Der FC St.Gallen hat mit Peter Zeidler einen neuen Trainer und setzt damit alles auf eine Karte. Die Reise führt vorerst ins Ungewisse, dafür beginnt sie harmonisch.

An der Pressekonferenz gab es diesen einen Augenblick. Hüppi erzählte in gewohnt optimistischem Fernseh-Sprech, wie überzeugt er von den neuen Rahmenbedingungen beim FC St.Gallen sei. Sportchef Alain Sutter und der neue Chefcoach Peter Zeidler sahen sich flüchtig an und konnten nicht anders als lächeln. Eine wunderbar unkontrollierte Gesichtsregung.

Sutter sagte später, er freue sich «unglaublich», endlich mit Zeidler zusammenarbeiten zu dürfen. Die Ungeduld der Verliebten. Ein Tatendrang, der sich besser heute als morgen entladen sollte. Und so bemerkte Sutter wiederum einige Minuten später, sie – er und Zeidler – hätten schon mit der Arbeit begonnen. Als hätten sie sich ihrer Ungeduld beugen müssen.

Neulinge im Business

Die Crew, die den FCSG wieder in ruhigere Gewässer führen soll, steht nun. Harmonischer könnte sie kaum sein. Sämtliche Protagonisten in federführenden Rollen ziehen am selben Strick. Der Dreijahresvertrag protokolliert diese Stimmung exemplarisch. Doch er ist auch ein Wagnis, weil die Laufzeit dieses Kontrakts ohne Not 36 Monate beträgt. Und vielleicht unterstellt man Hüppi und Sutter denn auch ein wenig Naivität, wenn sie ihren neuen Trainer mit einem solchen Vertrag ausstatten, zum Schluss der Vorstellung Zeidlers aber einräumen, dass sie Neulinge sind in diesem Business. Es sind diese Momente, in denen sich der Verdacht einschleicht, dass die üblich pathetischen Worte Hüppis die Machbarkeit des Fussballs übersteigen.

Der Verwaltungsrat, dem Hüppi vorsteht, und Sutter setzen auf diese eine Vision. Hüppi nennt sie die «grün-weisse Bewegung». Ein Journalist platzierte halb scherzend, halb ernst in einem Nebensatz, Hüppi sage manchmal das Eine, meine aber das Andere. Womöglich sagt Hüppi in Wahrheit jedoch das XXL-Eine, meint aber das XS-Eine. Er gewährt seinen eigenen Worten viel Platz, wählt sie gross in ihrer Bedeutung.

Die Vision: eine Bewegung. Ein Begriff, der eher dem Sprachduktus von Aktivisten, Politikern oder Sekten entspringt. Und diese Bewegung ist alternativlos. Sie kennt nur eine Richtung. Peter Zeidler scheint für diese Richtung wie geschaffen. Früher war er als Pädagoge im Schwabenland tätig – ein Punkt im Lebenslauf Zeidlers, den Sutter besonders beeindruckend gefunden haben dürfte. Zeidler selbst schätzt diesen Faktor realistisch ein, sagte einmal: «Alle Trainer müssen auch Pädagogen sein.»

Lehrjahre in Rangnicks Fussballabor

Erfolgreiche Fussballtrainer müssen die Menschen führen können. Französisch- und Sportlehrer hin oder her. José Mourinho, Carlo Ancelotti oder Josef Heynckes haben nicht Lehramt studiert, standen nie täglich vor einer Schulklasse. Und doch wird diesen herausragenden Trainern eine hohe Empathiefähigkeit nachgesagt.

Allerdings verspricht der Lebenslauf Peter Zeidlers auch fachlich einiges. In den Hoffenheimer Jahren wirkte er an der Seite Ralf Rangnicks mit, als die TSG in die Bundesliga aufstieg und als Neuling die inoffizielle Herbstmeisterschaft feierte. Rangnick wird nicht erst seit damals taktische Weitsicht attestiert. Es gibt Fachkundige, die Rangnick zuschreiben, als erster deutscher Fussballlehrer die Viererkette eingesetzt zu haben. Auch das bedingungslose Pressing soll in Rangnicks Fussballlabor entstanden sein. Peter Zeidler tüftelte mit. Damals noch im Hintergrund. Später emanzipierte sich der frankophile 55-Jährige von Rangnick und ging nach Österreich.

Langfristiger Erfolg blieb sowohl Rangnick als auch Zeidler meist verwehrt. Die oft spektakuläre Spielweise nutzte sich irgendwann ab. Hohes und schnelles Anlaufen wird gerade in qualitativ hochstehenden Ligen irgendwann durchschaut, ist berechenbar. Equipen, die kombinationssicher sind, schaffen es, die Pressingwellen zu umspielen.

Das Kader der St.Galler ist ohnehin nur bedingt auf diese Revolten-gierige Spielweise ausgerichtet ist. Es bräuchte neue Spieler, was jedoch einiges kosten würde. Tafer oder Aleksic sind sensible Feingeister, deren Arbeitsethos nicht immer mit 90-minütigem Pressing in Einklang zu bringen sein dürfte. Barnetta gehen nach und nach Geschwindigkeit und Ausdauer ab.

Prädestiniert für den zeidlerschen Fussball scheinen dafür Toko und Sigurjonsson: eifrige Balljäger, die den schnellen vertikalen Pass durchaus in ihrem Repertoire haben. Doch ist ungewiss, ob die beiden in der kommenden Spielzeit noch in der Ostschweiz unter Vertrag stehen werden.

Destination: Luftschloss

Hüppi und Sutter fahren mit der Luftbahn durch die Nacht. Destination: Luftschloss. Attraktiver Fussball, der erfolgreich ist: Das ist keine innovative Ambition. Womöglich ist es sogar das Idealbild dieser Sportart. Fussball, wie ihn sich Reynolds, später Michels und Cruyff ausgedacht haben und Guardiola in Perfektion praktizieren liess. Vielleicht genügten auch einige Partien an der Anfield Road in dieser Saison diesen Ansprüchen. Vorerst reicht der neuen Führung aber, sich in den Top Fünf des hiesigen Championats zu etablieren. Das ist kein Luftschloss.

Der spektakuläre Weg dahin dann schon eher. Der FCSG will Weg und Ziel gleichermassen zelebrieren. Hüppi und Sutter wollen den Fünfer und das Weggli. Und sie wollen dies mit harmonischer Eintracht. Harmonisch vom Weg abkommen und grandios das Ziel verfehlen. Oder eben gemeinschaftlich schön brillieren und Erfolge einfahren. Wir präferieren Zweiteres, natürlich. Und fahren mal mit.

Es wird sich zeigen, ob diese Richtung stimmt. Ein lauerndes Unbehagen ist da schon. Es kann sein, dass man als St.Galler Fan etwas befangen ist, wegen der Geschichte. Durch die hart erarbeitete Akzeptanz, sich selbst genügen zu können – gerade bei den vielen Enttäuschungen. Nun der neue Kurs, mit neuer Steuerrichtung. Wir sind gespannt. Und ungeduldig. Die Ungeduld der Verliebten.


Dieser Artikel erschien zuerst beim Kulturmagazin Saiten.


Lange schien die Saison 2005/06 für den FC St.Gallen eigentlich schon so gut wie gelaufen. Gegen Ende kamen die Espen aber doch nochmal in Abstiegsnöte. Entsprechend wichtig war das Heimspiel gegen Yverdon in Runde 30. Glaubt man Hutter, so war Zelli in diesem Spiel Fussballgott und Schutzengel in Personalunion.

Hutter suchte seinen Stammplatz. Er zählte von der Säule an sieben Tritten aufwärts. Gegen YB waren es fünf und gegen GC sechs Tritte gewesen – beide Plätze hatten Niederlagen gebracht. Hutter versuchte die Gedanken der Mitkämpfer auf der Gegentribüne zu lesen: Er sah Gleichgültigkeit, Trotz oder Hoffnungslosigkeit. Der Speaker kündigte die St.Galler Mannschaft an und Hutter rutschte bei «Pascal» ein herzhaftes «Jenny» heraus. Er erntete böse Blicke für den schlechten Scherz. Hutter konnte nichts dafür, aber für ihn passte der leidenschaftliche Kämpfer Jenny noch immer besser zum FCSG als zum welschen Yverdon.

Die Südkurve gab allen Grünweissen im Stadion den Tarif bekannt: «Ab jetzt gibt’s keine Ausreden mehr!» Ein Tor für Yverdon! Hutter malte sich aus, was dann im Stadion passieren würde. Ein Vulkanausbruch! Ein Lavastrom des Zorns. Fünf Jahre Enttäuschung und Wut der Anhänger würden das Spielfeld in ein unbespielbares und heimtückisches Moor verwandeln. Ideale Voraussetzungen für ein befreites und kreatives Spiel zweier Teams, denen das Wasser bis zum Hals stand. Das kleine Yverdon verbarrikadierte sich im eigenen Strafraum. Alex, Marazzi, Callà und Hassli stürmten an, aber ihnen fehlte die Ruhe, einfach auf die offene Lücke vor dem gegnerischen Tor zu warten.

0:0 zur Pause. Mocks Zuversicht am Bierstand hinter der Gegentribüne war ungebrochen. «Hutter, das Tor wird fallen! Ja, so wie alle hier hätte ich auch lieber Schällibaum als Trainer gehabt, weil er mit seiner Hingabe und seiner Leidenschaft so gut zu uns gepasst hätte. Wir hätten ihm sogar eine unglückliche Niederlage gegen Yverdon verziehen. Aber das Tor für uns wird auch ohne Schällibaum fallen.» Hutter sagte nichts. Mock hatte vierzig Saisons Erfahrung auf dem Espenmoos, Hutter brachte es nur auf siebzehn.

Die Stimmung auf den Rängen wurde gereizt. Yverdon roch den Braten, wagte sich in den Strafraum von Goalie Razzetti und plötzlich flog der Ball auf das leere St.Galler Tor zu. Die ersten Fans krümmten sich schon vor Ärger, andere verwarfen die Hände und setzten zur nächsten Verwünschung der eigenen Spieler an. Der Ball senkte sich langsam, nur wenige Zentimeter fehlten noch bis zur Torlinie. Hutter sah die silberne Kugel sekundenlang leuchten. Ein teuflischer Regisseur hielt Film und Ton an, um den Schrecken in den hintersten Winkel des Espenmoos zu verbreiten. Alle sollten den Matchball sehen und nie mehr vergessen. – Doch dann kam er, der Retter, der Erlöser, der sich mit seiner Befreiungsaktion endgültig unsterblich machte. Er ganz allein zauberte die Wärme zurück in die untröstlichen Herzen der Fans und brauchte Glauben und Versöhnung zurück auf das Espenmoos. – Es war Zelli! Er flog durch den Strafraum und haute den Ball im letzten Moment weg in die Wolken, als wäre er ein Schutzengel, als wollte er sagen: «Aber das ist doch selbstverständlich, dafür bin ich doch da!» Zellis Glanztat rüttelte alle auf. Callà schoss überlegt zum 1:0 ein und kurz darauf stürzte sich Alex ungestüm auf einen Prellball, der sich hinter dem Yverdon-Hüter zum 2:0 ins Netz senkte. Neben Hutter sagte einer: «Alex stolpert einfach jeden Ball ins Tor.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Schutzengel» erschien anlässlich des Heimspiels in der 32. Runde der Saison 2005/06 gegen den FC Zürich.

Hutter & Mock


Das Leben als Fussballfan ist nicht immer einfach. So manch einen hat seine Leidenschaft für den beliebten Ballsport schon in den Wahnsinn getrieben. Damit uns das auf der SENF-Redaktion nicht passiert, können wir auf die Hilfe des bekannten Fussball-Therapeuten Dr. O.W. zählen. In unregelmässigen Gastbeiträgen bietet er seine Hilfe an. Heute gratuliert er den Berner Young Boys zur Überwindung von Morbus Semper Secundus.

Kuren hilft nach ausgestandenen Krankheiten, wieder zu Kräften zu kommen. So auch nach fussball-induzierten. Das können Sie mir glauben, liebe Leserinnen und Leser, denn ich bin ausgewiesener Fachexperte zu allen diesen Krankheiten auf dem Fussballplatz Schweiz.

Aus diesem Grund wende ich mich nun, in diesem speziellen Augenblick, an alle Bernerinnen und Berner, die in den letzten Jahren teilweise stillschweigend, teilweise lautstark an Morbus Semper Secundus gelitten haben – und erst noch an einer besonders schwerwiegenden Form davon, die schon chronische Züge angenommen hatte.

Soeben haben Sie diese überwunden und dazu möchte ich zuallererst von Herzen gratulieren. Das stimmt mich zuversichtlich für alle anderen an einer fussball-induzierten Krankheit Leidenden. Davon gibt es ja weiss Gott noch genug, auch wenn die Symptome von Morbus Krösus aufgrund des Auskurierens von Morbus Semper Secundus weniger zahlreich geworden sind (zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, um es im Volksmund zu sagen).

Gleichzeitig möchte ich aber darauf aufmerksam machen, dass es gerade jetzt wichtig ist, den Genesungsprozess langsam anzugehen, schliesslich ist das Überwinden der Krankheit auch unter gütigster Mithilfe des Gegners zustande gekommen. Finden Sie nach dem ganzen Trubel Ruhe, lassen Sie die erste Müdigkeit zu, und ziehen Sie in Betracht, eines der exklusiven, auf diese Krankheitsbilder zugeschnittenen Kur-Programme der Klinik AU zu besuchen:

Workshop 1:
Wie finde ich eine Balance zwischen den Erinnerungen an diese schwere Zeit, den Anforderungen des Alltags, sowie der Freude über die überwundene Krankheit? (von und mit Dr. O.W.)

Workshop 2:
Wie leite ich freigewordene Energie um, die nicht mehr in das Kontrollieren der Krankheit investiert werden muss? (von und mit Dr. O.W.)

Workshop 3:
Welche Strategien gibt es, um Rückfälle ins YBELIEVE zu verhindern? (von und mit Dr. O.W.)

Alle Workshops sind Teil mehrwöchiger Kur-Programme, sind zertifiziert und werden unter Leitung von führenden Experten auf diesem Gebiet durchgeführt.

Zum Schluss noch ein kurzes Wort der Warnung: Wo Morbus Semper Secundus überwunden wurde, besteht fruchtbarer Boden für Morbus Krösus. Es hilft, früh anzufangen, Ausschau nach möglichen Symptomen zu halten.

Herzlich, Ihr Dr. O.W.


Zur Person

Dr. O.W. ist in Fachkreisen bekannt als der erfahrenste und erfolgreichste Therapeut von fussball-induzierten Krankheiten. Sein Kundenstamm umfasst Fans, Spieler, Trainer und Vereinspräsidenten aus der ganzen Schweiz. Dr. O.W. hat sich unter anderem dadurch ausgezeichnet, dem SENF-Ticker-Team in einer emotional schwierigen Phase beizustehen. Nicht einfach nur wöchentlich auf der Behandlungscouch, sondern live und vor Ort bei zahlreichen Versuchen des FC St.Gallen, auf die Erfolgsspur zurückzukehren.


Offiziell hat es einfach nicht mehr gepasst. Wie bei einer ausgelatschten Beziehung hat man sich auseinandergelebt. Der Trainer hat die Mannschaft nicht mehr erreicht. Die Mannschaft nicht mehr auf den Trainer gehört. Oder: Der eine hat die Ideen des anderen nicht mehr wie gewünscht umgesetzt. So oder ähnlich tönt es immer, wenn im Fussballbusiness ein Trainer entlassen wird. So auch heute in St.Gallen: Die Verantwortlichen sahen kein Vertrauen von Contini in die Vorgesetzten und ihre Ziele.

Wenn sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht mehr vertrauen, muss eine der beiden Seiten die Notbremse ziehen. Das gilt in einer Toggenburger Schreinerei genauso wie im Schnellimbiss in der Zürcher Bahnhofshalle oder beim FC St.Gallen. Somit erscheint der Schritt des FCSG, trotz laufendem Vertrag, zukünftig auf Trainer Giorgio Contini zu verzichten und die Zusammenarbeit per sofort zu beenden, für Aussenstehende nur logisch. Zu oft hat man in den Medien davon gelesen, wie unzufrieden Contini mit der Situation beim FC St.Gallen ist.

Doch, wie SENF exklusiv in Erfahrung bringen konnte: Der offizielle Grund der Trennung ist mit Vorsicht zu geniessen. Denn: Es war noch bis vor Kurzem beschlossene Sachen, bis zum Vertragsende mit Contini weiterzuarbeiten. Einleuchtend, denn finanziell kann sich der FCSG eigentlich keinen weiteren Trainer auf der Lohnliste leisten. Gekippt ist der Verwaltungsrat nach dem Spiel vom Samstag gegen Thun. Allerdings nicht wegen der Niederlage.

Die Leserinnen und Leser unseres Livetickers beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten haben bereits während des Spiels mitbekommen, dass zwei Posauner im Stadion anwesend waren, um die Mannschaft zu «unterstützen». Dutzende Leserinnen und Leser beschwerten sich bei uns. Sogar das St.Galler Tagblatt berichtete im Nachhinein. Gemäss den investigativen Recherchen des Tagblatts darf nicht jeder sein Instrument mitbringen, die beiden Herren hatten aber eine Bewilligung dazu. Und genau hier liegt der wahre Grund für die Entmachtung Continis.

Ausgestellt hat die Bewilligung nämlich der Trainer höchstpersönlich. Pikant: Die beiden Musikanten sind Mitglied des Giorgio-Contini-Fanclubs. Die Bewilligung soll Contini zudem an seinen Vorgesetzten vorbeigeschleust haben. «Tätschhässig» soll gemäss Zeugen der sonst so besonnen und ausgeglichen agierende Sportchef Alain Sutter gewesen sein, schliesslich favorisiere er die im ganzen Stadion verbotenen Vuvuzuelas. Continis Vergehen wiegen für die Verantwortlichen des FCSG schwer: Vetternwirtschaft, Handeln gegen die Interessen des Arbeitgebers, Überschreiten von Unterschriftskompetenzen sowie Unterstützung von organisiertem Instrumentenschmuggel. Gerüchten zufolge sollen sich die Musiker auch der akustischen Belästigung hart arbeitender Medienschaffender schuldig gemacht haben. Der Assistenztrainer Markus Hoffmann muss seinen Posten im Zuge der Posaunen-Affäre ebenfalls räumen. Eine Gehilfenschaft Hofmanns könne im «Ostschweizer Posaunen-Krimi» (Blick) nicht ausgeschlossen werden. Im verschwiegenen Ostschweizer Blechinstrumenten-Milieu wird eifrigst ermittelt.

Contini ist somit ab sofort wieder auf dem Trainermarkt zu haben. Das dürfte vor allem die Zürcher Grasshoppers zutiefst ärgern. Hätten Sie mit der Verpflichtung von Thorsten Fink nur wenige Stunden länger zugewartet, sie hätten stattdessen Contini und Hoffmann haben können. Contini hätte seinen Fanclub und die lautstarke musikalische Unterstützung gratis in den Stimmungsmoloch Letzigrund mitgebracht.


(Video: Screenshot Youtube)


Als ältester Verein Kontinentaleuropas könnte der FC St.Gallen eigentlich auf eine lange Geschichte zurückblicken. Abgesehen vom ersten Logo, das in den jüngsten Jahren ein Revival erlebte, und dem Meistertitel 1904 ist jedoch weder bei den Fans noch beim Verein häufig von den Ursprüngen des FCSG die Rede. SENF hat sich deshalb in den Archiven umgesehen und insbesondere die ersten 40 Jahre unseres Fussballclubs untersucht.

Am 19. April 1879 sorgte die kleine Ankündigung im St. Galler Tagblatt, dass am selben Abend ein «Foot-bal Club» gegründet werden soll, wohl noch für wenig Aufsehen. Fussball hatte zu dieser Zeit bei weitem noch nicht den Stellenwert, den er einige Jahre später haben sollte. Im Gegenteil, 1919 äusserte sich der damalige Präsident Emil Gretler folgendermassen zu den Anfängen: «Das war damals richtige Pionier-Arbeit, als es noch hiess, etwas zu betreiben, für das niemand Verständnis aufbrachte, sondern nur Spott und Gelächter übrig hatte … Ohne irgendwelche behördliche Subventionierung, ja an vielen Orten gegen die grössten Schwierigkeiten seitens der Obrigkeit, musste der Platz erobert werden.» Dass in St. Gallen damals dennoch ein Fussballclub gegründet wurde, ist wohl auch dem Institut Schönberg in Rorschach zu verdanken. Dessen fussballbegeisterter Direktor Wiget hatte einige Schüler mit dem Fussballfieber angesteckt, sodass sie auch nach Abschluss der Schule dem Sport nachgingen und schliesslich als junge St. Galler Kaufleute einen Fussballverein gründeten. Der Grundstein für den späteren FC St. Gallen wurde also schon vor 1879 gelegt. Spätestens ab 1876 finden sich in Dokumenten der Gründungszeit Hinweise auf einen mehr oder weniger regelmässigen Fussballbetrieb in der Region, wenn auch noch ohne Vereinsstrukturen.

Die Gründungsväter

Der Übergang vom eher losen Spielbetrieb zu einem geregelten Vereinsleben kann nicht nur dank des erwähnten Inserats genau datiert werden. Auch wenn die anlässlich der Gründung verabschiedeten Vereinsstatuten nicht mehr vorliegen, verweisen verschiedene Dokumente auf ebendiese und bestätigen das Datum. Auf diese Weise lässt sich auch nachvollziehen, wie der FCSG zu seiner Gründung aufgestellt war. Die Statuten kamen mit lediglich neun Paragraphen aus, der Vorstand (damals noch «Commission») bestand aus dem Präsidenten, dem Aktuar und Vizepräsidenten in Personalunion, dem Kassier und dem Revisor. Dazu kamen zwei Spieldirigenten, deren Aufgabe aus einer Mischung zwischen Trainer und Captain zu bestehen schien. Von den Gründungsvätern des FC St. Gallen ist leider nicht allzu viel überliefert. Es liess sich zumindest rekonstruieren, dass der erste Präsident auf den Namen R. Renkowitz hörte, der erste Aktuar und Vizepräsident auf Pierre de St. Robert. Von beiden ist im späteren Verlauf der Geschichte aber nichts mehr zu hören. Bereits am 16. April 1880 wurden vom neuen Präsidenten Alb. Engeler aktualisierte Statuten unterzeichnet. Erst mit Gust Grunder, der Ende des 19. Jahrhunderts zu einer elfjährigen Amtszeit antrat, wurde das Präsidium erstmals mit einer gewissen Konstanz geführt. Seine Verdienste werden wohl auch deshalb immer wieder erwähnt und er wurde bereits zum Ehrenpräsident gewählt, als sein Nachfolger vor der Hauptversammlung zur Wahl antrat.

Wechselhafter Start

Die ersten Jahre des noch jungen Vereins waren äusserst wechselhaft. 1892 konnte zum ersten Mal ein Wettspiel durchgeführt werden, weil inzwischen der Grasshopper-Club Zürich gegründet worden war. In der vom damaligen Kassier Fritz Jäk verfassten 15-Jahres-Chronik des FCSG ist dazu zu finden: «Es war ein furchtbares Hundewetter, wir St. Galler holten nach damaligem Brauch die Zürcher mit der Fahne am Bahnhof ab, was den Grasshoppers jedenfalls nicht sehr angenehm war.» Auch die Grösse der Tore missfiel den Zürchern, denn diese fielen in St. Gallen offenbar etwas zu klein aus. Das Spiel ging 0:1 verloren und trotzdem resümierte Jäk: «Jetzt sind sie uns die nächsten Freunde geworden.» Nach dem ersten Enthusiasmus der Gründungszeit folgten jedoch bald Rückschläge. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kämpften sämtliche Fussballvereine in St. Gallen – und derer gab es nun einige – um ihr Überleben. Die Jugend schien sich lieber dem überbordenden Alkoholkonsum hinzugeben als der körperlichen Ertüchtigung zu frönen. Gar existenzbedrohend wurde die Situation insbesondere als am 17. Juli 1900 elf Spieler den FCSG verliessen und den FC Bluestars gründeten.

Dieser baute sich fortan ein ziemlich elitäres Image auf: Offenbar sollen die Spieler auf dem Rasen gar in Englisch kommuniziert haben. Während viele andere Vereine diese Zeit nicht überlebten, überstand der FCSG dank geschickten Schachzügen diese schwierige Zeit. Zum einen, so die Chronisten, soll der regelmässige Stamm den Verein zusammengehalten haben, auch wenn kaum Spiele angesetzt werden konnten. Zum anderen schaffte es der FCSG immer wieder, andere Vereine dank der guten Infrastruktur und der im Vergleich gut gefüllten Kasse zur Fusion zu überreden. Diese Fusionen führten indes auch immer wieder zur Änderung des Vereinsnamens und der Clubfarben. Aus dem in grün-weiss antretenden Foot-bal Club wurde ein in blau-weiss antretender Foot-ball Club St. Gallen. Dieser wiederum änderte nach der Fusion mit dem FC Phoenix im Jahr 1898 seinen Namen auf Vereinigter Foot-Ball Club St. Gallen und spielte neu in gelb-schwarz. Der Wechsel zurück auf die ursprünglichen und auch heute immer noch aktuellen Farben grün und weiss erfolgte bereits wieder 1900, die Namensänderung in FC St. Gallen drei Jahre später.

Erster Meistertitel

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ging es mit dem FC St. Gallen aufwärts. Es folgte der erste Meistertitel 1904. Zu verdanken hatte der FCSG diesen einer ersten Mannschaft, die auch noch im Jahr 1917 an einer Monatsversammlung offenbar für regelrechte Gefühlsausbrüche gesorgt haben muss: «Noch heute sehe ich jene Wackern von 1904 vor mir, von denen man wirklich sagen konnte: Sie liebten sich wie Brüder.» Ein gewisser Lehrer, Wilhelm Inhelder, dem diese Aussage im Protokoll zugeordnet wurde, konnte sich noch detailliert an die Spielweise der damaligen Akteure erinnern. Am amüsantesten ist mit Sicherheit die Beschreibung des linken Verteidigers, Felix Thöny: «Seine besondere Spezialität war, jeden anstürmenden Gegner, ob gross oder klein, stark oder schwach, ein oder zwei Mann, unbarmherzig auf den «Sack» zu legen, alles mit vigilanter Schnelligkeit und eleganter Grazie. Als die reinste Unschuld betrachtete dann unser Thöny das angerichtete Unheil, und jedermann hatte die Überzeugung: Die sind von selbst gefallen,es ist ihre eigene Schuld.» Aber nicht nur die erste Mannschaft sicherte sich einen Meistertitel. Auch die Juniorenabteilung konnte erstmals in der «St. Gallischen Junioren-Vereinigung» reüssieren. Dazu kam es allerdings nur, weil ein unentschiedenes Spiel annulliert wurde, da in der Pause keine Zitronen zum Tee serviert wurden. Offenbar eine schwere Verfehlung in dieser Zeit.

Ein eigener Sportplatz    

Als Konsequenz aus dieser Entwicklung und weil auf der bis anhin als Matchstätte dienenden Kreuzbleiche nicht genug Platz war, suchte man nach einem eigenen Fussballplatz. Ein polysportives Stadion sollte im Tal der Demut durch die Stadt errichtet werden. Da die Verantwortlichen des FCSG den Aussichten des Projekts in der dafür nötigen Volksabstimmung wenig Chancen einräumten, verhandelten sie auf eigene Faust mit dem Grundstücksbesitzer und sicherten sich ein Vorkaufsrecht für 73‘000 Franken, um an gleicher Stelle eine eigene Spielstätte zu erstellen. Als die Volksabstimmung tatsächlich verloren ging, half aber auch dieser Plan B nichts. Die Feldschützen übertrafen das Angebot des FCSG – es wird gar eine Verdoppelung kolportiert – und erhielten somit den Zuschlag. Der FC St. Gallen erhielt lediglich 2‘000 Franken Entschädigung vom Grundstücksbesitzer Alther-Bischof, dem man aber offenbar trotzdem nicht böse gesinnt war. Im Gegenteil: Der Verein bedankte sich für die Möglichkeit, wenigstens temporär im Tal der Demut spielen zu können. Folglich mussten sich die Verantwortlichen aber auch auf die Suche nach einem neuen Platz begeben. Am 28. April 1910 übernahm der FCSG das Espenmoos, auf dem zu diesem Zeitpunkt noch nichts stand. Die nötigen finanziellen Mittel zum Stadionbau brachte man dank Spenden auf, die teilweise sogar von nach New York ausgewanderten Schweizern stammten. Am 10. Oktober des gleichen Jahres eröffnete der FCSG den Sportplatz mit einem 1:0-Sieg gegen den FC Brühl, der damals noch kein Sport-Club war.

Gesellschaftliche Bedeutung

Der FC St. Gallen engagierte sich nicht nur sportlich, sondern auch gesellschaftlich, wie sich den Archiven entnehmen lässt: «Die erste gesellschaftliche Veranstaltung von Bedeutung fand am 5. Januar 1884 im Museum statt anlässlich der Fahnenweihe. Als Gäste wurden jedoch nur solche angenommen, die im Stande waren, eine Dame mitzubringen. Letztere wurden aus der Vereinskasse bewirtet und scheinen einen recht guten Appetit mitgebracht zu haben.» Dazu finden sich in unzähligen Protokollen Beschreibungen des Clublokals und der Ortswechsel desselben. Die wohl grösste Bedeutung als Clublokal hatte das Löchlebad. Wo heute das Union-Gebäude steht, wurde früher getrunken, gejasst, Referenten gelauscht oder auf grossen Wandtafeln die Spielresultate aller Mannschaften betrachtet. Auch im Ausland schienen sich die Spieler nicht nur auf den Sport zu konzentrieren. Anlässlich einer Mailand-Reise an Ostern 1905 wird beispielsweise festgehalten: «Felix hatte sich derart angestrengt, dass der mitreisende Dr. Curti sich aus verschiedenen Gründen mitten in der Nacht in ein anderes Zimmer flüchten musste.» Gegen Ende der ersten vierzig Jahre des FCSG brach der erste Weltkrieg aus; dieser ging auch am FC St. Gallen nicht spurlos vorüber. Einerseits musste sich der Verein mehrmals dagegen wehren, dass das Espenmoos zum Anbau von Kartoffeln dienen sollte. Andererseits musste das Team im Jahr 1918 – dem nach Aussage der Vereinschronisten wegen einer Grippewelle schwersten aller Kriegsjahre – viele sportliche Rückschläge einstecken. Doch bereits damals schien den FC St. Gallen auszuzeichnen, was auch heute noch gilt: Selbst wenn die Zeiten schlecht sind, lässt sich niemand so schnell unterkriegen. Oder wie dies der ehemalige Präsident Emil Gretler ausdrückte: «Aber dann wieder frisch aufs neue ans Werk, vielleicht geht’s das nächste Jahr besser. Dieser stete Ansporn erhält ja uns Footballer immer frisch und lässt richtige Sportleute nicht erlahmen.»

Dieser Artikel basiert auf verschiedenen Dokumenten aus dem Archiv der Stadt St.Gallen sowie aus der Kantonsbibliothek Vadiana. Von grosser Hilfe beim Aufstöbern der richtigen Dokumente war Fredi Hächler. Als der FCSG vom Espenmoos ins neue Stadion umgezogen ist, ging das ganze Archiv an die Stadt. Fredi Hächler hat sich der Archivierung der Dokumente verschrieben und ist damit sicherlich einer der profundesten Kenner der Geschichte des FC St.Gallen. Vielen Dank!


Dieser Artikel erschien erstmals im SENF #02.  Zum Geburtstag des FC St.Gallen stellen wir sie online in voller Länge zur Verfügung.