Share on FacebookTweet about this on Twitter

Das letzte Auswärtsspiel im Letzigrund brachte dem FC St.Gallen nichts ein. Zürich gewann – Torschütze war ein gewisser Keita – und marschierte weiter auf den denkwürdigen 13. Mai 2006 zu.

Hutter sass zu Hause in seinem Fussballarchiv. Er hängte Bilder und Wimpel des FCZ ab und versorgte sie in einer Schachtel mit Zürcher Adresse. Er hatte sich mit Tanja verkracht – wieder einmal wegen nichts. Hutter wollte nicht länger daran erinnert werden. Bald würden die Bagger auffahren und den ganzen alten Letzigrund plattwalzen und seine ehemalige Zürcher Mietwohnung für immer zerstören. Hutter hatte viel freie Zeit. Er hörte sich das Spiel im Radio an und hoffte wie der redselige und unverschämte Reporter auf ein 7:1 für St.Gallen. Er stellte sich vor, wie Tanja fror in der Südkurve und sich laut nervte über den enttäuschenden FCZ, der noch Meister werden wollte, aber an diesem garstigen Abend nicht einmal das langweilige und gewöhnliche St.Gallen beherrschen konnte.

Hutter kraulte Amoah und Rubio und suchte nach dem schönsten Moment in seinem Leben als Fussballfan. Er war mit Tanja nach Liverpool gefahren, sie hatten sich bei der Anfield Road herumgetrieben und waren begeistert gewesen. Die Leute in den einfachen Läden und Imbissstuben freuten sich über die Schweizer Fussballtouristen. Das Quartier sammelte Unterschriften dafür, dass das neue Liverpooler Stadion auch in Anfield gebaut werde. Die Kirche neben dem Stadion brachte völlig selbstverständlich Glauben und Fussball zusammen: «With Jesus you’ll never walk alone.» Schliesslich bezauberte Tanja mit ihrem Charme sogar den Kassier des FC Liverpool, der das Unmögliche schaffte und zwei Tickets für das Liebespaar aus der Schweiz besorgte. Es war wunderbar und auch ganz leicht. So wie guter Fussball halt.

Gut spielten die St.Galler im Letzigrund – «im letzten Grund von ganz Zürich», wie der Reporter sagte. Jetzt müssten sie es doch einfach wieder einmal packen und drei Punkte aus Zürich nach Hause bringen. Hutter hoffte. Wo stand denn geschrieben, dass St.Gallen die Saison zwingend auf Platz 5 oder 6 und hinter den beiden Zürcher Klubs beenden musste? Goalie Razzetti liess einen Freistoss abprallen und Keita verwertete zum 1:0 für den FCZ. Hutter holte Schnur und Schere und klebte das Paket für Tanja zu. Am Montagmorgen würde er es als Erstes auf die Post bringen. «Abfahre, Zöri föffzg», sagte er leise vor sich hin. So wie seine Grossmutter früher, wenn ihr die Kinder bei der Arbeit im Weg waren.

Die Katzen rasten an die Wohnungstür. Mock hielt eine Flasche ein und ein Couvert in der Hand. «Hutter, rate, was ich dir mitgebracht habe!» – «Mock, ein falsches Wort und du wirst für immer aus dieser Wohnung weggewiesen werden, wegen Belästigung eines Fussballfans während eines unerfreulichen und schwierigen Auswärtsspiels!» Mock wartete eine Weile, legte drei Tickets vor Hutter auf den Tisch und sagte ganz ruhig: «Schweiz – Frankreich in Stuttgart. Für dich, für Tanja und für mich. Nicht schlecht, oder?»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Zürich, Liverpool, Stuttgart» erschien anlässlich des Heimspiels in der 24. Runde der Saison 2005/06 gegen den FC Basel.

Hutter & Mock

Bild: stades.ch


Share on FacebookTweet about this on Twitter

Es ist keinen Monat her, da haben wir auf unserem Blog einen Eintrag mit dem Titel «Wir brauchen 100 Abos bis Ende Monat» veröffentlicht. Der Text erinnerte ein wenig an die Sammelaktionen, die unser geliebter FCSG Mitte Neunzigerjahre durchführte, um an die NLA-Lizenz zu kommen. Erfolgreich, denn auch in der nächsten Saison hütete Eric Pédat gegen GC und Servette das St.Galler Tor und nicht irgendein anderer in irgendeiner anderen Liga.

Wir können nachfühlen, wie sich der legendäre FCSG-Goalie gefühlt haben muss: Auch wir haben gebangt, und auch wir haben unser Ziel erreicht. Sogar noch viel mehr als das. Wir sind glücklich, wir sind erleichtert. Unser Problem war zwar nicht existentiell, aber doch da, das lässt sich nicht wegdiskutieren. Jetzt hat die Ostschweiz – und nicht nur sie! – auch mit uns Solidarität gezeigt. Wir sagen Danke dafür. Danke dafür, dass ihr uns gerne lest. Danke dafür, dass ihr das auch in Zukunft tun möchtet. Danke dafür, dass ihr SENF-Leser oder SENF-Leserin bleibt. Und natürlich auch Danke dafür, dass ihr neue SENF-Leser oder SENF-Leserinnen werdet. Wir sind sicher: Ihr werdet es nicht bereuen.

Wir sind aber nicht nur glücklich und erleichtert, sondern auch überwältigt. Unser Ziel, 100 neue Abos zu erreichen, haben wir bei Weitem übertroffen. Die 100 hatten wir schon nach zwei Tagen erreicht. Bis Ende Oktober sind 208 neue Abos bei uns eingegangen. Das macht uns fast sprachlos. Es geht uns ein wenig wie den ungläubig dreinblickenden Zuschauern des unvergessenen Nebelspiels gegen Aarau im Dezember 1995: Wir bleiben nicht nur in der NLA, wir gehen sogar in die Finalrunde.

208 Abos sind schön, sehr sogar, auferlegen uns aber auch ein wenig (positiven) Druck. 208 Abos, das bedeutet: Jetzt müssen wir liefern. Jetzt ist die Reihe an uns. Jetzt sind wir gefragt, auch in Zukunft ein Magazin zu liefern, das jeder von euch – und hoffentlich noch einige mehr – gerne lesen. Ein Magazin zu liefern, das nicht ihr nicht irgendwo verstauben lässt, sondern sofort verschlingt und auch danach noch hin und wieder in die Hand nehmt.

Wir sind uns sicher, dass uns das mit der neunten Nummer gelingt. Mit dem Titelthema Espenmoos wecken wir die Erinnerungen vieler, die jahrzehntelang dort die Spiele besucht haben. Und wir wecken die Vorstellungskraft derer, die zu jung sind, um sich richtig daran zu erinnern. Wir lassen die Geschichte des schönsten Stadions der Welt nochmals aufleben, kramen in unser aller Erinnerungsschatz und provozieren Lachmuskeln und Tränendrüse. Nach der neunten Nummer feiern wir dann schon Jubiläum – auch dank euch, liebe neue und bestehende Abonnenten und Abonnentinnen, dürfen wir das überhaupt feiern. Wir sagen 208-fach Dankeschön!

Euer SENF-Kollektiv

PS: Obwohl der Oktober durch und das Ziel erreicht ist, darf der SENF natürlich auch weiterhin abonniert werden. Hier gibt’s alle Infos dazu: http://senf.sg/aboservice/


Share on FacebookTweet about this on Twitter

«Update the UK Traffic Signs Regulations to a geometrically correct football», heisst die aktuell laufende Petition des Stand-up-Comedian und ehemaligen Mathelehrers Matt Parker. Ihm ist aufgefallen, dass die englischen Stadion-Schilder einen Ball zeigen, der ausschliesslich aus Sechsecken besteht, woraus geometrisch kein runder Ball geformt werden kann. Nun sammelt Parker Unterschriften für eine Anpassung des Sujets. Auch wir helfen.

In seiner Petition fordert Parker, dass die Bälle auf den Stadion-Schildern geometrisch korrekt in Sechs- und Fünfecken abgebildet werden sollen. Über 19’000 Unterschriften hat Parker bisher gesammelt. Damit die Petition im Parlament besprochen wird, müssten es bis am 6. April 2018 mindestens 100’000 Unterschriften sein. In einer ersten Stellungnahme äussert sich das Verkehrsministerium kritisch zu Parkers Vorhaben: Die aktuelle Gestaltung würde von der Öffentlichkeit verstanden, zudem sei die Abänderung aller Stadion-Schildern mit hohen Kosten verbunden. Parker widerspricht und betont, dass laut Petition lediglich neue Schilder angepasst werden sollen.

So oder so, das SENF-Kollektiv ist Fan von spieltauglichen Fussbällen und unterstützt Matt Parker gerne bei seiner Petition. Mit einer anregenden Auswahl von geometrisch raffiniert umgesetzten Fussbällen. Gefunden im Schweizer Sportmuseum, Basel – veröffentlicht im Estrich der SENF-Ausgabe #04.

In diesem Sinne: Thank you, Matt, for your unflagging commitment. If you need any further help, please feel free to contact us at your convenience. With Senf, s’Kollektiv


Share on FacebookTweet about this on Twitter

Mit dem Sieg über die Grasshoppers hat sich der FC St.Gallen den Schweizer Fussballmeistertitel zurückgeholt, den er am 29. Mai 2015 gegen den FC Basel verloren hatte. Und keiner merkts…

Die Feierlichkeiten über die Rückkehr des Meistertitels in die Ostschweiz fallen wohl vor allem deshalb eher gering aus, weil kaum einer weiss, was der FC St.Gallen mit seinem Sieg gegen die Grasshoppers erreicht hat. Der errungene Meistertitel ist nämlich kein offizieller, es handelt sich dabei um eine Adaption des Nasazzi-Stabs auf die Schweizer Liga.

Der Nasazzi-Stab ist eigentlich eine inoffizielle Wertung der Nationalteams. Benannt ist der Titel nach José Nasazzi, dem ehemaligen Captain des Nationalteams von Uruguay. Der Titelgewinn Uruguays bei der ersten Weltmeisterschaft im Jahre 1930 – dank einem 4:2-Sieg gegen Argentinien im Finale – gilt als Ausgangspunkt der Wertung. Seither wechselte der Titel, oder eben der Stab, bei jeder Niederlage des aktuellen Meisters an die überlegene Mannschaft. Wie beim Boxen. Aktueller Titelträger ist Finnland, das sich den Titel am 2. September mit einem 1:0-Sieg gegen Island sicherte. Dreimal hat das Team den Titel bereits verteidigt, beim 1:0 gegen den Kosovo, beim 1:1 gegen Kroatien und beim 2:2 gegen die Türkei. Die beste und aktuellste Übersicht findet sich auf der französischen Wikipedia-Seite zum Nasazzi-Stab.

Wir haben den Nasazzi-Stab auf die Schweiz angewendet. Allerdings mit zwei Anpassungen: Bei den Nationalteams zählt das Resultat nach 90 Minuten, in unserer Version immer das Resultat nach Verlängerung oder Elfmeterschiessen. Und während bei den Länderauswahlen sämtliche Spiele in die Wertung fallen, sind es hier nur Pflichtspiele Schweizer Teams gegen andere Schweizer Teams. Ausnahmsweise dazu gezählt wird auch der FC Vaduz. Wie beim Vorbild mussten aber auch wir einen Startpunkt wählen. Dort war es der erste Weltmeister, bei uns ist es der erste Meister in den 2000ern. Das hat den angenehmen Nebeneffekt, dass der FC St.Gallen als Meister startet.

Der Startvorteil hat dem FCSG aber wenig genützt. Im Zeitraum seit dem Meistertitel 2000 waren die St.Galler nur gerade 36mal zuoberst, der aktuellste Triumph ist der 37. Meistertitel. Damit steht er auf dem siebten Platz. Wenig überraschend schwingt auch in dieser Wertung der FC Basel oben aus: Satte 202mal stand er zuoberst. Danach kommt lange nichts. Die Berner Young Boys auf dem zweiten Platz haben nur noch 86 Meistertitel vorzuweisen. Danach folgt der FC Zürich mit 73, die Grasshoppers mit 60 und der FC Luzern mit 45. Eher überraschend: Auch Neuchâtel Xamax liegt noch vor dem FCSG, mit 38 Meistertiteln sind die Westschweizer aber in Griffnähe. Die Grundlage für diese 38 Meistertitel schufen die Neuenburger vor allem mit einer Serie von 12 Spielen ohne Niederlage im Frühjahr 2001.

Zugegeben, diese Wertung mag nicht die grösste Relevanz besitzen. Aber trotzdem: Mit mindestens einem Unentschieden im nächsten Spiel könnte der FC St.Gallen zu Xamax aufschliessen und mit einem weiteren Spiel ohne Niederlage die Neuenburger gar überholen. Und bald wäre vielleicht sogar Luzern und damit die Top 5 in Reichweite. Das wäre doch zumindest ein gutes Omen für den Rest der Saison.


Share on FacebookTweet about this on Twitter

Die Liga veröffentlicht das Urteil gegen den FC Sion-Präsidenten Christian Constantin, der am 21. September nach dem Spiel des FC Sion in Lugano den TV-Experten Rolf Fringer tätlich angegriffen hat. Das Urteil zeigt vor allem eins: Ein Funktionär darf auf wohlwollende Behandlung vertrauen, die Fans niemals geniessen würden.

Waage

Stadionverbote sind seit Jahren ein ewiger Zankapfel. Nicht selten belastet die Aussprache solcher das Verhältnis zwischen Fans und Verein schwer. Die Fans kritisieren, es gebe immer wieder unverhältnismässige, gar willkürliche Stadionverbote. Die Vereine weisen jegliche Schuld von sich. Dabei berufen sie sich gerne auf die «Richtlinien betreffend den Erlass von Stadionverboten» des Schweizerischen Fussballverbands.

Im Anhang 1 dieser Richtlinien ist ein Sanktionskatalog aufgeführt. Dieser lässt eigentlich keinen Interpretationsspielraum zu. Wer «Tätlichkeiten gegen Personen (Passanten, Gäste und Zuschauer)» im Rahmen eines Fussballspiels begeht, erhält zwei Jahre Stadionverbot. Wer dabei gar eine «einfache oder schwere Körperverletzung» verursacht, erhält drei Jahre. Aber auch ganz grundsätzlich wird festgehalten: «Bei schweren Verstössen (vgl. die folgende nicht abschliessende Auflistung), insbesondere bei allen Gewaltdelikten, wird ein Stadionverbot von drei Jahren Dauer verhängt.»

Christian Constantin erhält nun 14 Monate Stadionverbot, obwohl er selber zugegeben hat, Rolf Fringer angegangen zu haben. Ein Fan hätte für das gleiche Vergehen mindestens zwei, vielleicht sogar drei Jahre Stadionverbot erhalten. Die Busse von 100’000 Franken mag hoch wirken, ist aber im Verhältnis zu Constantins Einkommen kaum gravierender als die Kosten, die in einem solchen Fall auf einen Fan zukommen. Sie können also nicht als Argument gelten, warum das Stadionverbot geringer ausfällt. Zudem würde ein Fan mit ziemlicher Sicherheit neben dem Stadionverbot auch noch ein Rayonverbot erhalten. Auch das scheint bei Constantin nicht der Fall zu sein.

Der Verband sieht das freilich ganz anders: «In der Urteilsbegründung hebt die DK (Anm. d. Red.: Disziplinarkommission) hervor, dass ein Klub-Präsident in erhöhtem Masse verpflichtet sei, sich vorbildlich für Fairplay und Respekt einzusetzen. Christian Constantin habe in diesem Fall diese Pflicht grob verletzt und damit die Werte des Fussballs diskreditiert. In ihrem Urteil berücksichtigt die DK zudem, dass in der Vergangenheit bereits ähnliche Disziplinarverfahren gegen Christian Constantin durchgeführt werden mussten.»

Eine grobe Verletzung führt also zu einem milderen Urteil. Damit offenbart der Verband, dass er Funktionäre anders behandelt, als er es von den Vereinen im Umgang mit den Fans verlangt. Das ist Gift für das Verhältnis zwischen Fans, Vereinen und Verband.