Seit April tickern wir an den Heimspielen des FCSG das Spielgeschehen für das Ostschweizer Kulturmagazin Saiten live aus dem Stadion. Zum Jahreswechsel präsentieren wir die Highlights des Ticker-Jahres 2016.

Tickern unter erschwerten Bedingungen

Der Start im April war denkbar schlecht. Beim ersten Live-Ticker kommt der FC Basel nach St.Gallen und schiesst die Espen gleich mit 7:0 ab. Der Vorteil: Viel Material für das Ticker-Team. Und so kommts im ersten Spiel gleich zum ersten literarischen Highlight:

Minute 47 – Vielversprechender Beginn. Traoré bedient von links per Massflanke Angha, der noch nicht mitgekriegt hat, dass Seitenwechsel war. Eigentor – 0:2. Don’t look back in Angha, I heard you say.

Dass sich Martin Anghas Name gut für Wortspiele eignet, wird bei der Niederlage gegen Lugano im September gleich nochmal deutlich:

Einen Gegenspieler darfst du nicht so angha, das gibt immer Freistoss.

Öfter als humorvolle Wortspiele kommt jedoch der typisch st.gallerische Zynismus zum Vorschein. Beim Spiel gegen Sion im April erhält der FCSG bereits in der zweiten Minute den zweiten Eckball zugesprochen. Wir meinen:

Zweiter Eckball für Grün-Weiss. Ob ich mein Meister-T-Shirt noch irgendwo habe?

Auch im Oktober gegen Thun zeigt sich unser Zynismus…

Minute 1 – Das Spiel läuft. Um gleich mal Positives zu erwähnen: St.Gallen hält hier noch immer das Unentschieden.

…oder im November gegen Lausanne:

13:35 Uhr – Unsere Freude über das 0:0 währte nur kurz. Wir wurden darauf aufmerksam gemacht, dass das Spiel erst in 10 Minuten beginnt.

Und trotzdem bleibt der Optimismus. Zum ersten Spiel der aktuellen Saison kommen die Berner Young Boys nach St.Gallen. Wir tickern kurz nach Spielstart:

Minute 1 – Die (Meister-)Saison läuft.

Wir kümmern uns aber regelmässig auch darum, was neben dem Platz passiert. Im erlösenden Spiel gegen den FCZ, in dem der FCSG am Pfingstmontag dem Abstieg endgültig davon schleicht, können wir kurz vor Spielende Folgendes vermelden:

Auf der Tribüne gegenüber des Espenblocks haben sich Ordner mit gelben Westen auf der Treppe platziert. Eine Art menschlicher Zaun. Der stand aber offenbar falsch. Also gehen alle wieder runter, gehen einen Aufgang weiter und platzieren sich auf der dortigen Treppe. Das hat fast schon was von einer Prozession. Ist ja auch Pfingsten.

Zu den auffälligen Personen abseits des Spielfelds gehörte mitunter Stadionspeaker Fischbacher. So zum Beispiel beim Spiel gegen Luzern im Mai…

Nochmals ein Nachtrag zum Lattentreffer von Luzern: Dieser wurde wegen dem Rauch im Stadion verzögert. Der Stadionspeaker verzweifelte fast: „Im Namä vom Schiedsrichter, bitte höräd uf zündä. Ihr gsehnd selber, me gseht nüt!“

…oder im letzten Spiel des Jahres gegen Sion:

Nachdem die Sion-Fans einen Böller gezündet haben, wendet sich Fischbacher auf Französisch an die Gästefans, das doch bitte sein zu lassen. Kurz darauf meldet er sich nochmal: „Und ez no uf Dütsch für d’Oberwalliser.“

Alles gut im Blick von der Pressetribüne

Natürlich sticheln wir auch immer wieder gerne gegen den gerade anwesenden Gastverein. Zum Beispiel, wenn der FCZ nach St.Gallen kommt (Mai)…

Es sind ausserordentlich viele Zürcher in der Arena präsent. Wollen auch mal eine schöne Stadt, einen geilen Verein und ein volles Stadion sehen. Sie: „Schatz, wohii gahsch?“ Er: „Ha Wiiterbildig, sorry.“

…oder am Olma-Match gegen Vaduz (Oktober):

Speaker Richard Fischbacher begrüsst die Auswärtsfahrer aus dem Fürstentum. Eine Auswärtsfahrt von Vaduz-Fans. Oder auch: Familienurlaub.

Dabei haben wir auch immer ein Auge auf das aktuelle Zeitgeschehen. Als im Juli YB zu Gast ist, sucht die ganze Welt mit dem Smartphone vor der Nase nach Pokémon. So auch der Berner Coach:

Herrlich, wie wir Adi Hütter gerade beim frustrierten Kopfschütteln beobachtet haben. Ein Taubsi zu fangen ist eben nicht immer leicht. Legt dann das Handy wieder weg und widmet sich dem Spiel.

Was Büne Huber dazu meint, wissen wir nicht. Zum Fussball hat er aber eine klare Haltung, die wir – natürlich auch im Spiel gegen YB – aufgreifen:

Scott Sutter bleibt nach einem Kopfballduell kurz liegen. Und irgendwo in Bern ruft Büne Huber: „Huere Pussy!“

Der Hauptfokus unserer stets objektiv-nüchternen Berichterstattung liegt natürlich stets auf dem FCSG. So zum Beispiel beim letzten Saisonspiel im Mai gegen Luzern:

Nächste Saison empfängt der FC St.Gallen die Gegner im Kybun Park. Die Namensgebung erfolgt zu Ehren des Captains der südkoreanischen WM-Mannschaft von 1954. Wenig bekannt in der Ostschweiz, aber Ky-Bun Park trainierte damals mit seiner Mannschaft in St.Gallen für die WM in der Schweiz.

Der Stadionname sorgt das ganze Spiel über für Gesprächsstoff:

In der Pause wurde auf den Rängen weiter über den neuen Stadionnamen diskutiert. Es bleiben Fragen. Wird die Shopping Arena jetzt zum Shopping Park? Die Arena Card zur Parkkarte? Sitzplätze zu Parkplätzen? Gibts statt Stadionverboten jetzt Parkverbote? Bei all diesen offenen Fragen wird die Sommerpause intensiv.

Nicht immer wars so schattig

Und natürlich dreht sich der Ticker dann und wann auch um das sportliche Geschehen. Wir können nämlich schon, wenn wir wollen. Zum Beispiel gegen Basel im April…

Schwächen machen wir vor allem in der grün-weissen Spieleröffnung aus. Wiss wird von den Basler clever attackiert, Angha scheint ideenlos. Angeberwissen: Gaudino soll sich zurückfallen lassen, um den ersten Ball spielen zu können, während die beiden Aussenverteidiger aufrücken, um im Mittelfeld Überzahl zu schaffen. Wer ist nochmal Pep Guardiola?

…oder beim Treffer zum 2:0 gegen GC im August:

Ein Gedicht, dieser Treffer. Erst das anmutige Massnehmen Tafers inmitten des feinen Knistern im Vorlauf einer mutmasslichen Torchance. Umrahmt wurde das Ganze vom ziellosen Geräuschpegel, der mit jedem kleinen, bedächtigen Schritt Anlauf des Schützen abnahm. Und, als der Ball in der Luft für einen Moment verharrte, schien das Stadion plötzlich für einen Moment mit unausgesprochener Übereinkunft zu schweigen. In freudiger Erwartung auf die Explosion, die Sekundenbruchteile später folgen sollte. Nach liebevollem Kuss am Pfosten, hüpfte der Ball ins Netz. Jetzt verliebt: der SENF-Liveticker.

Manchmal müssen wir uns sogar um andere Sportarten kümmern, wie gegen YB im Juli:

Ein Berner rutscht in Lopar, als dieser den Ball schon in den Händen hatte. Danach wechseln 20 der 22 Spieler auf dem Feld die Sportart. Schiri Jaccottet verstreut Sägemehl und verteilt anschliessend wegen fehlendem Abklopfen der gegnerischen Schulter zweimal Gelb. SENF – Din Schwingsport-Liveticker.

Schön anzusehen war vor allem das Rencontre vom Angha, Martin, der seinen Berner Kontrahenten per Hoselupf zu bodigen versuchte. Wär ja schon was, so ein Munni. Da bist du der Star an jeder OLMA.

Standard-Ausrüstung

Alle diese Nachrichten verfasst ein kleines Team, das wir beim Hitze-Spiel gegen Luzern im August gleich selber beschreiben:

Der SENF ist mittlerweile fester Bestandteil des Journalismus-Establishment der Schweiz. Was der SENF schreibt, das glaubt die Schweiz. Wir gehen ein und aus in den nebulösen Hinterzimmern der Lobbyisten, treffen ranghohe Unternehmer und Politiker. Und das stets adrett gekleidet. Der sündhaft teure Anzug ist unsere zweite Haut. Aber heute, in dieser verdammten Hitze, müssen wir auf kurze Hosen und T-Shirt zurückgreifen. Wir fühlen uns nackt, emotional verwundbar.

Auch im September ists fürs Ticker-Team nicht einfach, als sich die Espen gegen Lugano schwertun:

Pause. Runterfahren, sich sammeln. Vielleicht mal weinen, es rauslassen, um dann neu starten zu können. Nobody said it was easy. Und dann Tränen. Mitten auf der Pressetribüne. Obwohl mit Hemd. Und Bier. Aber doch schmerzt es. Verdammter Rückstand.

Zwischendurch wird es so schlimm, dass wir uns Hilfe holten:

Heute tickern für euch R.S. und R.S. Aber, wir gebens zu, wir sind beide angeschlagen. Die sportlichen Rückschläge der letzten Wochen und Monate haben uns stark zugesetzt. Wir haben emotionale Achterbahnfahrten erlebt. Die Gefühle, die uns beim Tickern regelmässig übermannen, sind kaum noch zu ertragen. Als Vorsichtsmassnahme sitzt heute Dr. O.W. neben uns. Er wird sich ab und an einschalten, wenn die Gefühle das Ruder zu übernehmen drohen.

Und dann, zum letzten Spiel der Saison gegen Sion, fällt das Team auch noch auseinander. Temporär und ferienbedingt. Der einzig verbleibende R.S. weiss sich zu helfen:

Das grösste Problem, wenn man alleine tickert: Was tun, wenn man gerne ein neues Bier hätte? Die Kollegen vom Adrenalin-Team helfen aus. Ich bedanke mich herzlichst!

Die letzte Meldung hatte ich übrigens zuhause schon vorgeschrieben, damit ich dem Adreanlin-Team gleich zu Beginn sagen konnte, dass sie da jetzt nicht mehr drumrum kommen. Gnihihi, schlau wie ein Fuchs.


In diesem Sinne wünschen wir allen Lesern einen guten Rutsch ins 2017. Auf den SENF #07 und #08, auf viele Live-Ticker und auf viele Punkte für den FC St.Gallen!

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