Die WM ist vorbei, jetzt gibt es endlich wieder mehr Itten und weniger Neymar. Ein Mitglied des Senf-Kollektivs rechnet mit dem sogenannten Weltfussball ab.

facepalm

Es ist nicht lange her, da schrieb ich in einem noch nicht veröffentlichten Text für SENF, es gebe wohl neben dem FC St.Gallen kaum einen Verein, dessen Fans regelmässig so froh über das Saisonende sein müssten. Endlich Pause, keine wöchentliche Niederlage mehr.

Ähnlich geht es mir bei der Weltmeisterschaft. Endlich ist sie fertig. Ich frage mich: Stelle ich – ein ausgesprochener Fan des Regionalfussballs – zu hohe Ansprüche an den Fussball? Warum bin ich zweimal nacheinander so froh über das Ende eines Anlasses? Mein persönliches WM-Fazit ist ernüchternd: Das war ja nicht auszuhalten. Ich will nicht noch mehr davon. Nicht noch mehr bedingungsloses Verteidigen, nicht noch mehr Simulieren, Rudelbildungen und Zeitspiel. Schön, fand die WM am Sonntag ihr Ende. Jetzt gibts wieder mehr Itten und weniger Neymar.

Ich wundere mich über die vielen Kommentare, die von einer hervorragenden WM sprechen. Der «Sonntagsblick» schrieb, die Fussballer hätten das schöne Spiel in Perfektion zelebriert. Andere meinten, die spielerische Klasse sei extrem hoch gewesen, jedes Spiel spannend, weil es heute keine Kleinen mehr gebe.

Ich bin da eher bei Oliver Kahn: Diese tiefstehenden Mannschaften, die von Beginn weg verteidigen, vielleicht mal ein Tor schiessen und dann noch mehr verteidigen, die sind nichts Neues. Die deutsche Torhüterlegende – als Kommentator vielen und auch mir sympathischer denn als Goalie – sah an der WM nichts, was er noch nie gesehen hat. Ich auch nicht. Aber vieles, das perfektioniert wurde.

Joga Bonito – spiele schön

Nehmen wir das Defensivspiel. Ich schicke vorweg: Meiner Meinung heiligt jedes faire, legitime Mittel an einer WM den Zweck. Ich nehme es den Teams nicht übel, wenn sie so spielen. Aber es ist nicht schön anzuschauen. Eines Gipfeltreffens der besten Spieler und Mannschaften der Welt geradezu unwürdig.

Ein amerikanischer Sportartikelhersteller warb einst mit dem Slogan «Joga Bonito», «spiele schön». Der Abgesang darauf ist an der WM um ein paar Strophen bereichert worden. Von Schweden etwa, einer biederen Mannschaft, an die sich kaum einer erinnern würde, hätte sie nicht (verdient!) die Schweiz rausgeworfen. Von Russland, das so den Viertelfinal erreicht hat. Vom Iran (zu dem ich Sympathien entwickelt habe), von Island, von Dänemark. Ein wenig auch von Weltmeister Frankreich.

Kommen wir zum Simulieren, den Rudelbildungen und dem Zeitspiel. Klar, auf Neymar wurde schon genug herumgehackt, aber er hat sich das auch redlich verdient. Doch er ist in guter Gesellschaft: Cristiano Ronaldo versuchte auf lächerliche Art, einen Penalty zu schinden. Griezmann holte im Final so den Freistoss heraus, der zum 1:0 führte.

Der Engländer Henderson bewarb sich während des Spiels gegen Kolumbien um eine Aufnahme an Schauspielschulen rund um die Welt. Dies in einem extrem überhitzten Spiel, weil die Kolumbianer alle zwei Minuten den Schiedsrichter in den Schwitzkasten genommen haben. Das Spiel hätte nicht zu Ende gespielt werden können, hätte der Unparteiische die Karten so verteilt, wie es im Regelbuch steht.

Endlich wieder Gurkenliga

Und dann das Zeitspiel. Bei Frankreich-Belgien wurde in den letzten 15 Minuten vielleicht noch drei Minuten Fussball gespielt. Kylian Mbappé soll der neue Star des Weltfussballs werden. Das Zeitspiel hat er auf jeden Fall schon mal drauf, das zeigte er eindrücklich. Einen solchen Weltfussball will ich nicht.

Ich bin froh startet nun wieder der Ligabetrieb. Nicht nur, weil ich bald kein Grillfleisch mehr sehen kann und nicht mehr jeden zweiten Tag wegen der Begleiterscheinungen des Fernsehfussballs einen Kater habe. Auch nicht, weil die Super League so viel schöneren Fussball bietet als die Weltmeisterschaft, zumindest Belgien und Kroatien haben uns ja schon ein wenig verwöhnt und ich bin jetzt noch mehr Fan von Kevin de Bruyne.

So überheblich, die Schweizer Liga damit zu vergleichen, bin ich nicht. Wir sprechen hier von einer Liga, die auf der Strasse gerne als Gurkenliga bezeichnet wird. Aber: Es ist die mir liebgewordene Gurkenliga. Ich habe mich an sie gewöhnt, an ihre Bodenständigkeit, an all ihre Schwächen. Ich habe sie nun mal gern. Ich sehe lieber Itten als Neymar.


SENF berichtet(e) umfassend von der WM 2018. Die Übersicht zu Berichten, Tickern und allem anderen gibts hier: http://senf.sg/senf-zur-wm-2018/


Sämtliche Artikel, Bilder, Ticker und sonstige Erzeugnisse, die wir bis Mitte Juli zu digitalem Papier gebracht haben, sind hier verlinkt. Natürlich informierten wir auch auf FacebookTwitter und Instagram unter dem Hashtag #SENFWM darüber.


19. Juli

Die WM ist vorbei, die Super League steht vor der Tür. Endlich wieder mehr Itten und weniger Neymar.


18. Juli

Der Videoschiri soll mehr Fairness bringen. Das klappt nicht immer, wie wir hier ausführen.


3. Juli

Nach Openair-bedingter Pause kehrt SENF heute ins Turnier zurück. Schafft die Schweiz die Viertelfinalqualifikation? R.S. und R.S. tickern live.


27. Juni

Im letzten Gruppenspiel kann die Schweiz den Achtelfinaleinzug sicherstellen. Gelingt das? SENF tickert live.


22. Juni

Die Schweiz trifft im zweiten Gruppenspiel auf Serbien. Auf dem Weg Richtung Achtelfinal ist das Spiel von grosser Bedeutung. SENF tickert live vom Public Viewing des serbischen Kulturvereins Sveti Sava in Altstätten.


19. Juni

Wir unterbrechen die WM-Berichterstattung für eine Eilmeldung: Der FC St.Gallen ist morgen nach fünf Jahren wieder einmal Teil einer Europa League-Auslosung. Das Prozedere ist leicht verwirrlich, deshalb haben wir es hier erklärt.


17. Juni

R.S. und R.S. tickern den Auftakt der Schweiz gegen Brasilien live.


14. Juni

Die WM geht los. Das heisst nicht nur einen Monat lang Fussball schauen, das heisst auch: Einen Monat lang WM-Songs ertragen. Wir haben reingehört, damit ihr nicht müsst.


13. Juni

Nur noch einmal schlafen, dann startet die Weltmeisterschaft. Höchste Zeit, die Tipps für die ersten Spiele abzugeben. Wer beim SRF-Tippspiel mitmacht, kann gerne unserer Tippgruppe namens SENF beitreten.


12. Juni

Vor einer WM erscheinen unzählige Berichte, Bilder, Videos und vieles mehr. Wenig davon ist so gut wie dieser Kurzfilm.

12. Juni

Die Karpatenukraine ging als Sieger vom Platz und darf sich Weltmeister nennen. Conifa-Weltmeister zumindest. In der Heimat drohen derweil unangenehme Fragen wegen angeblicher separationistischer Handlungen. Unser Bericht vom Finaltag der WM für Fussballhipster ist hier zu lesen.

7. Juni

Die Halbfinals sind gespielt. Nordzypern schlägt Padania mit 3:2, die Karpatenukraine schlägt Szeklerland 4:2. Am Samstag machen folglich Nordzypern und die Karpatenukraine den Weltmeistertitel unter sich aus. Die Begegnung verspricht spannend zu werden. In der Gruppenphase trennten sich die zwei Teams 1:1. Padania und Szeklerland machen Platz 3 aus. In der Gruppenphase gewann Padania dieses Spiel mit 3:1. Auch im Spiel um Platz 3 dürften sie leicht favorisiert sein. SENF wird von beiden Partien berichten. Als einziges Schweizer Medienhaus berichten wir vor Ort von beiden WM-Finals diesen Sommer. Wir tun das am schnellsten und mit Bildern auf unserem nagelneuen Instagram-Kanal.


5. Juni

In den Viertelfinalspielen der Conifa-WM setzten sich Nordzypern gegen Barawa, Padania gegen Punjab, die Karpatenukraine gegen Cascadia und Szeklerland gegen Westarmenien durch. In den Halbfinals trifft Nordzypern auf Padania und die Karpatenukraine auf Szeklerland. Die Spiele finden am 7. Juni statt.

Dass Barawa überhaupt in die Viertelfinals vorstossen konnte, sorgte für ordentlich Zündstoff. Barawa soll einen Spieler nach dem ersten Spiel nachgemeldet haben. Ellan Vannin, das Team von der Isle of Man, das in der Vorrunde nur knapp gescheitert war, legte Protest ein. Die Conifa lehnte diesen ab. Sehr zum Unbill von Ellan Vannin:

Die Mannschaft verzichtete in der Folge sogar auf die Platzierungsspiele, die sie noch hätten spielen sollen. In der Zwischenzeit soll aber ein gutes Treffen mit dem Präsidenten der Conifa, dem ehemaligen Schiedsrichter Per-Anders Blind, stattgefunden haben:


5. Juni

Schon bevor in Russland der erste Pfiff ertönt, werden in London WM-Viertelfinals gespielt. Die von der Fifa nicht anerkannten Teams treten zur Conifa-WM an. Wir waren vor Ort: Die WM für Fussballhipster

 


Der Video Assistant Referee (VAR), der sogenannte Videoschiri, soll mehr Fairness bringen. Das klappt nicht immer. Die Diskussionen halten an.

Die Videoschiris bei der Arbeit. (Bild: Screenshot FIFA TV)

Auch im letzten Spiel der Weltmeisterschaft kam er wieder zum Einsatz, der Video Assistant Referee (VAR). Der «Videoschiri», wie er im Volksmund genannt wird, wies den eigentlichen Schiedsrichter Néstor Pitana darauf hin, dass der Kroate Ivan Perišić im eigenen Sechzehner die Hand zur Hillfe nahm. Pitana konsultierte die Fernsehbilder und entschied auf Penalty. Eine übersehene Regelübertretung wird nachträglich geahndet. Ein Einschreiten des Videoschiris hat einen Fehler korrigiert.

Was allerdings für Verwirrung sorgen kann, ist die Frage, wann er überhaupt eingreifen darf. Blenden wir zurück: In der 19. Minute geht Frankreich in Führung. Nach einem Freistoss, der nicht gegeben hätte werden dürfen. Antoine Griezmann liess sich ohne Fremdeinwirkung fallen, Schiri Pitana hatte aber ein Foul gesehen.

Der Videoschiri konnte hier nicht eingreifen. Er darf das nur unter gewissen Umständen: bei Toren, Penaltyentscheidungen, möglichen roten Karten und Spielerverwechslungen. Hätte in der 34. Minute bei Perišićs Handspiel nicht der Videoschiri eingegriffen, so hätte man vermutlich von ausgleichender Gerechtigkeit gesprochen.

Natürlich ist es legitim, nicht eine Fehlentscheidung durch eine zweite ausgleichen zu wollen. Es ist sogar wünschenwert, das nicht zu tun. Insofern ist das erwähnte Beispiel für sich alleine kein stichhaltiger Grund gegen den Videoschiri. Besser illustriert das Spiel Iran-Portugal das Problem. Die zahllosen Unterbrechungen vergrösserten den Spass am Fussballschauen ohnehin nicht. Wenn dann die Entscheidungen gar nach der Konsultation der Fernsehbilder strittig bleiben, verfehlt das neue Instrument den Zweck sowieso.

Dass auch ein Videoschiri nicht für die völlige Gerechtigkeit besorgt sein kann, zeigt ironischerweise aber ein Schiri am besten. Der Schweizer Spielleiter Sascha Amhof wurde im SRF jeweils zu strittigen Szenen befragt. Beim Spiel Argentinien-Island kam es zu einer kontroversen Penaltysituation. Dazu sagte Amhof: «Unter dem Strich ist es für mich ein Penalty.» Ein Skandal sei es aber nicht, dass der Schiri diesen nicht gepfiffen hätte. «Das ist der Grund, weshalb der VAR nicht eingegriffen hat, weils nicht skandalös falsch ist.»

Zusammengefasst: Eigentlich wärs Penalty, aber so schlimm war das Foul dann doch nicht. Deshalb kann man weiterspielen lassen. Das ist Schwachsinn. Es gibt nur «Foul» und «kein Foul». Ein «bisschen Foul» gibts nicht. Absurder ist da höchstens noch die Frage von Amhof, was denn hier die Realität sei, die Originalgeschwindigkeit oder die Slow-Motion.

Die Diskussionen über den Videoschiri werden so schnell nicht enden, auch im SENF-Kollektiv herrscht keine Einigkeit. Vielleicht ist aber gerade das das Schöne am Video-Schiri: Trotz vermeintlicher Objektivität kann man immer noch trefflich diskutieren.


SENF berichtet umfassend von der WM 2018. Die Übersicht zu Berichten, Tickern und allem anderen gibts immer hier: http://senf.sg/senf-zur-wm-2018/


Es ist vor jeder WM das gleiche Phänomen: Die halbe Musikwelt veröffentlicht einen Song, um auf der medialen Euphorie mitzureiten, die das grösste Fussballturnier alle vier Jahre aufs Neue erzeugt. Schön anzuhören ist das selten. Wir haben es getan, damit ihr es nicht tun müsst.

Eine WM bringt immer allerlei Begleiterscheinungen mit sich, insbesondere musikalischer Art. Schon vor vier Jahren hatten wir festgestellt, dass dabei oft gesangliche Blutgrätschen herauskommen. Zum Beispiel vor der WM 1994, als Alain Sutter sogar die Gitarre zur Hand nahm. Getönt hat das damals so (Reinhören auf eigene Gefahr).

2018 ist es leider nur bedingt besser. Der SFV hat sich mit dem offiziellen Schweizer WM-Song gleich mal richtig schön in die Nesseln gesetzt. Bei Watson war zum Beispiel zu lesen: «Auffallend: Beim knapp vierminütigen Stück geht es nicht einmal um Fussball. Der Text – hauptsächlich in englischer und spanischer Sprache verfasst – dreht sich um Partys, um Frauen im Bikini und um Alkohol.» Wer sich den Song dennoch antun will:

Die Tageswoche hat vorsorglich schon mal einen alternativen Song gefunden, der dann natürlich aus Basel kommt:

Laut Selbstbeschreibung handelt es sich um ein Plädoyer dafür, dass «Ohrwurm-Elemente und halbwegs reflektierte (oder augenzwinkernde) Lyrics durchaus Hand in Hand gehen dürfen». Kann man durchaus so sehen.

Auch SRF3 präsentiert eine Alternative.  Damian Lynn sorgt mit seinem offiziellen SRF-WM-Song dafür, dass Leutschenbach bereits seit Mitte Mai für die WM brennt. In Chur bedient man sich derweil der gängigen Russland-Klischees in Verbindung mit ein wenig Fussball-Enthusiasmus. Angesicht solcher musikalischen Ergüsse möchte man nicht nur eine Rakete ins All schiessen.

Natürlich sind mehr oder weniger misslungene WM-Songs aber keine Schweizer Eigenheit. Der Blog Football and Music hat eine riesige Liste zusammengetragen. Wer sich durchklickt, stellt schnell fest: So schlecht der offizielle Schweizer WM-Song sein mag, er tanzt nicht unbedingt aus der Reihe. «Live it up» zum Beispiel, der offizielle WM-Song, «has nothing to do with football».

Wir sind gespannt, welcher Song aus der grossen Auswahl dieses Jahr zum beliebtesten WM-Song wird. Wir befürchten allerdings, dass wir auch 2018 wieder Baschi dabei helfen müssen, irgendwas nach Hause zu bringen. Der «Torwurm» (Zwölf) ist einfach nicht totzukriegen.

Mehr zum Thema Fussball und Musik gibt’s dann übrigens im SENF #10, der im August erscheint.


SENF berichtet umfassend von der WM 2018. Die Übersicht zu Berichten, Tickern und allem anderen gibts immer hier: http://senf.sg/senf-zur-wm-2018/


Die Karpatenukraine wird Weltmeister und muss sich bei der Heimkehr wohl unangenehmen Fragen stellen. Auch das zeigt, wie viel den Teams der Conifa an der Teilnahme an der etwas anderen Fussball-Weltmeisterschaft liegt.

Karpatenukraine feiert

Die Karpatenukraine feiert den Conifa-WM-Titel (Bild: Con Chronis/Conifa)

Der Lärm ist ohrenbetäubend. Die britische Luftwaffe fliegt über die Londoner Innenstadt und malt weisse, rote sowie blaue Linien in die Luft. Die Queen hat Geburtstag. Oder besser gesagt: Sie feiert Geburtstag. Denn eigentlich wurde sie schon im April 92 Jahre alt. Die Feierlichkeiten finden traditionsgemäss jedoch am zweiten Samstag im Juni statt. So auch an diesem 9. Juni.

Königin Elizabeth spielt auch nördlich der Innenstadt eine tragende Rolle. Im Londoner Quartier Enfield findet das Finale der WM für Fussballhipster statt. Das Stadion des gastgebenden Enfield Town FC trägt seit 1977 den Namen «Queen Elizabeth II Stadium». Trotz dieses royalen Touchs, bleibt der Finaltag der Conifa-WM von pompösem Gehabe verschont.

Wenig Luft nach langem Turnier

Auf dem Platz duellieren sich zuerst Szeklerland und Padania um den dritten Platz. Letztere konnten die gleiche Begegnung in der Gruppenphase für sich entscheiden, starten aber mit Problemen in die Partie. Szeklerland, das Team der ungarischen Minderheit in Rumänien, startet temporeich ins Spiel. Die Norditaliener von Padania schaffen es nur mit langen Bällen, sich aus der eigenen Hälfte zu befreien. Dabei fällt vor allem Marius Stankevičius auf. Der Verteidiger verteilt die Bälle derart gut, dass Padania trotz des Drucks von Szeklerland ab und an gefährlich wird.

Wenig überraschend können die Ungarn das Tempo nicht halten. Gegen Ende der ersten Halbzeit kommt Padania immer besser ins Spiel. Auch in Halbzeit Zwei machen sie zu Beginn den besseren Eindruck. Schon nach 60 Minuten scheint bei beiden Teams aber die Luft draussen. Die Folgen der vielen Spiele innert kürzester Zeit – es ist das sechste Spiel in zehn Tagen – sind offensichtlich. Schnell wird klar: Nur eine Standardsituation oder der Zufall können dieses Spiel entscheiden. Es kommt nicht dazu. Ohne Verlängerung geht es direkt zum Penaltyschiessen, das Padania für sich entscheidet.

Viele Zuschauer beim Final

Schon beim Spiel um Platz 3 waren die Plätze rund ums Spielfeld gut belegt. Nun strömen noch mehr Leute ins Stadion. So viele, dass der Anpfiff des Finals um eine halbe Stunde zurückverlegt wird. In diesem Final trifft die Karpatenukraine auf Nordzypern. Bei Ersteren handelt es sich ebenfalls um eine ungarische Minderheit, in der namensgebenden Ukraine. Die Fans von Szeklerland bleiben deshalb gleich vor Ort und unterstützen auch das zweite ungarische Team lautstark und farbenfroh. Auf der anderen Seite steht mit Nordzypern ein Staat, der nur von der Türkei anerkannt wird. Die Unterstützung in Nordlondon für das Team ist gross. Auch für dieses Team werden Flaggen gehisst, Lieder gesungen und Fackeln gezündet.

Nordzypern (in weiss) trifft im Conifa-WM-Final auf die Karpatenukraine (Bild: Con Chronis/Conifa)

Das Spiel wirkt von Anfang an deutlich intensiver, die Mannschaften physisch stärker als noch beim kleinen Final. Wenn die Wogen aber zu hoch gehen, holt Schiedsrichter Mark Clattenburg die Spieler schnell auf den Boden zurück. Clattenburg, der noch vor zwei Jahren den Final der Champions League pfiff, konnte dank des Hauptsponsors verpflichtet werden. Diesem verdankt das Turnier im Übrigen auch den eigenen WM-Song von Right Said Fred, der mit einigen Anspielungen aufwartet.

Auf dem Platz bleibt die Forderung der Band, das Haus abzureissen, unerfüllt. Der Sportjournalist im Zuschauer denkt in Plattitüden wie «neutralisieren» und «abstasten». Es fesselt wenig, dieses Spiel. Auch die Fans können sich mit anderem beschäftigen und deshalb zeigt sich, dass hier eher eine Diaspora vor Ort ist als mitgereiste Fans. Die Ungarn singen in perfektem Englisch die unter englischen Fans bekannten Lieder «Don’t take me home» und «Your support is fucking shit». Auch bei den nordzypriotischen Fans ist Cockney-Slang in Reinform zu hören.

Karpatenukraine wird Weltmeister

Dass das Spiel nicht fesselt, zeigt sich auch zehn Minuten vor Schluss, als Regen einsetzt. Etliche Zuschauer verlassen das Stadion, trotz WM-Final. Gekommen war man wegen des exotischen Faktors, wirklich interessiert sind dann doch nicht alle. Wer bleibt, sieht die Karpatenukraine im unausweichlichen Penaltyschiessen gewinnen. Das Team, das nur wegen des Rückzugs von Féldivek, eines anderen Teams einer ungarischen Minderheit, überhaupt dabei war, kann den Pokal in die Luft stemmen.

Im strömenden Regen feierte die Karpatenukraine ihren Titel weiter, zusammen mit den Fans, «deren farbenvolle Fackeln dem Spiel eine einzigartige Atmosphäre verliehen hatten», wie die Organisatoren in einem Fazit zum Finaltag sagten. Auch zum ganzen Turnier fällt das Fazit ausgesprochen positiv aus. Sascha Düerkop, Generalsekretär der Conifa, sagt: «Wir waren sehr positiv überrascht von den Zuschauerzahlen und dem überragenden Feedback, welches wir von Medien und Zuschauern aus aller Welt bekommen haben.» Noch nie sei man so sehr im Fokus der Weltöffentlichkeit gestanden.

Ukrainische Regierung ist nicht erfreut

Im Fokus zu stehen bringt indes auch Nachteile, wie sich drei Tage nach dem letzten Pfiff zeigt. Die Spieler der Gewinnermannschaft dürfen sich auf unangenehme Fragen der ukrainischen Regierung gefasst machen.  Dass das Team separatistische Propaganda machen würde, scheint indes in der Tat schwer zu glauben. Und selbst wenn sie es wollten, würden es die Veranstalter nicht zulassen. «Über die Hymne und Flagge hinaus ist jede Botschaft hier strikt verboten», sagt Düerkop. «Wir haben kein Interesse daran politische Spannungen zu erzeugen. Wir zielen vielmehr darauf ab, alle Menschen zusammenzubringen und durch den Fußball zu vereinen.»

Das sei denn auch ausgezeichnet gelungen. «Politische» Aufreger blieben aus. Die Fans hätten sich vorbildlich verhalten, aber «auch abseits des grünen Rasens haben sich die Mannschaften super verstanden, Freundschaften gebildet und sich gegenseitig durchgehend unterstützt». Düerkop wählt grosse Worte, um das zu beschreiben: «Wir haben ein grosses Fussballfestival erlebt, einen Karneval der Kulturen auf und neben dem Rasen, und sind mit Liebe überschüttet worden.»

Ellan Vannin wird ausgeschlossen

Diesem Fazit vermutlich nicht zustimmen, werden die Vertreter von Ellan Vannin. Das Team der Isle of Man hatte sich zurückgezogen, nachdem ihr Protest gegen einen nachgemeldeten Spieler im Team von Barawa nicht erfolgreich war. Man mag geteilter Meinung sein, ob die Conifa sich selber einen Gefallen tat, dem Team von Barawa eine Nachmeldung für das zweite und dritte Gruppenspiel zu erlauben. Die Umstände bei den Teams, die oft mit Visa-Problemen kämpfen, bedürfen einer pragmatischen Handhabung. Die Fairness gegenüber allen Teams bedarf trotzdem gewisser Regeln. Dass sich der Verband von Ellan Vannin nach einem unliebsamen Entscheid einfach zurückzieht, ist indes sicher die falsche Lösung. Dass die Conifa nun gleich einen Ausschluss Ellan Vannins in die Wege leitet, dürfte aber auch kaum zur Beruhigung und Problemlösung beitragen. Das letzte Wort hat die Generalversammlung aller beteiligten Verbände.

Der Rückzug von Ellan Vannin und der nachfolgende Ausschluss aus der Conifa ist vor allem zu bedauern, weil bei diesem Turnier die sonst so oft missbrauchte Phrase «Dabei sein ist alles» eben für viele tatsächlich zutraf. Um das zu belegen, braucht es nur einen kurzen Blick auf das Team von Matabeleland. Trotz Platz 13 von 16, das Turnier war ein Erfolg. Davon zeugt der Kurzfilm von Joel Rookwood genauso wie dieser Tweet des Trainers Justin Walley.


SENF berichtet umfassend von der WM 2018. Die Übersicht zu Berichten, Tickern und allem anderen gibts immer hier: http://senf.sg/senf-zur-wm-2018/