Die Saison 2005/06 war für den FC St.Gallen nach 30 von 36 Runden eigentlich schon gelaufen. Trotzdem schmerzte die Niederlage bei den Grasshoppers Hutter so sehr, dass er gleich einen kilometerlangen Marsch auf sich nehmen wollte.

Hutter leerte frischen Katzensand in die Schale auf der Terrasse. Amoah und Rubio kratzten lustlos darin herum. Seit der Heim-Niederlage gegen YB waren die Kater rückfällig geworden. Die Wohnung stank wieder nach Katzen-Pisse. Hutter hatte alles versucht: Leber und Niere aus der Metzgerei. Spiel-Mäuse. Katzengras. – Es war zwecklos, gegen den Gestank half nur eine FCSG-Siegesserie. Mock war auf Reisen. Stadionbesichtigung in München. Allianz-Arena! Herzog und de Meuron! Schweizer Qualitätsarbeit! Mock wollte mit seinen rotblauen Brüdern und Schwestern in München vorzeitig auf den Gewinn der 97. Deutschen Meisterschaft anstossen. Hutter hatte dankend abgelehnt. Ohne Mock war er zu Fuss im Fürstentum Liechtenstein am Stammtisch des 145. Münchner Löwen-Fanclubs gelandet. 1860 – der Münchner Traditionsverein! Das wärs gewesen: Der überdrehte Bayern-Fan Mock im Duell mit einem frustrierten Liechtensteiner 60er, eine knisternde und beherzte Debatte über den wahren Münchner Fussball, das hätte er erleben wollen – tausend Mal lieber als eine seelenlose, durchgestylte Allianz-Stadionpräsentation.

Hutter stellte die Wanderschuhe an die frische Luft und den Fernseher ein. St.Gallen führte in der Pause 1:0 – immerhin gegen GC auf dem Hardturm! Hutter holte frische Leber aus dem Kühlschrank und schüttete sie in den Katzen-Fressnapf. Er erinnerte sich an sein erstes Auswärtsspiel mit dem FCSG, 1970, nach dem Aufstieg in die Nationalliga A. Er war mit seinem Vater im Vauxhall Viva nach Zürich gerast und hatte auf dem Hardturm die erste von 137 St.Galler Niederlagen bei den Grasshoppers abgeholt. Der Hardturm war auf drei Seiten von Erdwällen umgeben. Auf der Gegentribüne feuerten ein paar Junge den FCSG an. Hutter merkte, dass etwas an ihnen nicht stimmte.

Ihre Schlachtrufe tönten falsch, statt dem gewohnten, spitzen, hellen «A» hörte er ein geschlossenes «O» und ein schreckliches «Hopp Songollo». Mussten St.Galler Fussballfans in der Fremde ihren Dialekt verleugnen? Kamen sie nur so heil aus dem fremden Stadion heraus? Keine Spur davon! Es waren FCZ-Fans, die auf dem Hardturm mit Hingabe den FC St.Gallen unterstützten. Einziges Ziel des grünweissen FCZ-Supports damals: Eine Niederlage für das verhasste GC! In Zürich braute sich 36 Jahre später ein weiterer FCSG-Schiffbruch zusammen. Renggli hatte die Gedanken der naiven St.Galler Verteidiger gelesen und zum 1:1 für GC ausgeglichen. Kurz darauf lieferte er das Tor zum standesgemässen 2:1 nach. Nie wären die verunsicherten Grasshoppers einfacher zu schlagen gewesen, aber die Grünweissen konnten den Hardturm-Fluch nicht einmal jetzt abschütteln. Hutter stellte den Fernseher ab. Er zog die Wanderschuhe an. Durch die Schmiedgasse Richtung Westen! 85 Kilometer weit! – Wenn er die ganze Nacht durchwanderte, würde er am nächsten Morgen in Zürich bei Tanja sein. Zusammen würden sie weitergehen – solange, bis der FCZ Meister wäre oder der FC St.Gallen wieder ein Auswärtsspiel gewinnen würde.


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Hopp Sangallo!» erschien anlässlich des Heimspiels in der 30. Runde der Saison 2005/06 gegen den Yverdon-Sport FC.

Hutter & Mock

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