Jetzt kommen sie wieder. Unaufhaltsam. Wir hatten sie ja schon eine geraume Zeit erwartet, mindestens aber seit dem Vaduz-Auswärtsspiel, das mit 0:3 verloren gegangen war.

Letzigrund

Da sitzt man an einem regnerischen Samstag-Nachmittag gemütlich mit Freunden zusammen, führt intensive Diskussionen über so manches Thema – man munkelt, Fussball sei auch dabei gewesen – und trinkt den einen oder anderen Kaffee. Und dann sagt man, kurz bevor der Zenit des Nachmittags überschritten ist: «So, i mues los. Hüt isch Fuessball. In Züri wiedermol [betretenes Lachen]. GC uswärts [betretenes Schweigen].»

Das ist der Augenblick, in dem sie wieder kommen. Unaufhaltsam. Die Fragen:
«Wieso tuesch du dir da no ah?»
«Zum jetzigä Ziitpunkt? Noch dä 0:7-Pleite gägä Basel?»
«D’Meischterschaft isch doch sowieso scho gloffä.»
«Sangallä? In Züri? Do gits doch nur wieder ä Klatschä. Diä Fläschä!»
«Du gosch? Bi dem Wetter?»

Weil wir diese Fragen erwartet haben, als Fans des FCSG schon unzählige Male gestellt bekommen haben und deswegen bereits über Erfahrung in der Beantwortung verfügen, kommt in diesem Moment schon fast so etwas wie Konversations-Routine auf. Die Fragenden sind sich durchaus bewusst, dass sie rhetorische Fragen gestellt haben. Der Befragte weiss, dass eigentlich alle (wenn sies auch nicht immer zugeben wollen oder noch nicht einmal selber realisiert haben) mit einem mitleiden. Ja, dass diese Fragen schon fast eine Solidaritäts-Bezeugung sind.

In der Regel folgt dann ein Schulterzucken, das eine gewisse Resignation (durchaus auch gegenüber sich selbst) zum Ausdruck bringt:
«Klar tuen i mir da no ah, villicht gits jo genau hüt än Sieg?»
«Zum jetzigä Ziitpunkt ersch recht.»
«Übergangssaison halt» [vor Zynismus triefend].
«Villicht gits jo genau hüt än Sieg!»
«Wenns süs nüt hätt, wos brüchti, ä Tach hätts wenigschtens.»

Also verabschiedet man sich, verlässt die gemütliche Samstag-Nachmittags-Runde und macht sich auf den Weg zum Letzigrund. Vielleicht um den langersehnten Auswärtssieg gegen GC endlich mitzuerleben. Vielleicht um erneut Zeuge einer grässlich peinlichen Niederlage zu werden. Ganz sicher um zu frieren.

Und, einmal angekommen, steht man dann gemütlich an einem regnerischen Samstag-Abend mit Freunden zusammen, führt intensive Diskussionen über so manches Thema – man ist sich sicher, Fussball war garantiert dabei – und trinkt das eine oder andere Bier. Fuessball halt.


Dieser Beitrag erschien am 25. April 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.

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