Nach der 1:3-Niederlage gegen den FC Zürich im ersten Spiel nach der Winterpause entwickelte sich der Start der Saison 2005/06 doch noch gut. St.Gallen gewann in Aarau mit 4:1 und zuhause gegen Thun mit 5:1. Hutter & Mock machten sich auf dem Wasserweg auf zum Auswärtsspiel in Schaffhausen, wo sie einen weiteren Sieg der St.Galler zu bejubeln hofften.

schaffhausen

Hutter sah auf die Uhr, dann auf das grüne Ufer. Er sah weit und breit nichts von einer Stadt. Mock paddelte und plapperte. «Gleich sind wir beim Kloster Paradies, Hutter, und keine Stunde später sitzen wir schon auf der Breite. Es ist wunderbar!» Für Hutter war der Ausflug mit Mock und dem Gummiboot eine einzige Zwängerei. «Ich friere und langweile mich, wir sind zu spät und verpassen garantiert den Anpfiff. Aber Hauptsache, unserer Ruderer hat seinen Spass.»

Mock zog an einer Schnur, fischte eine Flasche Bier aus dem Rhein und reichte sie Hutter. «Wir haben vor einer Woche den FC Thun zerzaust, das sensationelle Thun, das nach dem Sieg gegen Dynamo Kiew überall ins Herz geschlossen wird. Aber auch auf dem Espenmoos wird wieder gelacht. Und darum wird in Schaffhausen alles rund laufen, Zuversicht, Hutter.» – «Und spätestens nach zwei Niederlagen in Folge ist die Party dann leider schon wieder zu Ende und die nächste mehrjährige Fastenzeit beginnt. Mock, woher nimmst du bloss deinen unglaublichen Optimismus?» Mock ruderte heftig, auf seiner Stirn perlte der Schweiss. Er strahlte: «Garat! Tönt doch genau so, wie ein Verteidiger zu spielen hat: Unerbittlich, kompromisslos und doch verführerisch wie ein seltenes Juwel. Bei Koubsky seh ich den tschechischen Europameister Ladislav Jurkemik vor mir und seine unerreichte Zuverlässigkeit. Cerrone – ein stürmischer Wirbelwind – zusammen mit Gjasula, Marazzi, Callà, den Routiniers Alex, Zellweger und Razzetti und dem Ballartisten Hassli ist der FCSG Ausgabe 2005 endlich wieder eine Mannschaft, glaub mir!»

Hutter streckte sich, schloss die Augen und versuchte sich zu entspannen. Mit Schaffhausen verband er keine guten Erinnerungen. Hier war St.Gallen der ungeliebte Favorit, dem man gerne ein Bein stellte und sich darüber ausserordentlich diebisch freute. Nicht ohne Grund: Wer auf dem Espenmoos nicht genügt hatte, durfte es in Schaffhausen probieren und war entsprechend motiviert. Eigentlich mochte Hutter solche Teams, nur blöd, dass es im Fussball immer nur drei Punkte zu verteilen gab, egal ob der Gegner sympathisch oder verhasst war.

Familie Mock hatte den Ausflug nach Schaffhausen genau geplant: Im Paradies steuerte Mock das Ufer an, auf dem Parkplatz verpackte Frau Mock das Schlauchboot im Kofferraum, während sich die beiden Fussballfans in ihre Arbeitskleidung stürzten.

Fünf Minuten vor Spielbeginn hatte das Trio die Plätze hinter dem Tor von Razzetti bezogen und nun strahlte auch Hutter. Bruno Sutter durfte den gesperrten Marazzi vertreten. Hutter nervte sich über die doofen Kommentare der eigenen Fans, die nur darauf warteten, dass Sutter möglichst viel misslang. Mock erklärte seiner Frau eine Halbzeit lang, wie all die neuen St.Galler heissen und woher sie kommen. «Jetzt gehts los», sang das St.Galler Jungvolk nach dem 1:0 von Gjasula und setze den FCSG bereits an die Tabellenspitze. Dann fällte der heissblütige Cerrone den wackeren Tsawa – rote Karte und plötzlich war es wieder wie all die Jahre zuvor. Mit Hängen und Würgen brachten die zehn Grünweissen nach dem 1:1 wenigstens einen Punkt ins Trockene. Hutter seufzte nach dem Schlusspfiff: «Alles wie gehabt.» Mock dagegen strahlte noch immer und überhörte Hutters Zweifel: «Ein Auswärtspunkt, wunderbar! Die Mannschaft hat Moral. Wir sind auf Kurs.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Parkplatz im Paradies» erschien anlässlich des Heimspiels in der fünften Runde der Saison 2005/06 gegen den FC Basel.

Hutter & Mock


Bild von Schaffhausen: CC BY-SA 3.0, Link

 

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