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Jeff Saibene kam 2011 ohne viel Kredit nach St. Gallen. Den Abstieg konnte er nicht mehr verhindern. Dann zeichnete er sich aber mitverantwortlich für die beste Zeit des FCSG in den letzten Jahren. SENF unterhielt sich mit dem Cheftrainer über diese Entwicklung, seine Europa League-Erlebnisse und über seine Eindrücke vom Club und den Fans.

Jeff Saibene

SENF: Jeff Saibene, wie kommt ein Luxemburger dazu, in der Schweiz Karriere zu machen?

Saibene: Dass ich in der Schweiz landete, war kein Zufall, sondern wie vorprogrammiert. Ich war immer ein Schweiz-Fan; nicht einmal unbedingt vom Fussball, sondern weil mir das Land immer sehr gefiel. Mit 19 spielte ich bei Standard Lüttich, da kam eine Anfrage aus Aarau, wo ich meinen ersten Profivertrag unterschrieb.Ich blieb dann, bis auf einen kleinen Unterbruch, immer hier. Heimweh verspüre ich nicht, ich will auch nicht zurück, sondern mit meiner Familie hier bleiben.

SENF: Luxemburg gilt als Fussballzwerg. Aus welcher Perspektive betrachtet man da den Weltfussball?

Saibene: Da ich schon mit 15 aus Luxemburg wegzog und mehr als die Hälfte meines Lebens in der Schweiz verbracht habe, sehe ich den Fussball mehr aus Schweizer Perspektive. Luxemburg wurde aufgrund seines geringen Stellenwerts aber schon immer etwas belächelt, wobei ich hier mittlerweile eine gewisse Akzeptanz spüre. Dass Luxemburg die Schweiz besiegt hat, trug vielleicht auch etwas dazu bei.

SENF: Eine Akzeptanz, die du dir in St. Gallen hart erarbeiten musstest.

Saibene: Verständlicherweise stand man mir kritisch gegenüber, als ich vom Luxemburgischen Fussballverband nach St. Gallen kam.Ich war ein Durchschnittskicker, nicht viele haben mich gekannt und wir verfehlten gleich das Ziel, die Liga zu halten. Die darauffolgende Saison in der Challenge League war ebenfalls schwierig. Danach gab es aber einen radikalen Wandel, nach dem ich mir und wir uns Akzeptanz aufgebautund viel Vertrauen bei der Bevölkerung gewonnen haben. Ich geniesse derzeit ein hervorragendes Verhältnis, was sich auch in einer gewissen Anerkennung und Dankbarkeit äussert. Dies trägt viel dazu bei, dass ich mich hier sehr wohl fühle.

SENF: Zum schwierigen Start trug sicher auch das Auswärtsspiel bei Xamax bei. Was geht einem Trainer durch den Kopf, wenn Tréand für acht verbliebene Neuenburger in der 94. Minute gegen St. Gallen das 2:1 schiesst?

Saibene: Das war wirklich ein Horrormoment. Wir waren in Überzahl und konnten in diesem wichtigen Spiel gegen einen direkten Konkurrenten wenigstens überhaupt noch ausgleichen. Dann haben wiruns bei einem Freistoss komplett naiv verhalten. Statt zu flanken, schoss Hämmerli direkt aufs Tor, der Torhüter parierte den harmlosen Schuss, warf aus, Tréand liess zwei von uns stehen und schoss das Tor. Es ist eine Episode, über die wir heute 
lachen können, damals war es aber Horror. Den Abstieg bedeutete es aber nicht: Obwohl es mental ein empfindlicher Schlag war, konnten wir das Rennen bis zum Schluss offen halten, ehe wir bei YB verloren.

SENF: War es danach eine undankbare Aufgabe, die Challenge League als Ligakrösus, also quasi aus der Bayern-Perspektive, in Angriff zu nehmen?

Saibene: Die Challenge League war eine zwiespältige Geschichte. Wir haben stets unsere Pflicht erfüllt, haben aber nicht das Spektakel gezeigt, das sich das Umfeld wünschte. Zudem war die Liga unattraktiv. Obwohl ein fader Beigeschmack bleibt, erreichten wir den Aufstieg ohne Probleme. Es war auch einmal schön, die Gewissheit zu haben, aufgrund der vorhandenen Qualität acht von zehn Spielen zu gewinnen. Wir gerieten nie ernsthaft unter Druck und stiegen früh auf.

SENF: Hat es dich dann selbst überrascht, als Aufsteiger gleich souverän Dritter zu werden?

Saibene: Meistens ist es ja so, dass man als Aufsteiger den Groove mitnimmt. Es war vielleicht aber auch eine Trotzreaktion: Wir hatten wenig Kredit, viele gaben uns keine Chance. Dazu kamen mit Nater und Janjatovic entscheidende Transfers; Spieler, die uns enorm weiterbrachten, vorhin jedoch kaum jemand kannte. Mit diesen zwei Top-Fussballern in der Mitte hat sich unser ganzes System verändert. Wichtiger als die letzte Saison ist für mich aber, dass wir die Leistung in der diesjährigen Hinrunde bestätigen konnten, trotz immenser Belastung sowie gewichtigen Abgängen. Was wir in diesem halben Jahr erreicht haben, finde ich bemerkenswert.

SENF: Von der Challenge League direkt in die Europa League: Ein Traum?

Saibene: Wenn ich jemandem beim Heimspiel vor zwei Jahren gegen Carouge gesagt hätte, dass wir hier 2013 in der Europa League-Gruppenphase Valencia empfangen, hätte der mich für komplett verrückt erklärt. Es nahm von Spiel zu Spiel seinen Lauf, alles ging sehr schnell. Möglicherweise werde ich erst in einigen Jahren realisieren, was wir hier als kleiner Club erreicht haben. In Moskau mit 4:2 zu gewinnen und die Gruppenphase zu erreichen ist mit das Schönste,was ich je erlebt habe. Die 30 Minuten nach dem frühen Gegentor waren mit das Beste, was der FC St. Gallen in jüngerer Vergangenheit gezeigt hat. Ich habe in der darauffolgenden Nacht kein Auge zugemacht, erhielt viele Nachrichten. Wir machten europaweit Schlagzeilen und erhielten innerhalb der Schweiz Anerkennung und Sympathie, wie es St. Gallen noch selten erfahren hat. Mit der Qualifikation zur Europa League sowie unserem Auftreten in der Gruppenphase haben wir viel für das positive Image des Vereins getan.

SENF: Dabei hast du vom schwerstmöglichen Gegner gesprochen, als uns Spartak Moskau zugelost wurde.

Saibene: Ja, ich dachte, das ist einfach Scheisse: Da verlierst du zweimal, hast zuhause keine Zuschauer, fliegst nach Moskau und das war dann die Europa League. Natürlich habe ich das weder dem Team, noch der Öffentlichkeit gegenüber so verkauft, aber ich hatte die Russen in der Meisterschaft verfolgt und sie waren wirklich sackstark. Ehrlich gesagt, wäre ich lieber nach Stuttgart gereist.

Ich glaube, dass wir danach mit Valencia und Swansea die beste Gruppe erwischt haben. Valencia ist ein Weltclub, der in den letzten zehn Jahren zweimal im Champions League-Final stand. Das Auswärtsspiel war für alle ein grosses Erlebnis, obwohl wir hoch verloren haben. Kuban Krasnodar war weniger ein Wunschgegner – insgeheim habe ich auf Standard Lüttich gehofft, wo ich als junger Spieler fünf Jahre verbrachte.

SENF: Haben sich die Prioritäten während der Europa League-Zeit verschoben?

Saibene: Nein, gar nicht. Ich habe von Spiel zu Spiel geschaut und so rotiert, dass einerseits alle Spieler im Rhythmus blieben und wir andererseits immer genügend fitte Spieler auf dem Platz hatten. Abgesehen von den Stürmern sind wir vom Verletzungspech verschont geblieben, weshalb wir alles ganz gut bewältigt haben – obwohl
die Belastung riesig war und wir zuletzt im Dreitagesrhythmus spielten.

SENF: Wie bewältigte die Mannschaft dieses immense Pensum?

Saibene: Es ist eine Frage des Willens und der Fitness. Nach der intensiven Vorbereitung im Sommer sagten mir viele Spieler, sie seien noch nie so fit gewesen. Auch darum sind wir die Mannschaft mit dem grössten Laufpensum der Liga. Die Teams der europäischen Topligen laufen im Schnitt 122 Kilometer pro Spiel, wir rund 130! Als ich der Mannschaft vorschlug, etwas weniger Pressing zu betreiben, wollten die Jungs das nicht. Sie wollen so Fussball spielen und zeigten, dass sie dazu im Stande sind: Nach dem Auswärtsspiel in Moskau besiegten wir Luzern mit 4:1. Aus Krasnodar kamen wir freitags in der Nacht zurück, klinisch tot. Trotzdem gewannen wir gegen Zürich und liefen wieder 130 Kilometer! Vor der Winterpause gab es aber doch Spiele, in denen wir die Belastung spürten. Trotzdem: Wie oft seid ihr nach Hause gegangen und wart wirklich enttäuscht von der Mannschaft? Ich denke, diese Spiele lassen sich im vergangenen Jahr an einer Hand abzählen.

SENF: Ihr habt uns beeindruckt – wir euch auch?

Saibene: Am meisten beeindruckt hat mich Swansea, als die ganze Schlange St. Gallen-Fans an unserem Bus vorbeizog. Wenn du zu diesem Club gehörst und so etwas siehst, ist das Wahnsinn! Riesig! Auch im Stadion war es ein einmaliges Erlebnis. Fans in England, das ist etwas anderes; es ist auch Stimmung, aber nicht so, das kennen sie gar nicht. Ich bekam danach Meldungen, sie hätten so etwas noch nie erlebt. Was haben sie geschrieben? ‚Best ever!‘ Auch im Cup gegen Zürich fand ich die Stimmung unglaublich cool. Es waren 7‘700 Leute da und von der Stimmung her hatte ich das Gefühl, das Stadion sei voll. Wir haben ein riesiges Fanpotenzial, ich geniesse jedes Spiel.

SENF: Jedes Spiel? Bist du von uns manchmal nicht auch enttäuscht?

Saibene: Im Moment selten. Natürlich, wenn einer einmal einen Penalty verschiesst und danach zwei, drei schlechte Aktionen hat, ist es unglücklich wenn 50 Prozent der Fans pfeifen. Ich habe zwar ein gewisses Verständnis, es gehört irgendwie auch dazu, denke aber auch ‚Scheisse, muss das jetzt sein?‘.

SENF: Stört es dich, wenn in einem Spiel mehr gegen den Gegner als für die eigene Mannschaft gesungen wird?

Saibene: Naja, es ist halt… Hauptsache es wird gesungen (lacht).

SENF: Wir kommen nicht drum herum, das Thema Pyro anzusprechen. Stört dich das? Gefällt dir das?

Saibene: Das Problem bei Pyros ist einfach, dass es gefährlich ist. Wenn es zur Waffe und auf Menschen geworfen wird, dann ist es Horror. Wenn es aber so ist, dass es als Fest, als Stimmung genutzt wird, finde ich es grandios.

SENF: Mittlerweile bist du der mit Abstand dienstälteste Trainer der Super League. Was bedeutet dir das? Könnte sich daraus eine längere Ära entwickeln?

Saibene: Ich hatte im Dezember meinen tausendsten Arbeitstag beim FC St. Gallen. Ich denke, darauf darf ich schon ein bisschen stolz sein. Tausend Tage sind eine lange Zeit und für mich besonders schön, weil die Anfangszeit nicht so positiv war. Darum gefällt es mir, dass der Trainer hier derzeit gar kein Thema ist und es wäre speziell, wenn dies über einige Zeit so bleiben würde – sieben, acht Jahre beim gleichen Club zu arbeiten, das würde mich schon sehr reizen. Vielleicht ist das aber auch nur Wunschdenken…

SENF: A propos Wunschdenken: Was willst du unbedingt erreichen?

Saibene: (Überlegt lange) Den Cupfinal möchte ich unbedingt einmal erleben, weshalb mir das Out gegen Zürich grausam auf dem Magen liegt. Früher wollte ich einmal der erste Luxemburger sein, der in der Bundesliga trainiert. Davon bin ich aber etwas abgekommen, zumal ich mich hier derzeit wunschlos glücklich fühle. Ich geniesse hier eine riesige Unterstützung von allen Seiten und kann mir nicht vorstellen, dass ich es irgendwann und irgendwo nochmals so gut haben werde wie hier. Dennoch muss man realistisch bleiben. Wenn ein Top-Angebot kommt und der Präsident, der Sportchef und ich finden, dass ich das unbedingt annehmen müsse, würde ich wahrscheinlich auch gehen. Ich denke kaum, dass ich Guy Roux werde und hier 37 Jahre lang Trainer bleibe.

SENF: Wer weiss!

Saibene: Wer weiss, ja! Vielleicht sitzen wir in 20 Jahren ja wieder hier (lacht).

Dieses Interview erschien zum ersten Mal im SENF #01 (erschienen im Januar 2014).


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Sieben Punkte hat der FC St.Gallen nach fünf Spielen in der noch jungen Saison errungen. Das heisst, dass auf den Fussballclub und seine Anhänger eine unspektakuläre Saison wartet – sagt zumindest die Statistik.

Was haben wir uns diebisch gefreut, als der Unparteiische am Mittwoch dreimal in seine Pfeife blies und den Vergleich zwischen Luzern und St. Gallen endlich beendete. Dem FCSG gelang es tatsächlich, trotz lange Zeit inferiorer Leistung drei Punkte aus Luzern zu entführen – im von SENF ausgezeichneten goldenen Käfig stieg die grosse Party.

Es waren drei Punkte, die primär dafür wichtig waren, wieder Ruhe ins zuletzt doch angekratzte Umfeld des FC St. Gallen zu bringen. Zuvor sammelte dieser in drei Spielen nämlich lediglich einen Punkt, der komfortable Startsieg über den FC Lugano war beinahe schon in Vergessenheit geraten.

Stattdessen machten sich die bösen Geister der Vergangenheit wieder bemerkbar, ganz böse Zungen machten die Mannschaft schon zum Abstiegskandidaten. Unruhe machte sich breit.

Fünfter Spieltag ist entscheidend
Dazu geben die aktuellen sieben Punkte und der daraus resultierende vierte Tabellenrang aber keinen Anlass. Ein (halber) Fehlstart wurde dank dem frischgebackenen Vater Geoffrey Tréand vermieden, er schickte die bösen Geister mit seinem Freistoss-Hammer die Reuss runter. Ein Blick in die Geschichte der Zehnerliga zeigt: Auf sieben Punkte in den ersten fünf Spielen folgte noch nie eine Spielzeit, in der der FCSG Mühe hatte, die Klasse zu halten.

Acht Zähler waren es in der letzten Saison, deren sieben ein Jahr davor – was folgte, waren gute Hinrunden und desaströse Rückrunden. Wenn man die ersten Runden der acht Super League-Saisons des FC St.Gallen von 2005/06 bis 2014/15 betrachtet, stellt man gar fest, dass der fünfte Spieltag von entscheidender Bedeutung ist: In der Abstiegssaison 2010/11 fiel man an diesem Spieltag auf den letzten Rang zurück. In der vorherigen Abstiegssaison 2007/08 hatte sich der FCSG zu diesem Zeitpunkt schon dort festgesetzt.

In vier der restlichen sechs Saisons des Betrachtungszeitraums machte man just zum fünften Spieltag einen Schritt nach oben: Von 6 auf 5 (2006/07), von 7 auf 3 (2009/10), von 8 auf 5 (2013/14), von 5 auf 3 (2014/15). In den zwei verbleibenden Spielzeiten fielen die Espen zwar leicht zurück, aber auf hohem Niveau: Von 2 auf 4 (2005/06) und von 2 auf 3 (2012/13). Über diese acht Saisons hat der FC St.Gallen zum fünften Spieltag entweder einen der Ränge 3 bis 5 belegt und durfte sich am Ende zumindest über einen Nicht-Abstieg freuen. Oder er belegte den Rang 10 und musste zum Schluss den Gang in die Zweitklassigkeit antreten.

Eine unansehnliche Saison wartet
Wenn die Punkteanzahl nach fünf Spielen also ein Indiz für die kommende Saison ist, gibt es doch leider auch keinen Grund zu grenzenlosem Optimismus: In der Saison 2012/13 sammelte St. Gallen, das sich als Aufsteiger direkt für den Europacup qualifizieren sollte, ganze elf Punkte. Auch das Punktemaximum und das exakte Gegenteil davon finden sich auf der Liste: 2008/09 gelang es dem FCSG, sämtliche fünf Spiele zum Saisonbeginn für sich zu entscheiden. Nur fand diese Kuriosität auf zweithöchster Stufe statt. Der Grund dafür ist in der Saison zuvor zu finden: Die Ostschweizer verloren zum Auftakt fünf Partien und mussten später den Gang in die Zweitklassigkeit antreten.

In jeder Saisonvorschau beteuern die Trainer gebetsmühlenartig, dass ein guter Start in die neue Saison von zentraler Wichtigkeit sei – klar, was sollen sie denn sonst sagen? Die Ausrede, dass sich das Team doch zuerst finden müsste, kommt ja in der Regel erst im Misserfolgsfall. Der Saisonstart zeigt aber offensichtlich tatsächlich, in welche Richtung es gehen soll. Was den FCSG angeht, bedeutet dies: Eine eher unansehnliche Saison im Mittelfeld der Tabelle. Wohl ohne Ausreisser nach oben, aber auch ohne Sorgen nach unten.

Es gibt noch Luft nach oben
Was dieser Exkurs in die Oberflächlichkeit der Statistikzahlen bedeuten soll? Einerseits, dass das allseits bekannte Trainermantra doch nicht so weit hergeholt ist. Und: Dass kein Grund für Unruhe besteht, zumindest nicht, wenn man die Resultate als einzigen Massstab herbeizieht. Betrachtet man allerdings die bisherigen Partien, so besteht punkto spielerischer Leistung doch noch einiges an Luft nach oben. Darbietungen in Luzern werden nicht immer mit Punktezuwachs belohnt.


Dieser Beitrag erschien am 14. August 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


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Am Sonntag beginnt für den FC St.Gallen die Saison 2015/16. Die Fans können es kaum erwarten – auch, weil sie endlich Antworten auf einige brennende Fragen wollen. Auf vier dieser Baustellen gehen wir ein.

Kehrt Tranquillo Barnetta in die Ostschweiz zurück?
Zurzeit ist Barnetta in seiner Heimat. Wozu er in der Ostschweiz weilt, ist nicht ganz klar. Besucht er hier nur seine Familie und geniesst nebenbei die Vorzüge dieser wunderschönen Region? Kommt er nur zurück, um abermals seine Koffer zu packen? Oder kommt er zurück, um die Gier der St.Galler nach einer Identifikationsfigur zu stillen und einen Vertrag zu unterzeichnen?

Wir wissen es nicht. Und alle Spekulationen sind hanebüchen, solange es keine definitive Entscheidung gibt. Ebenso hanebüchen wie die Diskussionen, ob er «jetzt oder nie» zurückkehren sollte. Wir positionieren uns mit einem «später ist auch OK, aber lieber jetzt».

Wer führt die Abwehr in der neuen Saison?
In der letzten Saison war die Defensive des FCSG, gelinde gesagt, ein Hühnerhaufen. Häufig reichte ein Gegentor, um komplett den roten Faden zu verlieren. Seit Montandons verletzungsbedingtem Rücktritt wirkt die Abwehr führungslos, zumal es Besle nicht gelang, die Zügel in die Hand zu nehmen und sich zu einem Führungsspieler zu entwickeln. Der Franzose wurde gegangen und gekommen ist – keiner.

Die Lücke, die in der Innenverteidigung klafft, soll durch die jungen Gelmi und Eisenring geschlossen werden. Es ist schon etwas paradox: Da schaffen es jahrelang kaum Nachwuchsspieler ins Fanionteam und dann sollen sie gleich die Führung der Abwehr übernehmen – ohne starken Routinier an ihrer Seite. (Nicht nur) wir fragen uns: Kommt das gut?

Was dürfen wir von den Neuzugängen erwarten?
Nebst der Integration von Jungen war der FCSG auch auf dem Transfermarkt aktiv. Das grösste Fragezeichen stellt Martin Yves Angha-Lötscher dar. Der Rechtsverteidiger mit Schweizer Mutter und Vater aus dem Kongo war zuletzt bei 1860 München nur noch Reservist, lange verletzt. Er ist 21 Jahre alt und steht an einem Scheideweg in seiner Karriere. Kann er diese neu lancieren oder wird er ein ewiges Talent?

Im Mittelfeld wurde mit Alain Wiss ein Spieler geholt, der dort Staubsauger spielen, aber auch in den Abschluss gehen kann. Wiss’ Abgang nach acht Jahren tut den Luzerner Fans weh – und ihren Rivalen aus der Ostschweiz ganz gut.

Im Sturm soll Sandro Gotal Rechtsfall Karanovic ersetzen. Er bringt den Torriecher mit und spielt neu wieder nahe seinem Geburtsort Bregenz. Ob ihm das zusätzlichen Schwung verleiht? Wir sind gespannt auf die Neuen.

Welche Ziele kann der FCSG 2015/16 verfolgen?
Nach dem sensationellen dritten Rang 2012/13 sind die Ansprüche gestiegen. Dölf Frühs gebetsmühlenartig wiederholtes Ziel, sich in der Liga zu etablieren, genügt vielen nicht mehr – die Erwartungshaltung bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen «die Bodenhaftung nicht verlieren, wissen wo man herkommt» und «es ist doch nicht verboten, Ambitionen zu haben».

Wo der FCSG die nächste Saison beendet, können wir nicht voraussagen. Die Stimmung ist insgesamt nicht besonders gut, zumal man die Rückrunde komplett verpatzt hat. Aber: Man malte schon im letzten Sommer den Teufel an die Wand. Und es kam anders. Wir machen es uns deshalb einfach: Von Europacup bis Abstieg ist alles möglich.

Wie viel dem FCSG in der kommenden Saison zuzutrauen ist, müssen alle selber beurteilen. Es gibt halbvolle und halbleere Gläser, noch bevor überhaupt der Ball gerollt ist – und genau auf diesen Augenblick freuen wir uns am meisten. Darauf, ab Sonntag, 16 Uhr wieder mitfiebern, mitzittern, mitärgern und mitjubeln zu können. Und unsere Fragen zumindest teilweise beantwortet zu kriegen.


Dieser Beitrag erschien am 14. Juli 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. In der spielfreien Zeit veröffentlicht das Kollektiv auf Saiten in loser Folge.


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Viereinhalb Jahre amtete Heinz Peischl als Sportchef beim FC St.Gallen. Zusammen mit Dölf Früh und Jeff Saibene manövrierte er den Verein in (vorerst?) ruhige Gewässer. Nun ist dieses Triumvirat Geschichte. Wie geht es weiter?

Heinz Peischl kann auf eine durchaus erfolgreiche Amtszeit zurückblicken. Mit Scarione, Nater und Lenjani verpflichtete er Spieler, welche später finanziell wichtige Transfererlöse in die Clubkasse spülten. Auch sonst bewies er mit seinen Transfers oft ein gutes Händchen. Manchmal griff er auch daneben, aber Transfers wie Daniel Beichler und Klemen Lavric können mit der Abstiegsgefahr erklärt werden, von Albert Bunjaku hätten wohl alle mehr erwartet. Als einziger wirklicher Transferflop bleibt Alhassane Keita in Erinnerung.

Konflikt um den Nachwuchs

Die Gründe für Peischls Freistellung liegen also nicht in der Transferpolitik, sondern sind vielmehr im Zusammenhang mit «Future Champs Ostschweiz» (FCO) zu suchen, dem Nachwuchsprojekt des FC St.Gallen. Gemäss «Blick» war Peischl als eigentlicher Vorgesetzter nicht mit dem Abgang von Roger Zürcher, dem ehemaligen technischen Leiter FCO, einverstanden. Auch bei der Verpflichtung von Marco Otero soll er übergangen worden sein.

Generell liegt die Vermutung nahe, dass Peischls Vertrag aufgrund der schlechten Nachwuchsintegration nicht verlängert wurde. Obwohl das Projekt FCO bereits vor vier Jahren lanciert wurde, kamen in der laufenden Saison kaum Nachwuchsspieler im Fanionteam zum Einsatz. Verständlich, dass die Geldgeber im Hintergrund ungeduldig werden, schliesslich verschlingt das Projekt jährlich einen Millionenbetrag.

Vor diesem Hintergrund ist auch fraglich, ob Jeff Saibene Cheftrainer bleiben wird. Über die Entlassung Peischls zeigte er sich im Interview nach dem Heimspiel gegen den FC Thun nicht gerade erfreut. Zudem wurde Saibene immer wieder dafür kritisiert, den Nachwuchskräften keine Einsatzzeit zu geben. Seine Begründung: Sie seien noch nicht so weit. Die Einsätze von Gelmi, Lässer und Eisenring haben aber gezeigt, dass diese durchaus in die Bresche springen können. Die Ausgeliehenen Ilja Ivic und Nicolas Lüchinger hingegen sollen nochmals ein Jahr lang andernorts Spielpraxis sammeln.

Was bringt Tausendsassa Stübi?

Die Nachfolge von Peischl tritt nun also Christian Stübi an, der 2011 von Schaffhausen zum FCSG stiess und seit 2012 als Teammanager amtete. Stübi ist ein richtiger Tausendsassa, arbeitete beim FC Schaffhausen, bei dem er in den Neunzigern als Spieler engagiert war, als Marketingchef, Geschäftsführer und Sportchef. Mit der Kaderplanung für die neue Saison hat Stübi bereits begonnen. Demiri und Sikorski werden den Verein verlassen. Der «Blick» vermeldete zudem, dass Mathys, Rodriguez und Besle den Verein verlassen können. Der FCSG dementierte umgehend.

Den von Peischl eingeschlagenen Weg will Stübi fortführen, wie er in einem Interview mit dem «Tagblatt» erläuterte. Das heisst, dass auch in Zukunft vornehmlich Spieler aus der Challenge League verpflichtet werden sollen. Zudem sollen vermehrt Nachwuchsspieler zum Einsatz kommen. Für die Nachwuchsspieler muss jedoch im Kader Platz geschaffen werden. Beispielsweise befinden sich mit Tafer, Tréand, Aratore und Rodriguez vier fertige Flügelspieler im Kader. Mindestens einer dieser vier Spieler wird den Verein wohl verlassen. Generell möchte Stübi das Kader entschlacken. Daher dürften noch weitere Spieler wechseln.

Fraglich bleibt, ob Stübi das Amt als Sportchef dauerhaft ausüben wird. Zwar war er bereits 2010 als möglicher Sportchef gehandelt worden, hatte aber als Teammanager in den letzten Jahren einen anderen Aufgabenbereich und könnte daher bald wieder in diese Funktion zurückkehren. Mit Axel Thoma wäre ein Sportchef verfügbar, der beim FC Wil über Jahre hervorragende Arbeit geleistet hat und insbesondere über Erfahrung im Umgang mit jungen Spielern verfügt.

Gut möglich, dass Dölf Früh Thoma will. Gut möglich, dass dessen ungeklärte rechtliche Situation mit GC zurzeit noch ein zu heisses Eisen ist. Gut möglich, dass sich das schon bald ändert.


Dieser Beitrag erschien am 2. Juni beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


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Da hat der FCSG gleich ordentlich aufgerüstet – Aratore, Bunjaku, Facchinetti, Kapiloto, Tafer, Thrier, Tréand. Dahinter steckt eine Blutauffrischung, die nach dem Abnutzungskampf gegen Ende der letzten Saison dringend nötig geworden war. Die Luft war raus, die Euphorie weg, die Spiele ein beinahe lästiges Pflichtritual. Die Mannschaft hat es verpasst, sich erneut für den Europacup zu qualifizieren, obwohl es wohl noch selten so einfach gewesen wäre.

Transfers
Vielleicht wäre eine erneute Europa-Qualifikation aber auch zu viel des Guten gewesen: Zu viel des Guten für einen Verein, der nicht jedes Jahr mit Europa plant und planen kann. Zu viel des Guten für eine Mannschaft, die dies mit ihren Leistungen in der Rückrunde nicht verdient hätte. Zu viel des Guten für eine Gesamtsituation, in der Spannungen entstanden sind, die dadurch übertüncht worden wären. Zu viel des Guten für die Fans, deren Portemonnaies und Ferienkonti im letzten Herbst empfindlich bluteten.

Offensive ist jetzt aber das Zauberwort. Nicht nur in Bezug auf die Transfers, sondern auch auf die bisherige Mannschaft: Miserable 15 Tore erzielte sie 2014, das ist viel zu wenig, ungenügend. Nun wurde diesem Problem Abhilfe geschaffen. Beispielsweise mit dem 30-jährigen Kosovaren Albert Bunjaku, der in Deutschland auch einen jener dämlichen Übernamen bekam, die den Stars in der Bundesliga verpasst werden. Hoffen wir, dass Bum-Bum-Bunjaku (schauder!) seinem Ruf auch in St.Gallen gerecht wird, obwohl er zuletzt lange verletzt war. Dann Yannis Tafer, ein talentierter Angreifer mit der Kapazität, dem St.Galler Offensivspiel einen Schuss Genialität zu verleihen. Dann Marco Aratore, 14-facher Torschütze und 8-facher Assistgeber des FC Winterthur Ausgabe 13/14. Dann Geoffry Tréand, in der Ostschweiz noch bestens bekannt, weil er St.Gallen am 1. Mai 2011 einen der schmerzlichsten Dolchstösse der Klubgeschichte verpasst hat. Und zuletzt noch Nisso Kapiloto, ein total unbekannter Innenverteidiger aus Israel.

Darüber hinaus konnte der Beobachter beim letztwöchigen Trainingsauftakt zwei weitere neue Gesichter erblicken: Marsel Stevic (18) und Boris Babic (16) wurden mit Profiverträgen ausgestattet und erhalten die Chance, sich Einsatzminuten in der höchsten Schweizer Spielklasse zu erkämpfen. Von ihnen dürfen natürlich keine Wunderdinge erwartet werden, aber das Signal ist ebenso klar wie erfreulich: Junge Spieler erhalten in St.Gallen ja doch eine Chance. Es ist nun an ihnen, sich so zu entwickeln, dass man den Kalauer «sie werden uns noch viel Freude bereiten» aus der Mottenkiste graben kann. Jung zu sein bedeutet nämlich nicht automatisch Qualität zu besitzen. Oder um es mit einem weiteren Kalauer zu formulieren: «Es gibt keine jungen oder alten Fussballer, sondern nur gute oder schlechte», sagte dereinst Otto Rehagel.

Saisonstart ist auch Abschiedszeit – diesmal von vier verdienten Spielern, bisher. So erhält der zurückgetretene Innenverteidiger Martin Stocklasa in der Nachwuchsabteilung eine Beschäftigung, während Ivan Martic die Chance beim Serie-A-Verein Hellas Verona zu packen versucht. Ein schwieriges Unterfangen, kam der junge Kroate doch schon bei St.Gallen nicht regelmässig zum Einsatz. Dass er die Gelegenheit aber wahrnehmen will, kann ihm nun wirklich niemand verübeln. Matias Vitkieviez kehrt zum Besitzerverein YB zurück, womit eine Menge sympathische, kämpferische Spielweise, nicht aber ein Topskorer verloren geht. In Erinnerung bleiben vor allem seine Flanke in Moskau auf Karanovic sowie sein Fallrückziehertor gegen Aarau. Vitkieviez war ein Guter, einer, der so spielt, wie man es in der Ostschweiz gerne sieht. Der letzte Abgang ist ein Spieler, an dem sich in St.Gallen die Geister scheiden: Kristian Nushis Vertrag wurde nach fünf Saisons nicht mehr verlängert. Viele liebten seinen bedingungslosen Einsatz, viele hassten seine technischen Unzulänglichkeiten. Viele liebten seinen Drang zum Abschluss, viele hassten die kaum vorhandene Präzision desselben. Nushi ist ein Typ, der wegen seines Typs fehlen wird. Wenn es an der Zeit ist, darf aber auch einmal ein Schlussstrich gezogen werden.

Einen Schlussstrich ziehen muss man dringend auch unter die letzte Saison, die seit der Meistersaison die aufwühlendste war. Auf uns wartet ein neues Abenteuer, und nach der Transferoffensive des FCSG hat der zuletzt arg gebeutelte Optimismus einen Anstieg verzeichnen können. Zum Glück ist WM, denn eigentlich dürfte die neue Saison morgen beginnen – die Spannung darauf ist auf jeden Fall zurück.