Dzengis Cavusevic wechselt zum FC Zürich. Wir haben dem Stürmer im SENF #03 einen Artikel gewidmet, den wir an dieser Stelle zu seinem Abgang in voller Länge zugänglich machen.

CavusevicVier von 30 St.Galler Toren in der Hinrunde hat Dzengis Cavusevic geschossen. Das ist für einen Stürmer nicht besonders viel – gegenüber SENF erklärt der Slowene, wie es dazu kam und weshalb er mit der eigenen Hinrunde und derjenigen der Mannschaft doch zufrieden ist.

Fussballer haben häufig die Angewohnheit, dass sie in Interviews nichtssagende Floskeln verwenden. Das liegt nicht etwa daran, dass sie keine Meinung, ja keinen Charakter hätten, sondern dass ihnen dies oftmals vom Verein eingetrichtert wird, ihnen Sanktionen vom Trainer drohen. Deshalb flüchten sie in hohle Phrasen wie «wir schauen von Spiel zu Spiel» oder «wichtig ist, dass die Mannschaft gewonnen hat» – Aussagen, die mittlerweile niemand mehr hören kann beziehungsweise lesen will.

Dzengis Cavusevic bildet da keine Ausnahme. Der Slowene sagt nach der Hinrunde etwa «meine Statistik interessiert mich nicht» oder «es sind immer noch 18 Spiele zu spielen». Nur: Dem Slowenen nimmt man das ab. Dies erkennt man nicht nur im Gespräch mit dem Spieler, der sich danach vergewissert, ob der Interviewer auch wirklich alles verstanden habe, da sein Deutsch nun einmal nicht so gut sei. Man erkennt dies primär an seiner Körpersprache auf dem Feld, an seinem Einsatz für die Mannschaft, am eifrigen Torjubel mit Teamkollegen, wenn diese eingenetzt haben, an seiner unbändigen Lust, seinem Beruf Fussballspieler nachgehen zu können.

Fragt man den Slowenen nach seinem persönlichen Highlight der Vorrunde, so nennt er nicht etwa das Tor gegen YB nach 13 Saisonminuten. Oder das 2:1 in der Nachspielzeit gegen Luzern, mit dem Cavusevic nach drei Runden dafür zuständig war, dass in St. Gallen nicht schon wieder Unruhe ausbrach, da die ersten beiden Spiele mit nur einem Punktgewinn gar nicht positiv in Erinnerung blieben. Cavusevic sagt: «Mein Highlight ist, dass ich gesund bin, spielen kann, trainieren kann, der Mannschaft helfen kann.» Und man nimmt es ihm ab, wenn er sich solcher Allgemeinplätze bedient: Weil er im Gegensatz zu anderen Ex-Spielern dankbar dafür ist, dass ihm der FCSG nach zwei Kreuzbandrissen die Stange gehalten hat.

«Ich versuche zu helfen, auch defensiv. Ich versuche, Aktionen zu kreieren und auch für andere Platz zu machen», so der Slowene weiter, «ich schaue nicht auf meine Statistik. Das ist mein Charakter.» Und auch hier: Man glaubt es ihm, weil der 27-Jährige eine ebenso unscheinbare wie authentische Erscheinung hat, weil er seine technischen Defizite stets durch viel Einsatz kaschiert. Dass das in St.Gallen gerne gesehen ist, ist ihm bewusst. Dennoch treibt es ihm die Schamesröte ins Gesicht, wenn man ihm erzählt, dass er gerade für seinen kämpferischen Spielstil vom St.Galler Publikum stark geschätzt wird. «Das wusste ich so nicht», lächelt er verschmitzt.

Er ist bescheiden, der Cavusevic. Er träumt, wohl weil er so oft von Verletzungen gebeutelt wurde, nicht mehr von einer Weltkarriere bei einem Weltverein, sondern kann sich «auch vorstellen, die Karriere hier zu beenden. Ich habe hier alles, was ich brauche, sowohl als Profi wie auch im Privatleben.» Seit gut fünf Jahren wohnt Cavusevic in der Ostschweiz, vor dem FCSG war wie bei so manchem Spieler der FC Wil sein Arbeitgeber. Ein Verein, der auch sehr herzlich, ja familiär sei, so Cavusevic, «aber die Kulisse ist hier doch eine ganz andere».

Überhaupt, die Fans. Cavusevics Stimme wird noch leiser als sonst schon, wenn er sagt, dass hier eine super Stimmung herrsche und es ein schlechtes Gefühl sei, auswärts manchmal als Verlierer vom Feld gehen zu müssen. «Es ist ein Scheissgefühl», sagt er pointiert, «den Fans nichts zurückgeben zu können, wenn sie mehrere Stunden nach Sion, Basel oder sonst wohin reisen und wir dann das Spiel verlieren. Aber auch die Fans wissen, dass das halt ein Teil des Fussballs ist.»

Und verloren, das hat der FCSG in der Hinrunde hin und wieder. Vor allem am Anfang und am Schluss; wichtig sei gemäss Cavusevic aber gewesen, dass man sich dadurch nicht aus dem Konzept bringen liess. St. Gallen war nach dem Unentschieden in Vaduz ins Niemandsland der Tabelle abgerutscht, konnte sich in Baulmes nur sehr mühselig gegen 
Le Mont-sur-Lausanne in die nächste Cup-Runde vorarbeiten. Der Saisonstart verlief harzig, was nicht anders zu erwarten war: Nach dem Kater der letzten Rückrunde fanden viele Wechsel statt, die Automatismen haben sich erst mal einspielen müssen.

Und auch hier gilt: Das ist keine hohle Phrase, wenngleich einige Punktverluste doch sehr ärgerlich waren. St.Gallen setzte zu einer positiven Serie an, die mitunter zwei Spieler als Sieger hervorbrachte: Der französische Offensivmann Yannis Tafer, der St. Gallen mit spielerischen Kabinettstückchen beglückt, wie dies kaum einem seit dem Meistertitel je gelungen ist, sowie Everton, seines Zeichens Terrier und Knochenbrecher im zentralen Mittelfeld. Immer hauchdünn an der Grenze zur roten Karte, aber vielleicht nicht zuletzt deshalb so wichtig für ein Kollektiv, das im Sommer seiner Schaltstation im Mittelfeld beraubt wurde, wofür ein Mix aus Neu- und Geldgier zuständig war.

Sieben Meisterschafts- und zwei Cupspiele in Folge verlor St.Gallen nicht, daraus folgte das Vorrücken in den begehrten oberen Teil des Klassements. In diese Phase fällt die Qualifikation für den Cup-Viertelfinal ebenso wie der zweite Sieg gegen den FC Basel – das Punktemaximum gegen den Schweizer Ligakrösus hat in dieser Spielzeit sonst nur Real Madrid erreicht. Die Euphorie nahm in dieser Phase Ausmasse an, die einem FC St. Gallen beinahe schon fremd sind, den Fussballfan in seiner manisch-depressiven Veranlagung aber charakterisieren. Viele erwarteten deshalb das, was darauf folgte: eine zweite schwächere Phase. Nach dem spektakulären 3:3 gegen Vaduz definierte es Innenverteidiger Daniele Russo, auch er ein Aufsteiger der Saison, deutlich: «Wir haben jetzt noch zwei Spiele.Diese werden uns aufzeigen, wo wir stehen: Holen wir Resultate, war die Hinrunde sehr gut. Tun wir das nicht, war sie mittelmässig bis gut.» Es folgte ein 2:4 gegen YB, die zuvor starke Abwehr kassierte in drei Spielen zehn Tore. «Wir waren unglaublich naiv», ereiferte sich Trainer Jeff Saibene, «so etwas darf uns nicht passieren.» Um einem Wiederholen dieser Szenen vor dem letzten Saisonspiel gegen Sion vorzubeugen, führte der Luxemburger Videoanalysen durch,insbesondere mit den Innenverteidigern.

Dass Sion dann ein zahnloser Tiger war, spielte St. Gallen zwar in die Karten, das Spiel wurde aber gewonnen, weil der FCSG Geduld walten liess, sich durch Sions einschläferndes Spiel nicht einlullen liess und kämpferisch blieb. Aus diesen Komponenten resultierte ein niemals gefährdeter 2:0-Sieg, der dafür gesorgt hat, dass der FCSG punktgleich mit Thun auf dem vierten Tabellenrang überwintert – vier Punkte hinter YB und Zürich auf dem zweiten, zehn Punkte vor GC auf dem sechsten Tabellenrang. Von einem neuerlichen Abenteuer in Europa zu träumen ist in der Ostschweiz derzeit keineswegs utopisch.

«Es ist schade um zwei, drei Punkte, die wir leichtfertig vergeben haben», kann sich Cavusevic nicht vollumfänglich mit der Winterpausen-Bilanz anfreunden, «aber es ist so, wie es ist. Wir müssen uns nun gut vorbereiten und versuchen, so viele Punkte wie möglich zu holen.» Man habe vor der Saison zwar kein konkretes Rangziel definiert, dennoch lässt er durchblicken, dass er mit einem neuerlichen Einzug in die Europa League liebäugelt. «Ob das dann realistisch ist oder nicht, werden wir sehen. Es sind immer noch 18 Spiele zu spielen.»

Dass er das letzte Europacup-Abenteuer aufgrund seiner Verletzungen verpasste, scheint ihn derweil weniger zu plagen, als man das als Aussenstehender denken könnte. «Natürlich bin ich motiviert, aber ich war zufrieden, dass die Mannschaft gezeigt hat, dass sie auch im europäischen Vergleich Qualität hat», gibt er nochmals eine Phrase zum Besten. Dann fügt er mit einem schelmischen Lächeln doch noch an: «Ich hoffe, ich bin im nächsten Jahr dabei!»

Nicht aus Verbitterung, die letzte Europacup-Phase verpasst zu haben. Nicht aus persönlichem Geltungsdrang. Sondern aus der simplen Lust,Fussball zu spielen. Durch seine Verletzungen blieb ihm dies nämlich lange genug verwehrt.

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