Als sich die Saison 2004/05 langsam dem Ende zuneigte, war die Abstiegsgefahr beim FCSG zumindest nicht mehr akut. Hutter & Mock diskutierten deshalb weniger die aktuelle Lage, als vielmehr die Trainer der Vergangenheit.

Hutter und Mock

Hutter bekam nur in drei Fällen Post von seiner Mutter. Erstens: Ein Rheintaler Verwandter wurde in den Kirchenrat gewählt. Zweitens: Eine Rheintalerin wurde neue Miss Schweiz. Drittens: Ein Rheintaler Fussballer plauderte in der lokalen Zeitung über die Geheimnisse des nationalen und internationalen Fussballs. Beim Lesen war Hutter nicht erstaunt, dass der Rheintaler Werner Zünd es gerade mit den Trainern Kurt Jara und Heinz Peischl gut konnte. Es gab eben mehr Gemeinsamkeiten zwischen Mattersburg, Innsbruck und Rebstein als sich das Schweizer Fussballfans zwischen Wil und Meyrin vorstellen konnten.

Auch der «Rheintaler» überbrückte das lange Warten auf den neuen FCSG-Trainer: «Wissen sie noch, wie die acht Trainer zwischen Jara und Peischl hiessen?» – Hutter versuchte seit Tagen, das Rätsel zu knacken. Er begann von hinten her: Nr. 1: Thomas Staub, an dem das 11:3 wie ein Fluch kleben blieb. Nr. 2: Gérard Castella, der als Romand in St.Gallen an den hohen Erwartungen scheiterte. Nr. 3: Marcel Koller, der glorreiche Meistermacher. Aber dann? Folgte Koller direkt auf Roger Hegi, dem es als einzigem nach dem traurigen, verlorenen Cupfinal die Sprache nicht verschlagen hatte? Warum war der Polterer Uwe Rapolder aus St.Gallen weggegangen? Obwohl er aus dem B aufgestiegen war und dafür geachtet wurde wie heute bei der Arminia Bielefeld? Was war mit Leen Looijen, der bei seinem Antritt intelligent sprach wie Johann Cruyff und die FCSG-Fans von der grossen Holländischen Fussballschule träumen liess? Wie lange durfte er in St.Gallen von einem Fussball-System schwadronieren, das niemand sehen konnte und keiner ausser ihm verstand? – Hutter hatte sechs von acht, fehlten immer noch zwei.

Er bestellte eine Pizza und wartete auf Mock, der als einziger weiterhelfen konnte. – «Gratuleire, Hutter, wir haben einen Trainer, und wie bei den Katholiken setzt man auch beim FCSG auf einen Mann aus Deutschland. Mutig und clever!» Hutter liess Mock feiern, er brauchte sein fotografisches Fussballgedächtnis, um die zwei fehlenden Trainer aus der Zeit nach Zamorano zu finden. «Versuch es doch mit Sommer, Sing oder Johannsen – was kümmert uns die Vergangenheit. Hutter, schau vorwärts, wann begreifst du das endlich!»

Hutter war von Rubio, Zamorano und Mock ins Espenmoos gelockt worden, aber an die turbulente Zeit nach dem Höhenflug konnte er sich nicht mehr erinnern. Da war einfach ein schwarzes Loch. «Hutter, ich weiss es nicht, es gab Schwierigkeiten mit Geldgebern, der Trainer wurde unter Druck gesetzt bei der Aufstellung, irgendwann gab er entnervt auf. Lass uns über die Perspektiven für die neue Saison sprechen.»

Hutter war Historiker aus Leidenschaft. Er würde entweder heute abend Mocks graue Hirnzellen wachrütteln oder morgen im Archiv die zwei fehlenden Namen finden. – Die Lösung kam schnell und völlig unerwartet: Der Pizzakurier, regelmässiger und langjähriger Besucher der Südkurfe, lieferte Hutter die Namen: «Nach Kurt Jara kam Heinz Bigler, der nach seinem unfeinen Abgang von Leen Looijen beerbt wurde, auf den wiederum ein unbekannter Rheintaler folgte. Wie hiess der nur, es war ein Lehrer, ich bringe es einfach nicht mehr zusammen!» Mock sass auf dem Sofa, kaute ruhig und zufrieden seine Pizza, blickte nicht vom Fernseher auf und sagte trocken: «Ernst Hasler».

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog. Zu den Magazinen gehts hier lang, zu der Rubrik auf dem Blog hier lang.

Die aktuelle Episode «Rheintaler» erschien anlässlich der Heimspiele gegen den FC Thun (22. Spieltag) und den FC Schaffhausen (32. Spieltag).

Hutter & Mock

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