Nach dem 2:2 zuhause gegen Aarau war der FC St.Gallen nach 12 Spieltagen in der Saison 2004/05 weiterhin tief im Abstiegssumpf. Trotzdem traten Hutter & Mock die weite Reise zum Auswärtsspiel gegen Neuchâtel Xamax an. Die Neuenburger empfingen in jener Saison die Gäste aus der Ostschweiz wegen des Neubaus der Maladière im Exil in La Chaux-de-Fonds. Geholfen hat die Präsenz von Hutter & Mock auf der Jura-Hochebene nicht. Der FCSG verlor erneut und fand sich nun ganz zuhinterst in der Tabelle wieder.

Charriere in La Chaux-de-Fonds

Hutter staunte über die imposanten Felsen an den Jurahängen. Mock drehte an seiner Bierflasche und studierte die Resultate der Bundesliga. Hutter startete einen weiteren Versuch, mit Mock ein ernsthaftes Gespräch anzufangen. «Wie heisst das Stadion des FC Biel?» – «Gurzelen! Hutter, ich weiss, dass du alle welschen Stadien schon wegen ihrer Namen viel charmanter findest. Auf der Fontanette, der Charrière und der Pontaise wird genauso geholzt wie auf dem Espenmoos, dem Brügglifeld oder dieser blöden Gurzelen.» Hutter liess nicht locker und schickte die nächste Frage hinterher: «Welche beiden Klubs stiegen 1972 aus der Nati A ab?» – «Biel und Luzern. St.Gallen hatte sich in einem dramatischen Entscheidungsspiel 4:2 gegen Luzern durchgesetzt. Heinz Biglers Tor werde ich nie vergessen.» Nun war Mock richtig bei der Sache. Hutter setzte nach: «Dritte und letzte Frage: Was macht der wahre Fussball-Fan, wenn sein Klub am Abgrund steht?» Mocks Antwort kam prompt: «Er geht in den Garten, holt frischen Lauch und kocht daraus einen Gratin mit Schinken, Rahm und Steinpilzen für die Spieler des Fanionteams.» Dann schwieg Mock erneut.

Draussen rauschte die Taubenloch-Schlucht vorbei, dahinter öffnete sich das St.-Immer-Tal mit den verlassenen Fabrikgebäuden und einsamen Bauernhöfen. Hinter den Hügeln lag La Chaux-de-Fonds. Als St.Galler wusste man wenigstens, wem man seinen kalten Wohnort im Hochtal der Steinach zu verdanken hatte. Wer zum Himmel aber kam auf die verrückte Idee, eine Stadt für vierzigtausend Menschen auf einer Jura-Hochebene zu bauen? Hutter und Mock spazierten durch die menschenleere Avenue und hinaus durch die einfache Vorstadt zum «Stade de la Charrière», temporäres Exil von Xamax und ein Bijou im Ballenberg-Museum des Schweizer Fussballs. Sie suchten sich Plätze auf der Gegentribüne, einem hellbraun gestrichenen Betonklotz aus den Sechzigerjahren, der die ungemütliche Bise wie eine Talsperre zurückhielt. Nun hatten sie freie Sicht auf das holprige und mit gelbem Laub übersäte Spielfeld, auf dem manch grosser Spieler zu Hause war: «Kiki» Antenen! Schoss La Chaux-de-Fonds 1964 zum letzten Schweizer Meistertitel. – Trello Abegglen! War in Sochaux ein Star nach sechs Toren in einem Match, wechselte als Spielertrainer auf die Charrière und starb tragisch bei einem Zugunglück. – Wehmut machte sich nach wenigen Spielminuten auch bei den St.Galler Anhängern breit. Geschenkter Penalty für Xamax, 1:0 durch den Ex-St.Galler Jefferson. Der fleissige Rathgeb prüfte den eigenen Goalie Wüthrich mit einer hohen Rückgabe, M’Futi profitierte – 2:0. Margairaz‘ verunglückte Direktabnahme landete ausgerechnet auf dem Kopf von Jefferson – 3:0.

Mock holte sich einen Hamburger, ass einen Biss davon und merkte, dass das Fleisch innen noch roh war. Fabinho donnerte den Ball frei stehend über das Tor und aus dem St.Galler Gästesektor stieg schwarzer Rauch zum Himmel. Mock entdeckte unter den Zuschauern auf den Stehplätzen einen weiteren grossen Neuenburger Fussballer, den «Marathon-Man» Philippe Perret. Sechzehn Saisons lang hatte der für Xamax seine Knochen hingehalten. Er war 539-mal in Schwarz-rot angetreten und feierte nach dem 3:0 seine würdigen Nachfolger auf dem Feld, zusammen mit den «Young Tigers» hinter dem Tor. Die hatten ein Transparent aufgehängt: «Les gens comme nous ne meurent jamais» – «Leute wie wir sterben nie».

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Bisher erschienen:
– «Kurort St.Gallen» im SENF #02
– «Müll in der Marktgasse»
– «Stöckl oder Zamorano»
– «Rock im Stadion»
– «Heiliger Ivan» im SENF #03
– «Was dann?»

Die aktuelle Episode «Kiki, Trello und Philippe» erschien anlässlich des Heimspiels am 15. Spieltag der Saison 2004/05 gegen den FC Thun.

Hutter & Mock

Foto: chaux-de-fonds.ch

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