Der FC St.Gallen hat mit Peter Zeidler einen neuen Trainer und setzt damit alles auf eine Karte. Die Reise führt vorerst ins Ungewisse, dafür beginnt sie harmonisch.

An der Pressekonferenz gab es diesen einen Augenblick. Hüppi erzählte in gewohnt optimistischem Fernseh-Sprech, wie überzeugt er von den neuen Rahmenbedingungen beim FC St.Gallen sei. Sportchef Alain Sutter und der neue Chefcoach Peter Zeidler sahen sich flüchtig an und konnten nicht anders als lächeln. Eine wunderbar unkontrollierte Gesichtsregung.

Sutter sagte später, er freue sich «unglaublich», endlich mit Zeidler zusammenarbeiten zu dürfen. Die Ungeduld der Verliebten. Ein Tatendrang, der sich besser heute als morgen entladen sollte. Und so bemerkte Sutter wiederum einige Minuten später, sie – er und Zeidler – hätten schon mit der Arbeit begonnen. Als hätten sie sich ihrer Ungeduld beugen müssen.

Neulinge im Business

Die Crew, die den FCSG wieder in ruhigere Gewässer führen soll, steht nun. Harmonischer könnte sie kaum sein. Sämtliche Protagonisten in federführenden Rollen ziehen am selben Strick. Der Dreijahresvertrag protokolliert diese Stimmung exemplarisch. Doch er ist auch ein Wagnis, weil die Laufzeit dieses Kontrakts ohne Not 36 Monate beträgt. Und vielleicht unterstellt man Hüppi und Sutter denn auch ein wenig Naivität, wenn sie ihren neuen Trainer mit einem solchen Vertrag ausstatten, zum Schluss der Vorstellung Zeidlers aber einräumen, dass sie Neulinge sind in diesem Business. Es sind diese Momente, in denen sich der Verdacht einschleicht, dass die üblich pathetischen Worte Hüppis die Machbarkeit des Fussballs übersteigen.

Der Verwaltungsrat, dem Hüppi vorsteht, und Sutter setzen auf diese eine Vision. Hüppi nennt sie die «grün-weisse Bewegung». Ein Journalist platzierte halb scherzend, halb ernst in einem Nebensatz, Hüppi sage manchmal das Eine, meine aber das Andere. Womöglich sagt Hüppi in Wahrheit jedoch das XXL-Eine, meint aber das XS-Eine. Er gewährt seinen eigenen Worten viel Platz, wählt sie gross in ihrer Bedeutung.

Die Vision: eine Bewegung. Ein Begriff, der eher dem Sprachduktus von Aktivisten, Politikern oder Sekten entspringt. Und diese Bewegung ist alternativlos. Sie kennt nur eine Richtung. Peter Zeidler scheint für diese Richtung wie geschaffen. Früher war er als Pädagoge im Schwabenland tätig – ein Punkt im Lebenslauf Zeidlers, den Sutter besonders beeindruckend gefunden haben dürfte. Zeidler selbst schätzt diesen Faktor realistisch ein, sagte einmal: «Alle Trainer müssen auch Pädagogen sein.»

Lehrjahre in Rangnicks Fussballabor

Erfolgreiche Fussballtrainer müssen die Menschen führen können. Französisch- und Sportlehrer hin oder her. José Mourinho, Carlo Ancelotti oder Josef Heynckes haben nicht Lehramt studiert, standen nie täglich vor einer Schulklasse. Und doch wird diesen herausragenden Trainern eine hohe Empathiefähigkeit nachgesagt.

Allerdings verspricht der Lebenslauf Peter Zeidlers auch fachlich einiges. In den Hoffenheimer Jahren wirkte er an der Seite Ralf Rangnicks mit, als die TSG in die Bundesliga aufstieg und als Neuling die inoffizielle Herbstmeisterschaft feierte. Rangnick wird nicht erst seit damals taktische Weitsicht attestiert. Es gibt Fachkundige, die Rangnick zuschreiben, als erster deutscher Fussballlehrer die Viererkette eingesetzt zu haben. Auch das bedingungslose Pressing soll in Rangnicks Fussballlabor entstanden sein. Peter Zeidler tüftelte mit. Damals noch im Hintergrund. Später emanzipierte sich der frankophile 55-Jährige von Rangnick und ging nach Österreich.

Langfristiger Erfolg blieb sowohl Rangnick als auch Zeidler meist verwehrt. Die oft spektakuläre Spielweise nutzte sich irgendwann ab. Hohes und schnelles Anlaufen wird gerade in qualitativ hochstehenden Ligen irgendwann durchschaut, ist berechenbar. Equipen, die kombinationssicher sind, schaffen es, die Pressingwellen zu umspielen.

Das Kader der St.Galler ist ohnehin nur bedingt auf diese Revolten-gierige Spielweise ausgerichtet ist. Es bräuchte neue Spieler, was jedoch einiges kosten würde. Tafer oder Aleksic sind sensible Feingeister, deren Arbeitsethos nicht immer mit 90-minütigem Pressing in Einklang zu bringen sein dürfte. Barnetta gehen nach und nach Geschwindigkeit und Ausdauer ab.

Prädestiniert für den zeidlerschen Fussball scheinen dafür Toko und Sigurjonsson: eifrige Balljäger, die den schnellen vertikalen Pass durchaus in ihrem Repertoire haben. Doch ist ungewiss, ob die beiden in der kommenden Spielzeit noch in der Ostschweiz unter Vertrag stehen werden.

Destination: Luftschloss

Hüppi und Sutter fahren mit der Luftbahn durch die Nacht. Destination: Luftschloss. Attraktiver Fussball, der erfolgreich ist: Das ist keine innovative Ambition. Womöglich ist es sogar das Idealbild dieser Sportart. Fussball, wie ihn sich Reynolds, später Michels und Cruyff ausgedacht haben und Guardiola in Perfektion praktizieren liess. Vielleicht genügten auch einige Partien an der Anfield Road in dieser Saison diesen Ansprüchen. Vorerst reicht der neuen Führung aber, sich in den Top Fünf des hiesigen Championats zu etablieren. Das ist kein Luftschloss.

Der spektakuläre Weg dahin dann schon eher. Der FCSG will Weg und Ziel gleichermassen zelebrieren. Hüppi und Sutter wollen den Fünfer und das Weggli. Und sie wollen dies mit harmonischer Eintracht. Harmonisch vom Weg abkommen und grandios das Ziel verfehlen. Oder eben gemeinschaftlich schön brillieren und Erfolge einfahren. Wir präferieren Zweiteres, natürlich. Und fahren mal mit.

Es wird sich zeigen, ob diese Richtung stimmt. Ein lauerndes Unbehagen ist da schon. Es kann sein, dass man als St.Galler Fan etwas befangen ist, wegen der Geschichte. Durch die hart erarbeitete Akzeptanz, sich selbst genügen zu können – gerade bei den vielen Enttäuschungen. Nun der neue Kurs, mit neuer Steuerrichtung. Wir sind gespannt. Und ungeduldig. Die Ungeduld der Verliebten.


Dieser Artikel erschien zuerst beim Kulturmagazin Saiten.

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