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Felix Lauffer – FCSG-Fan auf der Gegentribüne – hat sich erneut ans Reimen gemacht und uns einige Gedanken zur neuen Saison zukommen lassen.

Da ist ein neuer Präsident,
den bisher keiner richtig kennt.
Man hofft, er setzt sich tüchtig ein
und führt erfolgreich den Verein.

Contini, ruhig, kompetent,
der seine Spieler bestens kennt,
bringt Qualität und frischen Wind,
was hoffnungsvolle Zeichen sind.

Ajeti, den die Fans so lieben,
ist Gott sei Dank bei uns geblieben.
Zwar hat ihn Basel arg bequasselt,
doch dann den Deal aus Geiz vermasselt.

Von Ben Khalifa wird erwartet,
dass er gleich mit Furore startet
und – lieber heute schon als morgen –
kann für die tollsten Tore sorgen.

Verteidiger (Ex-Zürcher) Koch
hat viel Talent, doch muss er noch
in Zukunft den Beweis erbringen,
dass seine Pläne auch gelingen.

Tschernegg, der neue starke Mann,
zeigt von Beginn weg, was er kann.
Beherzt, mit Übersicht und Mut
macht er es überraschend gut.

Barnetta mit dem Kämpferherz
kennt, auch wenn’s wehtut, keinen Schmerz.
Er ist ein Vorbild und Idol
und fühlt sich in St. Gallen wohl.

Roman Buess zeigt seine Stärke
und geht resolut zu Werke.
Ist er weiter so in Form.
nützt er seinem Team enorm.

Aleksic – leider ist das so –
macht uns nicht immer restlos froh.
Sein grandioses Freistoss-Tor
zeigt aber: Er kann’s nach wie vor!

Arratore, grosse Klasse,
toller Einsatz, Tempo, Rasse.
Damit bringt er, das ist klar,
stets die Gegner in Gefahr.

Silvan Hefti kann von allen
ganz besonders gut gefallen.
Seine Reife und sein Können
mag man ihm von Herzen gönnen.

Die letzte Saison war fürwahr
ein hoffnungslos verlorenes Jahr.
Doch gross ist nun die Zuversicht:
Das wiederholt sich sicher nicht!


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Das Leben als Fussballfan ist nicht immer einfach. So manch jemanden hat seine Leidenschaft für den beliebten Ballsport schon in den Wahnsinn getrieben. Damit uns das auf der SENF-Redaktion nicht passiert, können wir auf die Hilfe des bekannten Fussball-Therapeuten Dr. O.W. zählen. In seinem ersten Gastbeitrag bietet er ausnahmsweise nicht der SENF-Redaktion seine Hilfe an, sondern einem erbosten YB-Fan.

Grüezi Herr «YB Fanatiker seit Geburt»

Aus unmittelbarem beruflichem Interesse habe ich Ihren Kommentar zum Artikel des Gratisblatts 20 Minuten gelesen, der das Fussballspiel zwischen den Berner Young Boys und dem FC St.Gallen von vergangenem Samstag zum Thema hat.

Wie Sie vielleicht wissen, beschäftige ich mich oft mit sogenannten fussball-induzierten Krankheiten. Zwar stammen meine besten Kunden grösstenteils aus dem Umfeld Ihres samstäglichen Gegners, aber seien Sie versichert, dass dies meine Kompetenz auf dem Gebiet keinesfalls einschränkt und dass meine Beratung vorurteilsfrei und unbehaftet erfolgt. Wenn Sie erlauben, möchte ich gerne auf Ihren Kommentar antworten, Sie scheinen nämlich ebenfalls an einer bekannten fussball-induzierten Krankheit zu leiden. Und ich möchte Ihnen gerne helfen.

Dazu müssen wir Ihren Kommentar aber etwas genauer anschauen. Sie beginnen mit der legitimen Frage, was denn diese «Dramatisierung…von einem simplen und bedeutungslosen Unentschieden» soll? Nun, wenn Sie mir kurz einen Perspektivenwechsel erlauben: Aus mehr oder weniger neutraler Beobachterperspektive kann man das Unentschieden YBs wohl durchaus als etwas unerwartet beschreiben, wenn man bedenkt, dass YB gegen Luzern eine veritable Klatsche eingefangen hat und gegen St.Gallen auch nicht hat reagieren können. Was doch schon fast ein wenig surreal anmutet, wenn man auch noch bedenkt, dass der FCSG in diesem Stadion noch nie gewonnen hat. Die zwei «Nicht-Siege» in Serie sind da schon fast eine Niederlagen-Serie, wenn auch noch nicht ganz st.gallischen Ausmasses.

Viel spannender wird es aber, wenn ich die verbleibenden Stellen Ihres Kommentars durchgehe. Sie haben mich nämlich ein bisschen überrascht und darum nachrechnen lassen: «YB […] wird hoch überlegen Schweizermeister» schreiben Sie da, direkt gefolgt von «die Basler werden diese Saison nochmals so richtig fett weg geballert in der Direktbegegnung und werden ende Saison mit -20 Tordifferenz als Absteiger feststehen».

Aktuell hat YB 17 Punkte Rückstand auf den führenden FCB (siehe unten).

Quelle: teletext.ch

Zu spielen sind noch 15 Runden. Sollte Basel alle verbleibenden Spiele verlieren und der aktuell Tabellenletzte Vaduz alle Spiele gewinnen, liegt am Schluss der Saison Vaduz mit sieben Punkten Vorsprung vor Basel. Der aktuell Zweitletzte, Lausanne, müsste aber ebenfalls alle Spiele gewinnen – ausser den beiden gegen den FC Vaduz natürlich. So kämen die Waadtländer auf zwei Punkte mehr als der FCB. Das wird knapp. Und beim aktuell Drittletzten, Thun, geht die Rechnung nicht mehr auf. Weil die Berner Oberländer ja gegen Vaduz und Lausanne insgesamt vier Spiele noch verlieren müssen, liegen noch maximal 53 Punkte drin. Drei zu wenig, um mit Basel gleichzuziehen. Sie sehen, Ihre Prognose wird nicht eintreten.

Mir macht also in Anbetracht der Faktenlage Ihr Kommentar eher den Eindruck eines emotionalen Ventils. Ihre Symptome sind zwar teilweise vergleichbar mit denen, die ich schon bei Fans des FCSG beobachten konnte. Die Ursache unterscheidet sich aber fundamental. Während ich im Osten regelmässig Morbus Relegatio diagnostizieren muss(te), kann es sich bei Ihnen nur um Morbus Semper Secundus handeln. Die konkreten Symptome dieser Krankheit sind:

a) Sie haben nach so einem Spiel Emotionen angestaut, die sich irgendwo bahnbrechen müssen (so weit so klassisch).

b) Das Kriegsvokabular in Ihrem Kommentar («weg geballert») lässt auf einen Grad an Gewaltbereitschaft schliessen, der in dieser Intensität Ihrer Gefühlslage sicherlich abträglich ist.

c) Ebenfalls lässt sich ein ausgeprägter, von alternativen Fakten beeinflusster Grad an Weltfremdheit feststellen, der Ihrer psychischen Verfassung auch nicht dienlich ist.

d) Fehlende Interpunktion lässt sich damit erklären, dass Sie schnell und unüberlegt gehandelt haben, was in einer akuten Phase von Morbus Semper Secundus durchaus üblich ist. Es zeichnet dieses Krankheitsbild geradezu aus, dass man nicht mehr im Stand ist, den Grad an Rationalität walten zu lassen, der zum Kommentare-Schreiben auf Online-Plattformen eigentlich nötig wäre (gerade auch um «Daumen-hochs» zu sammeln).

Morbus Semper Secundus kann behandelt werden – genauso wie Morbus Relegatio, da habe ich schon manch einem FCSG-Fan helfen können. Kontaktieren Sie mich bitte unter dr-o-w@senf.sg (das kann man sich einfach merken, reimt sich ja) und wir können einen ersten Sitzungstermin abmachen.

Herzlich, Ihr Dr. O.W.


Zur Person

Dr. O.W. ist in Fachkreisen bekannt als der erfahrenste und erfolgreichste Therapeut von fussball-induzierten Krankheiten. Sein Kundenstamm umfasst Fans, Spieler, Trainer und Vereinspräsidenten aus der ganzen Schweiz. Dr. O.W. hat sich unter anderem dadurch ausgezeichnet, dem SENF-Ticker-Team in einer emotional schwierigen Phase beizustehen. Dies nicht einfach nur im Rahmen der wöchentlichen Sitzungen auf der Behandlungscouch, sondern auch live vor Ort bei den Versuchen des FC St.Gallen im letzten Herbst, das Ruder doch noch irgendwie rumzureissen.


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Felix Lauffer – FCSG-Fan auf der Gegentribüne – hat uns sein grün-weisses Fussball-ABC in Reimform zukommen lassen, das wir hier natürlich sehr gerne veröffentlichen.

Gegentribuene

Abstieg – Schreckgespenst für alle! –
soll nie mehr ein Thema sein.
Dafür setzen sich, so hofft man,
Vorstand, Trainer, Spieler ein.

Ballbesitz ist äusserst wichtig
für ein attraktives Spiel.
Führt er aber nicht zu Toren,
nützt er nicht besonders viel.

Continis Ex-St.Galler sind
bei ihm gewiss in guten Händen,
doch wollen den Vaduzer-Fluch
wir ein für alle Mal beenden.

Das Espenmoos ist längst Geschichte,
und auch Arena heissts nicht mehr.
Mit «kybunpark» tun sich die Leute,
so wie man hört, noch etwas schwer.

Ersatztorhüter Herzog ist
geduldig und loyal.
Das ehrt ihn sehr, denn er ist ja
nur selten erste Wahl.

Freistösse tritt er fabelhaft,
Aleksic, unser Star.
Man wünscht, es sei auch künftig so,
wie es schon mehrmals war.

Gaudino, jung und unverbraucht,
entzückt mit seiner Kunst
und steht darum beim Publikum
in allerhöchster Gunst.

Hefti setzt sich vorbildlich ein,
mit Kampf und Leidenschaft.
Als Youngster hat er darum früh
den Sprung ins Team geschafft.

Internationale Spiele
hätten alle liebend gern,
doch in aktueller Lage
bleiben sie unendlich fern.

Junge Spieler sind zu fördern,
das hat seine Gültigkeit.
Aber bis zur echten Reife
dauert es halt seine Zeit.

Karadeniz, zwar ein Hüne,
war nicht wirklich ein Gewinn.
Dass er auch schon wieder abreist,
ist durchaus in unserm Sinn.

Lopar, unser Super-Hüter!
Immer ist auf ihn Verlass.
Wenn er seine Klasse ausspielt,
macht der Fussball richtig Spass.

Mutsch, der Kämpfer mit viel Power,
ist für unser Team fürwahr
ein nachahmenswertes Beispiel
(trotz dem angegrauten Haar).

Nachspielzeit ist dann von Nutzen,
wenn die Mannschaft auch versteht,
dass ein wirkungsvoller Einsatz
bis zum Schlusspfiff weiter geht.

Offside-Regeln bieten häufig
Stoff für grosse Diskussion,
denn es prellen Fehlurteile
Skorer oft um ihren Lohn.

Penalty für unsern Gegner
ist nicht das, was uns gefällt.
Umso grösser ist der Jubel,
wenn ihn Dani sicher hält.

Qualität in unsrer Mannschaft
ist das dringendste Gebot,
denn sonst herrscht dann Ende Saison
wieder allergrösste Not.

Rückrunden sind nicht unsere Stärke,
das zeigte die Vergangenheit.
Dies künftig radikal zu ändern,
ist es nun wirklich höchste Zeit.

Stürmer, die auch endlich treffen,
sind bei uns unheimlich rar.
Gern würd‘ man sich einen wünschen,
wie es Zamorano war.

Tore müssen wir erzielen,
dafür gilt es erst einmal
echte Könner aufzutreiben
für das Angriffs-Personal.

Unterstützung braucht die Mannschaft,
damit sie den Sieg erringt.
Darum ist es äusserst wichtig,
dass der zwölfte Mann sie bringt.

Verletzungen gehören leider
zum Fussball, wie der Punkt zum i.
Auch wenn man sich das noch so wünschte,
ganz ohne geht es schliesslich nie.

Wunderdinge auf die Schnelle
schaffen, kann ein Trainer nicht.
Aber nach dem Einarbeiten
steht auch er dann in der Pflicht.

X-beliebig gilt für Spieler,
die vor langer Zeit als Kind
grosse Hoffnungsträger waren,
aber dann gestrandet sind.

Yverdon war einst auch Gegner,
aber das ist lange her.
Gegenwärtig gibt es diese
Konstellation nicht mehr.

Zuschauer hat der FCSG
gewiss die besten weit und breit.
In guten und in schlechten Tagen:
Sie halten zu ihm, jederzeit.


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Was hat die türkischen Investoren bewogen, beim FC Wil einzusteigen? Schlüssige Erklärungen sind Mangelware, die Frage bleibt nach wie vor bestehen. Der St.Galler Journalist Etrit Hasler hat einen Erklärungsvorschlag.

FC Wil

Auch wenn sich die mediale Aufregung wieder ein bisschen gelegt hat, bleiben die wilden Gerüchte um die neuen Besitzer des FC Wil weiter in Umlauf. Und so sicher wie das Gegentor in der letzten Minute der Nachspielzeit noch fällt, werden diese Gerüchte alle wieder hochkommen, sobald beim FC Wil irgendetwas nicht rund läuft – und es wird nicht allzu lange dauern, bis beim FC Wil nicht einmal mehr der Ball im Kindertraining rund läuft.

Diese Gerüchte haben alle gehört: Der neue Besitzer hat den Klub nur gekauft, um dort Geld zu waschen. Oder die Kehrseite desselben Gerüchts: Der Kerl ist grössenwahnsinnig und hat echt das Gefühl, mit dem FC Wil könne man über mittlere Frist mit ein paar Investitionen an die internationalen Geldtöpfe kommen und sogar Geld verdienen. Die Wahrheit ist viel banaler. Ich kenne nämlich einen Zusammenhang, den so noch niemand erkannt hat.

Ganz fernab jeglicher medialer Reaktion ging vor rund zwei Jahren nämlich ein Stück Fussballkultur unwiederbringlich verloren: EA Sports stellte am 25. November 2013 seine FIFA Manager-Reihe endgültig ein – dies, nachdem FIFA Manager 14 gerade nur noch ein Datenbank-Update gewesen war. Für mich und ein paar hundert andere Spieler weltweit brach damit eine Welt zusammen.

Die Reihe mag zwar ihre Macken haben, aber dennoch kann ich mit gutem Gewissen sagen, dass ich wohl mit keinem anderen Spiel so viele hundert Stunden verbracht habe. Meine Champions League-Siege mit dem FC Winterthur, den Hull City Tigers, ja, zwischendurch sogar mal dem FC St.Gallen und nicht zuletzt den Hellbarden Appenzell waren Stoff für Legenden – die Hellbarden zogen beim ersten Champions League-Final im eigenen Stadion immerhin 150‘000 Zuschauer auf den Landsgmeendplatz. Realistisch mag das nicht sein, aber trotzdem kann ich mit gutem Gewissen behaupten, alles was ich jemals über Fussball wissen musste, von FIFA Manager gelernt zu haben. Zum Beispiel dass man sein Geld zuallererst in die Jugendarbeit investiert und eben nicht in überteuerte Transfers. Oder dass es zwar Spass machen kann, einen Trainer von heute auf morgen zu feuern, aber dass es einer längerfristigen Strategie durchaus förderlich ist, auch mal fünf oder sogar zehn Jahre einem einzelnen Trainer die Stange zu halten.

Unrealistisch, sagt ihr? Naja, die erste Strategie funktioniert beim FC Winterthur ganz gut und die zweite hat Manchester United auch nicht gerade geschadet. Und ganz ehrlich: Auch wenn ich von den virtuellen Fans als Vereinspräsident häufig als „wahnsinnig“ betitelt wurde, waren meine Entscheidungen meist nicht irrer als jene von Ancillo Canepa. Und im Unterschied zu den Vereinsleitungen von Xamax oder GC bin ich in all den Spieljahren noch nie auf Trickbetrüger hereingefallen.

Was hat das alles mit dem FC Wil zu tun? Ganz einfach: Ich hege die Vermutung, dass Murathan Doruk Günal, der junge neue Präsident des FC Wil, einfach ein passionierter FIFA Manager-Spieler war, der genauso deprimiert war wie ich, als er erfahren hat, dass sein Lieblingsgame nicht mehr weiterentwickelt wird. Und wenn er ähnlich tickt wie ich, dann hat er in den letzten Jahren zwar hunderte von Stunden in das Managen von virtuellen Sportvereinen gesteckt, aber keine einzige Minute in das Erlernen von Programmiersprachen. Soll heissen, auch wenn er locker seinen milliardenschweren Papa Mehmet Nazif Günal hätte anbetteln können, er soll ihm einfach das Geld leihen, um EA Sports die Reihe abzukaufen, wählte er lieber die einfachere Version: Wir starten einfach ein neues Spiel in der Realität.

Das Problem ist natürlich, dass die Realität kein Spiel ist. Also manchmal schon, aber eben nicht eines, bei dem man jederzeit einen früheren Spielstand wieder laden kann, wenn etwas total schief gegangen ist. Und natürlich kann man auch in der Wirklichkeit einfach zum nächsten Verein weiterwandern, wenn man beim ersten Versuch nur verbrannte Erde hinterlassen hat. So wie es eines Tages wohl auch die Familie Günal tun wird. Was dann aus dem FC Wil wird, werden wir sehen. Sicher ist nur dies: In der Wirklichkeit ist etwas unwiderruflich weg, wenn es erst mal weg ist. Das gilt für die FIFA Manager-Reihe wie auch für den FC Wil.


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Von ungeniessbaren Bratwürsten über Leichtbier bis zu übermotivierten Sicherheitskräften bleibt einem im Stadion beinahe nichts erspart. In den Kommentarspalten der Boulevardpresse geht es zuweilen aber noch viel schlimmer zu und her. SENF hat das digitale Fussball-Wutbürgertum analysiert und eine Typologie erstellt.

Fussball weckt Emotionen. Diese können nicht nur im Umfeld von Fussballspielen überborden, sondern genauso gut auch zuhause vor dem Computer. Kurz nach Vorfällen rund um Fussballspiele, wenn die ersten verpixelten Fotografien und Handyvideos auf den einschlägig bekannten Online-Portalen aufgeschaltet werden, sind sie auch schon da: Die tastaturschwingenden, kuscheljustizhassenden Wutbürger mit Internetzugang und Mitteilungsbedürfnis.

Mit unablässigem Eifer, einer kaum zu übertreffenden Sachkenntnis und einem Demokratieverständnis, das sogar Erdoğan mit stolz erfüllen würde, wird in die Tasten gehauen, so, dass sämtliche Bindestrich-Journalisten vor Neid erblassen, weil ihre eigenen Wortkreationen («Pyro-Trottel» etc.) geradezu einfallslos erscheinen.

SENF hat nach eingehendem Studium der Kommentarspalten der Schweizer Boulevardpresse die häufigsten fünf Formen des Fussball-Wutbürgertums typologisiert:

Der Nostalgiker
Diese Spezies ist ziemlich leicht zu erkennen und gehört mitunter zu den harmloseren digitalen Zeitgenossen. Seine Beiträge beginnen in der Regel mit der Formulierung «Früher, als…», um danach den Ist-Zustand zu kritisieren und den eigenen Beitrag mit dem Verweis zu beenden, dass damals noch alles besser gewesen sei und man diese Probleme nicht gehabt hätte.

Dem Nostalgiker spielt es dabei keine Rolle, wie es in der Vergangenheit effektiv war oder ob ihm sein Gedächtnis eventuell einen Streich spielt. Das Einzige, was für ihn zählt, ist, dass es nicht so ist, wie er es gerne hätte, und er am liebsten schnellstmöglich zurück in die guten alten Zeiten möchte, wo das Wünschen noch geholfen hat.

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Der Insider
Der (vermeintliche) Insider gehört zu den mühsameren Zeitgenossen, dies weil er nicht müde wird, sein angesammeltes Halbwissen der Allgemeinheit kundzutun und damit den Besserwisser vom Dienst markiert. Der Insider tarnt seine Beiträge durch eine fachmännische Ausdruckweise sowie eine kaum erreichte Versiertheit in der Darlegung seiner «Wahrheit».

Dass er seine Informationen vom Kollegen eines Kollegen hat, der die ganze Begebenheit haargenau im Fernsehen gesehen hat (HDTV sei Dank!) und sein Fachwissen auf der wiederholten Rezeption verschiedenster Youtube-Videos beruht, spielt dabei keine Rolle – schliesslich kann man in den Weiten des Internets sein, wer immer man will!

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Der Problemlöser
Er ist wahrlich kein Freund der grossen Worte. Der Problemlöser würde viel lieber Taten statt Worte sprechen lassen und dem ganzen Treiben so im Nu Einhalt gebieten. Ihn erkennt man an seinem Hang zu blindem Aktionismus und der Forderung, dass die Politiker doch endlich Massnahmen ergreifen müssten.

Was dabei genau gemacht werden soll, ist ihm ziemlich egal. Hauptsache es wird gehandelt. Dem weitverbreiteten Typus des Problemlösers hat die Schweiz solch ruhmreiche Errungenschaften wie das Hooligan-Konkordat oder die Frisur Alain Sutters zu verdanken.

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Der Realitätsfremde
Dieser Typus besticht durch seine verzerrte Wahrnehmung der Realität und die damit zusammenhängenden fragwürdigen Aussagen zur jeweils aktuellen Problemlage. Das eigene Weltbild wird dabei solange zurechtgebogen, bis die Erde endlich wieder eine Scheibe ist und der Grasshopperclub Zürich nicht mehr im Stimmungsmoloch Letzigrund spielt.

Es spielt dabei keine Rolle, wie realitätsfremd und unwahrscheinlich die eigene Meinung ist. Schliesslich ist es dank Google & Co. jederzeit möglich, ein Gegenargument anzuführen und das eigene Weltbild damit zu festigen.

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Die schweigende Mehrheit
Dazu gehörst hoffentlich auch du, liebe/r LeserIn: Du hast dich aufgrund des reisserischen Titels zwar zu einem Klick verführen lassen und den Artikel mehr oder weniger interessiert gelesen (hoffentlich). Deine Interaktion mit dem jeweiligen Vorkommnis beschränkt sich jedoch auf die persönliche Meinungsbildung und einen eventuellen Austausch mit deinen Freunden im realen Leben.

Dies nicht zuletzt, da dir bewusst ist, dass man nicht alles für bare Münze nehmen sollte, was in den Medien geschrieben steht. Und weil hinter dem tastaturschwingenden Wutbürger möglicherweise lediglich ein gelangweilter SENF-Autor steckt.


Dieser Beitrag erschien am 15. April 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.