Fussball und die Vereinigten Staaten – bisweilen ein ambivalentes Verhältnis. Nichtdestotrotz scheint der Soccer in den Staaten auch dank den jüngsten Erfolgen der Nationalmannschaft an Stellenwert zu gewinnen. Grund genug für SENF, das MLS-Spiel zwischen D.C. United und Chicago Fire in Washington D.C. zu besuchen.

Eins vorneweg: Ob es nun Soccer oder Football heisst, darüber mögen sich die Europäer und Amerikaner streiten. Beide Begriffe haben ihre Berechtigung. Soccer leitet sich vom in England entstandenen Begriff Association Football ab, wobei sich im Mutterland des Fussballs dennoch der Begriff Football durchgesetzt hat. Fakt ist aber, dass der Fussball in den Vereinigten Staaten bei weitem nicht dieselbe Popularität wie in Europa geniesst. Baseball, American Football, Basketball und Eishockey sind bedeutend populärer. Während Basketball und Eishockey für den durchschnittlichen europäischen Zuschauer durchaus interessant sein mögen, hält sich die Beliebtheit von Baseball und American Football in Grenzen. Spiele beider Sportarten dauern mehrere Stunden, wobei das Verhältnis zwischen Spieldauer und tatsächlich gespielter Zeit haarsträubend ist. Zahlreiche Werbepausen unterbrechen das Spiel. Damit mag sich der gemeine Europäer wohl nur schwer anfreunden.

Überraschenderweise erhielten wir zwei Tage vor dem Spiel einen Anruf von D.C. United. Leicht verwirrt erkundigten wir uns, was los sei. Erleichtert stellten wir jedoch fest, dass sich der Ticketverantwortliche nur nach unserem Befinden erkunden und fragen wollte, ob wir bereit für das Spiel seien. Eine ziemlich nette und überraschende Geste. Generell sind die Ticketverantwortlichen und Sicherheitskräfte sehr locker im Umgang mit den Fans. Hooligans und Gewalt sind weitgehend inexistent. Die Stimmung rund um Sportveranstaltungen ist sehr gelassen, die Polizei beschränkt ihre Tätigkeit oft nur auf das Regeln des Verkehrs und Gästefans reisen aufgrund der grossen Reisedistanzen meistens gar nicht an.

Erfreulicherweise schossen in den Staaten in den letzten Jahren neue Fussballstadien wie Pilze aus dem Boden. Das Robert Kennedy Memorial Stadium, Schauplatz der von uns ausgewählten Partie, gehört leider nicht dazu. Gebaut im Jahre 1961, diente es bis 1996 als Heimat der Washington Redskins (American Football) und wurde zwischenzeitlich auch von den Washington Nationals (Baseball) genutzt. Die Spuren jener Zeit sind heute noch gut erkennbar. Zudem diente das Stadion als Spielstätte der Fussball-WM 1994. Diese Multifunktionalität ist jedoch auch mit gewissen Nachteilen verbunden. Das Stadion gleicht stimmungstechnisch dem Zürcher Letzigrund und obwohl es Platz für rund 57’000 Zuschauer bieten würde, ist aufgrund des geringen Interesses am Fussball nur der Unterrang geöffnet, weshalb sich die tatsächliche Zuschauerkapazität auf rund 19’000 Besucher beläuft.

DC United vs Chicago Fire

Die Major League Soccer (MLS) ist zweigeteilt in eine Eastern und Western Conference. Ähnlich wie im Eishockey gibt es eine Regular Season, welche jedoch Conference-übergreifend stattfindet. Die Playoffs werden innerhalb der Conference ausgetragen, die beiden Sieger spielen in einem Finalspiel um den Meistertitel. Aufgrund der Tatsache, dass in den letzten Jahren einige berühmte Spieler wie David Beckham, Thierry Henry, Mikaël Silvestre, Jermain Defoe oder Robbie Keane in die MLS wechselten, erwarteten wir ein vergleichsweise hochstehendes Spiel. Im Kader von D.C. United befindet sich ausserdem ein gewisser Samuel Inkoom, welcher jedoch nicht zum Einsatz kam. Seitens Chicago Fire dürfte einzig der frühere Liverpool-Stürmer Florent Sinama-Pongolle dem gemeinen europäischen Fussballfan bekannt sein. Während D.C. United von der Tabellenspitze grüsste, stand Chicago Fire an zweitletzter Position. Auf dem Papier also eine klare Angelegenheit. Das Spielniveau war allerdings insgesamt enttäuschend und entsprach in etwa einer unterdurchschnittlichen Super League-Partie. D.C. United dominierte das Spiel und ging in der ersten Halbzeit mit 1:0 in Führung. Nach der Pause erhöhten die Hauptstädter auf 2:0 und konzentrierten sich fortan auf das Kontern. Chicago gelang zwar in der 67. Minute der Anschlusstreffer, das Team lief jedoch danach in zahlreiche Konter. Dem Unvermögen der Stürmer seitens D.C. United war es zu verdanken, dass das Resultat nicht höher ausfiel. Mit dem 2:1-Sieg sicherte sich D.C. United den Sieg in der Eastern Conference und befindet sich damit in einer komfortablen Lage im Hinblick auf die Playoffs.

DC United vs Chicago Fire

Neben dem Platz unterscheidet sich das Spiel in einigen Punkten wesentlich von einem hiesigen Stadionbesuch. Wie bei Sportveranstaltungen in den Staaten üblich wurde vor dem Anpfiff die Nationalhymne gespielt. Die Zuschauer schien das jedoch nicht gross zu interessieren. Rund ein Drittel der Matchbesucher war nämlich zum Anpfiff noch gar nicht im Stadion. Dies bestätigte unser Bild des typischen amerikanischen Sportfans, der hauptsächlich des socialising wegen ins Stadion pilgert. Das Geschehen auf dem Platz scheint eher sekundär zu sein. Dazu passen auch die Hüpfburgen hinter dem Tor, welche während des Spiels von den anwesenden Kindern rege genutzt wurden. Liegestühle mit künstlichen Palmen sorgten hinter dem zweiten Tor für Strandfeeling. Abgerundet wurde dieser Karneval durch eine Corona Strandbar im Stadionbauch. Während sich der St.Galler Fussballfan mit Bratwurst, Bürli und Bier zufrieden geben dürfte, kann der amerikanische Fan aus einem vielfältigen Catering-Angebot auswählen. Nebst der üblichen amerikanischen Verpflegung bestehend aus Burgern, Pommes Frites, Hot Dogs, Nachos und Popcorn wurden auch Steaks und mexikanische Speisen wie Quesadillas (Käsetortillas) angeboten.

DC United vs Chicago Fire

Es gibt jedoch auch durchaus Überraschendes und Positives von den Rängen zu berichten. Mit den District Ultras verfügt Washington über eine eigene Ultragruppierung, welche zu Beginn des Spiels eine kleine Choreografie präsentierte. Der Haufen von gut 50-100 Leuten wirkte zwar um eine gute Stimmung bemüht, jedoch gingen ihre Gesänge im grossen Stadion regelrecht unter. Beim zweiten Treffer und bei Spielende zündeten die Ultras überraschenderweise einen Rauchtopf. Das anwesende Sicherheitspersonal schien dies nicht gross zu stören, was auch nicht verwunderlich ist, feuerte der Verein doch nach Spielschluss ein Feuerwerk ab, welches wohl so manches öffentliches 1. August-Feuerwerk in der Schweiz in den Schatten stellen würde. Zudem wurden zahlreiche Bierbecher in den Nachthimmel geworfen. Einerseits nicht verwunderlich, sind die Vereinigten Staaten doch nicht gerade für ihre Bierkultur bekannt, andererseits bei Bierpreisen von 8 Dollar pro Becher schwierig zu verstehen. Neben den Ultras formierte sich eine weitaus grössere Anzahl Personen auf Höhe der Mittellinie, um die Mannschaft akustisch zu unterstützen. Dieser Support flachte nach dem Anpfiff jedoch relativ rasch ab und wirkte unkoordiniert. Untermauert wurden die Supportbemühungen mit einer durchaus ansehnlichen Fahnenbewegung. In einem reinen Fussballstadion könnte sich mit diesem Publikum wohl ansatzweise eine europäische Atmosphäre entwickeln. Gästefans waren, abgesehen von den Spielerfrauen, keine auszumachen.

Betrachtet man die Zusammensetzung des Publikums, ist die Art des Supports nicht weiter verwunderlich. Ein Grossteil der Zuschauer setzt sich nämlich aus Immigranten aus Mittel- und Südamerika zusammen. Deshalb lautet der Schlachtruf der Fans auch Vamos United und nicht etwa Forward United. Die Entwicklung der Fankultur ist daher primär diesen Immigranten zu verdanken. Den konservativen Amerikaner wird man einem Fussballspiel wohl eher nicht antreffen. Man darf gespannt sein, wie sich die amerikanische Fankultur entwickelt und ob der Fussball an Stellenwert gewinnen kann. Wir werden den Matchbesuch auf jeden Fall insgesamt positiv in Erinnerung behalten.

DC United vs Chicago Fire

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