Zum Abschluss war der Kinosaal vollbesetzt. Mit «Zlatan – Ihr redet, ich spiele» und anschliessender Diskussion mit dem extra aus Schweden angereisten Produzenten des Films, Lennart Ström, gingen am vergangenen Samstagabend die zweiten Fussballlichtspiele St.Gallen zu Ende. Drei Tage Fussball und Filme: Wir waren dabei und blicken zurück.

Als die Organisatoren am Donnerstag die zweiten Fussballlichtspiele St.Gallen eröffneten, beschrieben sie, wie das Festival aus einer typischen Bier-Idee entstanden war und sich nach der ersten Durchführung beim Abschlussessen zu einer Grappa-Idee weiterentwickelt hatte. Diese Entwicklung fand ihre Entsprechung auf allen Ebenen des Festivals: bei der Aufmachung der Lokalität, beim Barangebot (eine tolle Mischung aus Altbewährtem und Orientalischem bot für jeden etwas), bei der Filmauswahl und schliesslich auch bei den weiteren Programmpunkten und der Organisation. Waren die ersten Fussballlichtspiele wohl so etwas wie ein Testlauf gewesen, zeigte sich im zweiten Jahr: Sie sind da, um zu bleiben!
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Bereits der Start am Donnerstagabend zeigte den Zuschauern, dass sie sich auf die weiteren Tage freuen konnten. Die Programmauswahl war stimmig, der erste Film «Vi är bäst ändå – This is Söderstadion» sogar wie gemacht für St.Gallen und deswegen wohl auch der emotionalste für anwesende Fans des grössten hiesigen Clubs. Erzählte er doch eine Geschichte, die in vielen Zügen derjenigen des FCSG glich: nämlich die der Fans des Stockholmer Vereins Hammarby IF, der aus einem geliebten alten Stadion in eine neue Arena umziehen muss.

Ab den ersten Bildern, welche den Abriss des verlassenen Stadions zeigten, und im weiteren Verlauf des Filmes kamen immer wieder Erinnerungen an den eigenen Ablöseprozess vom Espenmoos auf, an die Bagger in der Südkurve. Viele Szenen erzeugten Resonanz beim anwesenden Publikum, weil man sich im Gezeigten und Gesagten wiedererkannte. Dies war bei den Zuschauern denn auch das hauptsächliche Gesprächsthema in der Pause und nach dem Film und wurde ebenfalls in der darauffolgenden Podiumsdiskussion aufgegriffen.

Yvette Sanchez, Daniel Fels und Daniel Torgler diskutierten dabei mit Corinne Riedener über verschiedenste Themenfelder, die im Film angesprochen worden waren: zum Beispiel über ebendiesen Ablöseprozess, über die Funktion eines Stadions als identitätsstiftenden Ort, Freiraum oder Heimat sowie über die Situation in St.Gallen im Jahr 2008. Für den längsten Lacher des Abends sorgte Torglers Aussage zu den Sektoren im Espenmoos und zu einem Kreislauf, den man dazumal als Fan vielfach durchlaufen hatte: «Als Kind im Sektor Blau wechselte man in der Jugend in die Südkurve, blieb dort einige Zeit, und begab sich dann auf die Haupttribüne, wenn man beruflich erfolgreich war, oder sonst wieder in den Sektor Blau.»

Espenmoos

Während bei den Podiumsdiskussionen der Fussballlichtspiele im vergangenen Jahr jeweils noch eine Fragerunde dabei gewesen war, war eine solche in diesem Jahr leider nicht mehr vorgesehen. Ein Zwischenruf aus dem Publikum zeigte jedoch: Das Thema löste so viele Fragen und Emotionen aus, dass es sich gelohnt hätte, die Podiumsdiskussion im Anschluss noch für Fragen und Wortmeldungen aus dem Publikum zu öffnen. So wurden diese in die Festwirtschaft getragen und eifrig vor dem Tiffany weiterdiskutiert.

Ebenfalls einem Thema aus Fan-Optik, jedoch einem etwas schrägeren, widmete sich der zweite Film des Abends: Die «Sons of Ben», ein Fanclub aus Philadelphia, hatten sich 1996 gegründet, bevor es ihren Club überhaupt gegeben hatte. Wir empfehlen diesen Film allen, die ihn verpasst haben, nur schon wegen der Fangesänge: «We’ve won as many Cups as you and we don’t have a team.»

Sowohl thematisch wie auch geographisch neue Wege gingen die Filme am Freitag. «The Damned United» und «I Believe in Miracles» führten nach England und hatten Trainerlegende Brian Clough zum Thema. Wieder zeigte sich die gelungene Auswahl: Der zweite Film schloss nahtlos an den ersten an, weil er mit Szenen eines Interviews begann, das in «The Damned United» den Abschluss gebildet hatte. Zusammen gaben beide diverse Einblicke in die Persönlichkeit Cloughs, so dass zum Schluss ein komplexeres Bild dieses Mannes resultierte, als gewisse seiner Aussagen in den einzelnen Filmen angedeutet hätten (zum Beispiel: «you work hard, and if you work hard, you have a chance of playing well, and if you play well, then you’ll enjoy it», aus «I Believe in Miracles»).

Etwas politischer und sozialkritischer wurde es am Samstag, dem letzten Tag der Lichtspiele. Mit «White, Blue and White» machte ein Film den Anfang, der die schwierige Situation von Osvaldo Ardiles und Ricardo Villa beleuchtet. Beide Argentinier spielten bei Tottenham Hotspur als der Falkland-Krieg ausbrach: Während zu Beginn die erfolgreiche Zeit beider nachgezeichnet wird (welche zum Beispiel auch zu einem klassischen Fussballsong geführt hat, «Ossie’s Dream»), werden die Zustände durch den Krieg komplexer und zusehends unhaltbar. Ein emotionales und berührendes Zeitzeugnis.

Diesen Themenblock schloss ein Film über arbeitslose Fussballer in Deutschland ab: «Zweikämpfer» feierte Schweizer Premiere. Bei der schwierigen Frage nach dem Zeitpunkt des Karrierenendes erkannten wir vom SENF-Team viele Parallelen zu unserem Interview mit Jörg Stiel (im SENF #06): Wie meistert ein Fussballprofi den Übergang, strukturiert seinen Alltag, wann ist der richtige Zeitpunkt, dem Game den Rücken zu kehren? Im Anschluss war Angelo Stomeo von der Swiss Association of Football Players (SAFP) zu Gast. Er sprach über die Situation in der Schweiz und legte dar, wie die SAFP Schweizer Fussballern Unterstützung bietet. Anhand des Beispiels von Adrian Winter betonte er die Wichtigkeit, am Ball zu bleiben. Winter hatte sich im Trainingscamp des SAFP fit gehalten, einen Vertrag in den USA bekommen und ist nun wieder zurück in der Schweiz.

Als Einleitung zur eigentlichen Finalissima am Samstag präsentierten Mämä Sykora und Sascha Török vom Fussballmagazin ZWÖLF allerlei Trouvaillen aus der «unheiligen Allianz zwischen den Königen Fussball und Fernsehen». Weil sie in einer stündigen Präsentation Highlight an Highlight reihten, ist es praktisch unmöglich, etwas darüber zu schreiben, was diesen gerecht werden würde. Wer dabei war, fand sich auf einer Reise durch die Vergangenheit, lachte zum Beispiel über die Trikots des FC Luzern aus der Saison 1970/71, hörte Alex Freis «Das isch emol ä Goal» (#Platzverweis) oder blickte in die Berichterstattung des Schweizer Fernsehens vor dem Cupfinal 1985, mit Matthias Hüppis Aargauer Socken (wie es Török nannte) und dem Torwandschiessen. Prädikat: Einmalig!
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Und zum Abschluss schloss sich der Kreis des Festivals mit «Zlatan – Ihr redet, ich spiele»: Es ging wieder nach Schweden. Im Film über Ibrahimovics jungen Jahre wurden Nuancen einer Person sichtbar, die wohl nur in solch frühem Filmmaterial zu finden sind. So erfuhren die Zuschauer zum Beispiel, dass Ibrahimovic als 19-Jähriger 350 Schulstunden verpasst hatte, ein Rekord. Seine Antwort dazu: «Ich habe einfach nur an Fussball gedacht, darum bin ich nicht hingegangen.» Ebenfalls einmalige Einsichten bescherte den anwesenden Gästen das abschliessende Gespräch mit Produzent Lennart Ström. Er beantwortete Fragen zur Entstehungsgeschichte des Films und schliesslich auch Fragen des Publikums. Ein überraschender und würdiger Abschluss des Tages und des Festivals als Ganzes.

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Während Kino in St.Gallen normalerweise etwa gleich spannend ist, wie die Champions League ab den Viertelfinals (ausser im Kinok ist nicht viel Neues zu erwarten, die Grossen machen das Geschäft), haben die vergangenen drei Tage gezeigt, dass auch unbekannteren und thematisch vielfältigeren Filmen eine Chance gegeben werden sollte. Die Fussballlichtspiele St.Gallen tun dies und vereinen vieles: ein ausgesuchtes Programm, abwechslungsreiche Zusatzveranstaltungen, eine Ausstellung (dieses Jahr mit Bildern von Manuel Stahlberger und vom tschutti heftli), ein durchmischtes Publikum und einen reibungslosen Ablauf. Fussball ist definitiv mehr als 11 gegen 11. Und manchmal eben auch ganz grosses Kino.

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