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Eins vorneweg: Das hier ist kein Spendenaufruf. Und dennoch brauchen wir eure Hilfe. Der SENF verkauft sich nicht so, wie wir uns das wünschen. Wir sind überzeugt, das liegt am fehlenden Verkaufstalent des SENF-Kollektivs und nicht am mangelnden Interesse unserer Leserschaft. Ob das stimmt, testen wir jetzt. Mit einem simplen Ziel: 100 neue Abos bis Ende Oktober.

Seit 2014 erscheint der SENF zweimal im Jahr. Mittlerweile haben wir acht Ausgaben mit viel unentgeltlichem Engagement in unzähligen Arbeitsstunden konzipiert, geschrieben, redigiert, gestaltet und gedruckt. Nach wie vor sind wir überzeugt, dass wir ein gutes Magazin machen, das die (Ost-)Schweizer Medienlandschaft in Bezug auf Fussball im Allgemeinen und den FC St.Gallen im Besonderen bereichert. Damals wie heute macht es uns auch sehr viel Spass, dieses Magazin zu konzipieren und produzieren.

Wir haben aber ein grosses Problem: Wir sind schlechte Verkäufer. Jeder und jede im SENF-Kollektiv schreibt oder gestaltet gerne. Einige redigieren sogar ganz gerne die Texte anderer. Verkaufen, und da wollen wir wirklich ehrlich sein, liegt nur ganz wenigen von uns so richtig. Und das merken wir im Absatz. Unsere Ausgaben an die Lesenden zu bringen, fällt uns oft schwer.

Natürlich kann das auch an der Nachfrage liegen. Immer wieder diskutieren wir, ob es vielleicht schlicht keinen Bedarf für ein St.Galler Fussballmagazin gibt. Wenn wir aber Woche für Woche sehen, wie sich Tausende für den FC St.Gallen interessieren, auch wenn dieser ja nun wirklich nicht oft auf der Sonnenseite der Liga steht, dann sind wir uns doch sicher: St.Gallen lebt Fussball und will ihn aufsaugen. Auch in Printform.

Unsere Verkaufsprobleme sind aktuell noch kein existenzielles Risiko. Die neunte Ausgabe ist bereits in Planung. Wir wollen mit dem SENF auch weiterhin kein Geld verdienen. Was wir aber wollen, ist unser Magazin zu den Leserinnen und Lesern zu bringen. Denn: Auch wenn es finanziell weiterhin aufgehen sollte, wenn die Ausgaben nicht gelesen werden, macht das Ganze keinen Sinn.

Wir haben uns deshalb entschieden, unser Magazin einem Test auszusetzen. Wir wollen quasi die Frage der Nachfrage endgültig klären. Wir machen dazu kein Crowdfunding, wie es aktuell nicht unüblich wäre. Es geht uns ja tatsächlich nicht ums Geld an sich. Es geht uns darum, dass der SENF gelesen wird. Dafür haben wir uns selber ein Ziel gesetzt: Bis Ende Oktober wollen wir 100 neue Abonnentinnen und Abonnenten gewinnen. Dazu senken wir auch die Preise um über zehn Prozent: Das Abo kostet neu nur noch 22.- pro Jahr. Wie gesagt, es geht uns nicht ums Geld.

Abos können ab der aktuellen Ausgabe 8 oder ab der kommenden Ausgabe 9 gelöst werden. Die neunte Ausgabe erscheint im Februar 2018. Damit niemand die Katze im Sack kaufen muss, geben wir bereits jetzt das Titelthema bekannt: Wir widmen uns zehn Jahre nach dem Auszug ganz dem Espenmoos und seinen unzähligen Geschichten aus fast 100 Jahren Stadiongeschichte.

Wer jetzt noch nicht vom Abo-Kauf überzeugt ist: Im Sommer steht unsere zehnte Ausgabe an. Wir haben im Sinn, das mit einer Sondernummer zu feiern. Aber dafür brauchen wir die Bestätigung, dass es den SENF wirklich braucht. Wir vertrauen darauf!

HIER KANNST DU DEIN SENF-ABO BESTELLEN:

BEGINNEND MIT AUSGABE #08
BEGINNEND MIT AUSGABE #09

Wenn du mit der Bestellung Probleme hast oder du nicht über Paypal bestellen möchtest, kannst du uns unter bestellung@senf.sg kontaktieren.


Natürlich gibt es auch weiterhin Einzelhefte zu kaufen. Wenn du noch gar keinen SENF hast, kannst du die Ausgaben #01 – #08 für einen unschlagbaren Preis hier bestellen.


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Fussball ist Kultur, propagieren die Organisatoren der Fussballlichtspiele St.Gallen seit der ersten Durchführung im Jahr 2015. Auch im dritten Jahr in Folge ist es gelungen, dies mit einem vielfältigen Programm zu untermauern. Das Publikum scheint ebenfalls zuzustimmen: Das OK konnte einen Publikumsrekord vermelden. Wir waren auch bei der Ausgabe 2017 als Medienpartner vor Ort und haben eine Rangliste mit vier Highlights des Festivals erstellt: eines für jeden Festivaltag.

Tag 1, das Highlight zu Beginn:

In der Pause des Auftaktfilms, einem Dokumentarfilm über das Leben unseres Meistertrainers Marcel Koller, war ein weit verbreitetes Gesprächsthema die Aussage Kollers, ihm seien nach den Jahren bei den Grasshoppers bei seinen nächsten Stationen vor allem Unterschiede in Sachen Professionalität aufgefallen. Die Älteren unter unseren Lesern erinnern sich, Koller hatte nach Ende seiner Spielerkarriere und ersten Schritten als Assistenztrainer bei GC zuerst zu Wil und dann zu St.Gallen gewechselt, und hier teilweise kalte Duschen und Schnee auf dem Spielfeld vorgefunden. Unser erstes Highlight daher: die Szenen im Film, in denen Koller unsere ehemalige Spielstätte besucht und auf dem Weg erzählt, wie sie hier beim Restaurant am Eingang zur Haupttribüne «amel Boccia gspielt hend», und jeweils vor Spielen im Winter «am Schnee usehole gsi sind». In der Ostschweiz ticke man eben einfach ein bisschen anders, so Koller im Film.

Tag 2, Bullshit wird Bingo:

Als am anderen Ende der Stadt das Spielfeld des St.Galler Stadions während des Qualifikationsspiels der Schweiz gegen Andorra gerade zu versinken drohte, spielte man am Public Viewing der Fussballlichtspiele ein Spiel der etwas anderen Art. Für uns ist diese Variante, wie man ein Fussballspiel der Nationalmannschaft sehen kann, schlagartig zur favorisierten aufgestiegen: mit einer Bingo-Karte in der Hand, auf der sich mögliche Ausdrücke des Moderators zu einem grossen Ganzen zusammenfügen, dem Bullshit-Bingo. Klassiker wie «der Mann aus Sursee» finden sich ebenso darauf wie «Ronaldo-mässig» oder «Aufflackern von fussballerischem Können». Unser persönliches Highlight ist unter den gegebenen Wetter-Bedingungen aber ganz klar «rutscht im dümmsten Moment aus». Den flüssigen Hauptpreis (nein, keine Dusche im sintflutartigen Regen) hat übrigens ein Mitglied des SENF-Kollektivs gewonnen, was natürlich mit der Auswahl dieses Highlights überhaupt nichts – ÜBERHAUPT NICHTS – zu tun hat!

Tag 3, durch eine andere Linse:

Wer es nicht gesehen hat, hat was verpasst. Unser drittes Highlight stammt aus der Begleitaustellung Am Ball: Meister FC St.Gallen, wo Portraits der St.Galler Meistermannschaft zu sehen (und zu kaufen) waren, fotografiert von Franziska Messner-Rast. Während alle Portraits die Spieler in ungewohnter Umgebung zeigen, stellt dasjenige von Ivan Dal Santo, dazumal Schönling der Mannschaft, alle anderen in den Schatten – auch dasjenige unseres aktuellen Trainers. Diese Frisur. Dieser Blick. Diese Pose.

Tag 4, Abschluss-Furioso:

Während wir auch für den vierten Tag eine ganze Auswahl an Highlights zur Verfügung hätten (wer Shaolin Soccer noch nicht auf der Liste zu schauender Filme hat, sollte dies unbedingt nachholen – ein grosses Danke für den Tipp gebührt der Zwölf-Redaktion), ist unser letztes Highlight eines, das allgemein ausfällt.

Auch dieses Jahr hat das Organisations-Komitee es geschafft, in der Gestaltung des Festivals, in der Programmauswahl und im Zusammenstellen der Schwerpunkte neue Massstäbe zu setzen. Die Tages-Themen waren sorgfältig gewählt – vom Erfolg des Underdogs, zur Nationalmannschaft, einem Südamerika-Fokus und dem Traum vom Profi –, kleinere Produktionen erhielten genauso Raum wie grössere und Gespräche mit Regisseuren und Podiumsdiskussionen erlaubten das Aufgreifen zahlreicher Themen: Dies ergab erneut ein stimmiges Gesamtpaket. Mit 400 Eintritten gab es zudem einen Zuschauerrekord, auch auf dieser Ebene sind die dritten Fussballlichtspiele gewachsen. Unser Fazit ist darum auch in diesem Jahr wieder klar: Wir freuen uns schon jetzt auf die nächste Ausgabe.


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Vor rund zwei Jahren sorgte die Enthüllungsplattform «Football Leaks» zum ersten Mal für Aufsehen. Bis heute ist unbekannt, wer hinter dieser als Blog betriebenen Dokumentenablage steht. Journalisten, die einen Kontakt herstellen können, müssen mit dem Pseudonym John vorliebnehmen. So auch Rafael Buschmann und Michael Wulzinger, die den Whistleblower getroffen und vor kurzem das Buch «Football Leaks: Die schmutzigen Geschäfte im Profifussball» veröffentlicht haben.

John weiss Bescheid über Transfer-Summen, Löhne und Vertragsdetails der Fussballwelt. Über «die Schattenwelt der Branche», wie es im Klappentext des jüngst erschienen Buches heisst. Diese wird durchleuchtet wie noch selten zuvor. «Es sind legale, halblegale und vermutlich auch illegale Deals, der grösste Teil davon war bis zu den Enthüllungen nicht bekannt», schreibt die Journalistin Nicole Selmer in einer Rezension. Und weiter: «Die Enthüllungen der ‚Football Leaks‘ reihen sich ein in die Berichte über korrupte und korrumpierende Fussballinstitutionen und Akteure. Längst hat ein Gewöhnungseffekt eingesetzt, und diese Nachrichten werden allzu schnell mit einem Achselzucken hingenommen. Die Autoren fordern auch deswegen, dass der Fussball nicht sich selbst und seinen Regeln überlassen bleiben darf.»

Am 16. September 2017 ist einer der Autoren, Spiegel-Redakteur Michael Wulzinger, in St.Gallen zu Gast. SENF präsentiert eine Lesung mit Wulzinger. Er wird anschliessend in einer offenen Fragerunde Einblick in den Entstehungsprozess des Buches, die Recherchen und andere Themen geben. Die Veranstaltung startet um 19.00 Uhr im Bierhof in St.Gallen, der Eintritt ist frei und das Buch kann vor Ort erworben werden.


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Das Spiel zwischen Neuchâtel Xamax und dem FCSG musste 2006 in der Lausanner Pontaise ausgetragen werden. Im damaligen Ausweichstadion von Xamax in La Chaux-de-Fonds war zum Rückrundenbeginn noch nicht an Fussball zu denken. Hutter ergriff die Möglichkeit eines Auswärtsspiels in Lausanne und besuchte «den besten Fussballer anzutreffen, den die Stadt St.Gallen je hervorgebracht hatte».

Hutter zählte aus dem fahrenden Zug die Schneepflüge auf den Strassen. Bis Gossau hatte er es schon auf dreizehn gebracht. Mock lag im Tiefschlaf irgendwo zwischen Muolen und Untereggen – im Fasnachtskostüm unter einer Festbank. Der Neffe war mit dem Snowboard Richtung Berge verschwunden. Der Intercity überquerte die Sprachgrenze. Plötzlich hörte der Schnee auf und die Wiesen wurden grün. Hutter stieg in Lausanne aus dem Zug und suchte die Bar de Rosemont gegenüber der Hauptpost. Dort drin hoffte er : Richard Dürr!

King Richard war beim SC Brühl gross geworden und nach einem Abstecher zu den Young Boys 1961 bei Lausanne-Sports gelandet, wo er neun Saisons lang spielte. Dürr war der Regisseur im Team der blauweissen Könige der Nacht, die im Flutlicht so traumhaft aufspielten. Da konnten welsche Journalisten noch so lange über den jämmerlichen und rustikalen Fussball in der Ostschweiz lamentieren – einer der grössten Fussballer in Lausanne war ausgerechnet ein waschechter St.Galler, der auf Drei Weiern und im Krontal zum technisch versierten Fussballer geworden war und am Ball einfach alles konnte.

Dürr begrüsste den Gast aus der Ostschweiz warmherzig und wunderte sich über den Grund der Reise: «Xamax – St.Gallen auf der Pontaise? Habe ich nicht einmal mitbekommen.» – Hutter lieferte Dürr die Stichworte und dieser begann zu erzählen: «Der Sitzstreik von Lausanne im Cupfinal gegen Basel? Der Schiedsrichter wurde nach dem Spiel in die vierte Liga zurückversetzt, das sagt alles aus über seine Leistung.» – Hutter staunte über die Wimpel an den Wänden: Real Madrid, Barcelona und mitten drin der SC Brühl. Dürr war 1966 sogar auf einer saudiarabischen Briefmarke erschienen, anlässlich seiner WM-Teilnahme mit der Schweiz, wo er überraschend gegen England spielen musste. «Köbi Kuhn wurde suspendiert, weil er abends mit ein paar Engländerinnen losgezogen war!»

Hutter hatte die Zeit vergessen, noch 10 Minuten bis zum Anpfiff. Dürr lobte Gérard Castella: «Ein bescheidener Trainer, der sich nie in den Vordergrund stellt.» – Dann schob er einem Stammgast seine Autoschlüssel zu und Hutter wurde direkt vor den Stadioneingang der Pontaise gefahren. Er stieg die Treppen zur eleganten Haupttribüne hinauf und staunte über die schweren Eichentüren, die ihn an ein Theater erinnerten. Das Stadion war fast leer und das Spiel vielleicht auch darum so aussergewöhnlich: Hier waren alle Fans an einem Auswärtsspiel. Die rotschwarzen Neuenburger verfolgten den grünweissen St.Galler Alex und versuchten vergeblich, ihn am Torschuss zu hindern. 0:1 in der ersten Minute! Hutter hörte den Torjubel der St.Galler Spieler bis unter das Dach der Haupttribüne. Auf der leeren Gegentribüne leuchtete das blauweisse Klubemblem von Lausanne. Hutter schrieb Mock ein SMS: «Guter Ort, dieses Lausanne. Höchste Zeit, dass die Blauweissen ins Oberhaus zurückkehren.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Chez Richard» erschien anlässlich des Heimspiels in der 22. Runde der Saison 2005/06 gegen die Berner Young Boys.

Hutter & Mock


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Wer hierzulande an Fussballfans in Asien denkt, der landet meistens bei chinesischen Fans, welche die Spieler des FC Bayern München bei der Ankunft zu ihrer China-Tournee bejubeln. Dabei geht vielfach unter, wie kreativ und spannend asiatische Fanszenen sind. Um das bekannter zu machen, haben Daniel Polomski und Tobias Enkel Football Fans Asia gegründet. Sie dokumentieren Spiele, Fanszenen und einzelne Gruppierungen aus verschiedenen asiatischen Ländern und geben so Einblick in eine in Europa bisher wenig bekannte Welt der Vielseitigkeit.

Ähnlich entstanden wie die Fussballlichtspiele St.Gallen – aus einer Bieridee – gibt es Football Fans Asia seit 2016. Bobotoh, der erste Kurzfilm über die Fans eines indonesischen Clubs, läuft am kommenden Samstag am Festival. Wir haben Daniel Polomski getroffen und mit ihm über den Film, asiatische Fanszenen, Football Fans Asia und Sepak Bola – also Fussball – gesprochen.

SENF: Bobotoh hat die Fans von Persib Bandung zum Thema. Warum habt ihr genau diesen Club und diese Fans für euren ersten längeren Film ausgesucht?

Polomski: Wir waren vorher schon oft in Indonesien beim Fussball und über das Spiel Persib Bandung gegen Persija Jakarta wird medial am meisten berichtet, es ist omnipräsent. Es ist das Spiel, an dem seit Jahren die Auswärtsfans nicht zugelassen werden. Diese Verbote gibt es, weil leider auch Personen sterben. Die Mannschaften des gegnerischen Teams werden teilweise in gepanzerten Fahrzeugen aufs Spielfeld gefahren, weil sie sonst gefährdet wären. Persib Bandung gegen Persija Jakarta wird der «Indonesische Classico» genannt. Und dann kam ehrlich gesagt ein Zufall dazu. Als wir überlegten, dass wir ein solches Projekt machen möchten, war es einfach auch das nächste interessante Spiel in Südostasien, welches wir sehen konnten.

SENF: Verschiedene Elemente aus dem Film widerspiegeln Elemente europäischer Fanszenen sehr stark. Was sind Hauptorientierungspunkte der Fans oder Fanszenen, welche ihr begleitet habt?

Polomski: In Indonesien ist Italien das Vorbild. Ganz klar. Als begonnen wurde, Fussball in Indonesien zu zeigen, gab es nur die Bildrechte für die Serie A. So hat jeder Indonesier ausschliesslich die Serie A gesehen, wenn er Profifussball aus Europa schauen wollte. Da kommt dieser ganze Ultra-Gedanke her, die Indonesier haben das als Inspiration genommen. In Bandung, wo unser Erstlingsfilm herkommt, ist das ein bisschen anders. Es gibt nur eine kleine Gruppe, die in einer ganz anderen Ecke im Stadion steht und den komplett italienischen Stil fährt. Und oft nennen Fans auch türkische Vereine, meistens Galatasaray Istanbul, als Vorbild.

SENF: Wie äussert sich diese starke Orientierung an Italien?

Polomski: Sehr viele Fahnen, ein komplett geschlossener Support. Die Fans machen 90 Minuten ausschliesslich, was der Capo sagt. Nichts Anderes. Bei PSS Sleman, wo wir gerade waren, einem Zweitliga-Verein, geht das sogar so weit, dass sie vor dem Spiel nichts Scharfes essen und keine kalten Getränke zu sich nehmen sollen, weil das auf die Stimme geht. Das sind ungeschriebene Gesetze. Und 90 Minuten Dauersupport ist dann tatsächlich auch zu beobachten. Es ist nicht bloss ein Ideal, an das man heranzukommen versucht. Wenn man da ist, sieht man, dass das genau in der Form funktioniert. Für uns war das das Beeindruckendste: Sie ziehen wirklich 90 Minuten komplett an einem Strang.

SENF: Und was sind merkliche Unterschiede zu europäischen Szenen?

Polomski: In Sleman geht alles, was im Brigata Curva Sud Shop, dem Ultras-Shop, verkauft wird, zu 100 Prozent an den Verein. Wenn sie Choreographien machen, sammeln sie im Stadion unter sich noch einmal extra. Das ist einer der grössten Unterschiede zu Europa. Ein weiterer ist die Organisation der Fans. Viele Jobs, welche in Europa von Sicherheitskräften ausgeübt werden, von der Polizei oder privaten Sicherheitsdiensten, werden von den Fans übernommen. Wenn du hier oder in Deutschland mit Bussen auswärts fährst, wirst du von Polizisten eingerahmt und auf eine Raststätte gezogen, sobald die Polizei mitkriegt, dass die Fanszene von XY auf der Autobahn in diese Richtung fährt. In Indonesien ist das überhaupt nicht der Fall. Die Fans sind komplett sich selbst überlassen. Wenn sie durch gefährliche Gebiete von rivalisierenden Fanszenen fahren, wird vorher der komplette Konvoi angehalten, es wird mit Funkgeräten koordiniert, wie sie durch die Stadt fahren, und jedes Auto hat seinen korrekten Platz. Mit absolut minimaler Polizeipräsenz, auf externe Kräfte legt da niemand wert.

SENF: Gibt es länder- und szenespezifische Einflüsse, wo eine eigene Identität erkennbar wird bei den Szenen?

Polomski: Auf jeden Fall. In Indonesien geht Fanszene-technisch wohl am meisten. Obwohl sie viele Gesänge kopieren, haben sie trotzdem lokale Gesänge und Kulturgüter. Sie bringen Dangung – eine traditionelle zentral-javanische Musikform, Lieder und Rhythmen – genauso ein wie europäische Gesänge und bewahren ihre lokale Kultur. Und Indonesien ist ein riesiges Land, es gibt auch regionale Einflüsse. Die Vereine sind wahnsinnige Identitätsanker. Egal wo wir als Football Fans Asia hingefahren sind, wenn wir die Menschen gefragt haben, was der Verein für die Stadt bedeutet, was die Stadt für den Verein bedeutet: Das geht immer Hand in Hand. Das ist untrennbar verbunden und der Fussball ist wahrscheinlich jeweils der Hauptidentitätsmarker.

SENF: Wie müssen wir uns die Zusammensetzung einer Kurve in Indonesien vorstellen?

Polomski: Jünger. Wenn ich ein Wort wählen müsste, dann jünger. Es ist beeindruckend, wie viele junge, motivierte Menschen dort sind. In europäischen Stadien sieht man immer noch die Väter, die ihre Töchter und Söhne zum Fussball gebracht haben, in den Kurven stehen. Das hat man in Indonesien und Malaysia kaum. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass es noch eine relativ neue Subkultur ist und vielleicht die erste Generation, die diese entwickelt.

SENF: Mit Football Fans Asia dokumentiert ihr Teile dieser Subkulturen, ihr macht das ehrenamtlich. Was ist eure Grundidee und was sind eure nächsten Projekte?

Polomski: Wenn man in Südostasien unterwegs ist, haben die Menschen unglaublich Ahnung vom europäischen Fussball. Am meisten natürlich von der Premier League, weil sie damit auch viel Geld verdienen, Fussballwetten sind richtig gross. Dann von populären Vereinen, die oft gewinnen. Aber selbst wenn man vom HSV spricht, können die Menschen das zuordnen. Wenn man in Europa jemanden nach Persib Bandung fragen würde, würde keiner auf die Idee kommen, wo das in Java ist. Das hat uns sehr beeindruckt. Und deswegen wollten wir ein Projekt starten, das Fussball-Interessierten aus ganz Europa ermöglicht, sich über solche Dinge informieren zu können.

Aktuell planen wir einen etwas längeren Film über den Port FC aus Bangkok, um die 45 bis 60 Minuten. Wir haben viele Kontakte in Bezug auf die Verbindung vom Club zu den Slums, zum Beispiel ein 14-jähriger Rapper, der in den Slums gross geworden ist und Musik für den Club macht. Oder Personen, welche ähnliche Projekte wie „Humans of New York“ machen, ein Thailänder macht nach dieser Vorlage „Humans of Thai Port“. Es gibt ein unglaublich grosses Engagement für diesen Verein in der Szene und wir wollen eine solche Dokumentation jetzt in den nächsten Wochen in Angriff nehmen.


Wer nach diesem ersten kurzen Einblick in eine diverse und faszinierende Fussballwelt in Südostasien mehr erfahren möchte, dem sei der Kurzfilmblock an den Fussballlichtspielen St.Gallen, am Samstag, 2. September, empfohlen. Beginn ist um 15.00 Uhr, Bobotoh wird gezeigt und Daniel Polomski wird anwesend sein. Wer sich ausserdem weiter über die laufenden Projekte von Football Fans Asia informieren möchte, kann dies via Facebook, Youtube, Instagram, und Twitter tun.

Die dritten Fussballlichtspiele St.Gallen starten am kommenden Mittwoch, 30. August, und dauern bis Samstag, 2. September. Nebst dem erwähnten Kurzfilmblock bietet das Programm auch dieses Jahr mehrere Highlights: so zum Beispiel eine Weltpremiere mit der Dokumentation über unseren Meistertrainer, Marcel Koller, oder die Schweizpremiere von Pelé: Birth of a Legend (hier ist das volle Programm zu finden). T minus 2 Tage: Die Vorfreude steigt!