Es läuft immer noch nicht rund beim FC St.Gallen, Ausgabe 2004/05. Zwar konnte Thun zuhause bezwungen werden, das Auswärtsspiel in Basel endete aber wenig überraschend mit einer Niederlage. Im letzten Heimspiel der Hinrunde gegen den FC Aarau ging es deshalb auch darum, nicht auf einem Abstiegsplatz überwintern zu müssen. Hutter hatte sich etwas Besonderes ausgedacht, um die Südkurve und damit die Mannschaft anzuspornen: Eine Armada aus Papierschiffchen.

Papierschiffchen

Hutter stopfte die Hosenstösse in die Gummistiefel und kletterte auf der Eisenleiter hinunter zur Steinach. Mock lehnte müde am Geländer bei der Talstation des Mühleggbähnli und schaute lustlos hinab. «Nein Hutter, ich komme nicht mit. Abgemacht war eine kulturelle Stadtwanderung. Das aber ist billiger Erlebnis-Quatsch. Ausserdem beginnt der Match in 90 Minuten.» Hutter kannte den störrischen Mock. Er versuchte es auf die sanfte Tour: «Lieber Mock, du stehst an der Wiege dieser grossartigen Stadt. Hier hat alles begonnen, hier hat Gallus den Bären gefüttert und seine Einsiedlerzelle gezimmert. Ohne dieses Wunder gäbe es kein Espenmoos und keine Gegentribüne und wir hätten uns gar nie kennen gelernt. Komm schon, Mock.»

Hutter kannte sich gut aus in der St.Galler Unterwelt. Seine Stadt-St.Galler Cousins hatten ihm als Kind alle Zugänge gezeigt, stundenlang waren sie mit Taschenlampe unterwegs gewesen. «Hutter, es stinkt, so kann ich mich beim besten Willen nicht auf ein Fussballspiel vorbereiten. Warum zeigst du mir diesen Dreck da unten?» – «Aus zwei Gründen, Mock: Die Steinach wird völlig unterschätzt. Was hat die giftige Sitter mit St.Gallen zu tun? Nichts. Dieses Wasser hier heilt und gibt Kraft – auch verzagten Fussballfans vor kapitalen Partien. Zweitens: Du sollst endlich die Seele der Stadt St.Gallen kennen lernen. Dazu muss man herabsteigen in die Geschichte. Das tun wir gerade.»

Mock trottete wie ein müder Bär hinter Hutter her. Es war still. Die Steinach gurgelte, die Schritte hallten. Mock dachte an den Basel-Match vom letzten Wochenende. St.Gallen hatte drei richtige Torchancen gehabt in neunzig Minuten: Alex‘ Schuss ging daneben, Akwuegbo scheiterte allein vor Zubi und Schickers sehenswerter und korrekter Ausgleich wurde vom Schiedsrichter wegen Offside annulliert. Ohne Punkte heute gegen Aarau würden Mock und der FCSG wohl auf einem Abstiegsplatz überwintern. Frohe Weihnachten!

Mock blieb vor einem Schacht stehen. «Hutter, mir reichts. Ich will raus hier, hinauf ans Licht. Bis nachher im Bierzelt. Danke für deine Bemühungen.» Hutter hielt ihn fest, öffnete seinen Rucksack und drückte Mock einen Sack mit grünweissen Papierschnipseln und Papierschiffchen in die Hand. «Komm, hilf mir bei meiner kleinen Überraschung für die Südkurve. Die grünweisse Steinach wird die jungen Menschen auf ihrem Weg zum Sektor Grün aufheitern und zu weiteren grossartigen Choreos anspornen. So helfen wir mit, den Abstieg zu vermeiden.» Mock setzte die Papierboote vorsichtig ins kalte Wasser, beleuchtete die schwankende Papier-Armada mit seiner Taschenlampe und schrie dazu: «Allez, SG, allez! Mer wered immer zämestoh.»

Hutter schaute auf die Uhr. «Wir kommen nun zum Höhepunkt und Abschluss unserer Stadtführung. Wir befinden uns unter dem Bahnhof St.Fiden, wo in diesen Minuten Tausende aus allen Ecken der Ostschweiz ankommen und hinüber zum Espenmoos strömen.» Dann sahen sie Licht, das mit jedem Meter grösser und heller wurde. Beim Tunnelausgang mischte sich das Rauschen der Steinach mit den Liedern, die von der Südkurve hinunter geweht wurden. Grünweisse Schiffe tanzten auf dem Wasser.

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Bisher erschienen:
– «Kurort St.Gallen» im SENF #02
– «Müll in der Marktgasse»
– «Stöckl oder Zamorano»
– «Rock im Stadion»
– «Heiliger Ivan» im SENF #03
– «Was dann?»
 «Kiki, Trello und Philippe»

Die aktuelle Episode «Grünweisse Flotte» erschien anlässlich des Heimspiels am 17. Spieltag der Saison 2004/05 gegen den FC Aarau.

Hutter & Mock

Schreibe eine Antwort

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> 

Erforderlich