Die Geschichten von Hutter & Mock  waren zwei Jahre lang fixer Bestandteil der St. Galler Matchvorbereitung. Der Autor Daniel Kehl hat uns die damals im Matchprogramm Inside erschienenen Texte  freundlicherweise überlassen. In diesem Post: Die zweite Episode aus der Saison 2004/05.

Marktgasse

Hutter schreckte auf. Unten in der Gasse knallte und zischte es. Nationalfeiertag! In der Wohnung roch es nach frischem Kaffee. Tanja summte in der Küche. Hutter stand auf, schloss das Fenster, zog die Vorhänge und legte sich wieder ins Bett. Er tauchte ab, raste auf der Autobahn quer durch Deutschland, nahm in Hannover die Ausfahrt zum Stadion, stellte das Auto direkt vor dem Eingang ab, wedelte mit dem St.Galler Saisonabo und spurtete an den Ordnern vorbei in die Kabine. Es war still. Barnetta sass allein auf der Bank, blickte Hutter freundlich an und nickte ihm zu. Hutter wollte sprechen – «Tranquillo, komm sofort zurück! Bitte, hilf uns doch!» – aber er brachte kein einziges Wort heraus. Barnetta stand auf, umarmte ihn, führte ihn ohne Worte zurück zum Auto, drückte ihm fest die Hand und zeigte ihm den Weg Richtung Süden. Hutter fuhr auf der Autobahn direkt zum Flughafen. Er zückte seinen grünweissen Passepartout, lächelte den Sicherheitsleuten zu und stürmte in die nächste Maschine nach Rio de Janeiro. Er suchte den Strand an der Copacabana ab, bis er Jairo gefunden hatte. Hutter wählte die Worte ganz vorsichtig – «Lieber Luiz Filho Jairo, wir haben in St.Gallen einen kleinen Notfall, bitte hilf uns!» – Aber Hutters Stimme versagte erneut. Jairo zuckte bloss mit den Schultern und zeigte auf sein Herz.

Tanja stellte das Tablett mit drei Sonntagszeitungen, Kaffee und Buttergipfeln direkt neben Hutters Kopfkissen. Sie massierte solange seine Stirn und Schläfen bis Hutter langsam die Augen öffnete. Tanja strahlte. «Ein wunderbarer Tag – Weisswein, See und dein Freund Mock warten auf uns, komm!» Hutter blätterte in den Zeitungen: Calo, Todisco und Senn strahlten ihm in gelben Schaffhauser Trikots entgegen. «Einst Nieten in St.Gallen, jetzt Matchwinner!» Kater Amoah sprang mit einem weiten Satz direkt in den «Sonntagsblick» und zerriss die Seite über das Schaffhausen-Spiel. Hutter bastelte einen Papierball daraus und warf ihn Rubio zu, der ihn noch in der Luft erwischte. Tanja zerknüllte den Bericht in der «Sonntagszeitung» – «So werden wir nie drei Punkte holen!» – und platzierte einen Treffer auf Hutters Nase. Hutter schnappte die «NZZ» – «Fussball über der Schmerzgrenze» – riss das Fenster auf und knallte den ganzen Papiermüll hinaus in die Marktgasse. Amoah und Rubio blickten Hutter mit grossen Augen an.

Tanja schob eine CD der Aeronauten in die Musikanlage. «Schaffhausen ist eine Illusion, wenn ich mich umdreh, ist es weg, Schaffhausen ist eine Illusion, wenn ich nicht hinseh, ist es weg.» Hutter schüttelte den Kopf. «Tanja, weisst du, was mich an dieser Niederlage am meisten ärgert? – Dass wir sie völlig verdient haben. Auch Schaffhausen wurde vor einer Woche durchgeschüttelt und vorgeführt beim 1:6 gegen YB. Und was war die Reaktion des Schaffhauser Trainers? Er stellte gegen St.Gallen die elf genau gleichen Versager auf, die sich für das grosse Vertrauen prompt mit einem Sieg bei ihm bedankten. Wirklich intelligent und sympathisch, dieses Schaffhausen.»

Wir veröffentliche in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Hutter & Mock

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