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Während vergangenen Mittwochabend bereits die ersten Openair-Enthusiasten auf den Einlass ins Gelände warteten, fand im Tagblatt-Mediencenter eine Informationsveranstaltung zu den Fragetechniken der St.Galler Staatsanwaltschaft statt. SENF liess sich diesen Einblick in die Methodik der Staatsanwaltschaft nicht entgehen und gibt dir an dieser Stelle Tipps, wie man sich am besten gegen diese Fragen wappnet.

Rund 20 Journalistinnen und Journalisten folgten der Einladung des Recherchenetzwerks investigativ.ch und fanden sich am frühen Abend im St.Galler Westen ein, um von den Befragungstechniken der St.Galler Staatsanwaltschaft für die eigene journalistische Tätigkeit zu profitieren. Die Absichten der beiden Vertreter des SENF waren dabei weniger von journalistischer, sondern viel mehr von rein praktischer Natur: Wie soll man sich am besten verhalten, wenn man zum «Gespräch» mit dem Staatsanwalt oder der Polizei aufgeboten wird?

Sicherheit

Grundsätzlich einmal lässt sich festhalten, dass es im ersten Moment sinnvoll ist, vom Aussageverweigerungsrecht Gebrauch zu machen. Dies bedeutet konkret, dass du als Schweizer Bürger lediglich deine Personalien in Form von Name, Vorname, Geburtsdatum, Adresse, Heimatort sowie – sofern du noch nicht 18 Jahre alt bist – die Namen deiner Eltern angeben musst. Sämtliche weiteren Angaben wie dein Arbeitgeber, Hobbies und die Namen deiner Freunde und Bekannten können im weiteren Verlauf eines allfälligen Strafverfahrens gegen dich verwendet werden. Deshalb gilt: Verweigere am besten sämtliche weiteren Aussagen mit dem Satz «Ich verweigere die Aussage» oder «Ich habe nichts zu sagen» – dies zumindest bis du einen Anwalt zur Seite hast.

Falls du dich dennoch dazu entschliesst mit dem Staatsanwalt zu sprechen, erfährst du unten wie das Gespräch abläuft und du dich dabei am besten anstellst:

> Sobald du beginnst zu sprechen, begibst du dich in den sogenannten Befragungstrichter: Zu Beginn wirst du aufgefordert in einem möglichst offenen Bericht so umfassend wie möglich zum Befragungsgegenstand zu berichten. Hier gilt: Erzähle dem Staatsanwalt ausführlich von deinen Hunden und wie gerne du mit ihnen spazieren gehst und betone dabei mehrfach weshalb das Ganze für den Gegenstand der Befragung so eminent wichtig ist. Keine Angst: Er wird dir gerne zuhören – schliesslich will er etwas von dir und nicht umgekehrt!

> Pass dabei vor komplexen Aussagestrukturen und möglichen Widersprüchen auf – diese können dir im weiteren Verlauf der Befragung zum Verhängnis werden. Bilde einfache, verständliche Sätze und nimm Rücksicht auf dein gestresstes Gegenüber.

> Als nächstes wird deine Erzählung auf mögliche Widersprüche hin geprüft, wobei sämtliche erklärungsbedürftigen Aussagen mit einem «Wieso» hinterfragt werden. Weiter wird versucht mittels gezielter Nachfragen die sieben W-Fragen (Wer?, Wann?, Wo?, Was?, Wie?, Warum?, Wozu?) beantwortet zu bekommen, die du während deiner freien Erzählung natürlich ausgelassen hast.

> Nachdem versucht wurde, möglichst viel in Erfahrung zu bringen, wird wiederum versucht, auf deine Ankerangaben (also diejenigen Angaben, die sich überprüfen lassen) einzugehen. Dies um allfällige Widersprüche aufzudecken. Dankenswerterweise sind Widersprüche schwieriger aufzudecken, wenn sie schwierig zu überprüfen sind: «Meine Hunde? Die habe ich von einem Freund, der gerade nach Kolumbien ausgewandert ist.»

> Danach wird der Staatsanwalt versuchen, mittels gezielter Fragen die für ihn weiteren noch notwendigen Details zu erfahren. Er wird dabei zusehendes auf das Muster «Eine Frage – Eine Antwort» zurückgreifen. Wenn du dich bis an diesen Punkt des Trichters durchgekämpft hast, dann ist es wichtig, dass du bei deiner Geschichte bleibst, und diese bis zum Schluss beibehältst. Wenn du jetzt beginnst, bei bestimmten Fragen die Aussage zu verweigern, machst du dich verdächtig, musst dich noch einmal durch den Trichter kämpfen und darfst dem netten Herrn im Staatsdienst deine Geschichte noch einmal erzählen.

> Wie du vielleicht festgestellt hast, ist dieser Trichter nicht ganz ohne Tücken. Falls du dieses langwierige Prozedere also dennoch auf dich nehmen möchstet und der Staatsanwalt in deiner Geschichte keine Widersprüche finden kann: Gratulation – Du hast es (schadlos) durch den Befragungstrichter geschafft!

Für all diejenigen, welche es sich nicht zumuten wollen durch den – übrigens hier einsehbaren – Befragungstrichter zu kämpfen, empfiehlt es sich vom Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch zu machen und den Anwalt sprechen zu lassen. Schliesslich heisst es nicht umsonst: «Reden ist Silber, Schweigen ist Gold».


Alles weitere zum Thema Fussball und Sicherheit erfährst du im neuen SENF #04 «Sicher isch Sicher». Im Ende Juli erscheinenden Heft findest du beispielsweise ein ausführliches Interview mit dem ersten Staatsanwalt Thomas Hansjakob oder einen möglichen Lösungsweg, um aus der Repressionsspirale auszubrechen. Natürlich wird die vierte Ausgabe wiederum mit einem gebührenden Release-Anlass gefeiert: Dieser findet am 30. Juli im Fanlokal statt. Das ist jedoch auch das einzige, was der Release der vierten Ausgabe mit den bisherigen Anlässen gemeinsam hat – soviel isch sicher!


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Mit seinem Lieblingsklub durch Europa reisen: Für viele Fans wurde dieser Traum im letzten Halbjahr Wirklichkeit. Für Christoph Ziegler ebenfalls, wenn auch auf eine ganze besondere Art und Weise. Unverhofft wurde er zum EL-Mannschaftskoch und reiste an alle vier Auswärtsspiele mit der Mannschaft mit. SENF hat sich mit ihm getroffen und über seine Erfahrungen gesprochen.

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«Ich bin ein Espenmoos-Kind», stellt Christoph Ziegler gleich zu Beginn klar. Fast klingt es ein wenig nach Entschuldigung, dass er die EL-Spiele nicht zusammen mit den anderen Fans erleben konnte, sondern vom VIP-Bereich aus. Oder nach Rechtfertigung, schon ein richtiger Fan zu sein. Beides ist aber nicht nötig. Im Gespräch mit ihm, der seine ersten Spiele bereits Ende der 70er-, anfangs der 80er-Jahre erlebt hat, merkt man schnell, dass er durch und durch Fan ist. Die Eindrücke in den VIP-Räumen der Stadien seien zwar interessant gewesen, aber er hätte dann eben doch lieber Bier statt edlen Weisswein getrunken. Und so eindrücklich die schon von Jeff Saibene erwähnte «Schlange» an Fans war, die in Swansea am Car vorbeizog, er wäre lieber in der Masse gewesen.

Interessant waren für ihn jedoch nicht nur die VIP-Räume, sondern vor allem die internationalen Gepflogenheiten in Grossküchen. Christoph Ziegler hat mit dem Restaurant Wildegg früher sein eigenes Restaurant geführt und arbeitet heute im Restaurant Öchsli in Herisau. Er machte sich also mit viel Erfahrung im Gastgewerbe aber null Erfahrung im Bekochen einer Fussballmannschaft auf den Weg nach Moskau. Bei seinem ersten Einsatz hatte er dann auch ein wenig Glück. Der Küchenchef im Sheraton in Moskau konnte auf Schweizer Küchenerfahrung zurückgreifen und sprach daher Deutsch. Der Einstand gelang. Und weil die Mannschaft offenbar so gut verpflegt war, dass sie Spartak Moskau vom Platz fegte, kam Christoph in den Genuss einer Siegesfeier auf russischem Boden. Mit dem Klub an der Bar und später, als alle in den Zimmern waren, mit Fans im Hotel nebenan.

Zum temporären Job als Mannschaftskoch kam er, weil Dölf Früh seine Kochkünste im Restaurant Wildegg öfters getestet hatte. Den restlichen Staff und die Mannschaft konnte er offenbar auch überzeugen. Noch auf dem Nachhauseweg aus Moskau wurde besiegelt, dass er auch an den drei folgenden Spielen mit von der Partie sein sollte. Das war dann aber auch gleichbedeutend mit noch drei Mal Suppe, Salatbuffet, Pouletbrust, Tomatenspaghetti, Früchte. Nicht gerade abwechslungsreich, was Christoph Ziegler der Mannschaft zuzubereiten hatte. Für die persönliche Kreativität war sowieso kein Platz, der Menüplan war vorgegeben. Und handwerklich stellte dieser den Koch kaum vor Probleme. Wären da nicht die Eigenheiten vor Ort, die auch an ihm hängen blieben. Am meisten zu improvisieren hatte er in Krasnodar. Hier musste er sich mit Händen und Füssen verständigen. Wenn das nicht funktionierte, griff Christoph Ziegler zum Smartphone und liess sich übersetzen, wonach er gerade auf der Suche war. «Weil mir aber dann natürlich auch niemand ausführlich Auskunft geben konnte, wurden immer fünf Finger hochgehalten. Alles hat immer fünf Minuten gedauert.»

Man merkt Christoph Ziegler an, wie gerne er diese Aufgabe für den FCSG erledigt hat. Man merkt auch, wie ein bisschen Stolz mit schwingt, dass alles reibungslos geklappt hat. Zumindest in seinem Einflussbereich. Dass die ganze Mannschaft inklusive Staff nach der Landung in Krasnodar eine Stunde im Flieger warten musste, bis dann endlich mal jemand eine Gangway herangeschafft hatte, dafür konnte wohl niemand etwas. Ebenso wenig wie für die wenig geniessbaren Wurst-Sandwiches im Stadion. Wer im Charterflug des DV1879 nach Krasnodar geflogen ist, kann sich vermutlich vorstellen, wie das ausgesehen und geschmeckt haben muss. Und weil für ihn als EL-Neuling alles so gut geklappt hat, wars ihm dann auch egal, wenn Sascha Ruefer meinte, bei der Nationalmannschaft sei das dann schon alles noch etwas professioneller.


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Nicht immer enden kritische Situationen rund um Fussballspiele in Gewalt, oft können Spannungen rechtzeitig abgebaut werden. Doch wie entsteht der sprichwörtliche Funke, der zur Explosion führt? Dieser Frage geht Alain Brechbühl von der Universität Bern in der Studie «Dynamik der Gewalteskalation am Beispiel des Fussballstadions» nach. Ein Gastbeitrag.

Zuschauergewalt bei Fussballspielen ist in der Schweiz ein aktuelles Thema, wie Debatten um Massnahmen zur Prävention von Fussball-Krawallen zeigen. Zentral waren dabei sicherlich die Diskussionen rund um das neue Hooligan Konkordat. Während in anderen Ländern bereits verschiedene Studien durchgeführt wurden (bspw. in Schweden, siehe Hylander & Granström, 2010), existiert in der Schweiz aber kaum Forschung darüber, was für Faktoren verantwortlich sind, dass es zu einer Eskalation kommt oder eben nicht. Insbesondere die Standpunkte der involvierten Personengruppen, nämlich Fans, Polizisten und Sicherheitskräfte, sind dafür von zentraler Bedeutung. Ein Forschungsprojekt der Universität Bern beschäftigt sich deshalb mit der Frage, wie einzelne Vertreter dieser Gruppen eine kritische Situation wahrnehmen. Als kritisch gelten Situationen, die sich durch eine gewisse Spannung zwischen zwei Gruppen auszeichnen und möglicherweise in Gewalt enden können.

Das Projekt startete in der Saison 2012/2013, wo total acht kritische Situationen bei Spielen zweier Teams der Raiffeisen Super League gesammelt werden konnten, in welchen ein möglicher Ausgang in einer Eskalation denkbar war. Bei vier Situationen endete die Situation in Gewalt. Es wurden total 59 Interviews mit Fussballfans, Polizisten und Sicherheitspersonal durchgeführt, um genauere Erkenntnisse über die kritischen Situationen zu erheben. Die erste Hälfte der Interviews ist mittlerweile ausgewertet und erste Zwischenergebnisse stehen fest.

Ergebnisse:
1) Die Wahrnehmungen der drei Gruppen können nur zum Teil in Übereinstimmung gebracht werden. Dies wird beispielsweise im Empfinden deutlich, was eine angemessene räumliche Distanz ist oder dabei, was als bedrohlich wahrgenommen wird und was nicht (für Fans die OD-Ausrüstung von Sicherheitskräften/Polizei bzw. für Polizisten/Sicherheitskräfte die Vermummung der Fans). Bei den befragten Personen herrschte eine Tendenz zur Stereotypisierung: Personen der gegenüberstehenden Gruppe werden dabei nicht individuell, sondern als relativ einheitliche Masse betrachtet. Dies obwohl innerhalb der genannten Gruppen eine grosse Bandbreite an unterschiedlichen Verhaltensweisen zu beobachten ist. Es zeigte sich eine ausgeprägte Sensibilität für vermutetes Unrecht, wonach die Handlungen der anderen involvierten Personengruppen beurteilt werden.

2) Als relevante Faktoren für gewaltfreie Lösungen konnten somit eine klare und direkte Kommunikation sowie genügend räumliche Distanz zwischen den Gruppen festgestellt werden. Zudem sollten beide Seiten auf sichtbare provokative Elemente verzichten.

3) Die bisherigen Ergebnisse sprechen dafür Stereotypisierungen zu vermeiden. Es ist darauf hinzuarbeiten, dass zwischen den Gruppen eine direkte Kommunikation stattfindet. Hierzu ist zu klären, welche Personen in den unterschiedlichen Situationen den grösstmöglichen Einfluss haben. Mit solch einer direkten Kommunikation lässt sich sicherstellen, dass die Verhaltensweisen in unterschiedlichen Situationen als legitim betrachtet werden können, was letztlich zu einer Beruhigung der Situation beitragen kann.

Plakativ liessen sich die Ergebnisse mit folgendem Aufruf zusammenfassen: «Steht euch nicht auf die Füsse, aber sprecht miteinander!»

Fanmarsch in Swansea