Am 8. Spieltag der Saison 2004/2005 verlor der FCSG auswärts in Aarau gleich mit 4:1 und rutschte auf den zweitletzten Platz ab. Hutter & Mock stellten sich schon damals die Frage, wieso ehemalige St.Galler Spieler immer dann aufdrehten, wenn sie gegen ihren ehemaligen Club anzutreten hatten? Eine Antwort fanden sie nicht, trotzdem fand der Ausflug einen versöhnlichen Abschluss.

Brügglifeld

Hutter zog Schuhe und Socken aus und streckte die Füsse ins Wasser. Er starrte in die graue Brühe und zählte die schwimmenden Bierbüchsen, die andere Fans weiter oben im Bach entsorgt hatten. Mock hatte Hutter eine Weile von der Strasse aus beobachtet. «Kühle Füsse und ein kühler Kopf – wirklich professionell, deine Vorbereitung vor dem schweren Gang aufs Brügglifeld. – Hutter, wo hast du das bloss gelernt?» Mock streckte Hutter eine Hand entgegen und zog ihn das Wiesenbord hinauf. Dann schlenderten sie dem Bach entlang zum Restaurant Sportplatz bei der kleinen Brücke vor dem Stadion. Das Brügglifeld erinnerte Mock an das Stadion seiner Jugend: Überdachte Haupttribüne und rund um das Spielfeld Stehrampen, auf denen die Fans schutzlos Wind und Wetter ausgesetzt waren. Wenn es regnete, hielten sich Mocks Freunde ihre Leintuch-Fahne über den Kopf, die sie zu Hause in der Badewanne grün gefärbt hatten.

Die Aarauer Haupttribüne war bis auf den letzten Platz gefüllt. Mit Andi Egli war das Publikum und die Zuversicht zurückgekehrt auf das Brügglifeld. Ausserdem sorgten die ‚Renegades‘ mit Country und Rock live von der Gegengerade für aufgeräumte Stimmung unter den Fans. Alles war bereit für einen unterhaltsamen Fussballabend.

Andi Egli hatte seine Equipe – hoffnungsvolle junge und andernorts ausgemusterte Spieler – gut auf die Partie eingestellt: Den Gegner schwindlig spielen, zu Fehlern zwingen und einfach darauf warten, bis auch Goalie Razzetti geschlagen ist. In der 21. Minute war es so weit, und der junge Bühler schob einen bereits abgewehrten Ball ins St.Galler Tor. In den Köpfen der Fans im Gästesektor lief der Auswärtsfilm 04-05 ab. Einmal Rückstand – immer Rückstand. Doch Akwuegbu versenkte den Penalty zum 1:1. In der Pause spielten die ‚Renegades‘ knocking on heavens door und vielleicht würde St.Gallen an diesem traumhaften Abend ja doch noch irgendwie den Lucky Punch landen. Die St.Galler Fans zündeten ein Pyro-Feuerwerk als Startsignal für die zweite Halbzeit. Jetzt gehts los! Kurz später zirkelte der beim FCZ unerwünschte Simo einen Freistoss für Aarau in die hohe Ecke des St.Galler Tors. Mock und Hutter sackten synchron auf die Steinstufe nieder.

Es gibt Fussballspieler, die verlieren wegen bösartiger Schmährufe ihr ganzes Selbstvertrauen. Rainer Bieli gehört garantiert nicht dazu. Je zorniger er von FCSG-Fans beschimpft wurde, desto genialer wurde sein Spiel. Ein präziser und überraschender Schuss in die tiefe, nähere Ecke – 3:1. Kurz darauf eine Flanke von Varela (Ex-FCB) und eine traumhafte Direktabnahme von – Rainer Bieli! Der Torschützte drehte sich vor dem Gästesektor um und zeigte auf seine Rückennummer. Hutter seufzte: «Mock, was machen wir falsch? Warum trifft der gleiche Bieli bei uns keinen Ball und sprüht hier nur so vor Spielfreude? Warum verlieren bei uns alle Spieler so schnell den Mut?» Mock sagte kein Wort, stieg die Stufen hinab zum Zaun und trat mit aller Wucht gegen eine Reklametafel. Hutter hörte, wie Fans neben ihm in breitem Oberländer Dialekt über die schlimmsten St.Galler Auswärtsniederlagen zu diskutieren begannen: «Waaisch nu sSächszwaai zDelsberg.»

Nach dem Schlusspfiff ging auch Hutter hinab an den Zaun beim Spielfeld. Plötzlich stand auf der anderen Seite der junge Marazzi und entschuldigte sich persönlich bei ihnen für die dürftige Leistung. Mock sah Hutter gerührt an und sagte: «Der da hat das Herz auf dem rechten Fleck.»

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste – «Kurort St.Gallen» ­– im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog, bisher «Müll in der Marktgasse» sowie «Stöckl oder Zamorano». Die aktuelle Episode «Rock im Stadion» erschien anlässlich des Heimspiels am 9. Spieltag gegen Servette Genf.Hutter & Mock

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