Die Liga veröffentlicht das Urteil gegen den FC Sion-Präsidenten Christian Constantin, der am 21. September nach dem Spiel des FC Sion in Lugano den TV-Experten Rolf Fringer tätlich angegriffen hat. Das Urteil zeigt vor allem eins: Ein Funktionär darf auf wohlwollende Behandlung vertrauen, die Fans niemals geniessen würden.

Waage

Stadionverbote sind seit Jahren ein ewiger Zankapfel. Nicht selten belastet die Aussprache solcher das Verhältnis zwischen Fans und Verein schwer. Die Fans kritisieren, es gebe immer wieder unverhältnismässige, gar willkürliche Stadionverbote. Die Vereine weisen jegliche Schuld von sich. Dabei berufen sie sich gerne auf die «Richtlinien betreffend den Erlass von Stadionverboten» des Schweizerischen Fussballverbands.

Im Anhang 1 dieser Richtlinien ist ein Sanktionskatalog aufgeführt. Dieser lässt eigentlich keinen Interpretationsspielraum zu. Wer «Tätlichkeiten gegen Personen (Passanten, Gäste und Zuschauer)» im Rahmen eines Fussballspiels begeht, erhält zwei Jahre Stadionverbot. Wer dabei gar eine «einfache oder schwere Körperverletzung» verursacht, erhält drei Jahre. Aber auch ganz grundsätzlich wird festgehalten: «Bei schweren Verstössen (vgl. die folgende nicht abschliessende Auflistung), insbesondere bei allen Gewaltdelikten, wird ein Stadionverbot von drei Jahren Dauer verhängt.»

Christian Constantin erhält nun 14 Monate Stadionverbot, obwohl er selber zugegeben hat, Rolf Fringer angegangen zu haben. Ein Fan hätte für das gleiche Vergehen mindestens zwei, vielleicht sogar drei Jahre Stadionverbot erhalten. Die Busse von 100’000 Franken mag hoch wirken, ist aber im Verhältnis zu Constantins Einkommen kaum gravierender als die Kosten, die in einem solchen Fall auf einen Fan zukommen. Sie können also nicht als Argument gelten, warum das Stadionverbot geringer ausfällt. Zudem würde ein Fan mit ziemlicher Sicherheit neben dem Stadionverbot auch noch ein Rayonverbot erhalten. Auch das scheint bei Constantin nicht der Fall zu sein.

Der Verband sieht das freilich ganz anders: «In der Urteilsbegründung hebt die DK (Anm. d. Red.: Disziplinarkommission) hervor, dass ein Klub-Präsident in erhöhtem Masse verpflichtet sei, sich vorbildlich für Fairplay und Respekt einzusetzen. Christian Constantin habe in diesem Fall diese Pflicht grob verletzt und damit die Werte des Fussballs diskreditiert. In ihrem Urteil berücksichtigt die DK zudem, dass in der Vergangenheit bereits ähnliche Disziplinarverfahren gegen Christian Constantin durchgeführt werden mussten.»

Eine grobe Verletzung führt also zu einem milderen Urteil. Damit offenbart der Verband, dass er Funktionäre anders behandelt, als er es von den Vereinen im Umgang mit den Fans verlangt. Das ist Gift für das Verhältnis zwischen Fans, Vereinen und Verband.

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9 Gedanken zu „CONSTANTIN ERHÄLT VORZUGSBEHANDLUNG

  1. Ich bin gar kein Fan von Constantin und das Urteil sehe ich auch als zu mild.
    Aber dass der Verfasser dieses Artikel als Vergleich die Strafen und Stadionverbote gegen Fans hier beizieht ist ja der Knaller schlechthin (und dann noch als unfair betitelt). Wenn man die Richtlinien gemäss Sanktionenkatalog wirklich anwenden würde und könnte, dann wären zig mal mehr Personen mit Strafen und Stadionverboten belegt. Constantin hat wenigstens noch genügend Eier und gibt es selbst zu, nicht wie all diese Chaoten welche sich vermummen und dann zu feige sind sich um den Schaden zu kümmern. Da braucht man nicht mal erwähnen, dass diese herzige Ohrfeige um einiges harmloser ist als die diversen anderen Straftaten von Chaoten.

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    • Lieber Markus

      Vielen Dank für deinen Kommentar. Unser Artikel vergleicht die verhängten Strafmasse von Fällen, deren Sachlage identisch ist. Es geht also um die Dauer von Stadionverboten, wenn diese tatsächlich ausgesprochen werden. Ob zusätzliche Stadionverbote nötig wären, ist nicht Teil des Artikels.

      Beste Grüsse,
      SENF-Kollektiv

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      • Hi Senf-Team

        Danke für das rasche Feedback.
        Auf welche identische Sachlage wird denn hier eingegangen? Ich glaube ja kaum dass irgend ein Fan jemals wegen einer Ohrfeige zu 100’000 CHF Strafe und 14 Monate Stadionverbot verdonnert wurde.
        Der Artikel zieht meiner Meinung nach zu sehr auf das Bild „armer Fan – böser Staat“, wobei hier der Begriff Fan nicht immer angebracht wäre. Würde einen Artikel begrüssen welcher das Thema auf beiden Seiten ein wenig kritischer betrachtet.
        Beste Grüsse,
        Markus

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        • Hallo Markus

          Mit der identischen Sachlage ist der „tätliche Angriff“ gemeint. Dass das Urteil eben nicht identisch ist, ist ja gerade unsere Aussage. Und den Staat wollten wir damit sowieso nicht ins Spiel bringen, es geht ja um den SFV. Natürlich betrachten wir das Thema aber immer von möglichst allen Seiten kritisch. Davon kannst du dich auch in unserer dritten Ausgabe überzeugen, die wir dem Thema Sicherheit gewidmet haben.

          Beste Grüsse,
          SENF-Kollektiv

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  2. Hi Senf-Team,
    Aber genau da fängt ja das Problem von eurem Artikel an. Ihr unterscheidet nicht um was für einen tätlichen Angriff es sich handelt und nutzt dieses Thema dazu das Spiel „armer Chaot – böser Staat/Polizei/SFV“ zu spielen. Es spielt ein grosse Rolle ob jemand eine Ohrfeige verteilt, mit dem Messer auf jemanden losgeht, die Knarre zeiht oder was auch immer.
    Ich bin weder auf der einen noch der anderen Seite, es enttäuscht mich aber wenn man dieses Thema dazu nutzt um die Chaoten als die armen hinzustellen.
    Das macht mich jetzt auch noch mehr skeptisch was eure nächste Ausgabe angeht.
    We will see.

    Grüsse,
    Markus

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    • Hallo Markus

      Es geht in unserem Artikel um das Urteil gegen Constantin. Dieser hat etwas getan, was gemäss den SFV-eigenen Richtlinien anders sanktioniert werden müsste, als es jetzt vom SFV selbst sanktioniert wurde. Damit verteidigen wir ganz sicher niemanden, der selber eine Tat begangen hat. Es läge uns aber auch fern, „Messer“ und „Knarren“ in die Diskussion aufzunehmen, weil das ein unseres Erachtens nicht beobachtbares Phänomen im Fussballumfeld ist.

      Beste Grüsse,
      SENF-Kollektiv

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      • Hi Senf-Team
        Jetzt widerspricht Ihr euch aber selbst. Schade, dass nur das rausgepickt wird was gerade so reinpasst und das andere totgeschwiegen wird.
        Somit positioniert sich das Magazin schon ziemlich auf eine Seite. Eigentlich schade, hätte ich doch gerade hier nicht eine subjektive Darstellung dieser Thematik erwartet.

        Grüsse,
        Markus

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  3. Hallo Markus

    Ein Artikel kann nie sämtliche Aspekte beinhalten. Es ging in diesem aktuellen Artikel nicht darum, einen Gesamtüberblick zu liefern. Es ging um das aktuelle Urteil, das aus unserer Sicht kein gutes Urteil ist.

    Wenn du dein Eindruck erhalten hast, wir würden etwas totschweigen, empfehlen wir die Lektüre unseres Sicherheit-Schwerpunktes. Und natürlich kannst du uns auch jederzeit unter info@senf.sg oder direkt an den Spielen kontaktieren.

    Beste Grüsse,
    SENF-Kollektiv

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  4. Lieber Herr Haltiner

    Was SENF zu Recht sagt: Ein Fan, der dabei erwischt wird, wie er einer anderen Person eine Ohrfeige gibt, muss durchaus mit 24 (statt 14) Monaten Stationverbot rechnen. In diesem Fall wird man sich nämlich strikt an die zitierte Regel halten – auch wenn die Strafe für eine solches Vergehen natürlich unverhältnismässig ist. Der Vorwurf ist also letztlich der, dass es für einen Präsidenten möglich ist, ein verhältnismässiges Urteil zu erlassen (das ist es nämlich durchaus), während ein Fan mit der Unverhältnismässigkeit und manchmal gar Willkürlichkeit von zwei- oder gar dreijährigen Stadionverboten einfach leben muss. (Womit nicht gesagt ist, dass Stadionverbote immer unangemessen sind. Ich bin klar nicht „gegen alle Stadionverbote“!)

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