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Wäre Fussball Musik, wären die ersten Klänge des neuen FCSG-Albums noch etwas unsauber. Aber mit Potenzial. SENF analysiert den Saisonstart und die Musiker.

Jedes Fussballspiel hat einen gewissen Sound. Die spannenden Begegnungen sind laut. Latenter Olma-Geräuschpegel, Szenenapplaus, überraschter Aufschrei, nervöses Knistern in Strafraumnähe, lautes Zurückweichen der Sitzschalen bei plötzlichem Aufstehen, kollektives Schreien. Auch am Fernseher singt das Spiel ein Lied. Durch die Lautsprecher hallt das hoffnungsvolle Anfeuern bei vielversprechendem Ballgewinn, der Kommentator hebt die Stimme und beschleunigt die Wortkadenz, die Gespräche vor dem Bildschirm weichen dem ungeduldigen Fingernägelkauen.

Die rockigen Spiele – vorbei?

Viele Partien jedoch klingen mittlerweile ähnlich. Ähnlich leise. Die Mutation vom Fussballverein zum globalen Unternehmen hat vor allem im internationalen Kräftemessen einen äusserst vorhersehbaren Klangteppich erzeugt. Das Ergebnis: Mit einigen wenigen Ausnahmen – blaue Füchse und zweikampfbrünstige spanische Hauptstädter – geben die Immergleichen den Ton an. Aber es gibt sie noch, diese rockigen Spiele. Auch in St.Gallen. Als man Sitten am zweiten Spieltag überzeugend 2:0 bezwang, war es laut. Der Konter kurz vor Schluss zur Entscheidung hörte sich wunderbar an. Die Instrumente harmonierten. Barnetta sah den freien Raum, in welchen Aratore stiess, der wiederum Ajeti im Fünfmeterraum bediente.

Doch seit diesem Sieg über die Walliser sind die Spiele des FCSG nicht mehr laut. Besonders die Schlussphasen gegen Luzern und GC waren enttäuschend, wobei natürlich nicht der einmal mehr lächerlich leere und entsprechend stimmungslose Letzigrund gemeint ist, sondern die Abstinenz dieser überraschten Aufschreie. Es gab schlicht keinen Anlass dazu. Dafür waren die letzten Auftritte des St.Galler Ensembles zu uninspiriert, zu mutlos, zu leise.

Klar sind fünf gespielte Runden nur überschaubar aussagekräftig. Das fachmännische Auge versucht, Tendenzen zu erkennen, mindestens aber am Stammtisch bereits Erwähntes auf Papier zu bringen. Und wenn ein Spiel Musik macht, dann wäre eine Saison ein Album. Den Opener hätten wir uns entsprechend schon angehört. Klar, da warten noch viele andere Songs, doch lässt uns das Anfangsstück erahnen, wie der Rest aussehen könnte.

Ouvertüre: die Identifikationsfigur

Dem FC St.Gallen ist der Opener – trotz einiger Durchhänger – insgesamt nicht allzu schlecht geglückt. Kein glorioses Politik von Coldplays damaligem Meisterwerk A Rush of Blood to the Head, aber immerhin. Betrachten wir uns den Start etwas genauer.

Daniel Lopar im Tor ist eine Identifikationsfigur, und die sucht man vielerorts händeringend. Am Rheinknie stattete man einen verspielten Argentinier mit jenem Emblem aus, da es wohl auf dem Platz an Optionen mangelte. Die Identifikationsfigur Lopar ist gut auf der Linie, nach wie vor aber etwas unbeholfen mit dem Ball am Fuss. Umsichtige Verantwortliche dürften sich allmählich nach einem technisch versierteren Nachfolger umsehen. Die wahre Identifikationsfigur Lopar verabschieden wir dann dereinst im letzten Heimspiel der Saison gegen den FC Basel mittels Platzsturm. Dangge, Dani!

Mit Ersatzkeeper Stojanovic steht bereits ein durchaus fähiger Mann mit langfristigem Vertrag bereit. Ein Modell, wie man es in Luzern oder Bern praktiziert, scheint nicht allzu abwegig.

Verteidigung: Dissonanzen ums System

Lopars Defizite im Umgang mit dem Plastik werden mitunter durch eine der augenscheinlichsten spielerischen Änderungen seit dem Amtsantritt Giorgio Continis offenbart: dem Spielaufbau. Selbst bei hochstehenden gegnerischen Angriffs- und Mittelfeldreihen verlangt Contini, den weiten, oftmals ziellosen Ball zu unterlassen und stattdessen über die Verteidiger flach aufzubauen.

Der Match im Letzigrund förderte auch die Erkenntnis zutage, dass Alain Wiss für jenen spielerisch ambitionierten Aufbau wesentlich ist. Der Widersacher hat einzig den Passweg zum derzeitigen Sechser Peter Tschernegg zu blockieren, um die Spieleröffnung in den Aufgabenbereich der St.Galler Verteidigungsreihe zu befördern. Doch dort tun sich die meisten grün-weissen Defensivprotagonisten schwer, einen sinnvollen ersten Ball zu spielen. Ausser eben der unter Joe Zinnbauer kaum mehr berücksichtigte Wiss.

Will man die Defensive beurteilen, muss man immer auch die Frage nach dem System beantworten. Die Dreierkette wartet mit anderen Aufgaben auf als die Viererkette. Contini startete die Spielzeit mit Viererkette, wo der solide Neuzugang Philippe Koch rechts begann. Für die Dreierkette, auf die Contini mittlerweile umgestellt hat, ist Koch nicht prädestiniert, da es ihm an Offensivdrang fehlt. Über jenen verfügt der fleissige und ungleich flexiblere Andreas Wittwer, der in beiden Systemen Platz findet.

Karim Haggui mimt wie gewohnt den erfahrenen Leitwolf mit Stärken im Zweikampf hoch wie tief, mit Schwächen aber im Stellungsspiel und bezüglich Geschwindigkeit. Bei Silvan Hefti erhofft man sich den nächsten Schritt, wenn auch damit zu rechnen ist, dass der 19-Jährige bei Erfüllung dieser Hoffnung kaum zu halten ist. Der jüngste Neuzugang Yrondu Musavu-King ist erst einmal für Grün-Weiss aufgelaufen. Eine kräftige Erscheinung, dessen fehlende Spielpraxis beim 0 : 2 erbarmungslos aufgedeckt wurde. Mal sehen, ob sich der Gabuner steigern kann.

Gedämpfter Optimismus im Talentschuppen

Im Mittelfeld zählt Tschernegg zu den Gewinnern der Startwochen. Der Österreicher ist ein umsichtiger Ballverteiler, der glücklicherweise nicht unter der im Fussball weitverbreiteten Krankheit der Selbstüberschätzung leidet. Tschernegg macht das, was er kann: einfache Bälle spielen. Der unsägliche Berlin-Mitte-Pferdeschwanz ist sein einziges Zugeständnis an den Übermut. Ansonsten meist angenehm unaufgeregt, wenn er den Ball hat. Spannend zu beobachten dürfte sein, was Contini macht, wenn Captain Nzuzi Toko zurückkehrt. Toko ist ein anderer Spielertyp. Eher Abräumer als ruhiger Ballverteiler. Man kann dies auch als Chance begreifen.

Tscherneggs Mittelfeldgenosse Stjepan Kukuruzovic ist ebenfalls neu beim FC St.Gallen, zeigt sich aber unauffälliger. Obwohl der Neuzugang aus Vaduz immer beginnen durfte, ist er noch kein federführender Akteur im St.Galler Mittelfeld. Es scheint, als suche der 28-Jährige noch nach einer sinnvollen Balance zwischen defensiver Kontrolle und offensivem Kreieren.

Bei Yannis Tafer oder Danijel Aleksic bemühen wir uns nun schon länger, Optimismus walten zu lassen. Kein naives Vorhaben, sind die beiden doch überdurchschnittlich talentierte Fussballer.

Das bekannte Dogma, dass Talent alleine eben nicht alles sei, greift zu kurz und gehört zurück in den Sprüche-Baukasten von Trainern. Eine solche Aussage steht externen Beobachtern nicht zu, da sie zwischen den Zeilen fehlenden Fleiss unterstellt. Gleichwohl gehört es zu den Aufgaben eines hoch veranlagten Spielers, diese Fertigkeiten auch in Wettkampfmomenten abrufen zu können. Sowohl bei Tafer als auch bei Aleksic sind solche Augenblicke äusserst rar. Ob Contini den beiden zur ersehnten Konstanz verhelfen kann? Bei Aleksic zumindest sind Fortschritte sichtbar.

Fortissimo – manchmal – im Sturm

Bei Nassim Ben Khalifa scheint man ähnliche Symptome auszumachen. Zweifelsfrei ist der weitgereiste Romand ein Spieler, der Intelligenz, technische Raffinesse und einen guten Abschluss mitbringt. Dass er trotz U17-Weltmeistertitel und Bundesliga-Verträgen mit 25 beim FC St.Gallen spielt, spricht allerdings nicht für die erfolgreiche Umsetzung der genannten Attribute. Auch hier ist Contini gefordert. Ben Khalifa wirkte in seinen bisherigen Einsätzen teilweise etwas isoliert.
Roman Buess ist ebenfalls eine Alternative im Sturm. Er ist ein anderer Stürmertyp als Ben Khalifa. Nicht so kombinationssicher, dafür aber physisch robuster. Einer, der sich aufreiben kann im Zweikampf mit gegnerischen Verteidigern, um Räume zu schaffen. Dass man auf der Stürmerposition verschiedene Spielertypen hat, spricht auch für den ehemaligen Sportchef Christian Stübi, der den Kader nachvollziehbar verstärkt hat.

Anders als Tafer und Aleksic präsentieren sich da die nicht minder talentierten Marco Aratore und Albian Ajeti. Den beiden gelingt Bemerkenswertes: Selbst an schwachen Tagen gibt es diese einzelnen Augenblicke, in denen sie offensiv Vielversprechendes kreieren. Insbesondere Ajeti schafft es stets, sich in ein Spiel zu kämpfen. Notfalls lässt er sich fallen und sichert sich im Mittelfeld Berührungen mit dem Spielgerät, um initiierend auf das Spiel einwirken zu können. Es ist wohl die seltene Melange zwischen kraftvoller Kampfeslust und beachtlichen technischen Fähigkeiten, die den Stürmer so begehrt machen. Beide sind derzeit Fixstarter. Aratore stand sogar trotz vorhandener Alternativen auf den Flügelpositionen in sämtlichen fünf Partien in der Startelf. Wie im übrigen auch naturgemäss Lopar, Haggui, Tschernegg und Kukuruzovic.

Der zündende Refrain fehlt

Ein richtiges Gerüst, einen verlässlich guten Refrain, hat Contini bislang aber noch nicht gefunden. Im FC St. Gallen hatte man eines in der Meistersaison. Man hatte im Herbst 2007 eines, als man mit Philippe Montandon, Marcos Gelabert und Francisco Aguirre zwischenzeitlich vom Leaderthron grüsste. Und man hatte mit dem zurückgekehrten Montandon, Stéphane Nater und Oscar Scarione eines, als man furios kontinentales Berufsreisen erreichte.

Das mag daran liegen, dass mit Anführer Toko ein Baustein dieses Gerüsts noch einige Wochen fehlt. Das liegt mutmasslich aber auch daran, dass es Tranquillo Barnetta (noch) nicht schafft, unverzichtbar für diese Mannschaft zu sein.

Dies gründet womöglich darauf, dass Contini rotierte. Im Falle des GC-Spiels tat er dies auf vier Positionen. Für Wohlwollende erscheint dies sinnvoll, da eine englische Woche mit zwei Auswärtspartien an die Substanz geht. Andere werden anmerken, dass sich so kaum Automatismen erarbeiten lassen. Nur: Contini liess die Startelf einzig vor dem Luzern-Spiel unberührt. Und prompt verlor der FCSG nach seltsam lethargischer Vorstellung 0:2. Rotation muss also nicht schlecht sein.


Dieser Beitrag erschien am 24. August 2017 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv kommentiert dort in der Rubrik «Am Ball» das Geschehen auf und neben dem Platz.


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Nicht nur das Heft ist neu, auch die Lokalität des Release-Anlasses war das. Die mittlerweile achte Ausgabe des SENF ist jetzt erhältlich.

Cover SENF 8

Seit Mitte Juli dient der modifizierte Bierhof als Treffpunkt für alle Grün-Weissen und war entsprechend auch Schauplatz der Hefttaufe. Die neuste Ausgabe des St.Galler Fussballmagazins befasst sich im Titelthema mit dem aufkommenden Thema eSports, beinhaltet aber auch die üblichen Rubriken.  Im Mittelpunkt des Release standen auch zwei FIFA-Championats. Eins gegen eins und zwei gegen zwei. Vor der feierlichen Heft-Präsentation ermittelte man mittels kompromisslosem «Win-or-Die»-Prinzip die Gegner für die St.Galler eSports-Profis Sandro Poschinger und Bruno Bardelas, die dem Anlass ebenso beiwohnten wie Pascal Signer, Verantwortlicher der grün-weissen eSports-Delegation. Unzählige musikalische FIFA-Klassiker begleiteten die Ausscheidungen. Im Zweier-Turnier setzte sich «Black n’ White» durch. Überraschender war der Sieger im Einzel. Aufgrund Abstinenz eines Spielers trat kurzentschlossen SENF-Kollektivmitglied R.S. an und marschierte prompt ins Endspiel. Die Zuschauer lauschten nach den Leistungen von R.S. den Gesprächen von Zeugen, welche die «Mischung aus heroischem Kampfeswillen und spielerischer Brillanz» fast schon poetisch umschrieben. Gegen 20 Uhr trafen auch diejenigen ein, die dem Praktizieren des virtuellen Ebenbildes der schönsten Nebensache der Welt nicht allzu viel abgewinnen können. Bevor sie aber den ersten Blick auf das neue Cover werfen konnten, standen die FCSG-eSports-Spieler Rede und Antwort im Interview und besiegten anschliessend vor den interessierten Augen des nun etwas üppiger gefüllten Bierhofs die Kontrahenten «Black n’ White» und R.S. In der Folge deckten sich die Gäste mit Heft und Bier ein, um über Inhalte oder die faszinierenden Fingerfertigkeiten der FIFA-Zocker zu parlieren.


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Das 3:3 des FC St.Gallen zum Saisonauftakt in Lausanne scheint zu bestätigen, was wir in Teil 1 unserer Saisonvorschau konstatiert hatten: Sportlich gibt es Grund zum Optimismus, im Umfeld sieht es freilich etwas anders aus.

Das Kader des FC St.Gallen Ausgabe 2017/18 lässt sich sehen. Im ersten Teil unserer Saisonvorschau kamen wir zum Schluss, dass die Fans durchaus positiv in die Saison gehen können. Das 3:3 in Lausanne hat zwar einzelne Schwächen aufgezeigt, aber eben auch eines unserer Fragezeichen – die Offensive – zumindest teilweise beseitigt. Auch wenn die erste Halbzeit der später abgebrochenen Partie in Lugano nicht berauschend war: Sportlich macht sich dieses Jahr kaum jemand wirklich Sorgen.

Die grossen Baustellen des FCSG scheinen heuer im Umfeld zu liegen. Seit dem überraschenden Rücktritt von Dolf Früh blieb kaum Zeit zum Durchatmen. Gefühlt verging kaum eine Woche ohne eine Nachricht zum Umfeld des Vereins. Doch eigentlich ist der Anfang der aktuellen Unruhen schon früher zu suchen, mindestens 2015: Im März jenes Jahres ersetzte Marco Otero Roger Zürcher als Nachwuchschef. Otero soll sich von Donato Blasucci beraten lassen. Dem Spielerberater wird, wie das «St.Galler Tagblatt» es ausdrückte, «grossen Einfluss auf Früh» attestiert. Kurze Zeit später trat auch Sportchef Heinz Peischl zurück. Sein Nachfolger wurde Christian Stübi.

Stübi in der Kritik

Stübi war nicht unbedingt der Wunschkandidat der meisten Fans. Viele hegten Zweifel, ob er der Aufgabe gewachsen ist. In seinen rund zwei Jahren als Sportchef schaffte er es, viele Zweifler zu überzeugen. Dabei halfen vor allem die Transfers von Tranquillo Barnetta, Albian Ajeti oder Nzuzi Toko.

Als im Mai dieses Jahres Zinnbauer doch endlich entlassen wurde, schien vorerst etwas Ruhe einzukehren. Mit Giorgio Contini wurde ein Nachfolger eingestellt, der in St.Gallen wegen des Meistertitels 2000 sowieso viel Kredit geniesst. Vor allem aber dürfte jedem St.Galler Fan in schmerzlicher Erinnerung sein, wie oft Contini als Vaduz-Trainer gegen den FCSG angetreten ist und nie verloren hat. Dass er auch Teil des Blasucci-Netzwerks sein soll, wusste man zwar auch zu dieser Zeit schon, es warf aber kaum Wellen.Am meisten Kritik musste er einstecken, weil er als Nachfolger von Jeff Saibene den deutschen Joe Zinnbauer präsentierte, dem er gleich einen Dreijahres-Vertrag anbot. Als Sportchef ist er offiziell zumindest mitverantwortlich, dass der FC zu lange am Deutschen festhielt. Es wurde jedoch schon früh gemunkelt, dass Zinnbauer auch bei Stübi nicht mehr viel Kredit genossen hat. Das «Tagblatt» schrieb sogar: «Doch völlig überraschend – und gegen den Willen Stübis – wird nicht der Deutsche, sondern Talentmanager und Co-Trainer Martin Stocklasa entlassen.»

Contini, Stübi und Otero auf einer Ebene

Das änderte sich kurze Zeit später. Wenige Tage nach der Bekanntgabe des neuen Trainers konnte Früh auch seinen eigenen Nachfolger präsentieren: Mit Stefan Hernandez wurde ein gänzlich Unbekannter Präsident der FC St.Gallen Event AG. Die weitreichenden Änderungen geschahen indes im Organigramm der FC St.Gallen AG – quasi als letzte Amtshandlung änderte Früh dort das System: Der bisherige «Future Camp Ostschweiz»-Geschäftsführer Ferruccio Vanin wurde zum CEO. Darunter stehen Contini, Stübi und Otero auf einer Ebene. Die Änderung kam faktisch einer Entmachtung des Sportchefs gleich, auch wenn dies von verschiedenen Beteiligten immer wieder abgestritten wird.

Das Organigramm der FC St.Gallen AG. (Bild: fcsg.ch)

Dieses System stösst rundherum auf Skepsis. Das «Tagblatt» schrieb von einem Pulverfass und zitierte den früheren YB- und heutigen Rapid Wien-Sportchef Fredy Bickel, der das neue Organigramm als «höchst untragbare Lösung» bezeichnet. Erschwerend kommt hinzu, dass Vanin und Otero seit gemeinsamen FCO-Zeiten ein verschworenes Team zu sein scheinen.

Wie gross der Einfluss von Berater Blasucci auf die beiden und auf Contini ist, ist von aussen schwierig abzuschätzen. Dass mit dem neuen Assistenztrainer Markus Hoffmann und Konditionstrainer Harry Körner zwei weitere, vermeintlich zum Blasucci-Netzwerk gehörende Exponenten den Weg nach St.Gallen finden, beruhigt zumindest nicht. Hernandez gab in einem «Tagblatt»-Interview an, die Sache im Griff zu haben. Er dulde keine solche Einflussnahme. In einem Artikel des «Tagesanzeigers» räumte er jedoch ein, von der Allianz rund um den Spielerberater zu wissen.

Für Stübi wurde die Situation offenbar untragbar. Er gab seinen Rücktritt bekannt. Die Unruhe verging auch in der Folge nicht. Nur wenige Wochen vor Saisonstart wurde der bisherige Physiochef Simon Roth abgesetzt – die Gründe blieben vage – und Verteidiger Roy Gelmi wechselte – mit unschönen Nebengeräuschen – nach Thun, obwohl er eigentlich gerne in St.Gallen geblieben wäre.

Wer will Sportchef werden?

Natürlich sind Netzwerke im Fussball nicht prinzipiell verwerflich. So funktioniert der Sport, vielfach sind Netzwerke sogar unabdingbarer Bestandteil. Wer zum richtigen Berater ein gutes Verhältnis pflegt, kommt eher zu einem guten Transfer. Dass sich die Verantwortlichen bei der Besetzung von wichtigen Posten in ihren Bereichen nach Vertrauten umsehen, ist ebenso wenig im Grundsatz verwerflich. Dass der Einfluss eines einzelnen «Kuchens» aber so gross wird, dass ein Sportchef nur noch den Ausweg des freiwilligen Rücktritts sieht, dürfte so eigentlich nicht geschehen.

Damit in St.Gallen wieder Ruhe einkehren kann, braucht der FC St.Gallen einen starken Sportchef, der nicht zum gleichen Dunstkreis gehört. Ob im bestehenden Organigramm überhaupt Platz dafür ist, scheint äusserst fraglich. Welcher Sportchef würde eine solche Position übernehmen wollen? Deshalb darf auch dieses Organigramm nicht sakrosankt sein.

Hier ist Hernandez gefragt: Wenn er von Allianzen Kenntnis hat, die ihm die Arbeit und dem FCSG die Zukunft erschweren, muss er einschreiten. Zur Not auch gegen den Willen Frühs, der diese Änderung des Organigramms zum Schluss seiner Amtszeit noch umgesetzt hat. Wieso es zu dieser Änderung kam, die sich nicht aufzudrängen schien, bleibt sowieso weiterhin unklar. Im angesprochenen «Tagesanzeiger»-Artikel wird von Unstimmigkeiten zwischen Früh und dem restlichen Verwaltungsrat zum Schluss seiner Amtszeit gesprochen.

Früh soll verkaufen

Vor diesem Hintergrund wäre es wünschenswert, wenn Früh den angekündigten Verkauf von Teilen seines Aktienpakets möglichst bald umsetzt. Damit würde er deutlich machen, dass er nicht im Hintergrund als graue Eminenz weiterwirken will. Mit seinen aktuell beinah 50 Prozent Anteilen an der FC St.Gallen Event AG dürfte sich dieses Gerücht sonst noch lange halten.

Die Gefahren eines Verkaufs sind schliesslich gering, auch dank Früh. Er und das restliche Aktionariat haben sich untereinander abgesichert, um einen Verkauf in unliebsame Hände möglichst zu verunmöglichen. Damit würde Früh auch den Prozess der Machtübergabe abschliessen. Wie wir schon zu seiner Rücktrittsankündigung geschrieben haben, wird es diese Übergabe sein, die im kollektiven Gedächtnis der FCSG-Fans den Ausschlag geben wird, wie Früh in Erinnerung bleibt.


Dieser Beitrag erschien am 2. August 2017 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv kommentiert dort in der Rubrik «Am Ball» das Geschehen auf und neben dem Platz.


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Felix Lauffer – FCSG-Fan auf der Gegentribüne – hat sich erneut ans Reimen gemacht und uns einige Gedanken zur neuen Saison zukommen lassen.

Da ist ein neuer Präsident,
den bisher keiner richtig kennt.
Man hofft, er setzt sich tüchtig ein
und führt erfolgreich den Verein.

Contini, ruhig, kompetent,
der seine Spieler bestens kennt,
bringt Qualität und frischen Wind,
was hoffnungsvolle Zeichen sind.

Ajeti, den die Fans so lieben,
ist Gott sei Dank bei uns geblieben.
Zwar hat ihn Basel arg bequasselt,
doch dann den Deal aus Geiz vermasselt.

Von Ben Khalifa wird erwartet,
dass er gleich mit Furore startet
und – lieber heute schon als morgen –
kann für die tollsten Tore sorgen.

Verteidiger (Ex-Zürcher) Koch
hat viel Talent, doch muss er noch
in Zukunft den Beweis erbringen,
dass seine Pläne auch gelingen.

Tschernegg, der neue starke Mann,
zeigt von Beginn weg, was er kann.
Beherzt, mit Übersicht und Mut
macht er es überraschend gut.

Barnetta mit dem Kämpferherz
kennt, auch wenn’s wehtut, keinen Schmerz.
Er ist ein Vorbild und Idol
und fühlt sich in St. Gallen wohl.

Roman Buess zeigt seine Stärke
und geht resolut zu Werke.
Ist er weiter so in Form.
nützt er seinem Team enorm.

Aleksic – leider ist das so –
macht uns nicht immer restlos froh.
Sein grandioses Freistoss-Tor
zeigt aber: Er kann’s nach wie vor!

Arratore, grosse Klasse,
toller Einsatz, Tempo, Rasse.
Damit bringt er, das ist klar,
stets die Gegner in Gefahr.

Silvan Hefti kann von allen
ganz besonders gut gefallen.
Seine Reife und sein Können
mag man ihm von Herzen gönnen.

Die letzte Saison war fürwahr
ein hoffnungslos verlorenes Jahr.
Doch gross ist nun die Zuversicht:
Das wiederholt sich sicher nicht!


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Immer wieder bringt der FC St.Gallen seine Fans zum Verzweifeln. Und trotzdem haben alle zu Saisonbeginn die leise Hoffnung, dass es dieses Jahr besser wird. SENF wirft zum Saisonstart einen Blick auf die Mannschaft und kommt zum Schluss: Optimisten dürfen sich bestätigt fühlen.

Dem Saisonstart wohnt nicht nur die Neugier über nie Dagewesenes oder leider erneut Auftauchendes – Hallo FCZ – inne, sondern auch der obligate innerliche Kampf zwischen klammheimlichen Optimismus und gegen aussen präsentiertem Pessimismus. Um auch weiter seine Daseinsberechtigung am Stammtisch zu rechtfertigen, gibt man sich immer betont pessimistisch, das verringert die fachliche Fallhöhe. Wenn sich die Prognose als zu schlecht herausstellt, bleibt das weniger haften.

Sowieso: Wer nur schon verhaltene Hoffnung preisgibt, macht sich verdächtig. Ist das ein richtiger Grün-Weisser, eine richtige Grün-Weisse? Schliesslich hat uns der FC St.Gallen über die Jahre vor allem eins gelehrt: Es kann und wird schlimmer kommen. Trotzdem können wirs so ganz nicht lassen, etwas Hoffnung zu verbreiten. Denn: Es gibt durchaus Anhaltspunkte, die auf eine überraschend angenehme Spielzeit schliessen lassen.

Wiss: unaufgeregt und erstaunlich unangenehm

Die Nummer Eins ist auch diese Saison Daniel Lopar, der sich gegen Dejan Stojanovic durchsetzte. Nicht wenige sehen im Herausforderer den besseren Fussballer, was besonders für das bei Giorgio Contini konsequent praktizierte Hintenrausspielen ein wesentlicher Faktor sein dürfte. Zweifelsohne hat Lopar fussballerische Defizite, doch macht der Dienstälteste das mit seinem Standing in der Mannschaft und seiner Erfahrung wett. Und auf der Linie ist Lopar meist ein exzellenter Vertreter seines Fachs.

Die Innenverteidigung dürften vorerst Karim Haggui und Alain Wiss bilden, da der mutmassliche Anwärter Silvan Hefti verletzt fehlt. Wiss dürfte sowieso einer der Gewinner des Trainerwechsels sein. Von Joe Zinnbauer kaum beachtet, sieht Contini im Innerschweizer viel Qualität. Vollkommen zu Recht.

Wiss kann gerade im vom Kurzpassspiel geprägten Aufbau durch seine ehemalige Position als Sechser glänzen. Er ist unaufgeregt und im Zweikampf erstaunlich unangenehm. Sein Compagnon im Abwehrzentrum, Haggui, ist vor allem im Kopfballspiel gefragt, was auch offensiv eine Waffe sein kann. Gut vorbereitete Trainer dürften ihre Angreifer auf Wiss ansetzen, womit der Aufbau in die Verantwortlichkeit Hagguis oder eines zurückfallenden Mittelfeldspielers fällt.

Auf der rechten Verteidigerposition ist Neuzugang Philipp Koch vorgesehen. Der Zürcher ist ein durchschnittlicher Super League-Spieler und somit keine signifikante Verstärkung. Weil aber Probleme auf den Aussenverteidigerpositionen global verbreitet sind, ist ein durchschnittlicher Akteur schon ziemlich brauchbar. Sein Pendant links ist Andreas Wittwer, der Fortschritte gemacht hat in der vergangenen Saison. Als Assistgeber schafft er es dann und wann auch offensive Akzente zu setzen.

Überdurchschnittliches Mittelfeld

Im Mittelfeld wiegt vor allem das monatelange Fehlen von Toko schwer. Fussballerisch als auch menschlich, ist der Kongolese doch Spielführer und Bestandteil der Achse der St.Galler. Neuverpflichtung Peter Tschernegg fügte sich beim finalen Test gegen Southampton aber bereits bemerkenswert gut ein. Zumindest in den 90 Minuten in der Goldacher Kellen konnte man ihm ein gutes Gespür für die Variationen des Passspiels unterstellen. Kein überzogener Aktionismus, sich profilieren zu wollen. Er scheint den einfachen Pass als ebenso notwendiges Mittel begriffen zu haben.

Etwas vor ihm agiert Tranquillo Barnetta. Der Rückkehrer litt unter der fast steten Baisse des Teams in der Rückrunde. Als Instinktfussballer ist mangelndes Selbstvertrauen Gift. Umgekehrt ist Barnetta bei gutem Befinden noch immer kreative Brillanz zuzutrauen. Er improvisiert, kann mittels technischem Geschick oder Schnittstellenpass aus aussichtslosem Mittelfeldgeschiebe eine entscheidende Torchance erschaffen. Instrumente Barnettas in solchen Situationen sind etwa Marco Aratore – der in den letzten eineinhalb Jahren wohl konstanteste St.Galler neben Lopar – oder Yannis Tafer, dessen Potenzial unbestritten ist.

Das alles zeigt: Das Mittelfeld der Espen ist überdurchschnittlich besetzt. Dazu kommt ja auch noch Danijel Aleksic, der ebenfalls vom Trainerwechsel profitiert hat. Und mit Gjelbrim Taipi und Stjepan Kukuruzovic kommen gar noch zwei neue Spieler dazu, die sich aufdrängen wollen.

Zinnbauer hat es nicht geschafft, die Protagonisten so hinzukriegen, dass sie ihr Können effektiv abrufen. Wie gut Contini den FC St.Gallen prägen kann, wird deshalb auch am Gelingen des Mittelfelds festzumachen sein.

Grosses Fragezeichen

Vorne hingegen fehlt mindestens bis zum ersten Heimspiel der heftigst umworbene Albian Ajeti. Vergessen geht dabei oft Roman Buess, der allgemeinhin etwas unterschätzt wird. Er litt unter Zinnbauer auch an der Ideenlosigkeit des Mittelfeldes. Zudem ist er keiner, dessen Tun nur an den Toren gemessen werden darf. Man würde seine Fähigkeit, Räume aufzureissen und Verteidiger zu beschäftigen, damit verschweigen.

Ein Zwei-Mann-Sturm mit Ajeti klingt verheissungsvoll. Und auch Nassim Ben Khalifa ist, sollte er dort anknüpfen, wo er bei Lausanne aufgehört hat, eine durchaus hoffnungsvolle Option. Vor allem, so lange Ajeti noch nicht einsatzfähig ist.

Trotzdem bleibt der Sturm das grosse Fragezeichen. Auch, weil in der Vorbereitung das Toreschiessen schwer fiel. Warum vor diesem Hintergrund – und mit dem drohenden Abgang Ajetis im Hinterkopf – die neuen Verantwortlichen des FC St.Gallen nicht darauf ihr Augenmerk gerichtet haben, bleibt deshalb fraglich. Auf die Veränderungen in der Organisation gehen wir in Teil 2 unserer Saisonvorschau ein.


Dieser Beitrag erschien am 21. Juli 2017 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv kommentiert dort in der Rubrik «Am Ball» das Geschehen auf und neben dem Platz.