Immer wieder bringt der FC St.Gallen seine Fans zum Verzweifeln. Und trotzdem haben alle zu Saisonbeginn die leise Hoffnung, dass es dieses Jahr besser wird. SENF wirft zum Saisonstart einen Blick auf die Mannschaft und kommt zum Schluss: Optimisten dürfen sich bestätigt fühlen.

Dem Saisonstart wohnt nicht nur die Neugier über nie Dagewesenes oder leider erneut Auftauchendes – Hallo FCZ – inne, sondern auch der obligate innerliche Kampf zwischen klammheimlichen Optimismus und gegen aussen präsentiertem Pessimismus. Um auch weiter seine Daseinsberechtigung am Stammtisch zu rechtfertigen, gibt man sich immer betont pessimistisch, das verringert die fachliche Fallhöhe. Wenn sich die Prognose als zu schlecht herausstellt, bleibt das weniger haften.

Sowieso: Wer nur schon verhaltene Hoffnung preisgibt, macht sich verdächtig. Ist das ein richtiger Grün-Weisser, eine richtige Grün-Weisse? Schliesslich hat uns der FC St.Gallen über die Jahre vor allem eins gelehrt: Es kann und wird schlimmer kommen. Trotzdem können wirs so ganz nicht lassen, etwas Hoffnung zu verbreiten. Denn: Es gibt durchaus Anhaltspunkte, die auf eine überraschend angenehme Spielzeit schliessen lassen.

Wiss: unaufgeregt und erstaunlich unangenehm

Die Nummer Eins ist auch diese Saison Daniel Lopar, der sich gegen Dejan Stojanovic durchsetzte. Nicht wenige sehen im Herausforderer den besseren Fussballer, was besonders für das bei Giorgio Contini konsequent praktizierte Hintenrausspielen ein wesentlicher Faktor sein dürfte. Zweifelsohne hat Lopar fussballerische Defizite, doch macht der Dienstälteste das mit seinem Standing in der Mannschaft und seiner Erfahrung wett. Und auf der Linie ist Lopar meist ein exzellenter Vertreter seines Fachs.

Die Innenverteidigung dürften vorerst Karim Haggui und Alain Wiss bilden, da der mutmassliche Anwärter Silvan Hefti verletzt fehlt. Wiss dürfte sowieso einer der Gewinner des Trainerwechsels sein. Von Joe Zinnbauer kaum beachtet, sieht Contini im Innerschweizer viel Qualität. Vollkommen zu Recht.

Wiss kann gerade im vom Kurzpassspiel geprägten Aufbau durch seine ehemalige Position als Sechser glänzen. Er ist unaufgeregt und im Zweikampf erstaunlich unangenehm. Sein Compagnon im Abwehrzentrum, Haggui, ist vor allem im Kopfballspiel gefragt, was auch offensiv eine Waffe sein kann. Gut vorbereitete Trainer dürften ihre Angreifer auf Wiss ansetzen, womit der Aufbau in die Verantwortlichkeit Hagguis oder eines zurückfallenden Mittelfeldspielers fällt.

Auf der rechten Verteidigerposition ist Neuzugang Philipp Koch vorgesehen. Der Zürcher ist ein durchschnittlicher Super League-Spieler und somit keine signifikante Verstärkung. Weil aber Probleme auf den Aussenverteidigerpositionen global verbreitet sind, ist ein durchschnittlicher Akteur schon ziemlich brauchbar. Sein Pendant links ist Andreas Wittwer, der Fortschritte gemacht hat in der vergangenen Saison. Als Assistgeber schafft er es dann und wann auch offensive Akzente zu setzen.

Überdurchschnittliches Mittelfeld

Im Mittelfeld wiegt vor allem das monatelange Fehlen von Toko schwer. Fussballerisch als auch menschlich, ist der Kongolese doch Spielführer und Bestandteil der Achse der St.Galler. Neuverpflichtung Peter Tschernegg fügte sich beim finalen Test gegen Southampton aber bereits bemerkenswert gut ein. Zumindest in den 90 Minuten in der Goldacher Kellen konnte man ihm ein gutes Gespür für die Variationen des Passspiels unterstellen. Kein überzogener Aktionismus, sich profilieren zu wollen. Er scheint den einfachen Pass als ebenso notwendiges Mittel begriffen zu haben.

Etwas vor ihm agiert Tranquillo Barnetta. Der Rückkehrer litt unter der fast steten Baisse des Teams in der Rückrunde. Als Instinktfussballer ist mangelndes Selbstvertrauen Gift. Umgekehrt ist Barnetta bei gutem Befinden noch immer kreative Brillanz zuzutrauen. Er improvisiert, kann mittels technischem Geschick oder Schnittstellenpass aus aussichtslosem Mittelfeldgeschiebe eine entscheidende Torchance erschaffen. Instrumente Barnettas in solchen Situationen sind etwa Marco Aratore – der in den letzten eineinhalb Jahren wohl konstanteste St.Galler neben Lopar – oder Yannis Tafer, dessen Potenzial unbestritten ist.

Das alles zeigt: Das Mittelfeld der Espen ist überdurchschnittlich besetzt. Dazu kommt ja auch noch Danijel Aleksic, der ebenfalls vom Trainerwechsel profitiert hat. Und mit Gjelbrim Taipi und Stjepan Kukuruzovic kommen gar noch zwei neue Spieler dazu, die sich aufdrängen wollen.

Zinnbauer hat es nicht geschafft, die Protagonisten so hinzukriegen, dass sie ihr Können effektiv abrufen. Wie gut Contini den FC St.Gallen prägen kann, wird deshalb auch am Gelingen des Mittelfelds festzumachen sein.

Grosses Fragezeichen

Vorne hingegen fehlt mindestens bis zum ersten Heimspiel der heftigst umworbene Albian Ajeti. Vergessen geht dabei oft Roman Buess, der allgemeinhin etwas unterschätzt wird. Er litt unter Zinnbauer auch an der Ideenlosigkeit des Mittelfeldes. Zudem ist er keiner, dessen Tun nur an den Toren gemessen werden darf. Man würde seine Fähigkeit, Räume aufzureissen und Verteidiger zu beschäftigen, damit verschweigen.

Ein Zwei-Mann-Sturm mit Ajeti klingt verheissungsvoll. Und auch Nassim Ben Khalifa ist, sollte er dort anknüpfen, wo er bei Lausanne aufgehört hat, eine durchaus hoffnungsvolle Option. Vor allem, so lange Ajeti noch nicht einsatzfähig ist.

Trotzdem bleibt der Sturm das grosse Fragezeichen. Auch, weil in der Vorbereitung das Toreschiessen schwer fiel. Warum vor diesem Hintergrund – und mit dem drohenden Abgang Ajetis im Hinterkopf – die neuen Verantwortlichen des FC St.Gallen nicht darauf ihr Augenmerk gerichtet haben, bleibt deshalb fraglich. Auf die Veränderungen in der Organisation gehen wir in Teil 2 unserer Saisonvorschau ein.


Dieser Beitrag erschien am 21. Juli 2017 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv kommentiert dort in der Rubrik «Am Ball» das Geschehen auf und neben dem Platz.

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