Auswärts gegen GC verloren und dann regnet es in St.Gallen auch noch. Keine einfachen Tage für Hutter & Mock.

Regen

Hutter trabte allein durch den Regen. Beim Joggen konnte er es einfach nicht abstellen, die Melodien den Südkurve verfolgten ihn: «Grünweiss ist unser Leben» und «Allez, SG, allez» und wieder «Grünweiss ist unser…». Hutter hatte von Tanja eine original FCSG-Regenjacke geschenkt bekommen. Nun joggte er als grüner Punkt durch den feuchtgrünen Wald und über hellgrüne Wiesen. Es war klar, warum dieser Verein in grünen Trikots auflief. Es gibt nichts anderes, die Ostschweiz denkt grün.

Hutter hasste den Regen. Er wollte weg. In Palermo spielten sie in rosa Trikots, in Buenos Aires in Himmelblau. Er wollte an die Sonne, nur weg aus diesem kalten Regenloch. Wie sollte er hier glücklich werden? Wo der Wein wächst, da fühlte er sich wohl. Hier reichte es für sauren Most. Kein Wunder, zieht es mediterrane Menschen fort aus dieser Stadt. So wie Gérard Castella! Der fühlt sich doch auf jedem Fussballplatz der Westschweiz wie zu Hause und hat erst noch Erfolg. Versucht sich der gleiche Castella dreihundert Kilometer weiter östlich als Trainer in der Regenzone, erleidet er fürchterlichen Schiffbruch und flüchtet nach wenigen Monaten zurück in die Romandie. Woran es liegt? Warum startet Castella in Lausanne mit einer namenlosen Truppe durch – mit einer erfrischenden und sympathischen Unbeschwertheit von der zweiten Liga Richtung Axpo Super League? Der gleiche Castella, der in St.Gallen unsicher und gehemmt wirkte? Hutter stampfte durch die Steinach-Schlucht hinab zum Kloster. «Seelenwärmer» hatten sie dort auf ein Transparent an der Stiftsbibliothek geschrieben. Das gehörte eigentlich auf die Südkurve: Als Motto für die Saison 05/06. Hutter trat durch den Hintereingang in die Kathedrale, ging unter der Empore durch und verliess die Kirche beim vorderen Seiteneingang. Zwei Minuten ohne Regen. Wem ist es eigentlich wohl in dieser Stadt? Den Deutschen! Hört man nicht gerne in der Regen-Stadt, weil dort zu viel Deutschfreundlichkeit unschick ist. Aber es stimmt: Mit Albert Sing zum Cupspiel, mit Helmuth Johannsen in den Uefa-Cup und mit Ralf Loose heraus aus der Depression zurück zu neuer Glaubwürdigkeit.

Wie hätten andere Trainer die ärgerliche 1:3-Niederlage auf dem Hardturm kommentiert? – Sie hätten die ganze Schuld der Mannschaft in die Schuhe geschoben, die halt nicht gemacht habe, was der Trainer verlangt hatte. Was tat Loose? Er analysierte sachlich – «bei so viel Aufwand können wir mit dem Resultat nicht zufrieden sein» – und dann sagte Loose einen Satz, wie ihn Hutter seit Monaten nicht mehr gehört hatte und der ihn mit der Niederlage versöhnte: «Man muss nicht nur im Erfolg, sondern auch in der Niederlage Leidenschaft zeigen.» Endlich wieder einer, der Fussball lebt! Hutter schloss die Wohnungstür leise auf. Amoah und Rubio strichen sofort um seine nasse Trainerhose. Mock schnarchte auf dem Sofa. Er hatte Hutter morgens um zwei aus dem Tiefschlaf geweckt. «Die Stadt feiert ein Fest und du bist ganz allein zu Hause, aber Hutter, das darf doch nicht wahr sein.» Sie hatten zusammen ein Bier getrunken am Küchentisch, und Mock hatte Hutter die Niederlage bei GC ganz einfach erklären können: «Zürich! Da fühlen sich unsere Leute einfach nicht wohl, da ist keine Leidenschaft. Am besten spielen sie zu Hause im Espenmoos, bei Wind und Regen. Das kennen und lieben sie. Und wenn sie den Atem des Publikums spüren, dann geben sie alles. Hutter, so ist St.Gallen.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Seelenwärmer» erschien anlässlich des Heimspiels in der siebten Runde der Saison 2005/06 gegen die Berner Young Boys.

Hutter & Mock

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