Was hat die türkischen Investoren bewogen, beim FC Wil einzusteigen? Schlüssige Erklärungen sind Mangelware, die Frage bleibt nach wie vor bestehen. Der St.Galler Journalist Etrit Hasler hat einen Erklärungsvorschlag.

FC Wil

Auch wenn sich die mediale Aufregung wieder ein bisschen gelegt hat, bleiben die wilden Gerüchte um die neuen Besitzer des FC Wil weiter in Umlauf. Und so sicher wie das Gegentor in der letzten Minute der Nachspielzeit noch fällt, werden diese Gerüchte alle wieder hochkommen, sobald beim FC Wil irgendetwas nicht rund läuft – und es wird nicht allzu lange dauern, bis beim FC Wil nicht einmal mehr der Ball im Kindertraining rund läuft.

Diese Gerüchte haben alle gehört: Der neue Besitzer hat den Klub nur gekauft, um dort Geld zu waschen. Oder die Kehrseite desselben Gerüchts: Der Kerl ist grössenwahnsinnig und hat echt das Gefühl, mit dem FC Wil könne man über mittlere Frist mit ein paar Investitionen an die internationalen Geldtöpfe kommen und sogar Geld verdienen. Die Wahrheit ist viel banaler. Ich kenne nämlich einen Zusammenhang, den so noch niemand erkannt hat.

Ganz fernab jeglicher medialer Reaktion ging vor rund zwei Jahren nämlich ein Stück Fussballkultur unwiederbringlich verloren: EA Sports stellte am 25. November 2013 seine FIFA Manager-Reihe endgültig ein – dies, nachdem FIFA Manager 14 gerade nur noch ein Datenbank-Update gewesen war. Für mich und ein paar hundert andere Spieler weltweit brach damit eine Welt zusammen.

Die Reihe mag zwar ihre Macken haben, aber dennoch kann ich mit gutem Gewissen sagen, dass ich wohl mit keinem anderen Spiel so viele hundert Stunden verbracht habe. Meine Champions League-Siege mit dem FC Winterthur, den Hull City Tigers, ja, zwischendurch sogar mal dem FC St.Gallen und nicht zuletzt den Hellbarden Appenzell waren Stoff für Legenden – die Hellbarden zogen beim ersten Champions League-Final im eigenen Stadion immerhin 150‘000 Zuschauer auf den Landsgmeendplatz. Realistisch mag das nicht sein, aber trotzdem kann ich mit gutem Gewissen behaupten, alles was ich jemals über Fussball wissen musste, von FIFA Manager gelernt zu haben. Zum Beispiel dass man sein Geld zuallererst in die Jugendarbeit investiert und eben nicht in überteuerte Transfers. Oder dass es zwar Spass machen kann, einen Trainer von heute auf morgen zu feuern, aber dass es einer längerfristigen Strategie durchaus förderlich ist, auch mal fünf oder sogar zehn Jahre einem einzelnen Trainer die Stange zu halten.

Unrealistisch, sagt ihr? Naja, die erste Strategie funktioniert beim FC Winterthur ganz gut und die zweite hat Manchester United auch nicht gerade geschadet. Und ganz ehrlich: Auch wenn ich von den virtuellen Fans als Vereinspräsident häufig als „wahnsinnig“ betitelt wurde, waren meine Entscheidungen meist nicht irrer als jene von Ancillo Canepa. Und im Unterschied zu den Vereinsleitungen von Xamax oder GC bin ich in all den Spieljahren noch nie auf Trickbetrüger hereingefallen.

Was hat das alles mit dem FC Wil zu tun? Ganz einfach: Ich hege die Vermutung, dass Murathan Doruk Günal, der junge neue Präsident des FC Wil, einfach ein passionierter FIFA Manager-Spieler war, der genauso deprimiert war wie ich, als er erfahren hat, dass sein Lieblingsgame nicht mehr weiterentwickelt wird. Und wenn er ähnlich tickt wie ich, dann hat er in den letzten Jahren zwar hunderte von Stunden in das Managen von virtuellen Sportvereinen gesteckt, aber keine einzige Minute in das Erlernen von Programmiersprachen. Soll heissen, auch wenn er locker seinen milliardenschweren Papa Mehmet Nazif Günal hätte anbetteln können, er soll ihm einfach das Geld leihen, um EA Sports die Reihe abzukaufen, wählte er lieber die einfachere Version: Wir starten einfach ein neues Spiel in der Realität.

Das Problem ist natürlich, dass die Realität kein Spiel ist. Also manchmal schon, aber eben nicht eines, bei dem man jederzeit einen früheren Spielstand wieder laden kann, wenn etwas total schief gegangen ist. Und natürlich kann man auch in der Wirklichkeit einfach zum nächsten Verein weiterwandern, wenn man beim ersten Versuch nur verbrannte Erde hinterlassen hat. So wie es eines Tages wohl auch die Familie Günal tun wird. Was dann aus dem FC Wil wird, werden wir sehen. Sicher ist nur dies: In der Wirklichkeit ist etwas unwiderruflich weg, wenn es erst mal weg ist. Das gilt für die FIFA Manager-Reihe wie auch für den FC Wil.

Auch interessant:

SUPER LEAGUE: MEHR DEMOKRATIE WAGEN Dass der FC Wil erneut vor dem finanziellen Abgrund steht, hat auch damit zu tun, wie die Vereine im Schweizer Fussball organisiert sind. Eine Reform der Ligavorgaben wäre dringender als der aktuell d...
WIE IM MAI Gegen Ende des Jahres 2005 zeichnete sich für den FC St.Gallen bereits eine weitere Übergangssaison ab. Gegen hinten genügend Abstand, gegen vorne kaum Chancen. Hutter & Mock waren im November 200...
BEST OF BLOG 2016 Der Jahreswechsel bietet stets eine gute Gelegenheit, auf die vergangenen zwölf Monate zurückzublicken. An dieser Stelle präsentieren wir euch deshalb die fünf Blogbeiträge, die ihr 2016 am meisten an...

Schreibe eine Antwort

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> 

Erforderlich