spiel zwischen Russland und England scheint keine grossen Massen anzuziehen. Wir mögens natürlich exklusiver und begeben uns in den Logenbereich im Obergeschoss. Von dort hat man die beste Sicht auf die Leinwand, könnte aber auch dem Treiben an den Festbänken zuschauen. Könnte.

Wegen des Wetters – es regnet zwar nur ab und an – haben sich die meisten der rund 50 Besucher unters Vordach zurückgezogen. Im Logenbereich spielen Kinder mit einer Plastikflasche Fussball. Strassenfussball, quasi. Quartierfussball.

Sowieso hat dieses Public Viewing Potenzial, dem Quartier Leben einzuhauchen. Umso mehr irritiert es, dass im Quartier niemand informiert wurde, was beim Grossacker während der EM passiert. Zumal man doch fast alles richtig gemacht hat und weiterhin macht: Die Grossleinwand läuft nur solange, wie sie muss. Der Lärmpegel ist nicht zu brachial, und das Bier kostet angenehme vier Franken dreissig, mit einem Bierpass ist sogar jedes sechste gratis. Dazu gibt’s Würste vom Grill.

Wer kein Fleisch mag oder sich während der EM schon zu viele Bratwürste gegönnt hat, kann sich in der Speisekarte des «la bocca» umsehen. Sollte dort kein Platz in Sichtweite der Leinwand frei sein, hängt beim Quartier-Italiener auch ein Fernseher im Lokal, in dem man übrigens auch sein Bier wieder loswerden kann. Sogar fürs Geldabheben – auch wenn bloss glücklicher Zufall für die Veranstalter – ist beim Grossacker gleich mit zwei Automaten gesorgt.

Lediglich die Helligkeit der Leinwand irritiert. Wir empfehlen auch für Spiele um 21 Uhr die Sonnenbrille mitzunehmen. Und wir empfehlen auch, sich von den unzähligen «Dieser Bereich wird videoüberwacht»-Hinweisen und dem anwesenden Sicherheitsmann nicht irritieren zu lassen. Ob Auflage oder dem aktuellen Sicherheitswahn geschuldet: Nötig wärs wohl kaum. Dass zum Schluss einer der letzten Besucher beim Abräumen einer Festbank und absichtlich die Rolle vorwärts versucht, konnte auch der Sicherheitsmann nicht verhindern.

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Kurzbewertung:

Lage: 5 von 5 Croissants – mit einer eigenen Bushaltestelle ist das Public Viewing perfekt erreichbar. Zentrum muss nicht immer Stadtzentrum sein; hier sind wir mitten im Quartierzentrum.

Stimmung: 2 von 5 Croissants – grosszügigerweise, aber bei dem Wetter ist wohl kaum ein Public Viewing unter freiem Himmel mit Bombenstimmung gesegnet.

Verpflegung: 3 von 5 Croissants – vom Grill gibt’s Würste und bei der Pizzeria das übliche Angebot. Etwas Spezielles vermisst man.

Kosten: 5 von 5 Croissants – Eintrittspreise gibt’s nicht und das Bier erhält man für faire 4.30, jedes sechste sogar gratis.

#Platzverweis:
Seit kurzem können Schiedsrichter schon vor Anpfiff der Partie rote Karten verteilen. Wir haben schon vor Turnierbeginn zehn Herren eruiert, bei denen wir von dieser Möglichkeit Gebrauch machen würden. Die Erfahrung lehrt uns, dass bei jedem Spiel eine Personalie dazukommt.

Bei Russland gegen England war das nicht anders. Roman Neustädter stand in der Startaufstellung der russischen Nationalmannschaft. Russe ist der Schalke-Spieler aber erst seit Mitte Mai. Zwar hat er durchaus russische Wurzeln und gegen eine Einbürgerung an sich ist auch gar nichts einzuwenden, aber wenn Putin per Präsidialdekret kurz vor der EM eine solche verfügt, riecht das zumindest mal streng. Deshalb: #Platzverweis!


Dieser Beitrag erschien am 13. Juni 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. Während der EM testen wir verschiedene Public Viewings der Region.

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