Trotz zwei Toren auswärts gegen den FCZ, die etwas Mut machen: Joe Zinnbauer wird sich in Zukunft noch einige Fragen stellen müssen.

Die Taktik des FCSG im Letzigrund setzte sich am Samstag aus einer kompakten Abwehr und temporärem Pressing – vor allem zu Beginn der beiden Halbzeiten – zusammen. Joe Zinnbauer hatte in seiner Spielvorbereitung offenbar FCZ-Kapitän Nef als Schwachstelle ausgemacht. Der Innenverteidiger wurde immer wieder von den St.Gallern unter Druck gesetzt.

Nef, von Haus aus eher kompromissloser Zweikämpfer als ballsicherer Aufbauspieler, sah sich folglich oft zum weiten Ball gezwungen. Oder zum Rückpass, wie nach knapp fünf Spielminuten. Das ungenaue Zuspiel Nefs zu Torwart Brecher erlief Edgar Salli und traf zum frühen 1:0. Vor allem in Auswärtsspielen dürfte sich der Kameruner als echte Waffe entpuppen. Seine Schnelligkeit prädestiniert ihn zum Konterspieler. Aufgrund seiner schmächtigen Erscheinung ist Salli aber womöglich auf der Flügelposition besser aufgehoben.  Denn den Ball bei Kontern gegen stämmige Innenverteidiger zu behaupten, setzt gewisse Körpermasse voraus, über die die Leihgabe aus Monaco nicht verfügt.

Thrier knapp genügend, Sidekick Gelmi überraschend souverän

Auch in den Startminuten nach dem Pausentee versuchte Zinnbauer die Zürcher auf dem falschen Fuss zu erwischen. Die Abwehr stand nun 15 Meter weiter vorne. Dass Grün-Weiss die Balance zwischen Angriff und Abwehr in jenen offensiv ambitionierten Minuten nicht fand, belegt die Chance Etoundis nach knapp 50 Spielminuten. Der St.Galler Abwehrverbund rückte in jener Phase bis zur Mittellinie auf, weshalb FCZ-Taktgeber Yapi ein einfacher Ball zwischen die Innenverteidigung reichte, um eine Grosschance zu lancieren. Der schnelle Etoundi enteilte wegen fehlender Absicherung problemlos, traf aber nur die Latte.

Bei den Espen war es vor allem Pascal Thrier, der ab und an Mühe bekundete. Der 30-Jährige ist ein solider Abwehrspieler. Viel mehr aber nicht. Auffällig ist, dass er neben sich einen starken Partner benötigt. Das waren einst Montandon oder Besle: starke Persönlichkeiten, ausgestattet mit einer enormen Präsenz. Nun ist es Roy Gelmi. Der U21-Nationalspieler ist neben Lopar der einzige St.Galler, der noch keine Meisterschaftsminute verpasst hat.

Das Vertrauen der Verantwortlichen scheint sich bezahlt zu machen: Gelmi spielt stets einen – in Anbetracht von Alter und Super-League-Erfahrung – überraschend souveränen Part. Mit Alain Wiss stellte man ihm bis anhin einen eigentlich defensiven Mittelfeldspieler zur Seite, der Gelmi in der Spieleröffnung Aufgaben abnahm. Wiss kam in Zürich kurz vor dem zwischenzeitlichen 1:2 in die Partie – erstmals auf der Sechs, seit er grün-weiss trägt.

Ewiges Problemkind Janjatovic

Es ist zu erwarten, dass Wiss auch zukünftig im Mittelfeld eingesetzt wird, zumal der Luzerner angeblich nur ungern im Abwehrzentrum spielt. Wer künftig neben dem wohl gesetzten Gelmi die Position des Innenverteidigers bekleidet, dürfte eine der wichtigsten Fragen der nächsten Wochen sein.

Thrier fehlt es an Qualität.

Russo ist zwar wieder fit, aber seine Fähigkeiten scheinen ebenfalls begrenzt.

Rückt Wiss also wieder eine Position zurück? Oder ist gar Angha eine Option, der die Position schon an früheren Stationen spielte?

Ansonsten scheint Zinnbauer seine Defensive gefunden zu haben: Angha – unter Saibene noch aussen vor – und der jüngste Super-League-Spieler dieser Saison, Hefti, besetzen die Aussenverteidiger-Positionen. Hefti wirkte zwar in Zürich nicht immer sattelfest, musste mit Bua aber auch gegen den besten Mann des Spiels verteidigen. Wichtige Erfahrungen für den seit Sonntag volljährigen Hefti, dessen Nominationen sicherlich für Zinnbauer sprechen.

Überraschend ist, dass Zinnbauer jüngst erklärte, dass einzig Lopar und Mutsch gesetzt seien. Man staunt über die plötzliche, unverhoffte Ballsicherheit, die Mutsch jeweils im defensiven Mittelfeld erlangt. Gegen den FCZ fehlte er gesperrt. Insbesondere bei Heimspielen gibt es aber wohl bessere Alternativen als den 31-jährigen Luxemburger, denn es gilt, offensive Akzente zu setzen, Tore zu schiessen.

Das chronische Problemkind Dejan Janjatovic verfügt über alle Anlagen dazu: Seine Ruhe am Ball wäre überragend, sein Schuss überdurchschnittlich und seine Spielintelligenz ausgezeichnet. Wäre, leider. Konstanz ist für den ehemaligen Bayern-Junior allerhöchstens eine Stadt in Deutschland, aber noch keine Tugend, die sich mit Fussball vereinen lässt. In Zürich betraute Zinnbauer seinen Landsmann mit eher defensiven Aufgaben, was nicht unbedingt den Vorlieben Janjatovics entspricht.

Traditionell leeres Letzigrund

Der neue Trainer durchlebt die üblichen Phasen. Es wird ausprobiert und experimentiert, ehe sich langsam ein Stamm herauskristallisiert. Beispiel Yannis Tafer: Zunächst setzte Zinnbauer den 24-Jährigen als einzige Sturmspitze ein, was ein durchaus spannender Versuch ist. Die Idee eines mitspielenden Stürmers hat sich schon vielerorts bewährt. Gegen defensiv starke Teams hängt Tafer aber in der Luft. Am Samstag agierte der Franzose, wie schon unter Saibene, auf dem Flügel. Am besten scheint er aber auf der Zehn aufgehoben zu sein. Bezüglich Kreativität und Technik dürfte Tafer beim FCSG führend sein. Entsprechend braucht er den Ball. Spielt er auf dem Flügel oder als einzige Sturmspitze, ist er von Zuspielen abhängig und demnach nur bedingt einflussreich.

Der Auftritt im traditionell leeren Letzigrund machte Mut. Zwei Tore in einem Spiel gelangen den Espen erst einmal in dieser Super-League-Saison – am ersten Spieltag beim 2:0-Sieg über Lugano. Das Schlusslicht aus Zürich erzielte nun schon siebenmal mindestens zwei Tore. Eine bemerkenswerte Gegenüberstellung, liegen doch die St.Galler immerhin vier Punkte vor den Zürchern.

Ärgern wird man sich in St.Gallen aber über fünf Gegentore aus den letzten beiden Spielen. Und die fielen nicht etwa gegen Tabellenführer Basel und den selbsternannten Meisterschaftskandidaten YB, sondern gegen Aufsteiger Lugano und Schlusslicht FCZ. Zinnbauer legt grossen Wert auf defensive Ordnung, weshalb ihn die defensiven Schwächen besonders stören werden. «Wir wollten hier nicht verlieren», erklärte er die Zielsetzung für die Partie in Zürich. Das liegt keineswegs an fehlendem Selbstvertrauen, so tickt Zinnbauer nicht. Viel eher ist es Ausdruck seiner Präferenz, der Defensive.


Dieser Beitrag erschien am 27. Oktober 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


Was ist der Neue beim FCSG eigentlich für ein Typ? Einer mit Ecken und Kanten, der nach Emotionen giert. Könnte also zum Verein passen.

Joe Zinnbauer

Eigentlich waren wir uns ja sicher: Die dunklen Rauchschwaden beim Auswärtsspiel in Basel stellten die obligate Begleiterscheinung einer Papstwahl dar. Oder entsprechend dem St.Galler Pendant in jenen Tagen: der Trainerwahl.

Womöglich symbolisierten die unzählig in die Höhe gereckten Fackeln aber auch einfach Zündhölzli. Unter Saibene schien die Reiboberfläche zuletzt hart abgenutzt. Heftiges «Zöseln» in den Jahren 2011, 2012 und 2013 sowie im Herbst 2014 hatte dazu geführt, dass nur noch grauer Karton übrig blieb. Das Hölzli entzündete sich nicht mehr. Es war Zeit für ein neues Schächteli.

Passt Joe zu uns?

Dieses präsentierte die St.Galler Führung vor einer Woche mit Josef «Joe» Zinnbauer. Eine überraschende Lösung, waren doch zuvor viele andere Namen gehandelt worden. Dennoch ist es eine Lösung mit Weitsicht.

Auf den ersten Blick bringt Zinnbauer Bundesliga-Glamour und Nachwuchserfahrung mit. Zudem dürfte das finanzielle Risiko überschaubar sein, da die Espen Zinnbauer von einer Regionalliga-Mannschaft weg verpflichteten.

Aber passt das? Das mit unserem FC St.Gallen und dem Neuen, mit Joe?

Er habe «Feuer gefangen», als er sich den Verein näher ansah. Der FCSG scheint für den Emotionsmenschen Zinnbauer Sinn zu machen. Man betrachte die ruhmreiche Historie des FC St.Gallen, der eine Pionierrolle einnahm, um den Fussball in der Schweiz zu etablieren. Und man betrachte das Stadion, das – trotz Aura einer unpersönlichen Multifunktionsarena – gut besetzt und mit Leben gefüllt ist. Die leise Sehnsucht nach Grossem, nach neuerlichem «Zöseln», liegt da in der Luft.

Dafür ist der Europa-League-Rausch noch zu präsent, siegestrunkene Hinrunden-Erfolge wie in den letzten beiden Saisons noch zu sehr im Gedächtnis.

Kapitel HSV war kein Scheitern

Zinnbauer stillt diese leise Sehnsucht nach Grossem. Von September 2014 bis März 2015 trainierte der Bayer die erste Mannschaft des HSV. Seeler, Keegan, Magath, später Barbarez und mit Abstrichen auch van der Vaart – wobei letzterer noch unter Zinnbauer spielte – trugen alle das Trikot mit der Raute.

Dass Zinnbauer als Trainer der Bundesliga-Mannschaft freigestellt wurde, lässt kein Urteil über seine Fähigkeiten zu. Dafür verwendet man in der Berichterstattung rund um den Bundesliga-Dino HSV zu oft Begriffe wie «chaotisch» und «peinlich». 1983 noch Sieger im Europapokal der Landesmeister, ist der HSV zum Abstiegskandidaten verkommen. So liest sich die Beschäftigung beim HSV in der Vita von Joe Zinnbauer beinahe mehr als wertvoller Erfahrungsschatz, denn als klägliches Scheitern.

Insbesondere das unstete Umfeld in Hamburg dürfte dazu führen, dass Zinnbauer der St.Galler Führung viel abgewinnen kann. Präsident Früh und Sportchef Stübi sind zweifellos pflegeleichter, als es die Vorgesetzten in Hamburger Zeiten waren.

Die Chance, auf höchster Ebene seine Ideen umsetzen zu können, dürfte unter Umständen Zinnbauers Verlangen, in die Bundesliga zurückzukehren, überlagern. Die Unterschrift unter einen Dreijahresvertrag ohne Ausstiegsklausel unterstützt diese These.

Zinnbauers Gänsehaut-Momente

Und wenn man denn etwas aus dem Boulevard-Thema rund um Zinnbauers Finanzgeschäfte mitnehmen will – dann die Einsicht, dass er im Fussball findet, was er in seinem Unternehmen vergeblich suchte: Emotionen. Danach giert Zinnbauer nun. Sein wichtigstes Stilmittel ist die Ansprache. Gestandene Bundesligaspieler berichteten von Gänsehautmomenten in der Kabine bei seinen Reden.

Oftmals aber mündet die so erzeugte Motivation in einer unkontrollierten Aggressivität (wir hoffen inständig, dass Everton seinen Deutschunterricht nicht fortsetzt): In der vergangenen Saison belegte der HSV in der Fairplay-Tabelle den letzten Platz. Während 23 von 34 Saisonspielen trug Zinnbauer dabei die Verantwortung. Es ist eine Statistik, die als Indikator für die Bereitschaft der Spieler dienen kann. Böse Zungen werden aber behaupten, dass sich dahinter auch taktische Unbeholfenheit verbirgt.

«Es ist wie am Anfang einer Beziehung. Erst später bemerkt man die Ecken und Kanten», sagte Zinnbauer dem «Tagblatt» bezüglich Kennenlernen der Mannschaft.

An diesem frühen Herbsttag zünden wir eine Kerze an. «Zöseln» halt. Und bis zum Bemerken von Ecken und Kanten geben wir uns der naiven Vorstellung hin, dass das passen könnte mit dem Neuen, mit Joe. Und wer weiss, vielleicht gefallen uns diese Ecken und Kanten. Denn trotz dem auch im Fussball herrschenden Kapitalismus, ist das Zwischenmenschliche eine ungemein bedeutende Komponente. Timing und Chemie lassen sich nicht planen. Vielleicht wird aus der Kerze schon bald wieder ein Feuerwerk.

Anzünden! Los!


Dieser Beitrag erschien am 22. September 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


Gegen den FCB Experimente, nun soll (wieder) Stabilität her – wir blicken anhand des letzten Saisonspiels gegen den FC Basel zurück auf die bisherige Leistung der St. Galler Mannschaft und machen Kassensturz vor dem ersten Spiel des FCSG unter dem neuen Cheftrainer Josef Zinnbauer.

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Interimscoach Daniel Tarone überraschte am letzten Samstag beim Auswärtsspiel in Basel viele bei der Startaufstellung: Mario Mutsch rückte für Everton ins defensive Mittelfeld, auf der rechten Aussenbahn verteidigte dafür erstmals der erst 17-jährige Silvan Hefti – dieser hatte in der Woche vor dem Spiel seinen ersten Profivertrag beim FCSG unterschrieben und zeigte gegen den FCB ein ansprechendes Debut. Es waren jedoch lediglich die FCB-Spieler, welche zu Beginn zu einigen guten Chancen kamen und aus dieser starken Anfangsphase heraus resultierte dann auch der Führungstreffer durch Delgado, dies vom Penaltypunkt aus. Im Basler St. Jakob-Park zündeten in der Folge einzig noch die Gästefans ein veritables Feuerwerk, denn nach der spannenden Startphase flachte die Partie merklich ab. Aratores Sonntagsschuss konnte nicht verstecken, dass die Umstellungen im Kader des FCSG (noch?) nicht die gewünschte Wirkung hatten. Das übliche Bild zeigte sich: Hinten stand man relativ sicher, doch nach vorne ging einmal mehr wenig bis gar nichts.

Nach acht Spieltagen zeichnet sich in der Tabelle deshalb langsam eine Zäsur ab. Der FCSG liegt zwar noch auf Rang 6, doch zum fünftplatzierten Luzern fehlen bereits fünf Punkte, während das letztplatzierte Lugano nur einen Punkt hinter den Espen liegt. Auch die Formkurve zeigt mit zuletzt drei verlorenen Spielen gegen die Grasshoppers, den FC Vaduz sowie den FCB klar nach unten. Auch wenn die Saison noch jung ist, droht der FCSG damit bereits in den Abstiegskampf zu geraten. Nach dem Cupspiel gegen den FC Breitenrain gastiert am kommenden Dienstag der FC Thun in St.Gallen. Die Berner Oberländer vermochten nach dem Abgang von Trainer Urs Fischer bisher auch noch nicht wirklich zu überzeugen. Möchte man es verhindern komplett in den Abstiegssumpf abzurutschen, sind gegen die Thuner drei Punkte Pflicht – somit muss bereits relativ früh in der Saison von einem sogenannten «Sechs-Punkte-Spiel» gesprochen werden.

Die zahlreich mitgereisten Fans der Espen schienen nichtsdestotrotz in Basel noch Feuerwerksbestände vom 1. August loswerden zu wollen. Die anwesenden Zuschauer wähnten sich dabei zeitweise wie im Vatikan: Analog der Papstwahl wurde zu Beginn der zweiten Halbzeit ein wenig schwarzer Rauch gezündet, was in Rom bekanntlich bedeutet, dass noch kein neuer Papst gewählt worden ist – ob die FCSG-Fans auf den am Samstag noch nicht präsentierten neuen Trainer anspielen wollten, ist nicht zweifelsfrei nachzuweisen. Sicher ist jedoch, dass die Frage nach dem neuen Trainer zu einem guten Zeitpunkt beantwortet wurde: Vergangenen Dienstagnachmittag kündigten die Verantwortlichen des FCSG Josef «Joe» Zinnbauer als Nachfolger von Jeff Saibene an und ermöglichen dem Neo-Chefcoach mit dem Cupspiel gegen das unterklassige Breitenrein somit einen (hoffentlich) gelungenen Einstand als Trainer des FC St.Gallen. Es wird sich dabei zeigen, ob die von Daniel Tarone vorgenommenen Umstellungen auch unter dem neuen Chefcoach Bestand haben. Wir hoffen auf jeden Fall, dass Zinnbauer die Mannschaft wieder zu stabilisieren vermag und möglichst schnell dafür sorgt, dass der FCSG die Abstiegsplätze hinter sich lässt. Die nötige Qualität dazu wäre im Kader bereits vorhanden und dem Auftritt in Basel zufolge sicherlich auch ein wenig weisser Rauch seitens der Fans.


Jeff Saibene kam 2011 ohne viel Kredit nach St. Gallen. Den Abstieg konnte er nicht mehr verhindern. Dann zeichnete er sich aber mitverantwortlich für die beste Zeit des FCSG in den letzten Jahren. SENF unterhielt sich mit dem Cheftrainer über diese Entwicklung, seine Europa League-Erlebnisse und über seine Eindrücke vom Club und den Fans.

Jeff Saibene

SENF: Jeff Saibene, wie kommt ein Luxemburger dazu, in der Schweiz Karriere zu machen?

Saibene: Dass ich in der Schweiz landete, war kein Zufall, sondern wie vorprogrammiert. Ich war immer ein Schweiz-Fan; nicht einmal unbedingt vom Fussball, sondern weil mir das Land immer sehr gefiel. Mit 19 spielte ich bei Standard Lüttich, da kam eine Anfrage aus Aarau, wo ich meinen ersten Profivertrag unterschrieb.Ich blieb dann, bis auf einen kleinen Unterbruch, immer hier. Heimweh verspüre ich nicht, ich will auch nicht zurück, sondern mit meiner Familie hier bleiben.

SENF: Luxemburg gilt als Fussballzwerg. Aus welcher Perspektive betrachtet man da den Weltfussball?

Saibene: Da ich schon mit 15 aus Luxemburg wegzog und mehr als die Hälfte meines Lebens in der Schweiz verbracht habe, sehe ich den Fussball mehr aus Schweizer Perspektive. Luxemburg wurde aufgrund seines geringen Stellenwerts aber schon immer etwas belächelt, wobei ich hier mittlerweile eine gewisse Akzeptanz spüre. Dass Luxemburg die Schweiz besiegt hat, trug vielleicht auch etwas dazu bei.

SENF: Eine Akzeptanz, die du dir in St. Gallen hart erarbeiten musstest.

Saibene: Verständlicherweise stand man mir kritisch gegenüber, als ich vom Luxemburgischen Fussballverband nach St. Gallen kam.Ich war ein Durchschnittskicker, nicht viele haben mich gekannt und wir verfehlten gleich das Ziel, die Liga zu halten. Die darauffolgende Saison in der Challenge League war ebenfalls schwierig. Danach gab es aber einen radikalen Wandel, nach dem ich mir und wir uns Akzeptanz aufgebautund viel Vertrauen bei der Bevölkerung gewonnen haben. Ich geniesse derzeit ein hervorragendes Verhältnis, was sich auch in einer gewissen Anerkennung und Dankbarkeit äussert. Dies trägt viel dazu bei, dass ich mich hier sehr wohl fühle.

SENF: Zum schwierigen Start trug sicher auch das Auswärtsspiel bei Xamax bei. Was geht einem Trainer durch den Kopf, wenn Tréand für acht verbliebene Neuenburger in der 94. Minute gegen St. Gallen das 2:1 schiesst?

Saibene: Das war wirklich ein Horrormoment. Wir waren in Überzahl und konnten in diesem wichtigen Spiel gegen einen direkten Konkurrenten wenigstens überhaupt noch ausgleichen. Dann haben wiruns bei einem Freistoss komplett naiv verhalten. Statt zu flanken, schoss Hämmerli direkt aufs Tor, der Torhüter parierte den harmlosen Schuss, warf aus, Tréand liess zwei von uns stehen und schoss das Tor. Es ist eine Episode, über die wir heute 
lachen können, damals war es aber Horror. Den Abstieg bedeutete es aber nicht: Obwohl es mental ein empfindlicher Schlag war, konnten wir das Rennen bis zum Schluss offen halten, ehe wir bei YB verloren.

SENF: War es danach eine undankbare Aufgabe, die Challenge League als Ligakrösus, also quasi aus der Bayern-Perspektive, in Angriff zu nehmen?

Saibene: Die Challenge League war eine zwiespältige Geschichte. Wir haben stets unsere Pflicht erfüllt, haben aber nicht das Spektakel gezeigt, das sich das Umfeld wünschte. Zudem war die Liga unattraktiv. Obwohl ein fader Beigeschmack bleibt, erreichten wir den Aufstieg ohne Probleme. Es war auch einmal schön, die Gewissheit zu haben, aufgrund der vorhandenen Qualität acht von zehn Spielen zu gewinnen. Wir gerieten nie ernsthaft unter Druck und stiegen früh auf.

SENF: Hat es dich dann selbst überrascht, als Aufsteiger gleich souverän Dritter zu werden?

Saibene: Meistens ist es ja so, dass man als Aufsteiger den Groove mitnimmt. Es war vielleicht aber auch eine Trotzreaktion: Wir hatten wenig Kredit, viele gaben uns keine Chance. Dazu kamen mit Nater und Janjatovic entscheidende Transfers; Spieler, die uns enorm weiterbrachten, vorhin jedoch kaum jemand kannte. Mit diesen zwei Top-Fussballern in der Mitte hat sich unser ganzes System verändert. Wichtiger als die letzte Saison ist für mich aber, dass wir die Leistung in der diesjährigen Hinrunde bestätigen konnten, trotz immenser Belastung sowie gewichtigen Abgängen. Was wir in diesem halben Jahr erreicht haben, finde ich bemerkenswert.

SENF: Von der Challenge League direkt in die Europa League: Ein Traum?

Saibene: Wenn ich jemandem beim Heimspiel vor zwei Jahren gegen Carouge gesagt hätte, dass wir hier 2013 in der Europa League-Gruppenphase Valencia empfangen, hätte der mich für komplett verrückt erklärt. Es nahm von Spiel zu Spiel seinen Lauf, alles ging sehr schnell. Möglicherweise werde ich erst in einigen Jahren realisieren, was wir hier als kleiner Club erreicht haben. In Moskau mit 4:2 zu gewinnen und die Gruppenphase zu erreichen ist mit das Schönste,was ich je erlebt habe. Die 30 Minuten nach dem frühen Gegentor waren mit das Beste, was der FC St. Gallen in jüngerer Vergangenheit gezeigt hat. Ich habe in der darauffolgenden Nacht kein Auge zugemacht, erhielt viele Nachrichten. Wir machten europaweit Schlagzeilen und erhielten innerhalb der Schweiz Anerkennung und Sympathie, wie es St. Gallen noch selten erfahren hat. Mit der Qualifikation zur Europa League sowie unserem Auftreten in der Gruppenphase haben wir viel für das positive Image des Vereins getan.

SENF: Dabei hast du vom schwerstmöglichen Gegner gesprochen, als uns Spartak Moskau zugelost wurde.

Saibene: Ja, ich dachte, das ist einfach Scheisse: Da verlierst du zweimal, hast zuhause keine Zuschauer, fliegst nach Moskau und das war dann die Europa League. Natürlich habe ich das weder dem Team, noch der Öffentlichkeit gegenüber so verkauft, aber ich hatte die Russen in der Meisterschaft verfolgt und sie waren wirklich sackstark. Ehrlich gesagt, wäre ich lieber nach Stuttgart gereist.

Ich glaube, dass wir danach mit Valencia und Swansea die beste Gruppe erwischt haben. Valencia ist ein Weltclub, der in den letzten zehn Jahren zweimal im Champions League-Final stand. Das Auswärtsspiel war für alle ein grosses Erlebnis, obwohl wir hoch verloren haben. Kuban Krasnodar war weniger ein Wunschgegner – insgeheim habe ich auf Standard Lüttich gehofft, wo ich als junger Spieler fünf Jahre verbrachte.

SENF: Haben sich die Prioritäten während der Europa League-Zeit verschoben?

Saibene: Nein, gar nicht. Ich habe von Spiel zu Spiel geschaut und so rotiert, dass einerseits alle Spieler im Rhythmus blieben und wir andererseits immer genügend fitte Spieler auf dem Platz hatten. Abgesehen von den Stürmern sind wir vom Verletzungspech verschont geblieben, weshalb wir alles ganz gut bewältigt haben – obwohl
die Belastung riesig war und wir zuletzt im Dreitagesrhythmus spielten.

SENF: Wie bewältigte die Mannschaft dieses immense Pensum?

Saibene: Es ist eine Frage des Willens und der Fitness. Nach der intensiven Vorbereitung im Sommer sagten mir viele Spieler, sie seien noch nie so fit gewesen. Auch darum sind wir die Mannschaft mit dem grössten Laufpensum der Liga. Die Teams der europäischen Topligen laufen im Schnitt 122 Kilometer pro Spiel, wir rund 130! Als ich der Mannschaft vorschlug, etwas weniger Pressing zu betreiben, wollten die Jungs das nicht. Sie wollen so Fussball spielen und zeigten, dass sie dazu im Stande sind: Nach dem Auswärtsspiel in Moskau besiegten wir Luzern mit 4:1. Aus Krasnodar kamen wir freitags in der Nacht zurück, klinisch tot. Trotzdem gewannen wir gegen Zürich und liefen wieder 130 Kilometer! Vor der Winterpause gab es aber doch Spiele, in denen wir die Belastung spürten. Trotzdem: Wie oft seid ihr nach Hause gegangen und wart wirklich enttäuscht von der Mannschaft? Ich denke, diese Spiele lassen sich im vergangenen Jahr an einer Hand abzählen.

SENF: Ihr habt uns beeindruckt – wir euch auch?

Saibene: Am meisten beeindruckt hat mich Swansea, als die ganze Schlange St. Gallen-Fans an unserem Bus vorbeizog. Wenn du zu diesem Club gehörst und so etwas siehst, ist das Wahnsinn! Riesig! Auch im Stadion war es ein einmaliges Erlebnis. Fans in England, das ist etwas anderes; es ist auch Stimmung, aber nicht so, das kennen sie gar nicht. Ich bekam danach Meldungen, sie hätten so etwas noch nie erlebt. Was haben sie geschrieben? ‚Best ever!‘ Auch im Cup gegen Zürich fand ich die Stimmung unglaublich cool. Es waren 7‘700 Leute da und von der Stimmung her hatte ich das Gefühl, das Stadion sei voll. Wir haben ein riesiges Fanpotenzial, ich geniesse jedes Spiel.

SENF: Jedes Spiel? Bist du von uns manchmal nicht auch enttäuscht?

Saibene: Im Moment selten. Natürlich, wenn einer einmal einen Penalty verschiesst und danach zwei, drei schlechte Aktionen hat, ist es unglücklich wenn 50 Prozent der Fans pfeifen. Ich habe zwar ein gewisses Verständnis, es gehört irgendwie auch dazu, denke aber auch ‚Scheisse, muss das jetzt sein?‘.

SENF: Stört es dich, wenn in einem Spiel mehr gegen den Gegner als für die eigene Mannschaft gesungen wird?

Saibene: Naja, es ist halt… Hauptsache es wird gesungen (lacht).

SENF: Wir kommen nicht drum herum, das Thema Pyro anzusprechen. Stört dich das? Gefällt dir das?

Saibene: Das Problem bei Pyros ist einfach, dass es gefährlich ist. Wenn es zur Waffe und auf Menschen geworfen wird, dann ist es Horror. Wenn es aber so ist, dass es als Fest, als Stimmung genutzt wird, finde ich es grandios.

SENF: Mittlerweile bist du der mit Abstand dienstälteste Trainer der Super League. Was bedeutet dir das? Könnte sich daraus eine längere Ära entwickeln?

Saibene: Ich hatte im Dezember meinen tausendsten Arbeitstag beim FC St. Gallen. Ich denke, darauf darf ich schon ein bisschen stolz sein. Tausend Tage sind eine lange Zeit und für mich besonders schön, weil die Anfangszeit nicht so positiv war. Darum gefällt es mir, dass der Trainer hier derzeit gar kein Thema ist und es wäre speziell, wenn dies über einige Zeit so bleiben würde – sieben, acht Jahre beim gleichen Club zu arbeiten, das würde mich schon sehr reizen. Vielleicht ist das aber auch nur Wunschdenken…

SENF: A propos Wunschdenken: Was willst du unbedingt erreichen?

Saibene: (Überlegt lange) Den Cupfinal möchte ich unbedingt einmal erleben, weshalb mir das Out gegen Zürich grausam auf dem Magen liegt. Früher wollte ich einmal der erste Luxemburger sein, der in der Bundesliga trainiert. Davon bin ich aber etwas abgekommen, zumal ich mich hier derzeit wunschlos glücklich fühle. Ich geniesse hier eine riesige Unterstützung von allen Seiten und kann mir nicht vorstellen, dass ich es irgendwann und irgendwo nochmals so gut haben werde wie hier. Dennoch muss man realistisch bleiben. Wenn ein Top-Angebot kommt und der Präsident, der Sportchef und ich finden, dass ich das unbedingt annehmen müsse, würde ich wahrscheinlich auch gehen. Ich denke kaum, dass ich Guy Roux werde und hier 37 Jahre lang Trainer bleibe.

SENF: Wer weiss!

Saibene: Wer weiss, ja! Vielleicht sitzen wir in 20 Jahren ja wieder hier (lacht).

Dieses Interview erschien zum ersten Mal im SENF #01 (erschienen im Januar 2014).


Sieben Punkte hat der FC St.Gallen nach fünf Spielen in der noch jungen Saison errungen. Das heisst, dass auf den Fussballclub und seine Anhänger eine unspektakuläre Saison wartet – sagt zumindest die Statistik.

Was haben wir uns diebisch gefreut, als der Unparteiische am Mittwoch dreimal in seine Pfeife blies und den Vergleich zwischen Luzern und St. Gallen endlich beendete. Dem FCSG gelang es tatsächlich, trotz lange Zeit inferiorer Leistung drei Punkte aus Luzern zu entführen – im von SENF ausgezeichneten goldenen Käfig stieg die grosse Party.

Es waren drei Punkte, die primär dafür wichtig waren, wieder Ruhe ins zuletzt doch angekratzte Umfeld des FC St. Gallen zu bringen. Zuvor sammelte dieser in drei Spielen nämlich lediglich einen Punkt, der komfortable Startsieg über den FC Lugano war beinahe schon in Vergessenheit geraten.

Stattdessen machten sich die bösen Geister der Vergangenheit wieder bemerkbar, ganz böse Zungen machten die Mannschaft schon zum Abstiegskandidaten. Unruhe machte sich breit.

Fünfter Spieltag ist entscheidend
Dazu geben die aktuellen sieben Punkte und der daraus resultierende vierte Tabellenrang aber keinen Anlass. Ein (halber) Fehlstart wurde dank dem frischgebackenen Vater Geoffrey Tréand vermieden, er schickte die bösen Geister mit seinem Freistoss-Hammer die Reuss runter. Ein Blick in die Geschichte der Zehnerliga zeigt: Auf sieben Punkte in den ersten fünf Spielen folgte noch nie eine Spielzeit, in der der FCSG Mühe hatte, die Klasse zu halten.

Acht Zähler waren es in der letzten Saison, deren sieben ein Jahr davor – was folgte, waren gute Hinrunden und desaströse Rückrunden. Wenn man die ersten Runden der acht Super League-Saisons des FC St.Gallen von 2005/06 bis 2014/15 betrachtet, stellt man gar fest, dass der fünfte Spieltag von entscheidender Bedeutung ist: In der Abstiegssaison 2010/11 fiel man an diesem Spieltag auf den letzten Rang zurück. In der vorherigen Abstiegssaison 2007/08 hatte sich der FCSG zu diesem Zeitpunkt schon dort festgesetzt.

In vier der restlichen sechs Saisons des Betrachtungszeitraums machte man just zum fünften Spieltag einen Schritt nach oben: Von 6 auf 5 (2006/07), von 7 auf 3 (2009/10), von 8 auf 5 (2013/14), von 5 auf 3 (2014/15). In den zwei verbleibenden Spielzeiten fielen die Espen zwar leicht zurück, aber auf hohem Niveau: Von 2 auf 4 (2005/06) und von 2 auf 3 (2012/13). Über diese acht Saisons hat der FC St.Gallen zum fünften Spieltag entweder einen der Ränge 3 bis 5 belegt und durfte sich am Ende zumindest über einen Nicht-Abstieg freuen. Oder er belegte den Rang 10 und musste zum Schluss den Gang in die Zweitklassigkeit antreten.

Eine unansehnliche Saison wartet
Wenn die Punkteanzahl nach fünf Spielen also ein Indiz für die kommende Saison ist, gibt es doch leider auch keinen Grund zu grenzenlosem Optimismus: In der Saison 2012/13 sammelte St. Gallen, das sich als Aufsteiger direkt für den Europacup qualifizieren sollte, ganze elf Punkte. Auch das Punktemaximum und das exakte Gegenteil davon finden sich auf der Liste: 2008/09 gelang es dem FCSG, sämtliche fünf Spiele zum Saisonbeginn für sich zu entscheiden. Nur fand diese Kuriosität auf zweithöchster Stufe statt. Der Grund dafür ist in der Saison zuvor zu finden: Die Ostschweizer verloren zum Auftakt fünf Partien und mussten später den Gang in die Zweitklassigkeit antreten.

In jeder Saisonvorschau beteuern die Trainer gebetsmühlenartig, dass ein guter Start in die neue Saison von zentraler Wichtigkeit sei – klar, was sollen sie denn sonst sagen? Die Ausrede, dass sich das Team doch zuerst finden müsste, kommt ja in der Regel erst im Misserfolgsfall. Der Saisonstart zeigt aber offensichtlich tatsächlich, in welche Richtung es gehen soll. Was den FCSG angeht, bedeutet dies: Eine eher unansehnliche Saison im Mittelfeld der Tabelle. Wohl ohne Ausreisser nach oben, aber auch ohne Sorgen nach unten.

Es gibt noch Luft nach oben
Was dieser Exkurs in die Oberflächlichkeit der Statistikzahlen bedeuten soll? Einerseits, dass das allseits bekannte Trainermantra doch nicht so weit hergeholt ist. Und: Dass kein Grund für Unruhe besteht, zumindest nicht, wenn man die Resultate als einzigen Massstab herbeizieht. Betrachtet man allerdings die bisherigen Partien, so besteht punkto spielerischer Leistung doch noch einiges an Luft nach oben. Darbietungen in Luzern werden nicht immer mit Punktezuwachs belohnt.


Dieser Beitrag erschien am 14. August 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.