Fans, Polizei und Vereine streiten sich in regelmässigen Abständen darüber, weshalb kritische Situationen anlässlich von Fussballspielen manchmal zur Eskalation führen. Der Schwarze Peter wird dabei gerne der jeweils anderen Partei zugeschoben. Der Berner Sportwissenschaftler Alain Brechbühl wollte es genauer wissen und hat zu diesem Zweck bereits wissenschaftliche Studien durchgeführt. Wir lassen ihn nach seinem ersten Beitrag aus dem Jahr 2014 und den mittlerweile aktualisierten Befunden noch einmal in einem Gastbeitrag zu Wort kommen.

Fanmarsch in Swansea

Fangewalt ist in der Schweiz ein medialer und politischer Dauerbrenner. Das verdeutlichen etwa politische Vorstösse wie das Hooligankonkordat oder die medialen Debatten um hohe Sicherheitskosten wie zuletzt nach den Ausschreitungen rund um das Spiel FCB-FCZ im April. In der Schweiz wird – wie jüngst im Jahresbericht des Bundesamtes für Polizei – die Wichtigkeit der Ultras bei der Auslösung von gewalttätigen Ausschreitungen hervorgehoben. Aktuelle Studien aus dem Ausland hingegen betonen die Interaktionen der involvierten Gruppen (zum Beispiel Fans und Polizei) als Ursache von Fangewalt. Ein Erklärungsansatz hierfür bietet das Elaborated Social Identity Model (ESIM) von Steve Reicher. Das ESIM besagt vereinfacht, dass jegliche Handlungen der gegenüberstehenden Gruppe stets interpretiert und bewertet werden. Werden etwa Handlungen der Polizei von den Fans als illegitim wahrgenommen, kann dies zu einer Vereinigung von friedlichen und gewaltbereiten Fans führen, so dass plötzlich der Grossteil der Fans ein gewalttätiges Handeln der Fans als gerechtfertigt empfindet.

Verschiedene Studien (zum Beispiel Stott, Hoggett, & Pearson, 2012) empfehlen entsprechend eine zurückhaltende Polizeitaktik, in der Ordnungsdienst-Einheiten im Hintergrund behalten werden, während an der Front vor allem kleinere, normal uniformierte Polizei-Teams arbeiten. Gemäss diesen vorliegenden Resultaten sind die Wahrnehmungen und Interpretationen der involvierten Personen essentiell für ein besseres Verständnis von Fangewalt. Bisher existierten jedoch nur Studien aus dem Ausland; und diese wurden mehrheitlich im Rahmen von Spielen der Nationalmannschaften durchgeführt. Aussagekräftige Studien aus dem zentraleuropäischen Klubfussball und mit Ultras fehlten hingegen bisher gänzlich. Die durchgeführte Studie beschäftigt sich deshalb unter anderem mit den Wahrnehmungen von kritischen Situationen rund um Spiele des BSC YB und des FCSG. Eine kritische Situation wurde dabei als ein Interessenskonflikt zwischen zwei gegenüberstehenden Gruppen (zum Beispiel Fans & Polizei/Sicherheitsdienst) definiert, bei welcher es unklar ist, ob die Situation in einer Eskalation endet oder nicht. In einer kritischen Situation wartete bspw. eine Gruppe Fussballfans bei der Eingangskontrolle innerhalb des Durchsuchungsbereichs auf ihre Kollegen, worauf plötzlich eine Gruppe aus Sicherheitsdienstmitarbeitern in voller Ausrüstung in den Bereich kam, um die Fans ins Stadion zu drängen. Konkret wurde den Fragen nachgegangen wie die involvierten Parteien eine solche kritische Situation wahrnahmen und wie sich kritische Situationen ohne eine Eskalation von solchen mit einer gewalttätigen Eskalation unterscheiden.

Für die Studie haben wurden insgesamt acht solcher kritischen Situationen aus der Saison 2012/13 untersucht.  Vier davon endeten in Gewalt. Zu allen acht Situationen haben wir verschiedene Personen befragt, um genauere Erkenntnisse zu erhalten. Dafür wurden total 59 Interviews mit 35 verschiedenen Personen geführt. Darunter waren Fans, Fanarbeiter, Polizisten und Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten.

Die interviewten Personen zeigten häufig gruppenspezifische Wahrnehmungen. Die Fans etwa hatten klare Vorstellungen bezüglich ihres eigenen Raums. Entsprechend dieser Vorstellungen wurde die Distanz zu der gegenüberstehenden Gruppe in zwei Fällen als ungenügend betrachtet, wohingegen die Polizei beziehungsweise die Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten diese als genügend bewerteten. Die fehlende Distanz wurde von den Fans als aggressives oder provokatives Handeln bewertet. Die Bewertungen der gegenüberstehenden Gruppe wurden jeweils mit (negativen) Beispielen aus der Vergangenheit belegt. Manche Fans, Polizisten und Sicherheitsangestellte neigten ebenso zur negativen Stereotypisierung der gegenüberstehenden Gruppe. So beschrieben etwa mehrere Polizisten und Sicherheitsangestellte die Fussballfans generell als gewaltsuchend und provokativ. Drei Fussballfans beschrieben die Polizei und Sicherheitsangestellten als ihr Feindbild. Auch das Äussere der gegenüberstehenden Gruppe floss in die Bewertung der Situation mit ein. Die Fans identifizierten die Ordnungsdienst-Montur (bestehend aus Körperpanzerung, Helm, Schild, etc.) als provokativ, wohingegen Polizei und Sicherheitsangestellte die Vermummung und Handschuhe der Fans als Symbol für Gewalt bezeichneten. Insbesondere die Fans bewerteten die Handlungen der gegenüberstehenden Gruppe kritisch, indem sie diese als legitim oder illegitim bezeichneten. Bei der Wahrnehmung von illegitimem Verhalten der gegenüberstehenden Gruppe wurden Bemühungen zur Selbstregulierung der kritischen Situation reduziert. Stattdessen wurde Verständnis für die Selbstverteidigung aggressiver Fans gezeigt. Für diese Bewertungen scheint auch die vorherrschende Fankultur von Relevanz.

Kritische Situationen blieben am ehesten friedlich, wenn ein informativer Dialog zwischen den Gruppen stattfand, der über die Ziele der aktuellen und zukünftigen Handlungen der beiden Gruppen informierte. Auch der Verzicht auf provokative Elemente (Ordnungsdienst-Montur, Vermummung) wirkte sich im Rahmen der acht Situationen positiv auf den Verlauf der Situation aus. Im Gegensatz dazu führte die Verhaftung eines Fans aufgrund von pyrotechnischem Material zu einer Eskalation. Auch hier scheint die vorherrschende Fankultur zentral: Die interviewten Fans messen der Verwendung von Pyro eine hohe Wichtigkeit bei. Des Weiteren versuchten einige Fans sich in der Rivalität mit anderen Gruppen als mächtig zu präsentieren. Dies zeigte sich insbesondere mit gegnerischen Fangruppen, wobei Provokationen zwischen den Fangruppen zu einer Eskalation führten.

Entsprechend unterstützt die durchgeführte Studie die bereits vorhandenen Resultate aus dem Ausland (zum Beispiel das ESIM): Basierend auf den Ergebnissen könnte empfohlen werden, die Ordnungsdienst-Einheiten im Hintergrund zu behalten und an der Front Dialogteams einzusetzen. Die Trennung der Fans sollte bestmöglich aufrechterhalten werden um Aufeinandertreffen zu verhindern, wobei hier infrastrukturelle Massnahmen zu bevorzugen wären. Ebenso sollte die Diskussion über Pyrotechnik vorangetrieben werden, da sich Verhaftungen aufgrund von Pyro als relevanter Punkt für Eskalationen zeigte in dieser Studie.

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