Für unsere zweite Ausgabe sind wir im Frühling 2014 nach Sheffield gereist um den ältesten Fussballclub der Welt zu besuchen und den Weg zu ebnen, dass der FC St.Gallen dem Club of Pioneers beitritt. Schon damals berichtete Richard Tims, der Präsident des Sheffield FC, dass der Club irgendwann an seinen ursprünglichen Spielort zurückkehren möchte. Nun wird das Anliegen konkreter.

Sheffield FC Logo

Nach der Gründung im Jahr 1857 spielte der Sheffield FC auf einem Feld in Olive Grove, mitten in Sheffield. Am eigentlichen Geburtsort des Fussballs besteht zwar auch heute noch eine Rasenfläche, zum Fussballspielen genügt diese aber längst nicht mehr. Der Sheffield FC trägt seine Heimspiele derzeit etwas ausserhalb der Stadt aus. Das soll sich ändern. Die Stadt hat bereits eingewilligt, dass der Club an seine Geburtsstätte zurückkehren kann. Doch damit fängt das Projekt erst richtig an. Als Amateurverein verfügt der Verein nicht über die Ressourcen, alle nötigen Arbeiten auszuführen. Und hier kommen Fussballfans aus aller Welt ins Spiel: Mit einer Crowdfunding-Kampagne sollen die nötigen Mittel beschafft werden. Bereits mit einem Pfund kann man einsteigen, wer tiefer in die Tasche greifen möchte, kann sich sogar einen Einsatz für den Sheffield FC sichern.

Wir finden, der Fussball hat diese Heimat verdient! Und um dir einen Einblick zu gewähren, was den Sheffield FC ausmacht, veröffentlichen wir nachfolgend den Text aus dem SENF #02 mit dem Titel «Fussballpioniere» in voller Länge.


Vor 135 Jahren wurde im Restaurant Hörnli der FC St. Gallen 1879 gegründet. Auch wenn sich die Fans in einem Lied auf den ironischen Standpunkt stellen, damit der älteste Verein der Welt zu sein, gibt es einige wenige Vereine, die noch älteren Datums sind. SENF hat sich beim tatsächlich ältesten Fussballverein der Welt, dem Sheffield FC, umgesehen.

Der Ort Sheffield hat für den englischen Fussball tragische Berühmtheit erlangt. Vor 25 Jahren ereignete sich im Hillsborough-Stadion eine der grössten Katastrophen der Fussballgeschichte. Im traditionell auf neutralem Terrain stattfindenden Halbfinale des FA-Cups trafen Nottingham Forest und Liverpool aufeinander. Das Spiel zog die Massen an, vor dem Sektor des Liverpool-Anhangs stauten sich die Menschen, sodass die überforderte Polizei ein Eingangstor öffnete. Die Fans strömten dadurch in bereits überfüllte Stadionbereiche, wodurch es zur Tragödie kam. Im Gedränge der Menschenmenge verloren 96 Fans ihr Leben, viele weitere wurden verletzt. Die Ereignisse dieses Tages hatten weitreichende Konsequenzen. Während die Verfehlungen der Polizei erst vor kurzem richterlich festgehalten wurden – unter anderem dank dem grossen Einsatz der Kampagne «Justice for the 96», die jahrelang die Fehler der Polizei aufzudecken versuchte – wurden die Fans bereits kurz nach der Tragödie bestraft. Durch verschiedene Massnahmen, wie zum Beispiel die Abschaffung der Stehplätze, verschwand die bis anhin so berüchtigte englische Stimmung.

Trotz dieser Historie ist Sheffield nach wie vor eine fussballbegeisterte Stadt. Während die besser bekannten Vereine Sheffield Wednesday und Sheffield United in der zweit- beziehungsweise dritthöchsten Liga regelmässig um die 20‘000 Zuschauer zu ihren Spielen begrüssen dürfen, spielt der Sheffield FC vor rund 200 Zuschauern in der Northern Premier League Division One South, der achthöchsten Liga. Eine Zahl, die darüber hinwegtäuscht, dass der Sheffield FC mit Gründungsjahr 1857 der älteste Fussballverein der Welt ist und somit das Spiel, das heute Millionen in seinen Bann zieht, zu grossen Teilen mitgeformt hat. Dass man dieses Erbe pflegen will, daran lässt der Präsident Richard Tims beim Besuch von SENF keinen Zweifel. Auch wenn der Verein zurzeit in einem kleinen, rund 2‘000 Fans fassenden Ground zu Hause ist und die Räumlichkeiten aus einigen zusammengestellten Containern – immerhin mit vereinseigenem Pub – bestehen: Man sieht sich als der «great-great-grandfather» aller Fussballvereine dieser Welt. Nicht zu Unrecht, wie sogar die FA, der englische Fussballverband, bestätigt. Auch wenn es, so Tims Eindruck, «denen in London lieber wäre, dass es den Sheffield FC nicht gäbe». So könnte man einem grösseren, bekannteren Verein den Stempel des ältesten Vereins aufdrücken. Sie bekämen auch immer wieder den Vorwurf zu hören, dass damals höchstens eine sehr primitive Form von Fussball gespielt wurde, sogenannter «mob football», bei dem sich zwei Teams – nicht selten ganze Stadtviertel – eher um den Ball prügelten, als darum zu spielen. Dies entbehre aber jeglicher Grundlage, meint Tims. Er belegt das unter anderem mit einem Regelbuch. Die Gründer Nathaniel Creswick und William Prest gaben so nicht nur ihrem Verein eine formelle Grundlage, sondern mangels bestehender Regeln gleich auch dem Spiel an sich. Die Ähnlichkeiten zum heutigen Spiel sind frappant. Um endgültig alle Zweifel aus dem Weg zu räumen, will Tims demnächst ein Dokument veröffentlichen, das – noch bevor die FA überhaupt gegründet wurde – festhielt, dass eine Mannschaft aus elf Spielern zu bestehen habe. Wenn es noch weiterer Argumente bedarf, um Skeptische zu überzeugen, so erzählt Richard Tims gerne vom ältesten Derby der Welt, das auch heute noch jährlich zwischen dem Sheffield FC und dem nur drei Jahre jüngeren Hallam FC stattfindet. Wenn man Tims zuhört, stellt man sich aber sowieso kaum die Frage, ob das alles stimmt. Viel eher fragt man sich, wieso dieser Verein nicht die Aufmerksamkeit geniesst, die er verdient hat. Auch beim Sheffield FC hat man sich diese Frage gestellt. Anstatt sich darüber zu beklagen, nahm man in Sheffield die Dinge aber selber in die Hand und hob den Club of Pioneers aus der Taufe. In diesem sollen in nicht allzu ferner Zukunft die jeweils ältesten Fussballvereine aller Länder vertreten sein. Die Mitgliedschaft soll jedoch nicht nur ein Lippenbekenntnis sein, vielmehr soll sie ausdrücken, dass man als Mitglied die Ursprünge dieses Sports bewahren will. Um dem auch sportlich Ausdruck zu verleihen, findet regelmässig ein Pioneers Cup statt, bei dem Teams aller Pioniere mitmachen, bestehend aus Fans, ehemaligen Spielern und weiteren Persönlichkeiten. Auf Initiative und Vermittlung von SENF, mit Unterstützung des Dachverbands 1879, hat sich auch der FC St.Gallen mit dem Sheffield FC in Verbindung gesetzt und wird schon kurz nach Veröffentlichung dieser Ausgabe – am 24. September 2014 anlässlich des Heimspiels gegen den Grasshopper-Club Zürich – Vertreter des ältesten Vereins in St.Gallen begrüssen, um in den ehrwürdigen Kreis der Pioniere aufgenommen zu werden. Der FC St.Gallen wird an der Austragung des Pioneer Cups im nächsten Jahr voraussichtlich ebenfalls ein Team stellen, und SENF wird berichten.

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