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In der Saison 2005/06 bewegte sich der FC St.Gallen schon Runden vor Schluss im relativ gesicherten Mittelfeld der Liga. Im Cup war er in blamabler Weise gegen Küssnacht am Rigi ausgeschieden. Kein Wunder, begaben sich Hutter & Mock zum Cupfinal des FCW gegen den FC Sion nach Winterthur.

Hutter staunte über die vielen Frauen in der Schlange. Er studierte ihre Gesichter. Mock nervte sich. Hinter ihm drückte ein Kerl mit schwarzer Lederjacke und Ohr-Piercings nach vorn. Mock machte sich breit. Winterthur feierte das Fussballfest des Jahres. Winterthur – Sion! Das war ein Abend der Versprechen und der Hoffnung. Zwei zweitklassige Mannschaften, die in den Cupfinal wollten und endlich wieder zurück zu vergangenem Erfolg. Die Winterthurer Bierkurve, die Eulach-Ultras und die Libero-Bar empfingen die eigenen Helden mit einer eindrücklichen rotweissen Choreografie – «Gschicht schriebe!» – und den Gast aus dem Wallis mit einer grossen Fendantflasche und einem witzigen «Flasche leer». Hutter und Mock fanden Platz auf der ungedeckten Gegentribüne und Mock heimelte das richtig an. «Das ist ja fast wie früher im Espenmoos, da konnten wir noch von hinten her auf die Tribüne hochklettern.» Hier konnten die hintersten Zuschauer nicht sehen, was sich unten an der Seitenlinie abspielte, denn der Tribünen-Architekt hatte sich beim Bau verrechnet. Das passte zum Spiel. Das neureiche Sion versuchte es wie einst der Erzfeind Servette mit Spielkultur und individueller Klasse. Und das einfache «Winti» wehrte sich so wie früher der gute alte FC Sion: mit viel Herzblut und Kampf.

Mock kümmerte sich rührend um eine 85-jährige Dame, die von ihrem 29-jährigen Enkelkind begleitet wurde. 1975 war sie mit dem verstorbenen Mann an den letzten grossen FCW-Cupfinal nach Bern gefahren – «mit dem Extrazug für die gewöhnlichen Leute». Der Enkel war damals noch nicht einmal auf der Welt. Winterthur tauchte ab bis in die erste Liga und der Enkel ging fremd, nach Zürich zu den «Grass-Smokers», einem Grasshopper-Fanclub. Hutter zählte die Stockwerke des leeren Sulzer-Hochhauses und stellte sich vor, wie der Hauswart in den goldenen Siebzigerjahren das Licht in einigen Büros brennen liess und so ein grosses «FCW» über die Schützenwiese zauberte. «Winti»-Stürmer Renfer traft die Latte und der gefährliche Vogt narrte Hüter Hürzeler ums Haar mit einem Absatztrick. Das Spiel wogte hin und her und wurde ein richtig spannender Cup-Fight.

Dann schnappte auf der Schützenwiese die Abseitsfalle nicht zu. 0:1 für Sion. «Winti» bäumte sich auf, mit einem generösen Publikum im Rücken, das jede Sekunde dieses Cup-Traums auskostete. Aber der auffällige Patrick Bengondo vergab die letzte Chance für den FCW. Die Walliser Fans stürmten den Rasen und warfen Schneebälle gegen die einheimische Bierkurve, die gelassen auf die die Provokation reagierte. Mock erinnerte sich an früher, als noch zwanzig Fans mit rotweissen Fahnen ihren FCW auf dem Espenmoos anfeuerten – mitten unter den St.Galler Zuschauern. Kein Zaun, keine Polizei, kein Fanbetreuer weit und breit. Winterthur feierte trotz Cup-Out. Ein Fan kletterte auf die alte Totomat-Wand und wechselte die Resultattafeln aus: FCW 2, Gast 1.


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Flasche leer» erschien anlässlich des Heimspiels in der 26. Runde der Saison 2005/06 gegen den FC Thun.

Hutter & Mock

 


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Die Spiele des FC St.Gallen live zu begleiten ist nicht immer eine freudige Aufgabe. Deshalb driften R.S. und R.S. und R.S. immer mal wieder ab. Eine subjektive Auswahl der besten Einträge im SENF-Ticker auf saiten.ch.

Ganz, ganz selten schaffen wir es schon vor Anpfiff einen Eintrag zu verfassen.

13 Uhr 38 – Neues Jahr, neues Glück. Doch der Liveticker bleibt. Sich treu. Pessimistisch und schlecht gelaunt führen wir durchs erste St.Galler Heimspiel der Rückrunde gegen Lausanne. (Lausanne, 12.02.17)

19.59 Uhr – So, bis zur Pause sind wir erst mal versorgt. Professionell und so… (Vaduz, 13.05.17)

18.46 Uhr – Unbändige Motivation beim Ticker-Team. 15 Minuten vor Anpfiff sind R.S. und R.S. schon auf der Medientribüne zugegen. Aber, wir möchten ehrlich sein: Es gab keine Brötchen mehr im Medienraum. (Sion, 16.12.17)

Wenn man sich mies fühlt, soll man ja darüber schreiben. Wenn die Akteure auf dem Platz wenig zustande bringen, nutzen wir den Liveticker auch, um persönlichen Ballast loszuwerden.

Minute 4 – Die Lausanner Mannschaft scheint übrigens einen Sponsoring-Vertrag mit Stabilo eingegangen zu sein. Der Goalie ist neon-gelb, die Spieler neon-orange. Das kenn ich noch aus dem Studium: Alles anstreichen, könnte ja wichtig werden. Wurde es selten. (Lausanne, 12.02.17)

Minute 10 – Ich frage mich ja immer, warum Kollege R.S. in jedem Ticker mindestens einmal einen Frauennamen erwähnen muss? Hilfeschrei? Prahlerei? (Luzern, 11.03.17)

Der Liveticker umsorgt den Leser mit einem breiten sportlichen Angebot. Nicht nur Fussball gibt es bei uns.

14 Uhr 45 – Bevors hier weitergeht, erneute frohe Kunde aus St. Moritz. Feuz ist nach wie vor in Führung. Ob Russi den „Mischt“ schon für „garettlet“ erklärt hat? (Lausanne, 12.02.17)

Minute 33 – Glarner Stefan will Ajeti Albian zu Boden werfen. Da hat sich der Thuner kurz mit seinem Bruder verwechselt. SENF – Din Schwingsport-Liveticker. (Thun, 23.04.17)

Einträge, bei welchen wir auch im Nachhinein noch nicht wissen, was genau das sollte. Vielleicht muss man zwischen den Zeilen lesen. Vielleich ist es auch einfach dem Bier zuzuschreiben.

Minute 1 – Anpfiff. Grün-Weiss beginnt von rechts nach links, der Ausgang ist offen. Wobei: Gewisse Präferenzen hätten wir da schon. Raus aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. (Lugano, 26.02.17)

Minute 91 – sWizZ_plAyah94@hotmail.com: cha leider nöd, mue no husi mache. wdnv, hdmmmmmmmmfg… sWizZ_plAyah94@hotmail.com hat den Chat verlassen. Sechzig Sekunden noch. Zweite Liga, nie mehr, nie mehr, nie mehr, zweite Liga… (Lugano, 26.02.17)

Minute 54 – St.Gallen startet relativ engagiert. Aber engagiert ist relativ. (Luzern, 09.08.17)

Beinahe steter Begleiter bei den Heimspielen ist Dr. O.W., der uns mit weisen Ratschlägen vor Selbstmitleid und Verzweiflung bewahrt.

Minute 48 – Wechsel sind keine auszumachen. Wobei: Es gab Saitenwechsel und die Menschen sind nun 15 Minuten älter, haben gelernt aus Fehlern und sind gewachsen. Wir sehen da andere Protagonisten. Personen, die weiser scheinen, Summe ihrer Erfahrungen sind. Die Sitzungen mit Dr. O.W. scheinen zu fruchten. (Lugano, 26.02.17)

Minute 8 – Dr. O.W. ist heute übrigens selbstverständlich auf der Medientribüne. Wir wollen ja keine unnötigen Risiken eingehen. Das Spruchband des Espenblocks kommentiert er positiv: „Rauslassen, alles rauslassen. Wer sowas in sich hineinfrisst, wird später darunter leiden.“ (Bern, 30.04.17)

Minute 40 – Kollege R.S. im Gespräch mit seinem Nachbarn, der sich ob der heute fehlenden weiten Bälle freut: „Ich vermisse das fast ein wenig.“ Gelächter, gefolgt von ungläubigen Blicken der Journalistenkollegen. Dr. O.W. schreitet ein: „Es ist ganz normal, dass man nach einem Verlust die Vergangenheit durch die rosa Brille sieht und Geschehenes verklärt.“ (Bern, 30.04.17)

Ebenfalls eine Konstante ist das Bier. Wenn Grün-Weiss schlecht spielt, verleiht es dem Ereignis dennoch Daseinsberechtigung.

Minute 21 – R.S. opfert einen Schluck Bier und bastelt daraus einen lässigen Aschenbecher für die schreibende Zunft. Opfer bringen in schweren Zeiten, Leben am Limit. Sie merken, das Spiel gibt derzeit nicht allzu viel her. (Lugano, 26.02.17)

Minute 41 – Die Sinnkrise ist übrigens abgewendet. Nicht etwa des FCSG wegen, sondern weil R.S. die Medientribüne mit Bier versorgt hat. Der Sinn des Lebens? Das heimische Brauereiwesen unterstützen – in guten wie in schlechten Zeiten. (Thun, 23.04.17)

Minute 61 – Nachdem wir die toxic.fm-Aushilfe mit den hiesigen Gepflogenheiten bekannt gemacht haben, hat er uns doch noch Bier geholt. Danke! (Sion, 06.08.17)

Minute 88 – „I glaub, sogar dä Alkohol hät s’Stadion verloh. S’Bier löst nüt i mir us.“ (Lausanne, 22.10.17)

Minute 62 – Der Wind hat hier gedreht. Jetzt ist es nochmals gefühlte 10 Grad kälter. Die Schaumkrone des Biers beginnt ihren Aggregatszustand zu ändern und schmeckt nun knusprig. (FCZ, 03.12.17)

Minute 69 – 12’577 Zuschauer sollen angeblich hier sein. Wir vermuten ein betrunkenes Drehkreuz, alle 6’288.5 Zuschauer wurden doppelt gezählt. (FCZ, 03.12.17)

Der SENF-Liveticker bedient auch die Kulturinteressierten.

Minute 54 – Noch immer sind bei den St.Gallern ähnliche Defizite auszumachen. Vor allem die Ballbesitzphasen scheinen zu kurz, sodass ein brauchbares Kurzpassspiel jeweils nur kurz zustande kommt. Eine Art Kurzkurzpassspiel. Haben den Begriff eben beim Duden angemeldet. Zusammen mit dem Wort „Guggenmusik“. Man muss die Probleme beim Namen nennen können. Gerade gestern hat eine Guggenmusik Leonard Cohens wunderbares „Hallelujah“ interpretiert. Schlimm. (Lugano, 26.02.17)

Das Tickerteam besteht aus R.S., R.S. und R.S. Aus dem Leben der Tickerer.

Minute 11 – Apropos R.S.: Beim letzten Heimspiel tickerten R.S. und R.S., während R.S. einen freien Tag genoss. Das Resultat ist bekannt, der FCSG verlor gegen Lugano. Wir ziehen die Konsequenzen. R.S. kommt zurück ins Team, während R.S. eine Denkpause auf der Tribüne absitzen muss. R.S. erhält indes eine Gnadenfrist und darf sich heute nochmal beweisen. (Luzern, 11.03.17)

Minute 9 – Liebe Leser, Sie haben es eventuell bemerkt, wir sind heute äusserst produktiv. Zwei Einträge in Minute 5. Die besonders aufmerksamen unter Ihnen dürften bereits vermutet haben, dass heute R.S. fehlt. Richtig, es tickern R.S. und R.S. (Bern, 30.04.17)

Minute 55 – Das Spiel plätschert gerade etwas vor sich hin. Wir schweifen gedanklich ab. Erinnerungen an den letzten Abend kommen hoch. Unsere Facebook-Fans wissen: R.S. hatte Geburtstag, R.S. und R.S. feierten mit. Die trinkfreudige Runde hat dabei festgestellt: R.S. sieht aus wie Constantins Sohn. Ob das Ramona auch schon aufgefallen ist? (GC, 21.05.17)

15 Uhr 55 – Um Missverständnisse vor Beginn schon auszuräumen: R.S. ist heute abwesend. Liebesurlaub, liess er ausrichten. Nicht mit Ramona allerdings. Wir wissen auch nicht mehr, aber unser People-Journalist sucht gerade den geeigneten Paparazzo um kompromittierende Bilder zu knipsen. Wir vermuten aber eh, dass er Steuerflucht begangen hat. Als Tickerer verdient man so viel, da muss man sich Gedanken zur Steueroptimierung machen… Item, R.S. und R.S. übernehmen. (Sion, 06.08.17)

Minute 56 – Wir machen diesen Eintrag nur, um wenigstens einmal fünf Minuten lang jede Minute etwas getickert zu haben. #lifegoals (Basel, 20.09.17)

Minute 66 – Nun, das Spiel gibt derzeit nicht viel her, was natürlich für Grün-Weiss spricht. Wer aber davon ausgeht, dass wir Tickerer hier einen Gaudi haben, der irrt. Das Ganze verläuft pragmatisch. Ein Transkript der letzten Minuten:

R.S: „I mue goh schiffe.“
R.S: „Ok.“
R.S: „Bier?“
R.S: „Gern, jo.“
R.S: „Hani was verpasst?“
R.S: „Nei.“
R.S: „Söll i schriebe oder machsch du?“
R.S: „Mach du.“

Falls wir einst verfilmt werden: George Clooney als R.S. und Ryan Gosling als R.S. (Basel, 20.09.17)

Minute 63 – „Tschernegg uf Buess – Goal.“, umschreibt Mentor R.S. den Sachverhalt mit faszinierendem Pragmatismus. Manchmal wünschte ich mir, er hätte einen Vollbart. Leicht ungepflegt, aber nicht schäbig. Gerade so, dass man ihm künstlerische Gleichgültigkeit unterstellen könnte. Er würde dann verträumt in die Ferne blicken und Kalenderweisheiten zum Besten geben, dessen Wert sich erst durch seinen grossväterlichen Bart ergeben würde. (Sion, 16.12.17)

Als FCSG-Fan kennt man das Gefühl der Sehnsucht nur allzu gut. Dr. O.W. kann meist Abhilfe schaffen, doch dann und wann ist sie dennoch präsent, diese Sehnsucht.

Minute 13 – Luzerns Ricardo Costa hat eben zur Ecke geklärt. Der Portugiese ist eine wohlige Reminiszenz an frühere Bundesliga-Tage. Tage, an denen Leipzig noch Lok war und Wolfsburg Deutscher Medizinballmeister. Ja Tage, an denen „Jodel“ einzig an ur-schweizerische Gesangskünste erinnerte und die Türkei auf bestem demokratischen Wege schien. Früher war alles besser. Jetzt melancholisch – der Liveticker. (Luzern, 11.03.17)

Minute 30 – Mario „Silberfuchs“ Mutsch beackert die Linie wie ein 20-jähriger Landwirt aus „Bauer ledig sucht“. Der gutmütige Tierliebhaber sehnt sich nach einem Partner fürs Leben, der mit ihm Zeit verbringt und seine Flanken ins Niemandsland als romantische Geste wahrnimmt.

Minute 25 – Das Spiel hat etwas an Intensität verloren. Wir erinnern uns an diesem geschichtsträchtigen Tag deshalb zurück. Vor genau 17 Jahren, am 21. Mai 2000, trennten sich Servette und Basel unentschieden, St.Gallen war Meister. (GC, 21.05.17)

Dann und wann schaffen wir es auch Fachwissen zu übermitteln – oder eben nicht.

Minute 5 – Ein Journalist neben uns fragt: „Hät dä Peyretti gschossä?“ Kollege R.S. ganz empört: „Frog üs nöd so Sache!“ (Thun, 23.04.17)

Minute 52 – Dass es hier unentschieden steht, ist eigentlich keine Überraschung, betrachtet man die Ausgangslage. Vor diesem Spiel hatten die beiden Teams gleich viele Punkte. Auch die Bilanz der letzten fünf Direktduelle ist ausgeglichen. Und sogar gelbe Karten haben die beiden Teams in dieser Saison bisher gleich viele geholt. (GC, 21.05.17)

Für einen Heimspielbesuch beim FC St.Gallen braucht es vor allem eines: gesunden Pessimismus. Verringert die emotionale Fallhöhe.

Minute 86 – Positiv zu erwähnen ist jedoch Salihovic. Dieser scheint sich in St.Gallen innert kürzester Zeit eingelebt zu haben. Sein Eckball geht an Freund und Feind vorbei ins Aus. (Thun, 23.04.17)

15 Uhr 43 – Wir haben unsere Plätze bereits schon eingenommen. Wir haben das hier irgendwie vermisst. Und diese Saison haben wir noch nie verloren. Wir können noch aus eigener Kraft Meister werden! „Das wird unser Jahr“, schreit der Optimist in uns. Der Realist liegt geknebelt und gefesselt unter dem Sitz. (Sion, 06.08.17)

Minute 90 – Wir träumen von Europa. Liverpool, Amsterdam, irgendwas Spanisches oder doch wieder Russland? Uns zur Zeit egal. Wir nehmen alles und verlängern schon mal vorsorglich unsere Reisepässe. (Sion, 06.08.17)

Minute 49 – Und dann hat der FCSG gleich noch mal eine grosse Chance. Wir sind etwas verwirrt. (Bern, 22.08.17)

Minute 27 – Beachtet man nur die letzten 14 Minuten, steht es hier noch 0:0. Darauf lässt sich aufbauen. (FCZ, 03.12.17)

Sprachlich wissen wir meist zu brillieren.

Minute 27 – Wir haben nicht nur einEN Ombudsmann, sondern auch ein Korrektorat. Dieses entschuldigt sich für den fehlenden Akkusativ in Minute 23. Den haben wir gestern Abend in der Beiz liegengelassen. (Bern, 30.04.17)


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Das entscheidende Tor für den FC St.Gallen im Europacup erzielen. Davon träumt Matthias Hüppi als Junior des FC Rotmonten. Der Wechsel in den FCSG-Nachwuchs gelingt, dann holt ihn ein zweiter Bubentraum vom Rasen: Hüppi wird Sportreporter.

Am Anfang steht der Fussball. «Wir waren Stammgäste im Espenmoos. Ich bin so nahe hinter dem Tor gesessen, dass ich mit den Händen das Netz berühren konnte. Möglichst nahe dran. Die Goalies waren meine Helden.» Wird ein Match abgesagt, bricht für Matthias Hüppi eine Welt zusammen. Die Begeisterung für Sport – nicht nur für Fussball – bestimmt in jungen Jahren seinen Alltag. Selber tschuttet er bei Rotmonten, spielt bei St. Otmar Handball und im Lerchenfeld Eishockey. Zuhause führt er vor dem Radio bei jedem Skirennen Buch: Zwischenzeiten, Resultate, Weltcuplisten. Hüppi will alles wissen. «Die grösste Freude konnte man mir mit einem Abo der Zeitschrift Sport machen.» Nach der Kantonsschule schreibt sich Hüppi für den Jura-Studiengang ein. Noch vor dem Abschluss bewirbt er sich bei der Radiolegende Sepp Renggli – dieser war unter anderem Sportchef von Radio DRS und Leiter des DRS-Radiostudios Zürich. Als Reporter erlebte Renggli 16 Olympische Spiele und 45 Austragungen der Tour de Suisse mit. Hüppi hatte Renggli offenbar überzeugen können – denn zwei Wochen später macht er seine erste Reportage. Als das Fernsehen ein Jahr später offene Stellen hat, ergattert sich Hüppi eine zweijährige Stage. Der Bubentraum geht in Erfüllung.

Wenn Hüppi 30 Jahre später über seinen Arbeitsalltag spricht, funkeln seine Augen. «Es kribbelt noch immer.» Auch die Hektik vor der Sendung mag er. Von Ghostwriting und Telepromptern hält Hüppi jedoch nichts – «es muss echt sein. Alles, was ich in der Sendung sage, ist von mir.» Wer so im Rampenlicht steht wie Hüppi wird auf der Strasse oft angesprochen. Meist positiv, selten auch unter der Gürtellinie. «Gefragt nach Hintergründen, haben die meisten dann keine Munition im Köcher.» Konstruktive Kritik ist ihm wichtig: «Wir leben in einer Welt, in der es viel zu wenig Feedback gibt.» Wenn man jedoch Skirennen und Fussball im Portefeuille hat, dann exponiert man sich natürlich gewaltig, zum Beispiel vor über einer Million Zuschauer in der Deutschschweiz während dem Lauberhornrennen. «Es ist völlig klar: Wenn einer aus dem Berner Oberland runterfährt, 2.5 Sekunden verliert und ich das nicht so toll finde, dann finden die mich im Berner Oberland unter Umständen auch nicht mehr so toll. Doch schlussendlich entscheiden die Zuschauer über gut oder schlecht.» Und diese wollen interessante Gespräche und keine Moderatoren in der Hauptrolle. Reisserischer Boulevard ist Hüppi fremd – Suggestivfragen bezeichnet er als fertigen «Pfupf». Dem «Revolver-Journalismus» zieht Hüppi Berichterstattung mit Herz und Verstand vor.

Bauchweh machen Hüppi die kommerziellen Entwicklungen im Fussballzirkus: «Ein Fussballspieler kann nicht 100 Millionen Wert sein. Das geht einfach nicht.» Hüppi fühlt sich jedoch hin- und hergerissen. «Ich wünschte mir die alten schönen Fussballzeiten zurück, als die Spieler beinahe den Zuschauern ‚Hoi’ sagen gingen. Da bin ich Romantiker. Und gleichzeitig finde ich es traumhaft, in der Champions League Modrić und Ronaldo beim Zusammenspiel zuzuschauen.» Ein Widerspruch, der wohl den meisten Fussballfans bekannt sein dürfte.

Ähnlich hin- und hergerissen ist Hüppi, wenn es um Transferpolitik geht. Während es durchaus verständlich ist, dass jeder Fussballspieler in seiner Karriere vorwärts kommen möchte, findet Hüppi jedoch, dass er das nicht um jeden Preis tun sollte. Wenn sich einem Spieler eine vernünftige Chance bietet, dann soll er diese natürlich annehmen, «aber wenn ein Spieler nur des Geldes wegen den Verein wechselt, eventuell sogar auf Kosten eines Stammplatzes, dann finde ich das völlig falsch», meint Hüppi. Er nennt das Beispiel Charles Amoah: «Amoah war DIE Figur im St.Galler Meisterteam und dann verschwindet er von der Bildfläche aufgrund eines blödsinnigen Transfers.»

Ruhig sitzen kann Hüppi nicht. Eine Woche am Strand? «Kannst du vergessen!» Hüppi arbeitet viel, engagiert sich beim lokalen Fussballclub FC Mutschellen im Vorstand und treibt selber viel Sport – sei es Joggen im Wald, eine Ausfahrt auf dem Bike, Skifahren oder Langlauf im Winter. Zusätzlich spielt er Zuhause Bass-Gitarre. «Am liebsten lasse ich es zu schönen Rocksongs ‚tschäddere‘.» Emotionen sucht und findet er überall: im Studio, im Stadttheater St.Gallen oder bei Musik-Festivals. Wenn aber der FCSG spielt, hält er sich professionell. «Ich kann kein Fanatiker sein. Das wäre unklug.» Die Schwärmerei lässt er sich aber nicht nehmen: «Ich fand die Challenge League-Saisons ein Highlight. Und natürlich war der Meistertitel 2000 wahnsinnig. Diese Mannschaft hat den Schweizer Fussball belebt. Ich habe die Meisterfeier moderiert. Beim Fest in der Stadt mit 30’000 Leuten hätte ich auf dem Lastwagen Interviews machen sollen. Vergiss es!» Eine weitere Moderation der Meisterfeier? Hüppi wäre dabei. Trotz der routinierten Professionalität hört es sich wie ein Eingeständnis an: «Ich trage den Verein im Herzen.»


Dieser Beitrag erschien zuerst im SENF#04 «Sicher isch sicher» und wurde anlässlich der Ernennung von Matthias Hüppi zum neuen Präsidenten des FCSG am 12.12.2017 online gestellt. Der ganze SENF#04 «Sicher isch sicher» kann nach wie vor hier bestellt werden.

 


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Das letzte Auswärtsspiel im Letzigrund brachte dem FC St.Gallen nichts ein. Zürich gewann – Torschütze war ein gewisser Keita – und marschierte weiter auf den denkwürdigen 13. Mai 2006 zu.

Hutter sass zu Hause in seinem Fussballarchiv. Er hängte Bilder und Wimpel des FCZ ab und versorgte sie in einer Schachtel mit Zürcher Adresse. Er hatte sich mit Tanja verkracht – wieder einmal wegen nichts. Hutter wollte nicht länger daran erinnert werden. Bald würden die Bagger auffahren und den ganzen alten Letzigrund plattwalzen und seine ehemalige Zürcher Mietwohnung für immer zerstören. Hutter hatte viel freie Zeit. Er hörte sich das Spiel im Radio an und hoffte wie der redselige und unverschämte Reporter auf ein 7:1 für St.Gallen. Er stellte sich vor, wie Tanja fror in der Südkurve und sich laut nervte über den enttäuschenden FCZ, der noch Meister werden wollte, aber an diesem garstigen Abend nicht einmal das langweilige und gewöhnliche St.Gallen beherrschen konnte.

Hutter kraulte Amoah und Rubio und suchte nach dem schönsten Moment in seinem Leben als Fussballfan. Er war mit Tanja nach Liverpool gefahren, sie hatten sich bei der Anfield Road herumgetrieben und waren begeistert gewesen. Die Leute in den einfachen Läden und Imbissstuben freuten sich über die Schweizer Fussballtouristen. Das Quartier sammelte Unterschriften dafür, dass das neue Liverpooler Stadion auch in Anfield gebaut werde. Die Kirche neben dem Stadion brachte völlig selbstverständlich Glauben und Fussball zusammen: «With Jesus you’ll never walk alone.» Schliesslich bezauberte Tanja mit ihrem Charme sogar den Kassier des FC Liverpool, der das Unmögliche schaffte und zwei Tickets für das Liebespaar aus der Schweiz besorgte. Es war wunderbar und auch ganz leicht. So wie guter Fussball halt.

Gut spielten die St.Galler im Letzigrund – «im letzten Grund von ganz Zürich», wie der Reporter sagte. Jetzt müssten sie es doch einfach wieder einmal packen und drei Punkte aus Zürich nach Hause bringen. Hutter hoffte. Wo stand denn geschrieben, dass St.Gallen die Saison zwingend auf Platz 5 oder 6 und hinter den beiden Zürcher Klubs beenden musste? Goalie Razzetti liess einen Freistoss abprallen und Keita verwertete zum 1:0 für den FCZ. Hutter holte Schnur und Schere und klebte das Paket für Tanja zu. Am Montagmorgen würde er es als Erstes auf die Post bringen. «Abfahre, Zöri föffzg», sagte er leise vor sich hin. So wie seine Grossmutter früher, wenn ihr die Kinder bei der Arbeit im Weg waren.

Die Katzen rasten an die Wohnungstür. Mock hielt eine Flasche ein und ein Couvert in der Hand. «Hutter, rate, was ich dir mitgebracht habe!» – «Mock, ein falsches Wort und du wirst für immer aus dieser Wohnung weggewiesen werden, wegen Belästigung eines Fussballfans während eines unerfreulichen und schwierigen Auswärtsspiels!» Mock wartete eine Weile, legte drei Tickets vor Hutter auf den Tisch und sagte ganz ruhig: «Schweiz – Frankreich in Stuttgart. Für dich, für Tanja und für mich. Nicht schlecht, oder?»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Zürich, Liverpool, Stuttgart» erschien anlässlich des Heimspiels in der 24. Runde der Saison 2005/06 gegen den FC Basel.

Hutter & Mock

Bild: stades.ch


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Es ist keinen Monat her, da haben wir auf unserem Blog einen Eintrag mit dem Titel «Wir brauchen 100 Abos bis Ende Monat» veröffentlicht. Der Text erinnerte ein wenig an die Sammelaktionen, die unser geliebter FCSG Mitte Neunzigerjahre durchführte, um an die NLA-Lizenz zu kommen. Erfolgreich, denn auch in der nächsten Saison hütete Eric Pédat gegen GC und Servette das St.Galler Tor und nicht irgendein anderer in irgendeiner anderen Liga.

Wir können nachfühlen, wie sich der legendäre FCSG-Goalie gefühlt haben muss: Auch wir haben gebangt, und auch wir haben unser Ziel erreicht. Sogar noch viel mehr als das. Wir sind glücklich, wir sind erleichtert. Unser Problem war zwar nicht existentiell, aber doch da, das lässt sich nicht wegdiskutieren. Jetzt hat die Ostschweiz – und nicht nur sie! – auch mit uns Solidarität gezeigt. Wir sagen Danke dafür. Danke dafür, dass ihr uns gerne lest. Danke dafür, dass ihr das auch in Zukunft tun möchtet. Danke dafür, dass ihr SENF-Leser oder SENF-Leserin bleibt. Und natürlich auch Danke dafür, dass ihr neue SENF-Leser oder SENF-Leserinnen werdet. Wir sind sicher: Ihr werdet es nicht bereuen.

Wir sind aber nicht nur glücklich und erleichtert, sondern auch überwältigt. Unser Ziel, 100 neue Abos zu erreichen, haben wir bei Weitem übertroffen. Die 100 hatten wir schon nach zwei Tagen erreicht. Bis Ende Oktober sind 208 neue Abos bei uns eingegangen. Das macht uns fast sprachlos. Es geht uns ein wenig wie den ungläubig dreinblickenden Zuschauern des unvergessenen Nebelspiels gegen Aarau im Dezember 1995: Wir bleiben nicht nur in der NLA, wir gehen sogar in die Finalrunde.

208 Abos sind schön, sehr sogar, auferlegen uns aber auch ein wenig (positiven) Druck. 208 Abos, das bedeutet: Jetzt müssen wir liefern. Jetzt ist die Reihe an uns. Jetzt sind wir gefragt, auch in Zukunft ein Magazin zu liefern, das jeder von euch – und hoffentlich noch einige mehr – gerne lesen. Ein Magazin zu liefern, das nicht ihr nicht irgendwo verstauben lässt, sondern sofort verschlingt und auch danach noch hin und wieder in die Hand nehmt.

Wir sind uns sicher, dass uns das mit der neunten Nummer gelingt. Mit dem Titelthema Espenmoos wecken wir die Erinnerungen vieler, die jahrzehntelang dort die Spiele besucht haben. Und wir wecken die Vorstellungskraft derer, die zu jung sind, um sich richtig daran zu erinnern. Wir lassen die Geschichte des schönsten Stadions der Welt nochmals aufleben, kramen in unser aller Erinnerungsschatz und provozieren Lachmuskeln und Tränendrüse. Nach der neunten Nummer feiern wir dann schon Jubiläum – auch dank euch, liebe neue und bestehende Abonnenten und Abonnentinnen, dürfen wir das überhaupt feiern. Wir sagen 208-fach Dankeschön!

Euer SENF-Kollektiv

PS: Obwohl der Oktober durch und das Ziel erreicht ist, darf der SENF natürlich auch weiterhin abonniert werden. Hier gibt’s alle Infos dazu: http://senf.sg/aboservice/