Am Sonntag beginnt für den FC St.Gallen die Saison 2015/16. Die Fans können es kaum erwarten – auch, weil sie endlich Antworten auf einige brennende Fragen wollen. Auf vier dieser Baustellen gehen wir ein.

Kehrt Tranquillo Barnetta in die Ostschweiz zurück?
Zurzeit ist Barnetta in seiner Heimat. Wozu er in der Ostschweiz weilt, ist nicht ganz klar. Besucht er hier nur seine Familie und geniesst nebenbei die Vorzüge dieser wunderschönen Region? Kommt er nur zurück, um abermals seine Koffer zu packen? Oder kommt er zurück, um die Gier der St.Galler nach einer Identifikationsfigur zu stillen und einen Vertrag zu unterzeichnen?

Wir wissen es nicht. Und alle Spekulationen sind hanebüchen, solange es keine definitive Entscheidung gibt. Ebenso hanebüchen wie die Diskussionen, ob er «jetzt oder nie» zurückkehren sollte. Wir positionieren uns mit einem «später ist auch OK, aber lieber jetzt».

Wer führt die Abwehr in der neuen Saison?
In der letzten Saison war die Defensive des FCSG, gelinde gesagt, ein Hühnerhaufen. Häufig reichte ein Gegentor, um komplett den roten Faden zu verlieren. Seit Montandons verletzungsbedingtem Rücktritt wirkt die Abwehr führungslos, zumal es Besle nicht gelang, die Zügel in die Hand zu nehmen und sich zu einem Führungsspieler zu entwickeln. Der Franzose wurde gegangen und gekommen ist – keiner.

Die Lücke, die in der Innenverteidigung klafft, soll durch die jungen Gelmi und Eisenring geschlossen werden. Es ist schon etwas paradox: Da schaffen es jahrelang kaum Nachwuchsspieler ins Fanionteam und dann sollen sie gleich die Führung der Abwehr übernehmen – ohne starken Routinier an ihrer Seite. (Nicht nur) wir fragen uns: Kommt das gut?

Was dürfen wir von den Neuzugängen erwarten?
Nebst der Integration von Jungen war der FCSG auch auf dem Transfermarkt aktiv. Das grösste Fragezeichen stellt Martin Yves Angha-Lötscher dar. Der Rechtsverteidiger mit Schweizer Mutter und Vater aus dem Kongo war zuletzt bei 1860 München nur noch Reservist, lange verletzt. Er ist 21 Jahre alt und steht an einem Scheideweg in seiner Karriere. Kann er diese neu lancieren oder wird er ein ewiges Talent?

Im Mittelfeld wurde mit Alain Wiss ein Spieler geholt, der dort Staubsauger spielen, aber auch in den Abschluss gehen kann. Wiss’ Abgang nach acht Jahren tut den Luzerner Fans weh – und ihren Rivalen aus der Ostschweiz ganz gut.

Im Sturm soll Sandro Gotal Rechtsfall Karanovic ersetzen. Er bringt den Torriecher mit und spielt neu wieder nahe seinem Geburtsort Bregenz. Ob ihm das zusätzlichen Schwung verleiht? Wir sind gespannt auf die Neuen.

Welche Ziele kann der FCSG 2015/16 verfolgen?
Nach dem sensationellen dritten Rang 2012/13 sind die Ansprüche gestiegen. Dölf Frühs gebetsmühlenartig wiederholtes Ziel, sich in der Liga zu etablieren, genügt vielen nicht mehr – die Erwartungshaltung bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen «die Bodenhaftung nicht verlieren, wissen wo man herkommt» und «es ist doch nicht verboten, Ambitionen zu haben».

Wo der FCSG die nächste Saison beendet, können wir nicht voraussagen. Die Stimmung ist insgesamt nicht besonders gut, zumal man die Rückrunde komplett verpatzt hat. Aber: Man malte schon im letzten Sommer den Teufel an die Wand. Und es kam anders. Wir machen es uns deshalb einfach: Von Europacup bis Abstieg ist alles möglich.

Wie viel dem FCSG in der kommenden Saison zuzutrauen ist, müssen alle selber beurteilen. Es gibt halbvolle und halbleere Gläser, noch bevor überhaupt der Ball gerollt ist – und genau auf diesen Augenblick freuen wir uns am meisten. Darauf, ab Sonntag, 16 Uhr wieder mitfiebern, mitzittern, mitärgern und mitjubeln zu können. Und unsere Fragen zumindest teilweise beantwortet zu kriegen.


Dieser Beitrag erschien am 14. Juli 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. In der spielfreien Zeit veröffentlicht das Kollektiv auf Saiten in loser Folge.


Viereinhalb Jahre amtete Heinz Peischl als Sportchef beim FC St.Gallen. Zusammen mit Dölf Früh und Jeff Saibene manövrierte er den Verein in (vorerst?) ruhige Gewässer. Nun ist dieses Triumvirat Geschichte. Wie geht es weiter?

Heinz Peischl kann auf eine durchaus erfolgreiche Amtszeit zurückblicken. Mit Scarione, Nater und Lenjani verpflichtete er Spieler, welche später finanziell wichtige Transfererlöse in die Clubkasse spülten. Auch sonst bewies er mit seinen Transfers oft ein gutes Händchen. Manchmal griff er auch daneben, aber Transfers wie Daniel Beichler und Klemen Lavric können mit der Abstiegsgefahr erklärt werden, von Albert Bunjaku hätten wohl alle mehr erwartet. Als einziger wirklicher Transferflop bleibt Alhassane Keita in Erinnerung.

Konflikt um den Nachwuchs

Die Gründe für Peischls Freistellung liegen also nicht in der Transferpolitik, sondern sind vielmehr im Zusammenhang mit «Future Champs Ostschweiz» (FCO) zu suchen, dem Nachwuchsprojekt des FC St.Gallen. Gemäss «Blick» war Peischl als eigentlicher Vorgesetzter nicht mit dem Abgang von Roger Zürcher, dem ehemaligen technischen Leiter FCO, einverstanden. Auch bei der Verpflichtung von Marco Otero soll er übergangen worden sein.

Generell liegt die Vermutung nahe, dass Peischls Vertrag aufgrund der schlechten Nachwuchsintegration nicht verlängert wurde. Obwohl das Projekt FCO bereits vor vier Jahren lanciert wurde, kamen in der laufenden Saison kaum Nachwuchsspieler im Fanionteam zum Einsatz. Verständlich, dass die Geldgeber im Hintergrund ungeduldig werden, schliesslich verschlingt das Projekt jährlich einen Millionenbetrag.

Vor diesem Hintergrund ist auch fraglich, ob Jeff Saibene Cheftrainer bleiben wird. Über die Entlassung Peischls zeigte er sich im Interview nach dem Heimspiel gegen den FC Thun nicht gerade erfreut. Zudem wurde Saibene immer wieder dafür kritisiert, den Nachwuchskräften keine Einsatzzeit zu geben. Seine Begründung: Sie seien noch nicht so weit. Die Einsätze von Gelmi, Lässer und Eisenring haben aber gezeigt, dass diese durchaus in die Bresche springen können. Die Ausgeliehenen Ilja Ivic und Nicolas Lüchinger hingegen sollen nochmals ein Jahr lang andernorts Spielpraxis sammeln.

Was bringt Tausendsassa Stübi?

Die Nachfolge von Peischl tritt nun also Christian Stübi an, der 2011 von Schaffhausen zum FCSG stiess und seit 2012 als Teammanager amtete. Stübi ist ein richtiger Tausendsassa, arbeitete beim FC Schaffhausen, bei dem er in den Neunzigern als Spieler engagiert war, als Marketingchef, Geschäftsführer und Sportchef. Mit der Kaderplanung für die neue Saison hat Stübi bereits begonnen. Demiri und Sikorski werden den Verein verlassen. Der «Blick» vermeldete zudem, dass Mathys, Rodriguez und Besle den Verein verlassen können. Der FCSG dementierte umgehend.

Den von Peischl eingeschlagenen Weg will Stübi fortführen, wie er in einem Interview mit dem «Tagblatt» erläuterte. Das heisst, dass auch in Zukunft vornehmlich Spieler aus der Challenge League verpflichtet werden sollen. Zudem sollen vermehrt Nachwuchsspieler zum Einsatz kommen. Für die Nachwuchsspieler muss jedoch im Kader Platz geschaffen werden. Beispielsweise befinden sich mit Tafer, Tréand, Aratore und Rodriguez vier fertige Flügelspieler im Kader. Mindestens einer dieser vier Spieler wird den Verein wohl verlassen. Generell möchte Stübi das Kader entschlacken. Daher dürften noch weitere Spieler wechseln.

Fraglich bleibt, ob Stübi das Amt als Sportchef dauerhaft ausüben wird. Zwar war er bereits 2010 als möglicher Sportchef gehandelt worden, hatte aber als Teammanager in den letzten Jahren einen anderen Aufgabenbereich und könnte daher bald wieder in diese Funktion zurückkehren. Mit Axel Thoma wäre ein Sportchef verfügbar, der beim FC Wil über Jahre hervorragende Arbeit geleistet hat und insbesondere über Erfahrung im Umgang mit jungen Spielern verfügt.

Gut möglich, dass Dölf Früh Thoma will. Gut möglich, dass dessen ungeklärte rechtliche Situation mit GC zurzeit noch ein zu heisses Eisen ist. Gut möglich, dass sich das schon bald ändert.


Dieser Beitrag erschien am 2. Juni beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


Da hat der FCSG gleich ordentlich aufgerüstet – Aratore, Bunjaku, Facchinetti, Kapiloto, Tafer, Thrier, Tréand. Dahinter steckt eine Blutauffrischung, die nach dem Abnutzungskampf gegen Ende der letzten Saison dringend nötig geworden war. Die Luft war raus, die Euphorie weg, die Spiele ein beinahe lästiges Pflichtritual. Die Mannschaft hat es verpasst, sich erneut für den Europacup zu qualifizieren, obwohl es wohl noch selten so einfach gewesen wäre.

Transfers
Vielleicht wäre eine erneute Europa-Qualifikation aber auch zu viel des Guten gewesen: Zu viel des Guten für einen Verein, der nicht jedes Jahr mit Europa plant und planen kann. Zu viel des Guten für eine Mannschaft, die dies mit ihren Leistungen in der Rückrunde nicht verdient hätte. Zu viel des Guten für eine Gesamtsituation, in der Spannungen entstanden sind, die dadurch übertüncht worden wären. Zu viel des Guten für die Fans, deren Portemonnaies und Ferienkonti im letzten Herbst empfindlich bluteten.

Offensive ist jetzt aber das Zauberwort. Nicht nur in Bezug auf die Transfers, sondern auch auf die bisherige Mannschaft: Miserable 15 Tore erzielte sie 2014, das ist viel zu wenig, ungenügend. Nun wurde diesem Problem Abhilfe geschaffen. Beispielsweise mit dem 30-jährigen Kosovaren Albert Bunjaku, der in Deutschland auch einen jener dämlichen Übernamen bekam, die den Stars in der Bundesliga verpasst werden. Hoffen wir, dass Bum-Bum-Bunjaku (schauder!) seinem Ruf auch in St.Gallen gerecht wird, obwohl er zuletzt lange verletzt war. Dann Yannis Tafer, ein talentierter Angreifer mit der Kapazität, dem St.Galler Offensivspiel einen Schuss Genialität zu verleihen. Dann Marco Aratore, 14-facher Torschütze und 8-facher Assistgeber des FC Winterthur Ausgabe 13/14. Dann Geoffry Tréand, in der Ostschweiz noch bestens bekannt, weil er St.Gallen am 1. Mai 2011 einen der schmerzlichsten Dolchstösse der Klubgeschichte verpasst hat. Und zuletzt noch Nisso Kapiloto, ein total unbekannter Innenverteidiger aus Israel.

Darüber hinaus konnte der Beobachter beim letztwöchigen Trainingsauftakt zwei weitere neue Gesichter erblicken: Marsel Stevic (18) und Boris Babic (16) wurden mit Profiverträgen ausgestattet und erhalten die Chance, sich Einsatzminuten in der höchsten Schweizer Spielklasse zu erkämpfen. Von ihnen dürfen natürlich keine Wunderdinge erwartet werden, aber das Signal ist ebenso klar wie erfreulich: Junge Spieler erhalten in St.Gallen ja doch eine Chance. Es ist nun an ihnen, sich so zu entwickeln, dass man den Kalauer «sie werden uns noch viel Freude bereiten» aus der Mottenkiste graben kann. Jung zu sein bedeutet nämlich nicht automatisch Qualität zu besitzen. Oder um es mit einem weiteren Kalauer zu formulieren: «Es gibt keine jungen oder alten Fussballer, sondern nur gute oder schlechte», sagte dereinst Otto Rehagel.

Saisonstart ist auch Abschiedszeit – diesmal von vier verdienten Spielern, bisher. So erhält der zurückgetretene Innenverteidiger Martin Stocklasa in der Nachwuchsabteilung eine Beschäftigung, während Ivan Martic die Chance beim Serie-A-Verein Hellas Verona zu packen versucht. Ein schwieriges Unterfangen, kam der junge Kroate doch schon bei St.Gallen nicht regelmässig zum Einsatz. Dass er die Gelegenheit aber wahrnehmen will, kann ihm nun wirklich niemand verübeln. Matias Vitkieviez kehrt zum Besitzerverein YB zurück, womit eine Menge sympathische, kämpferische Spielweise, nicht aber ein Topskorer verloren geht. In Erinnerung bleiben vor allem seine Flanke in Moskau auf Karanovic sowie sein Fallrückziehertor gegen Aarau. Vitkieviez war ein Guter, einer, der so spielt, wie man es in der Ostschweiz gerne sieht. Der letzte Abgang ist ein Spieler, an dem sich in St.Gallen die Geister scheiden: Kristian Nushis Vertrag wurde nach fünf Saisons nicht mehr verlängert. Viele liebten seinen bedingungslosen Einsatz, viele hassten seine technischen Unzulänglichkeiten. Viele liebten seinen Drang zum Abschluss, viele hassten die kaum vorhandene Präzision desselben. Nushi ist ein Typ, der wegen seines Typs fehlen wird. Wenn es an der Zeit ist, darf aber auch einmal ein Schlussstrich gezogen werden.

Einen Schlussstrich ziehen muss man dringend auch unter die letzte Saison, die seit der Meistersaison die aufwühlendste war. Auf uns wartet ein neues Abenteuer, und nach der Transferoffensive des FCSG hat der zuletzt arg gebeutelte Optimismus einen Anstieg verzeichnen können. Zum Glück ist WM, denn eigentlich dürfte die neue Saison morgen beginnen – die Spannung darauf ist auf jeden Fall zurück.