Mit dem Sieg auswärts bei Neuchâtel Xamax hatte sich der FC St.Gallen etwas Luft verschafft im Abstiegkampf der Saison 2005/06. Mock zeigte schon wieder verhaltenen Optimismus: Drei Spiele, sieben Punkte und Basel ärgern wollte er sich vornehmen.

Hutter bummelte durch die Gassen. Er suchte verzweifelt nach kleinen Aufmunterungen, nach winzigen Signalen, nach kleinen Zeichen des Aufschwungs. Seit Wochen sprach die Schweiz nur von den Rotjacken und deren Betriebsunfällen. Daneben war alles egal: Brühls 1:9 gegen einen jämmerlichen Klub von der Zürcher Goldküste. – Schwamm drüber. Goalie Razzettis Aussetzer gegen YB. – Na und, auch Stefano macht mal einen Fehler. Gimenez Arbeitsverweigerung in Bremen. – So ist das Leben, voller Überraschungen.

Hutter trat in den «Tibet Corner» und entspannte sich. Er bestellte ein paar Momos. Von den Wänden strahlte ihm Dorjee Tsawa entgegen. Hutter staunte über die lange Reise des unerschrockenen Kämpfers, der seine technischen Mängel überall mit unglaublichem Einsatz kompensierte. St.Gallen, Zürich, Neuchâtel, Schaffhausen. Quer durch die Schweiz und ganz langsam wieder zurück nach Hause. Neben den eleganten Holländern Regtop und Vurens war damals auch genug Platz für einen aus der Gegend, einen wie Tsawa. Trainer Hegi hatte die 98er-Mannschaft aus Charakterköpfen gebildet: der ruhige, besonnene Zwyssig, der geniale und aufreizend langsame Slawtschew, der provokative Antreiber Stiel. Hutter hatte Mock nach dem 98er-Fiasko versprochen, dass er auch zu Fuss an den nächsten Cupfinal von St.Gallen reise. Dass er auch barfuss gehe. Oder zwischendurch auf den Knien. Bald wäre er pensioniert und hätte alle Zeit dafür.

Hutter war wieder auf der Strasse und griff ein Buch mit einem roten Umschlag aus dem Discount-Korb der Buchhandlung. «Tischgespräche» – Neue Wahrheiten eines Befreiungstheologen aus Brasilien? Weisheiten von Fidel Castro oder Hillary Clinton? Nein, für zwölf Franken konnte sich Hutter einfühlen in die empfindliche Verdauung der Schweizer Nationalmannschafts-Helden. Dabei entdeckte er unerwartete Gemeinsamkeiten: Marco Streller war ihm auf Anhieb hochsympathisch, denn er hatte immer genügend Raclettekäse und einige kleine Bierchen in seinem Kühlschrank. Endlich wusste Hutter auch, warum Alex Frei ein pfeilschneller Goalgetter war und Mock nur ein schwerfälliger Verteidiger. Bei Frei war bei jedem Essen Salat mit dabei. Und plötzlich konnte sich Hutter auch die eklatanten Leistungsschwankungen von Daniel Gygax erklären: Wahrscheinlich hatte Gygax kurz vor dem Match noch Dusty und Lucy, seine zwei Chihuahua-Hündchen, Gassi führen müssen.

«Perfekte Vorbereitung, Hutter, dabei ist das Frankreich-Spiel ja erst in einem Monat.» Mock hatte Hutter im dümmsten Moment erwischt. Er kostete den Moment aus. Hutter ging sofort in die Offensive. «Wenn du errätst, welcher Spieler sich mit ‘Lasagne à la Mama’ bei Laune hält, dann lade ich dich zu einem ‘Kalbskopf à la Enzo’ ein.» Mock wich aus. «Hutter, arbeitest du eigentlich noch oder stöberst du bloss den ganzen Tag in Wühlkisten und kaufst doch nie etwas? – Es ist mir übrigens wurstegal, wie sich überbezahlte Schweizer Fussballprofis ernähren. Es ist mir auch gleichgültig, wer für die Schweiz im Tor steht. Aber ich will endlich drei anständige Spiele des FC St.Gallen sehen, und zwar direkt hintereinander.» Mock faltete den Spielplan auf. «Yverdon, Zürich, Aarau, das macht sieben Punkte. Das Feld von hinten her aufrollen, unbemerkt, und Zubis rotblaue Schar endlich wieder gehörig ärgern.» Hutter schüttelte Mocks Arm. «Gratuliere zum Kalbskopf, du hast gewonnen: Lasagne à la Mama ist das Lieblingsgericht von Pascal Zuberbühler, genannt Zubi.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Kalbskopf à la Enzo» erschien anlässlich des Heimspiels in der neunten Runde der Saison 2005/06 gegen den Yverdon-Sport FC.

Hutter & Mock

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