Als ältester Verein Kontinentaleuropas könnte der FC St.Gallen eigentlich auf eine lange Geschichte zurückblicken. Abgesehen vom ersten Logo, das in den jüngsten Jahren ein Revival erlebte, und dem Meistertitel 1904 ist jedoch weder bei den Fans noch beim Verein häufig von den Ursprüngen des FCSG die Rede. SENF hat sich deshalb in den Archiven umgesehen und insbesondere die ersten 40 Jahre unseres Fussballclubs untersucht.

Am 19. April 1879 sorgte die kleine Ankündigung im St. Galler Tagblatt, dass am selben Abend ein «Foot-bal Club» gegründet werden soll, wohl noch für wenig Aufsehen. Fussball hatte zu dieser Zeit bei weitem noch nicht den Stellenwert, den er einige Jahre später haben sollte. Im Gegenteil, 1919 äusserte sich der damalige Präsident Emil Gretler folgendermassen zu den Anfängen: «Das war damals richtige Pionier-Arbeit, als es noch hiess, etwas zu betreiben, für das niemand Verständnis aufbrachte, sondern nur Spott und Gelächter übrig hatte … Ohne irgendwelche behördliche Subventionierung, ja an vielen Orten gegen die grössten Schwierigkeiten seitens der Obrigkeit, musste der Platz erobert werden.» Dass in St. Gallen damals dennoch ein Fussballclub gegründet wurde, ist wohl auch dem Institut Schönberg in Rorschach zu verdanken. Dessen fussballbegeisterter Direktor Wiget hatte einige Schüler mit dem Fussballfieber angesteckt, sodass sie auch nach Abschluss der Schule dem Sport nachgingen und schliesslich als junge St. Galler Kaufleute einen Fussballverein gründeten. Der Grundstein für den späteren FC St. Gallen wurde also schon vor 1879 gelegt. Spätestens ab 1876 finden sich in Dokumenten der Gründungszeit Hinweise auf einen mehr oder weniger regelmässigen Fussballbetrieb in der Region, wenn auch noch ohne Vereinsstrukturen.

Die Gründungsväter

Der Übergang vom eher losen Spielbetrieb zu einem geregelten Vereinsleben kann nicht nur dank des erwähnten Inserats genau datiert werden. Auch wenn die anlässlich der Gründung verabschiedeten Vereinsstatuten nicht mehr vorliegen, verweisen verschiedene Dokumente auf ebendiese und bestätigen das Datum. Auf diese Weise lässt sich auch nachvollziehen, wie der FCSG zu seiner Gründung aufgestellt war. Die Statuten kamen mit lediglich neun Paragraphen aus, der Vorstand (damals noch «Commission») bestand aus dem Präsidenten, dem Aktuar und Vizepräsidenten in Personalunion, dem Kassier und dem Revisor. Dazu kamen zwei Spieldirigenten, deren Aufgabe aus einer Mischung zwischen Trainer und Captain zu bestehen schien. Von den Gründungsvätern des FC St. Gallen ist leider nicht allzu viel überliefert. Es liess sich zumindest rekonstruieren, dass der erste Präsident auf den Namen R. Renkowitz hörte, der erste Aktuar und Vizepräsident auf Pierre de St. Robert. Von beiden ist im späteren Verlauf der Geschichte aber nichts mehr zu hören. Bereits am 16. April 1880 wurden vom neuen Präsidenten Alb. Engeler aktualisierte Statuten unterzeichnet. Erst mit Gust Grunder, der Ende des 19. Jahrhunderts zu einer elfjährigen Amtszeit antrat, wurde das Präsidium erstmals mit einer gewissen Konstanz geführt. Seine Verdienste werden wohl auch deshalb immer wieder erwähnt und er wurde bereits zum Ehrenpräsident gewählt, als sein Nachfolger vor der Hauptversammlung zur Wahl antrat.

Wechselhafter Start

Die ersten Jahre des noch jungen Vereins waren äusserst wechselhaft. 1892 konnte zum ersten Mal ein Wettspiel durchgeführt werden, weil inzwischen der Grasshopper-Club Zürich gegründet worden war. In der vom damaligen Kassier Fritz Jäk verfassten 15-Jahres-Chronik des FCSG ist dazu zu finden: «Es war ein furchtbares Hundewetter, wir St. Galler holten nach damaligem Brauch die Zürcher mit der Fahne am Bahnhof ab, was den Grasshoppers jedenfalls nicht sehr angenehm war.» Auch die Grösse der Tore missfiel den Zürchern, denn diese fielen in St. Gallen offenbar etwas zu klein aus. Das Spiel ging 0:1 verloren und trotzdem resümierte Jäk: «Jetzt sind sie uns die nächsten Freunde geworden.» Nach dem ersten Enthusiasmus der Gründungszeit folgten jedoch bald Rückschläge. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kämpften sämtliche Fussballvereine in St. Gallen – und derer gab es nun einige – um ihr Überleben. Die Jugend schien sich lieber dem überbordenden Alkoholkonsum hinzugeben als der körperlichen Ertüchtigung zu frönen. Gar existenzbedrohend wurde die Situation insbesondere als am 17. Juli 1900 elf Spieler den FCSG verliessen und den FC Bluestars gründeten.

Dieser baute sich fortan ein ziemlich elitäres Image auf: Offenbar sollen die Spieler auf dem Rasen gar in Englisch kommuniziert haben. Während viele andere Vereine diese Zeit nicht überlebten, überstand der FCSG dank geschickten Schachzügen diese schwierige Zeit. Zum einen, so die Chronisten, soll der regelmässige Stamm den Verein zusammengehalten haben, auch wenn kaum Spiele angesetzt werden konnten. Zum anderen schaffte es der FCSG immer wieder, andere Vereine dank der guten Infrastruktur und der im Vergleich gut gefüllten Kasse zur Fusion zu überreden. Diese Fusionen führten indes auch immer wieder zur Änderung des Vereinsnamens und der Clubfarben. Aus dem in grün-weiss antretenden Foot-bal Club wurde ein in blau-weiss antretender Foot-ball Club St. Gallen. Dieser wiederum änderte nach der Fusion mit dem FC Phoenix im Jahr 1898 seinen Namen auf Vereinigter Foot-Ball Club St. Gallen und spielte neu in gelb-schwarz. Der Wechsel zurück auf die ursprünglichen und auch heute immer noch aktuellen Farben grün und weiss erfolgte bereits wieder 1900, die Namensänderung in FC St. Gallen drei Jahre später.

Erster Meistertitel

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ging es mit dem FC St. Gallen aufwärts. Es folgte der erste Meistertitel 1904. Zu verdanken hatte der FCSG diesen einer ersten Mannschaft, die auch noch im Jahr 1917 an einer Monatsversammlung offenbar für regelrechte Gefühlsausbrüche gesorgt haben muss: «Noch heute sehe ich jene Wackern von 1904 vor mir, von denen man wirklich sagen konnte: Sie liebten sich wie Brüder.» Ein gewisser Lehrer, Wilhelm Inhelder, dem diese Aussage im Protokoll zugeordnet wurde, konnte sich noch detailliert an die Spielweise der damaligen Akteure erinnern. Am amüsantesten ist mit Sicherheit die Beschreibung des linken Verteidigers, Felix Thöny: «Seine besondere Spezialität war, jeden anstürmenden Gegner, ob gross oder klein, stark oder schwach, ein oder zwei Mann, unbarmherzig auf den «Sack» zu legen, alles mit vigilanter Schnelligkeit und eleganter Grazie. Als die reinste Unschuld betrachtete dann unser Thöny das angerichtete Unheil, und jedermann hatte die Überzeugung: Die sind von selbst gefallen,es ist ihre eigene Schuld.» Aber nicht nur die erste Mannschaft sicherte sich einen Meistertitel. Auch die Juniorenabteilung konnte erstmals in der «St. Gallischen Junioren-Vereinigung» reüssieren. Dazu kam es allerdings nur, weil ein unentschiedenes Spiel annulliert wurde, da in der Pause keine Zitronen zum Tee serviert wurden. Offenbar eine schwere Verfehlung in dieser Zeit.

Ein eigener Sportplatz    

Als Konsequenz aus dieser Entwicklung und weil auf der bis anhin als Matchstätte dienenden Kreuzbleiche nicht genug Platz war, suchte man nach einem eigenen Fussballplatz. Ein polysportives Stadion sollte im Tal der Demut durch die Stadt errichtet werden. Da die Verantwortlichen des FCSG den Aussichten des Projekts in der dafür nötigen Volksabstimmung wenig Chancen einräumten, verhandelten sie auf eigene Faust mit dem Grundstücksbesitzer und sicherten sich ein Vorkaufsrecht für 73‘000 Franken, um an gleicher Stelle eine eigene Spielstätte zu erstellen. Als die Volksabstimmung tatsächlich verloren ging, half aber auch dieser Plan B nichts. Die Feldschützen übertrafen das Angebot des FCSG – es wird gar eine Verdoppelung kolportiert – und erhielten somit den Zuschlag. Der FC St. Gallen erhielt lediglich 2‘000 Franken Entschädigung vom Grundstücksbesitzer Alther-Bischof, dem man aber offenbar trotzdem nicht böse gesinnt war. Im Gegenteil: Der Verein bedankte sich für die Möglichkeit, wenigstens temporär im Tal der Demut spielen zu können. Folglich mussten sich die Verantwortlichen aber auch auf die Suche nach einem neuen Platz begeben. Am 28. April 1910 übernahm der FCSG das Espenmoos, auf dem zu diesem Zeitpunkt noch nichts stand. Die nötigen finanziellen Mittel zum Stadionbau brachte man dank Spenden auf, die teilweise sogar von nach New York ausgewanderten Schweizern stammten. Am 10. Oktober des gleichen Jahres eröffnete der FCSG den Sportplatz mit einem 1:0-Sieg gegen den FC Brühl, der damals noch kein Sport-Club war.

Gesellschaftliche Bedeutung

Der FC St. Gallen engagierte sich nicht nur sportlich, sondern auch gesellschaftlich, wie sich den Archiven entnehmen lässt: «Die erste gesellschaftliche Veranstaltung von Bedeutung fand am 5. Januar 1884 im Museum statt anlässlich der Fahnenweihe. Als Gäste wurden jedoch nur solche angenommen, die im Stande waren, eine Dame mitzubringen. Letztere wurden aus der Vereinskasse bewirtet und scheinen einen recht guten Appetit mitgebracht zu haben.» Dazu finden sich in unzähligen Protokollen Beschreibungen des Clublokals und der Ortswechsel desselben. Die wohl grösste Bedeutung als Clublokal hatte das Löchlebad. Wo heute das Union-Gebäude steht, wurde früher getrunken, gejasst, Referenten gelauscht oder auf grossen Wandtafeln die Spielresultate aller Mannschaften betrachtet. Auch im Ausland schienen sich die Spieler nicht nur auf den Sport zu konzentrieren. Anlässlich einer Mailand-Reise an Ostern 1905 wird beispielsweise festgehalten: «Felix hatte sich derart angestrengt, dass der mitreisende Dr. Curti sich aus verschiedenen Gründen mitten in der Nacht in ein anderes Zimmer flüchten musste.» Gegen Ende der ersten vierzig Jahre des FCSG brach der erste Weltkrieg aus; dieser ging auch am FC St. Gallen nicht spurlos vorüber. Einerseits musste sich der Verein mehrmals dagegen wehren, dass das Espenmoos zum Anbau von Kartoffeln dienen sollte. Andererseits musste das Team im Jahr 1918 – dem nach Aussage der Vereinschronisten wegen einer Grippewelle schwersten aller Kriegsjahre – viele sportliche Rückschläge einstecken. Doch bereits damals schien den FC St. Gallen auszuzeichnen, was auch heute noch gilt: Selbst wenn die Zeiten schlecht sind, lässt sich niemand so schnell unterkriegen. Oder wie dies der ehemalige Präsident Emil Gretler ausdrückte: «Aber dann wieder frisch aufs neue ans Werk, vielleicht geht’s das nächste Jahr besser. Dieser stete Ansporn erhält ja uns Footballer immer frisch und lässt richtige Sportleute nicht erlahmen.»

Dieser Artikel basiert auf verschiedenen Dokumenten aus dem Archiv der Stadt St.Gallen sowie aus der Kantonsbibliothek Vadiana. Von grosser Hilfe beim Aufstöbern der richtigen Dokumente war Fredi Hächler. Als der FCSG vom Espenmoos ins neue Stadion umgezogen ist, ging das ganze Archiv an die Stadt. Fredi Hächler hat sich der Archivierung der Dokumente verschrieben und ist damit sicherlich einer der profundesten Kenner der Geschichte des FC St.Gallen. Vielen Dank!


Dieser Artikel erschien erstmals im SENF #02.  Zum Geburtstag des FC St.Gallen stellen wir sie online in voller Länge zur Verfügung.


Tierischer Fussball

Für die Verantwortlichen der meisten Fussballklubs dieser Welt ist es mittlerweile ein unumstösslicher Fakt: Ein Spieltag muss zum Event werden und Fussball alleine genügt dafür nicht. So auch in Russland. Wie der lesenswerte Blog «Who ate all the pies» berichtet, kamen die Zuschauer der Partie zwischen Mashuk-KMV und dem FC Angusht Nazran (dritthöchste Liga) in den Genuss einer besonderen Attraktion vor Spielbeginn. Ein Braunbär heizte ihnen ein und forderte sie zum Mitklatschen auf. Doch damit nicht genug: Der Schiedsrichter nahm den Matchball von ebendiesem Braunbären entgegen.

Doch auch die Fans bedienen sich tierischer Unterstützung, um ihren Standpunkt klar zu machen. So beispielsweise bei Luch-Energiya Vladivostok (zweithöchste Liga). Dort protestierte ein Fan gegen den seiner Ansicht nach ungenügenden Trainer, in dem er einen lebenden Hahn in den Stadioninnenraum beförderte. Ob der Hahn in der russischen Kultur eine besondere Rolle einnimmt und deshalb verwendet wurde, ist uns leider nicht klar.

Dass tierische Beteiligung bei Fussballspielen auch schiefgehen kann, zeigte sich vor einigen Jahren im alten Letzigrund. Vor dem Spiel zwischen dem FCZ und dem FCSG entwischte ein Muni, der als Maskottchen fungieren sollte. Er schaffte es bis auf die Tribüne, wo er schliesslich eingefangen werden konnte.


(Foto: Video-Screenshot)


Der Umzug des FC St.Gallen vom Osten in den Westen der Stadt war auch ein Umzug in eine neue Welt. Vom Quartierstadion mit viel Holz in einen sterilen Betonbunker.

In der Arena ist die Fankurve hoch und schmal. Sie lichtet sich auf den Seiten, bevor sie das tun sollte. Flankiert wird sie vom Familycorner und von günstigen Sitzplatzzonen. Einige sind sich dort zu fein, um knapp zwei Stunden zu stehen, weigern sich aber, allzu tief in die Tasche zu greifen. Gelegenheitszuschauer. Und wenns mol gar nöd lauft, gohni nöd an Match. Sie sind die Geheimratsecken des Espenblocks. Es dürfte voller sein dort. Doch seit Jahren wird es leerer.

Der Sektor Grün im Espenmoos war da anders. Flacher, aber eben auch breiter. Wie eine Welle, die bedrohlich grösser und grösser wurde. Sie trug das Schiff des FC St.Gallen hoch und runter. Dann und wann musste man befürchten, dass dieses mittlerweile etwas rostige Ding – Baujahr 1879 – kippen würde und untergehen könnte. Doch diese breite Welle trug das Schiff auch durch unruhigste Gewässer. Sie rauschte zufrieden vor sich hin, wenn Grün-Weiss siegte oder man sich wegen zu starken Kontrahenten einfach selbst genügte. Sie brach laut in sich zusammen und begrub Zürcher, Basler oder Luzerner unter sich, wenn eine Begegnung auf der Kippe stand. Tausende brüllten ins Schiffshorn. Es waren Augenblicke, in denen das Schiff kein Fremdkörper auf dieser Welle war, sondern mit ihr verschmolz.

In der Arena steht man auf Beton. Beton ist unbeweglich, kalt und leise. Wie der Schwarm in der Primarschule, der sämtliche Versuche abprallen lässt. Beton ist kein empathisches Material, er reagiert nicht, geht nicht auf dich ein. Du schreist ihn an und – keine Antwort. Du schlägst auf ihn ein und – keine Regung.

Der Sektor Grün im Espenmoos war spärlich bekleidet. Etwas Blech an der Decke und im Rücken, mehr nicht. Doch dieses Blech bewegte sich rhythmisch zum St. Galler Anhang. Bei Gegentoren oder vergebenen Grosschancen bekam es wütende Tritte und schrie laut zurück. Und wenn sich die gesamte Kurve in einen lauten Chor verwandelte, verteilte das Blech die Klänge nach draussen. Wie ein Verstärker, dessen subtiles Vibrieren die zu fordernden Tonlagen elegant untergehen liess. Die blecherne Ummantelung multiplizierte im Sommer die Hitze und machte das (Bier-)Trinken zur Notwendigkeit. Im Winter verweigerte sie klimatische Hilfestellung, man rückte zusammen. Im Rücken und über dem Kopf Blech, unter den Füssen Holz.

Holz atmet, Holz arbeitet. Je nach Temperatur zieht es sich zusammen oder verschafft sich Platz. Holz erzählt Geschichten. An gewissen Stellen ist es heller, an anderen dunkler. Es ist uneben, rau und weich. Und wenn man gut sucht, findet man Punkte oder Kreise, die erahnen lassen, was dieses Holz schon alles erlebt hat. Wie viele Jahre. Wie viele Saisons. Holz ist wie ein Schwamm. Es saugt auf. Regen, Bier, Bratwurst und Zigarettenduft. Emotionen. Holz atmet. Ein und aus. Regen, Bier, Bratwurst, Zigarettenrauch. Holz ist wie ein weisses Blatt, das man bemalen kann mit allen Farben. Jahrzehntelang pinselten St. Galler und St. Gallerinnen auf diesem weissen Blatt herum. Nicht abgesprochen, nicht geplant, dennoch an einem gemeinsamen Werk.

Sein erstes Spiel im Sektor Grün war im Juli 2006, Heimspiel gegen den Grasshopper Club an einem lauen Samstagabend. Die Partie endete null zu null. Sein Zwillingsbruder musste kotzen. Nicht des Spiels wegen. Holz atmet eben – ein, aber auch aus. Regen, Bier, Bratwurst und Zigarettenrauch. Eine zu anspruchsvolle Geruchsmelange für den Magen seines Bruders. Spätestens seit Juli 2006 atmete das Espenmoos auch Erbrochenes aus.

Das Espenmoos war immer unvollendet, irgendwie improvisiert. Unvollendet, weil die Tribünen erst nach und nach entstanden und umgebaut wurden. Sie gaben kein stimmiges Bild ab. Und vielleicht ist gerade das scheinbar Unpassende der Ursprung dieser grossen Welle Sektor Grün. Vielleicht waren es mehrere Strömungen, warme (grün-weiss) und kalte (rot-blau oder blau-weiss), tiefe und hohe, die schlussendlich anwuchsen zu einer grossen, für Gäste gefährlichen Welle.

Der Improvisation wohnt ja immer ein wenig die unausgesprochene Hoffnung inne, dass da vielleicht noch mehr kommt. Dass da etwas möglich wäre. Improvisation ist ein Schwebezustand. In St.Gallen war das nicht so. Das Espenmoos fühlte sich auch so richtig an. Die abgerundete Haupttribüne, dessen Eleganz man immer einem spanisch-schweizerischen Architekten unterstellte. Doch Calatravas Wirken in St.Gallen drang nicht bis ins Heiligkreuz vor.

Oft war man mit elftausendzweihundertneunundneunzig Anderen da. Dicht gedrängt standen sie nebeneinander. Von den wenigen Sitzschalen blieb selten eine leer. Jeder hatte das tröstende Gefühl, dass ganz St.Gallen hier war. Und die wenigen, die kein Ticket hatten, würden das Geschehen sicher im Radio oder auf der Teletextseite Nummer zweihundertzwei verfolgen.

Eines Abends durfte er nicht ans Spiel gehen. Es war ein Dienstag und seine Mutter mahnte, er hätte morgen Schule. Und da er mit seinen Noten stets nah am schulischen Abgrund balancierte, argumentierte sie entwaffnend. Dass er gegen neunzehn Uhr nicht an der Heiligkreuzstrasse ausstieg, die Strasse runterlief, vorbei am Restaurant Espenmoos und an der geschwungenen Haupttribüne, dann links abbog, über gefrorenen Kies schritt, das tat weh. Dieses Ziehen im Bauch, das man bei Liebeskummer fühlt, konnte auch ein aufgewühlter James Wehrli am Mikrofon von Radio aktuell nicht lindern. Alle waren da. Ganz St.Gallen. Und sie sahen einen rauschhaften FCSG. Jürgen Gjasula setzte mittels Freistosstor einen furiosen Schlusspunkt. St.Gallen fünf, GC drei. Vermutlich hat er in jener Nacht noch Kelly Clarksons «Because of You» gehört. An diesem Dienstag musste er sich eingestehen, dass er sich verliebt hatte. Denn man merkt erst, wie sehr man etwas gern hat, wenn es nicht da ist.

Wollte man zum Espenmoos gelangen, gab es nur zwei Wege. Entweder man kam vom Bahnhof St. Fiden oder man stieg oben bei der Bushaltestelle an der Heiligkreuzstrasse aus. Es gab keine aufwändigen Traversen, keine Parkgaragen oder geräumige Plätze, um dem Trubel auszuweichen. Es gab keine VIP-Eingänge oder Logen, damit man in der Anonymität verschwinden konnte. Nein. Man kam vom Bahnhof St. Fiden oder man kam von der Heiligkreuzstrasse. Man ging zum Fussball.

Wer zum Sektor Grün gelangen wollte, musste ausholen. Vorbei am Restaurant Espenmoos, vorbei an der Haupttribüne. Dann bog man auf einen Kiesweg ab, vorne tauchten Schrebergärten auf, eine Treppe, und dann noch eine. Es wurde lauter, ein Flutlichtmast war sichtbar. Und schliesslich ein langgezogenes Blechdach, dem man unterstellte, dass es vibrieren würde. Aber womöglich war das nur die innere Unruhe, bevor man jemanden trifft, den man liebt.

Die wenigsten gingen in den Sektor Grün. Sie pilgerten. Eine Holzhütte links, einige Meter später ein Ableger der St. Galler Stadtwerke, Gärten, Waldrand, Lärm. Es war, als ob man diese zwei, drei Minuten brauchte, um sich der Grösse des Ereignisses bewusst zu werden. Dass die ganze Stadt da war und Bier verschüttete, Bratwurst ass, Zigaretten qualmte, vielleicht auch mal kotzte.

Ist es nicht denkbar, dass die Faszination Espenmoos auch darauf gründet, dass man beobachtete? Es sind die Geschichten, die Erinnerungen, die einem Ort Leben einhauchen. Man betrachtete das Holz, das die eigenen Füsse trug, unterhielt sich über die Szene vor der Pause und behauptete auf Verdacht, es sei ein klarer Elfmeter gewesen, obwohl die Sichtverhältnisse eine klare Einschätzung des Vorgangs verunmöglichten. Niemand bemühte das Smartphone um Rat. Es war entweder noch nicht erfunden oder das Aufrufen einer aufschlussreichen Internetseite hätte den finanziellen Kollaps bedeutet. So drehte man sich um oder stupste den Nebenmann an, um die Szene mit einem weiteren, ähnlichen Blickwinkel zu beleuchten. Und womöglich ist der Sachverstand des Stadiongängers heute ungewollt ausgeprägter.

Wer im Sektor Grün stand, hatte in den wenigsten Fällen eine uneingeschränkte Sicht auf sämtliche Quadratzentimeter des Spielfelds. Wer unten stand, blickte in farbige Banner und Fahnen, auf den Seiten kannte man die Eckfahnen des anderen Kurvenflügels nur vom Hörensagen. Wer neugierig den Kopf hob, in Erwartung einer Torchance, tat dies nicht aufgrund vielversprechender Laufwege – die sah man kaum –, sondern weil er sich an den Fans hinter dem Tor orientierte.

Mittlerweile thronen die Zuschauer in der Arena auf einer hohen Werbebande. Die Spieler stehen unten, zwei Höhenmeter tiefer. Es fühlt sich an, als wären das verschiedene Welten. Als könnte die Fussballmannschaft nur mühsam auf der Welle Espenblock reiten, die zwei Höhenmeter zu hoch ist. Vielleicht gibt es manchmal Augenblicke, in denen man sich verpasst. In denen diese zwei Meter Differenz ausreichen, dass die Welle nicht auf den Gast zusteuert, sondern übers Spielfeld hinwegschwebt.

Und dann war da ja auch noch die Haupttribüne. Die Haupttribüne des Espenmoos war unverhofft elegant. Und ist das weiterhin. Ein symmetrischer Bogen, der sich über das Feld erstreckt wie die Sonne, die sich am Horizont des Meeres in die vermeintliche Nacht verabschiedet. Wembley hat seinen Bogen, St.Gallen ebenfalls. Auch der Tribünenrücken ist rund. Man kann ihm nicht gerade entlanglaufen, denn er biegt sich. Es ist, als müsste man der Tribüne folgen, wenn man sie umläuft. Ein Ausholen, wie beim Weg in den Sektor Grün damals. Die Wege um dieses Stadion erzählten viel von seinem Charme. Sie waren ungerade, eckig, manchmal voller Kurven. Zuweilen wurde der Fan weggeführt, bevor er doch noch Richtung Lärm lief. Man wollte dieses Stadion erkunden. Diese geschwungene Haupttribüne, die in seiner Feinheit gar nicht zu dieser unkoordinierten Ansammlung von alten Sponsorentafeln, Holz und Blech passen wollte. Es war die Geschichte, die anziehend wirkte. Vielleicht auch der Duft von Regen, Bier, Bratwurst und Zigaretten. Und Erbrochenem.


Dieser Beitrag erschien zuerst in der Ausgabe Nr. 9 des Senf-Magazins. Wötsch au 1 Heft? Do chasch bestelle.


Die Saison 2005/06 war für den FC St.Gallen nach 30 von 36 Runden eigentlich schon gelaufen. Trotzdem schmerzte die Niederlage bei den Grasshoppers Hutter so sehr, dass er gleich einen kilometerlangen Marsch auf sich nehmen wollte.

Hutter leerte frischen Katzensand in die Schale auf der Terrasse. Amoah und Rubio kratzten lustlos darin herum. Seit der Heim-Niederlage gegen YB waren die Kater rückfällig geworden. Die Wohnung stank wieder nach Katzen-Pisse. Hutter hatte alles versucht: Leber und Niere aus der Metzgerei. Spiel-Mäuse. Katzengras. – Es war zwecklos, gegen den Gestank half nur eine FCSG-Siegesserie. Mock war auf Reisen. Stadionbesichtigung in München. Allianz-Arena! Herzog und de Meuron! Schweizer Qualitätsarbeit! Mock wollte mit seinen rotblauen Brüdern und Schwestern in München vorzeitig auf den Gewinn der 97. Deutschen Meisterschaft anstossen. Hutter hatte dankend abgelehnt. Ohne Mock war er zu Fuss im Fürstentum Liechtenstein am Stammtisch des 145. Münchner Löwen-Fanclubs gelandet. 1860 – der Münchner Traditionsverein! Das wärs gewesen: Der überdrehte Bayern-Fan Mock im Duell mit einem frustrierten Liechtensteiner 60er, eine knisternde und beherzte Debatte über den wahren Münchner Fussball, das hätte er erleben wollen – tausend Mal lieber als eine seelenlose, durchgestylte Allianz-Stadionpräsentation.

Hutter stellte die Wanderschuhe an die frische Luft und den Fernseher ein. St.Gallen führte in der Pause 1:0 – immerhin gegen GC auf dem Hardturm! Hutter holte frische Leber aus dem Kühlschrank und schüttete sie in den Katzen-Fressnapf. Er erinnerte sich an sein erstes Auswärtsspiel mit dem FCSG, 1970, nach dem Aufstieg in die Nationalliga A. Er war mit seinem Vater im Vauxhall Viva nach Zürich gerast und hatte auf dem Hardturm die erste von 137 St.Galler Niederlagen bei den Grasshoppers abgeholt. Der Hardturm war auf drei Seiten von Erdwällen umgeben. Auf der Gegentribüne feuerten ein paar Junge den FCSG an. Hutter merkte, dass etwas an ihnen nicht stimmte.

Ihre Schlachtrufe tönten falsch, statt dem gewohnten, spitzen, hellen «A» hörte er ein geschlossenes «O» und ein schreckliches «Hopp Songollo». Mussten St.Galler Fussballfans in der Fremde ihren Dialekt verleugnen? Kamen sie nur so heil aus dem fremden Stadion heraus? Keine Spur davon! Es waren FCZ-Fans, die auf dem Hardturm mit Hingabe den FC St.Gallen unterstützten. Einziges Ziel des grünweissen FCZ-Supports damals: Eine Niederlage für das verhasste GC! In Zürich braute sich 36 Jahre später ein weiterer FCSG-Schiffbruch zusammen. Renggli hatte die Gedanken der naiven St.Galler Verteidiger gelesen und zum 1:1 für GC ausgeglichen. Kurz darauf lieferte er das Tor zum standesgemässen 2:1 nach. Nie wären die verunsicherten Grasshoppers einfacher zu schlagen gewesen, aber die Grünweissen konnten den Hardturm-Fluch nicht einmal jetzt abschütteln. Hutter stellte den Fernseher ab. Er zog die Wanderschuhe an. Durch die Schmiedgasse Richtung Westen! 85 Kilometer weit! – Wenn er die ganze Nacht durchwanderte, würde er am nächsten Morgen in Zürich bei Tanja sein. Zusammen würden sie weitergehen – solange, bis der FCZ Meister wäre oder der FC St.Gallen wieder ein Auswärtsspiel gewinnen würde.


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Hopp Sangallo!» erschien anlässlich des Heimspiels in der 30. Runde der Saison 2005/06 gegen den Yverdon-Sport FC.

Hutter & Mock


Der legendäre Werner Zünd sagte am Release der neuen SENF-Ausgabe, sein Herz sei gleich doppelt grün-weiss. Die liebsten beiden Vereine des Rheintalers, der FC St.Gallen und sein Stammverein FC Rebstein, tragen diese Farben.

Die gemeinsamen Farben sind aber nicht allen eine Hilfe, wie ein Blick in die Rebsteiner Fasnachtszeitung zeigt. A.C., ein Junior des FC Rebstein, spielte mit seiner Mannschaft unlängst in Uzwil. Den Heimweg wollte er mit der Bahn antreten. Am gleichen Tag fand auch ein Spiel des FCSG statt. Er dachte sich, dass die Fans ja ungefähr in die gleiche Richtung fahren müssen. Also heftete er sich am Bahnhof einfach an die Fans in grün-weiss und glaubte, sich in die richtige Richtung zu bewegen.

Dumm war nur: Die Fans reisten nicht etwa nach St.Gallen, wo er auf den Zug ins Rheintal hätte umsteigen können, sondern nach Bern. Der Junior wunderte sich nicht schlecht über die lange Fahrt bis ans vermeintliche Ziel – und bemerkte erst dann, die halbe Schweiz durchquert zu haben.

Der FC Rebstein dürfte über den Ausflug des Juniors nach Bern gelacht haben. Der Verein hat mit dem FCSG neben den Farben nämlich noch eines gemeinsam, wie uns ein Kollektivmitglied versichert: Es ist ein geselliger Verein, bei dem viel gelacht wird. Sicher auch über diese Episode. Und wer weiss, vielleicht wird aus diesem Junioren ja der nächste doppelt grün-weisse.

Bild: Fasnachtszeitung Rebstein