Zur Winterpause der Saison 2004/05 stand der FCSG auf dem zweitletzten Platz, dem Barrange-Rang. Und zum ersten Spiel nach der Pause empfingen die Ostschweizer den FC Basel. Eigentlich bestand wenig Hoffnung auf Besserung. Doch dann kam Hilfe von oben…

Schneespiel

Hutter setzte sich im St.Galler Hauptbahnhof in den Regionalzug Richtung St.Fiden. Er boykottierte die St.Galler Verkehrsbetriebe: Gegen Aarau hatte Hutter wie gewohnt beim Marktplatz in den 3er einsteigen wollen, aber er hatte es nicht einmal aufs Trittbrett des überfüllten Bus geschafft. Er kam zu spät, verpasste Alex‘ Traumtor zum 1:1 und also «die fünf verrücktesten Startminuten, die es auf dem Espenmoos je gegeben hat», wie Mock behauptete. Hutter war missmutig, aber damit war er nicht allein: Ein Kondukteur machte am Sonntag Dienst nach Vorschrift und begann die Fussballfans im Zug zu kontrollieren. «Ich geh an den Match», sagte Hutter, als sich der eifrige Bahnbeamte vor ihm aufbaute. Jedes Kind dieser Stadt wusste, dass ein Match-Ticket ein Passepartout für den öffentlichen Verkehr auf Stadtgebiet bedeutete, nur dieser gewissenhafte Beamte schien das noch nicht mitbekommen zu haben: «Und wenn Sie mit dem Zug an den Genfer Autosalon fahren, so lösen Sie auch kein Bahnbillet, Sie Klugscheisser?» – Hutter hatte seinen ersten Adrenalinstoss schon eine halbe Stunde bevor der erste rotblaue Spieler den St.Galler Strafraum betrat. Was war eigentlich los? Warum hatten es alle frustrierten Menschen dieser Welt auf friedliche Fussballfans abgesehen? Welche geheimen, teuflischen Mächte waren hier am Werk? – Hutter drückte dem armen Mann in Bähnler-Uniform seinen grünweissen Schal in die Hand, umarmte ihn, wünschte ihm gute Gesundheit und stieg in St.Fiden aus dem Zug.

Mock tigerte schon vor dem Bierzelt herum. «In Bern bringen sie es nicht fertig, zehn Zentimeter Schnee vom Neufeld zu schaffen, aber die vorbildliche Ostschweiz arbeitet Tag und Nacht, bloss damit sich der Meister Basel auf dem Espenmoos ein bisschen einturnen kann vor dem kapitalen Uefacupspiel in Lille. Sind wir eigentlich alle verrückt geworden?» – Mocks Empörung war reine Show. Er hatte ein Elefantengedächtnis und wusste, dass St.Gallen auf Schnee meist besser aussah als der Gegner, dass also der weisse Zufall, unterkühlte Schiedsrichter und orange Fussbälle ein Herz für St.Gallen hatten. Wen interessierte es hier schon, wie man die Punkte holte, Hauptsache, man verscheuchte endlich dieses schreckliche Abstiegs-Barrage-Gespenst.

Die Schneetherapie wirkte: Das verhärmte, tieftraurige Publikum erwärmte sich beim Anblick der drei Neuen Hassli, Callà und Lopez und fand von Minute zu Minute zurück zu längst verlorener Lebensfreude. Eric Hassli traf im Stile eines grossen Goalgetters schon bei seinem ersten Schuss auf Zubis Tor zum 1:0. Julio Lopez bewegte sich wendig und entschlossen auf dem weissen Rasen, als hätte er nie andere äussere Bedingungen als Schnee und Eis gekannt und sich gerade deswegen für den FC St.Gallen entschieden. 2:0. Davide Callà schliesslich zauberte mit seinen Dribblings und Körpertäuschungen einen Hauch grossen Fussballs zurück aufs winterliche Espenmoos. 3:1.

«Souveräner Auftritt, fast so wie in der Meistersaison. Hutter, von mir aus kann dieser Winter ewig weitergehen!» Mock war richtig überschwänglich, Hutter kannte ihn kaum mehr. «Schnee, ich wünsche mir Schnee noch im Mai! Ich liebe Schnee.» Weisse Euphorie am selben Ort, wo bloss eine Woche früher alles düster und trostlos gewesen war. «Hutter, eigentlich müsste mir meine Krankenkasse die Saisonkarte bezahlen. Fussball tut gut, ich fühle mich wunderbar.»

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Bisher erschienen:
– «Kurort St.Gallen» im SENF #02
– «Müll in der Marktgasse»
– «Stöckl oder Zamorano»
– «Rock im Stadion»
– «Heiliger Ivan» im SENF #03
– «Was dann?»
 «Kiki, Trello und Philippe»
 «Grünweisse Flotte»
– «Rudi und Lolita» im SENF #04

Die aktuelle Episode «Schneetherapie» erschien anlässlich des Heimspiels am 22. Spieltag der Saison 2004/05 gegen den FC Thun.

Hutter & Mock

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