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In den drei bisherigen Rückrundenspielen testeten die St.Galler gleich alle Möglichkeiten eines Spielausgangs. Das ist zu wenig für ambitioniertes Liebäugeln mit Europa. Aber auch zu viel, um sich ernsthaft Abstiegssorgen zu machen.

Bedenklich ist, dass der FC St.Gallen den bisher einzigen Rückrundensieg auswärts eingefahren hat. Die beiden Heimspiele – gegen durchaus schlagbare Gegner – starteten jeweils furios und vielversprechend, endeten aber umso frustrierender.

Zweimal ging St.Gallen in Führung, zweimal verspielte man diese. Beni Huggel, der ansonsten mit seinen Einschätzungen höchstens an der Oberfläche zu kratzen vermag, hatte letzten Sonntag für einmal Recht, als er feststellte, dass es den Espen an Erfahrung mangelte. Joe Zinnbauer schickte gegen die Tessiner die zweitjüngste grün-weisse Startelf in dieser Spielzeit auf den Platz.

Der Umbruch als Dauerzustand

Ein Indikator für Erfahrung ist, wenn mit Führungen behutsam umgegangen wird. Wenn möglich, nimmt man etwas Tempo aus dem Spiel. Gleichwohl sollen aber die immer grösser werdenden Räume entsprechend mit offensivem Leben gefüllt werden, um die Begegnung endgültig zu entscheiden.

Das St.Galler Publikum bewies mal wieder überdurchschnittlichen Sachverstand. Der Torjubel nach dem 2:0 durch Aleksic war geradezu verhalten. Man zögerte, zweifelte. Leider berechtigt.

Derweil greifen die Verantwortlichen konsequent in den Sportchef-Baukasten und predigen, dass man sich mitten im Umbruch befinde. Umbruch, klingt ein wenig wie Übergangssaison. Aber in St.Gallen ist das Wort verbraucht und gehört zurecht in den Giftschrank.

Ob Umbruch oder nicht, mit jeder Saison will man besser werden. Und damit das gelingt, braucht es gute Transfers. Insgesamt fünf Neuzugänge präsentierte FCSG-Sportchef Christian Stübi in diesem Winter und einen bereits für den Sommer.

Wir ziehen ein erstes Fazit

Da wäre auf der Position des Linksverteidigers Florent Hanin, für den man die letzten verbliebenen Französischkenntnisse aus der Oberstufe hervorkramen muss.

Hanä fiel bisher nicht ab. Allerdings ist das in der derzeit schwächelnden St.Galler Abwehr kaum ein Lob. Er verantwortete ein Eigentor gegen Thun und verteidigte gegen Lugano, als die Ostschweizer zum zweiten Mal in dieser Saison drei Gegentore hinnehmen mussten. Offensiv sieht es ein wenig besser aus, wobei es hierbei nicht viel braucht, um den in die Romandie abgewanderten Vorgänger zu übertreffen.

Gespannt sein darf man auf Kofi Schulz, der im Sommer zum FC St.Gallen stossen wird. Der 26-jährige Deutsch-Ghanaer überzeugt gegenwärtig beim taumelnden FC Biel mit eindrücklicher Geschwindigkeit und Kraft. Er dürfte sich mit Hanin einen spannenden Konkurrenzkampf liefern.

Gaudino

Gianluca Gaudino ist ein Fussball-Intellektueller. Er ist keiner, der mit grossen Schritten den Ball treibt. Viel eher streift der 19-jährige Deutsche bedächtig durch das Mittelfeld. Seine Bewegungen sind kurz und schnell. Als wäre er auf der steten Suche nach der Lücke, nach diesem unerhört kleinen Zeitfenster, indem man einen spielentscheidenden Pass platzieren kann. Jeder zu grosse Schritt, jede Millisekunde kann einen solchen Geniestreich verhindern.

Dass derartige Attribute alleine längst nicht für die überragende Fussballkarriere reichen, weiss man nicht erst seit Jesus Mendez. Umso erfreulicher ist das hohe Laufpensum Gaudinos, gepaart mit einem bemerkenswert entschlossenen Zweikampfverhalten.

Gaudino ist ein Transfer, der St.Gallen sofort weiterhilft. Weil er das Spiel in seiner Gesamtheit betrachtet. Er kann Tempodrossler und -beschleuniger sein, ausgestattet mit dem Auge für die Situation. Zusammen mit Alain Wiss dürfte das ein zentrales Mittelfeld werden, das sehr viel Vergnügen bereitet.

Mario Leitgeb macht Sinn. Alain Wiss wird den Espen noch einige Zeit fehlen und Dejan Janjatovic forscht nach einer Shishabar im Fürstentum. Es galt also, den freien Platz im Kader sinnvoll zu besetzen. Leitgeb war sofort einsatzbereit und sein Vertrag ist fürs Erste bis Ende Saison befristet. Dass Aussenverteidiger Mario Mutsch noch immer den Vorzug erhält, weckt gewisse Zweifel, ob der 27-jährige Österreicher die Grauzone zwischen Mittelfeld und Abwehr als echte Alternative füllen kann. Wer sich im Umfeld seines ehemaligen Clubs Austria Wien umhört, ist nicht unbedingt positiver gestimmt.

Batuhan Karadeniz kam zwar noch nicht zum Einsatz, aber deckt den Bedarf an romantisch-dramatischen Träumereien. Die Vorstellung des von der strengen Hand Zinnbauers gezähmten Bad Boys, der sich in St.Gallen zum Toptorjäger entwickelt, gefällt. Der 24-jährige Türke bringt vieles mit – ausser Disziplin. Ein grosses Risiko ist der zweifache Internationale für den FCSG aber nicht. Sein Vertrag läuft im Sommer aus. Es liegt an ihm, sich zu beweisen und seine eigentlich erfrischende Kompromisslosigkeit von ausserhalb des Platzes auf den Platz zu bringen.

Vom 1. FC Köln kam der 19-jährige Stürmer Lucas Cueto. Er ist noch ohne Einsatz und eher Investition in die Zukunft denn sofortige Hilfe.

Hoffen auf die Wundertüten

Alles in allem erweist sich nur Königstransfer Gaudino als sofortige Qualitätssteigerung. Hanin ist solide. Bei ihm gilt es abzuwarten, ob daraus mehr wird. Leitgeb und insbesondere Karadeniz sind Wundertüten.

Wir hoffen auf Wunder. Und Europa. Fünfundvierzig Punkte sind schliesslich noch zu vergeben.


Dieser Beitrag erschien am 1. März 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


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Irgendwie fühlte es sich doch komisch an, Saibene auf der anderen Seite zu sehen. Wie ein Wiedersehen nach einer in die Brüche gegangenen Beziehung.

Jeff Saibene

Auch wenn es in der Beziehung schon länger gekriselt hat, so ist das Schlussmachen nie einfach. Vor allem dann, wenn der ehemalige Gefährte schon nach gut einem Monat einen Neuen an seiner Seite hat. Und obwohl der FC St.Gallen am Wochenende auf diesen Neuen, den FC Thun, getroffen ist, kramen wir nicht das Wort «ausgerechnet» hervor. Dafür begegnet man sich in der kleinen Super League einfach zu oft.

Wer kennt es nicht? Man lernt sich kennen (Saibene löst Forte ab), ist sich sympathisch (Wiederaufstieg), verknallt sich (dritter Platz 2013), liebt sich heftig (Europa League), bekommt Beziehungsprobleme (Rückrunde 2015) und trennt sich (nach Vaduz-Niederlage).

Und sieht sich wieder.

Man würde ja tuscheln, verstohlen hinüberblicken und versuchen, sich ein Urteil zu bilden. Aber am Sonntag verhinderten unzählige Kameras und gut 6’000 Schaulustige eine unangenehme Intimität der ehemaligen Weggefährten.

Der fussballerische One Night Stand

Wie geht es dieser einst so wichtigen Person in meinem Leben ohne mich? «Es gibt genug andere», bemerkt der Freundeskreis in einer solchen Situation. Es gibt genug Trainer, dürfte der Funktionärskreis sagen. Und weil die Ligen einen solchen vorschreiben, ist die Durststrecke ohne echten Trainer meist überschaubar. Das Anhängsel «ad interim» – das fussballerische Gegenstück zum One Night Stand – hält selten lange, sieht man von der heftigen Romanze an der deutsch-holländischen Grenze zwischen Raute und Glatze ab.

Aber sowieso: Ein Wiedersehen Ehemaliger in der Super League hat nicht viel Brisanz.

Wegen des aktuellen Ligasystems – man duelliert sich mindestens viermal pro Jahr – wird das Treffen mit dem Ex-Verein zur Alltäglichkeit. Das gilt für Trainer wie für Spieler. Vor allem für letztere ist die Ausbildungsliga Super League eh oft nur Durchgangsstation. Wer viele Tore erzielt, ist beim Publikum beliebt. Wer viele Tore erzielt, ist aber auch sehr schnell weg. Das Ausland lockt, das Geld, volle Stadien, Ruhm. Es sind dann diese aussergewöhnlich talentierten Spieler, die man zwar kurz, aber umso heftiger liebt. Wie ein Ferienflirt. Man geht dann auch im Frieden auseinander, bleibt weiterhin in Kontakt. Stets mit der leisen Hoffnung, dass sie eines Tages zurückkehren. Im vergangenen Juli haben auch wir gehofft, aber es gab (noch) kein Liebescomeback.

Die Romanze mit Zinnbauer

Die Trainer wiederum sind in jüngerer Vergangenheit grundsätzlich im Frieden gegangen (worden). Koller verdankte man den wohl grössten Erfolg der Vereinsgeschichte, Forte den Wiederaufstieg und Saibene unverhofft magische Europapokalstunden. Die Balakovs, Looses und Castellas scheiterten, was ein weiteres Engagement in der höchsten Schweizer Spielklasse scheinbar verunmöglichte. Sowieso gilt, dass ein Trainer meist schon weg ist, bevor er grossen Schaden anrichten kann. Und bisweilen ist er schon weg, bevor er überhaupt richtig wirken kann. Wir kennen dieses Phänomen aus der Westschweiz, wo der Trainer nicht das schwächste, sondern das allerschwächste Glied ist.

Und so wird ein Rencontre mit Saibene bald nur noch ein vom Boulevard künstlich aufgebauschtes Thema sein, für das man Brisanz künstlich züchten muss. Und doch hat das Thuner Logo auf Saibenes Brust so real wie die Spielunterlage im Berner Oberland gewirkt. Dass Grün-Weiss in Thun drei Punkte entführte, grätscht eigentlich sowieso jeglichen Ansatz von Liebeskummer ab. Schliesslich haben die Espen auch einen Neuen, Joe. Nach zwei Siegen in Serie geht man so langsam vom Kennenlernen zum Sich-sympathisch-Sein über. Vielleicht wird daraus bis zum Winter eine Romanze?


 

Dieser Beitrag erschien am 10. November 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.

Bild: Saiten (upz)


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Trotz zwei Toren auswärts gegen den FCZ, die etwas Mut machen: Joe Zinnbauer wird sich in Zukunft noch einige Fragen stellen müssen.

Die Taktik des FCSG im Letzigrund setzte sich am Samstag aus einer kompakten Abwehr und temporärem Pressing – vor allem zu Beginn der beiden Halbzeiten – zusammen. Joe Zinnbauer hatte in seiner Spielvorbereitung offenbar FCZ-Kapitän Nef als Schwachstelle ausgemacht. Der Innenverteidiger wurde immer wieder von den St.Gallern unter Druck gesetzt.

Nef, von Haus aus eher kompromissloser Zweikämpfer als ballsicherer Aufbauspieler, sah sich folglich oft zum weiten Ball gezwungen. Oder zum Rückpass, wie nach knapp fünf Spielminuten. Das ungenaue Zuspiel Nefs zu Torwart Brecher erlief Edgar Salli und traf zum frühen 1:0. Vor allem in Auswärtsspielen dürfte sich der Kameruner als echte Waffe entpuppen. Seine Schnelligkeit prädestiniert ihn zum Konterspieler. Aufgrund seiner schmächtigen Erscheinung ist Salli aber womöglich auf der Flügelposition besser aufgehoben.  Denn den Ball bei Kontern gegen stämmige Innenverteidiger zu behaupten, setzt gewisse Körpermasse voraus, über die die Leihgabe aus Monaco nicht verfügt.

Thrier knapp genügend, Sidekick Gelmi überraschend souverän

Auch in den Startminuten nach dem Pausentee versuchte Zinnbauer die Zürcher auf dem falschen Fuss zu erwischen. Die Abwehr stand nun 15 Meter weiter vorne. Dass Grün-Weiss die Balance zwischen Angriff und Abwehr in jenen offensiv ambitionierten Minuten nicht fand, belegt die Chance Etoundis nach knapp 50 Spielminuten. Der St.Galler Abwehrverbund rückte in jener Phase bis zur Mittellinie auf, weshalb FCZ-Taktgeber Yapi ein einfacher Ball zwischen die Innenverteidigung reichte, um eine Grosschance zu lancieren. Der schnelle Etoundi enteilte wegen fehlender Absicherung problemlos, traf aber nur die Latte.

Bei den Espen war es vor allem Pascal Thrier, der ab und an Mühe bekundete. Der 30-Jährige ist ein solider Abwehrspieler. Viel mehr aber nicht. Auffällig ist, dass er neben sich einen starken Partner benötigt. Das waren einst Montandon oder Besle: starke Persönlichkeiten, ausgestattet mit einer enormen Präsenz. Nun ist es Roy Gelmi. Der U21-Nationalspieler ist neben Lopar der einzige St.Galler, der noch keine Meisterschaftsminute verpasst hat.

Das Vertrauen der Verantwortlichen scheint sich bezahlt zu machen: Gelmi spielt stets einen – in Anbetracht von Alter und Super-League-Erfahrung – überraschend souveränen Part. Mit Alain Wiss stellte man ihm bis anhin einen eigentlich defensiven Mittelfeldspieler zur Seite, der Gelmi in der Spieleröffnung Aufgaben abnahm. Wiss kam in Zürich kurz vor dem zwischenzeitlichen 1:2 in die Partie – erstmals auf der Sechs, seit er grün-weiss trägt.

Ewiges Problemkind Janjatovic

Es ist zu erwarten, dass Wiss auch zukünftig im Mittelfeld eingesetzt wird, zumal der Luzerner angeblich nur ungern im Abwehrzentrum spielt. Wer künftig neben dem wohl gesetzten Gelmi die Position des Innenverteidigers bekleidet, dürfte eine der wichtigsten Fragen der nächsten Wochen sein.

Thrier fehlt es an Qualität.

Russo ist zwar wieder fit, aber seine Fähigkeiten scheinen ebenfalls begrenzt.

Rückt Wiss also wieder eine Position zurück? Oder ist gar Angha eine Option, der die Position schon an früheren Stationen spielte?

Ansonsten scheint Zinnbauer seine Defensive gefunden zu haben: Angha – unter Saibene noch aussen vor – und der jüngste Super-League-Spieler dieser Saison, Hefti, besetzen die Aussenverteidiger-Positionen. Hefti wirkte zwar in Zürich nicht immer sattelfest, musste mit Bua aber auch gegen den besten Mann des Spiels verteidigen. Wichtige Erfahrungen für den seit Sonntag volljährigen Hefti, dessen Nominationen sicherlich für Zinnbauer sprechen.

Überraschend ist, dass Zinnbauer jüngst erklärte, dass einzig Lopar und Mutsch gesetzt seien. Man staunt über die plötzliche, unverhoffte Ballsicherheit, die Mutsch jeweils im defensiven Mittelfeld erlangt. Gegen den FCZ fehlte er gesperrt. Insbesondere bei Heimspielen gibt es aber wohl bessere Alternativen als den 31-jährigen Luxemburger, denn es gilt, offensive Akzente zu setzen, Tore zu schiessen.

Das chronische Problemkind Dejan Janjatovic verfügt über alle Anlagen dazu: Seine Ruhe am Ball wäre überragend, sein Schuss überdurchschnittlich und seine Spielintelligenz ausgezeichnet. Wäre, leider. Konstanz ist für den ehemaligen Bayern-Junior allerhöchstens eine Stadt in Deutschland, aber noch keine Tugend, die sich mit Fussball vereinen lässt. In Zürich betraute Zinnbauer seinen Landsmann mit eher defensiven Aufgaben, was nicht unbedingt den Vorlieben Janjatovics entspricht.

Traditionell leeres Letzigrund

Der neue Trainer durchlebt die üblichen Phasen. Es wird ausprobiert und experimentiert, ehe sich langsam ein Stamm herauskristallisiert. Beispiel Yannis Tafer: Zunächst setzte Zinnbauer den 24-Jährigen als einzige Sturmspitze ein, was ein durchaus spannender Versuch ist. Die Idee eines mitspielenden Stürmers hat sich schon vielerorts bewährt. Gegen defensiv starke Teams hängt Tafer aber in der Luft. Am Samstag agierte der Franzose, wie schon unter Saibene, auf dem Flügel. Am besten scheint er aber auf der Zehn aufgehoben zu sein. Bezüglich Kreativität und Technik dürfte Tafer beim FCSG führend sein. Entsprechend braucht er den Ball. Spielt er auf dem Flügel oder als einzige Sturmspitze, ist er von Zuspielen abhängig und demnach nur bedingt einflussreich.

Der Auftritt im traditionell leeren Letzigrund machte Mut. Zwei Tore in einem Spiel gelangen den Espen erst einmal in dieser Super-League-Saison – am ersten Spieltag beim 2:0-Sieg über Lugano. Das Schlusslicht aus Zürich erzielte nun schon siebenmal mindestens zwei Tore. Eine bemerkenswerte Gegenüberstellung, liegen doch die St.Galler immerhin vier Punkte vor den Zürchern.

Ärgern wird man sich in St.Gallen aber über fünf Gegentore aus den letzten beiden Spielen. Und die fielen nicht etwa gegen Tabellenführer Basel und den selbsternannten Meisterschaftskandidaten YB, sondern gegen Aufsteiger Lugano und Schlusslicht FCZ. Zinnbauer legt grossen Wert auf defensive Ordnung, weshalb ihn die defensiven Schwächen besonders stören werden. «Wir wollten hier nicht verlieren», erklärte er die Zielsetzung für die Partie in Zürich. Das liegt keineswegs an fehlendem Selbstvertrauen, so tickt Zinnbauer nicht. Viel eher ist es Ausdruck seiner Präferenz, der Defensive.


Dieser Beitrag erschien am 27. Oktober 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


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Was ist der Neue beim FCSG eigentlich für ein Typ? Einer mit Ecken und Kanten, der nach Emotionen giert. Könnte also zum Verein passen.

Joe Zinnbauer

Eigentlich waren wir uns ja sicher: Die dunklen Rauchschwaden beim Auswärtsspiel in Basel stellten die obligate Begleiterscheinung einer Papstwahl dar. Oder entsprechend dem St.Galler Pendant in jenen Tagen: der Trainerwahl.

Womöglich symbolisierten die unzählig in die Höhe gereckten Fackeln aber auch einfach Zündhölzli. Unter Saibene schien die Reiboberfläche zuletzt hart abgenutzt. Heftiges «Zöseln» in den Jahren 2011, 2012 und 2013 sowie im Herbst 2014 hatte dazu geführt, dass nur noch grauer Karton übrig blieb. Das Hölzli entzündete sich nicht mehr. Es war Zeit für ein neues Schächteli.

Passt Joe zu uns?

Dieses präsentierte die St.Galler Führung vor einer Woche mit Josef «Joe» Zinnbauer. Eine überraschende Lösung, waren doch zuvor viele andere Namen gehandelt worden. Dennoch ist es eine Lösung mit Weitsicht.

Auf den ersten Blick bringt Zinnbauer Bundesliga-Glamour und Nachwuchserfahrung mit. Zudem dürfte das finanzielle Risiko überschaubar sein, da die Espen Zinnbauer von einer Regionalliga-Mannschaft weg verpflichteten.

Aber passt das? Das mit unserem FC St.Gallen und dem Neuen, mit Joe?

Er habe «Feuer gefangen», als er sich den Verein näher ansah. Der FCSG scheint für den Emotionsmenschen Zinnbauer Sinn zu machen. Man betrachte die ruhmreiche Historie des FC St.Gallen, der eine Pionierrolle einnahm, um den Fussball in der Schweiz zu etablieren. Und man betrachte das Stadion, das – trotz Aura einer unpersönlichen Multifunktionsarena – gut besetzt und mit Leben gefüllt ist. Die leise Sehnsucht nach Grossem, nach neuerlichem «Zöseln», liegt da in der Luft.

Dafür ist der Europa-League-Rausch noch zu präsent, siegestrunkene Hinrunden-Erfolge wie in den letzten beiden Saisons noch zu sehr im Gedächtnis.

Kapitel HSV war kein Scheitern

Zinnbauer stillt diese leise Sehnsucht nach Grossem. Von September 2014 bis März 2015 trainierte der Bayer die erste Mannschaft des HSV. Seeler, Keegan, Magath, später Barbarez und mit Abstrichen auch van der Vaart – wobei letzterer noch unter Zinnbauer spielte – trugen alle das Trikot mit der Raute.

Dass Zinnbauer als Trainer der Bundesliga-Mannschaft freigestellt wurde, lässt kein Urteil über seine Fähigkeiten zu. Dafür verwendet man in der Berichterstattung rund um den Bundesliga-Dino HSV zu oft Begriffe wie «chaotisch» und «peinlich». 1983 noch Sieger im Europapokal der Landesmeister, ist der HSV zum Abstiegskandidaten verkommen. So liest sich die Beschäftigung beim HSV in der Vita von Joe Zinnbauer beinahe mehr als wertvoller Erfahrungsschatz, denn als klägliches Scheitern.

Insbesondere das unstete Umfeld in Hamburg dürfte dazu führen, dass Zinnbauer der St.Galler Führung viel abgewinnen kann. Präsident Früh und Sportchef Stübi sind zweifellos pflegeleichter, als es die Vorgesetzten in Hamburger Zeiten waren.

Die Chance, auf höchster Ebene seine Ideen umsetzen zu können, dürfte unter Umständen Zinnbauers Verlangen, in die Bundesliga zurückzukehren, überlagern. Die Unterschrift unter einen Dreijahresvertrag ohne Ausstiegsklausel unterstützt diese These.

Zinnbauers Gänsehaut-Momente

Und wenn man denn etwas aus dem Boulevard-Thema rund um Zinnbauers Finanzgeschäfte mitnehmen will – dann die Einsicht, dass er im Fussball findet, was er in seinem Unternehmen vergeblich suchte: Emotionen. Danach giert Zinnbauer nun. Sein wichtigstes Stilmittel ist die Ansprache. Gestandene Bundesligaspieler berichteten von Gänsehautmomenten in der Kabine bei seinen Reden.

Oftmals aber mündet die so erzeugte Motivation in einer unkontrollierten Aggressivität (wir hoffen inständig, dass Everton seinen Deutschunterricht nicht fortsetzt): In der vergangenen Saison belegte der HSV in der Fairplay-Tabelle den letzten Platz. Während 23 von 34 Saisonspielen trug Zinnbauer dabei die Verantwortung. Es ist eine Statistik, die als Indikator für die Bereitschaft der Spieler dienen kann. Böse Zungen werden aber behaupten, dass sich dahinter auch taktische Unbeholfenheit verbirgt.

«Es ist wie am Anfang einer Beziehung. Erst später bemerkt man die Ecken und Kanten», sagte Zinnbauer dem «Tagblatt» bezüglich Kennenlernen der Mannschaft.

An diesem frühen Herbsttag zünden wir eine Kerze an. «Zöseln» halt. Und bis zum Bemerken von Ecken und Kanten geben wir uns der naiven Vorstellung hin, dass das passen könnte mit dem Neuen, mit Joe. Und wer weiss, vielleicht gefallen uns diese Ecken und Kanten. Denn trotz dem auch im Fussball herrschenden Kapitalismus, ist das Zwischenmenschliche eine ungemein bedeutende Komponente. Timing und Chemie lassen sich nicht planen. Vielleicht wird aus der Kerze schon bald wieder ein Feuerwerk.

Anzünden! Los!


Dieser Beitrag erschien am 22. September 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


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Gegen den FCB Experimente, nun soll (wieder) Stabilität her – wir blicken anhand des letzten Saisonspiels gegen den FC Basel zurück auf die bisherige Leistung der St. Galler Mannschaft und machen Kassensturz vor dem ersten Spiel des FCSG unter dem neuen Cheftrainer Josef Zinnbauer.

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Interimscoach Daniel Tarone überraschte am letzten Samstag beim Auswärtsspiel in Basel viele bei der Startaufstellung: Mario Mutsch rückte für Everton ins defensive Mittelfeld, auf der rechten Aussenbahn verteidigte dafür erstmals der erst 17-jährige Silvan Hefti – dieser hatte in der Woche vor dem Spiel seinen ersten Profivertrag beim FCSG unterschrieben und zeigte gegen den FCB ein ansprechendes Debut. Es waren jedoch lediglich die FCB-Spieler, welche zu Beginn zu einigen guten Chancen kamen und aus dieser starken Anfangsphase heraus resultierte dann auch der Führungstreffer durch Delgado, dies vom Penaltypunkt aus. Im Basler St. Jakob-Park zündeten in der Folge einzig noch die Gästefans ein veritables Feuerwerk, denn nach der spannenden Startphase flachte die Partie merklich ab. Aratores Sonntagsschuss konnte nicht verstecken, dass die Umstellungen im Kader des FCSG (noch?) nicht die gewünschte Wirkung hatten. Das übliche Bild zeigte sich: Hinten stand man relativ sicher, doch nach vorne ging einmal mehr wenig bis gar nichts.

Nach acht Spieltagen zeichnet sich in der Tabelle deshalb langsam eine Zäsur ab. Der FCSG liegt zwar noch auf Rang 6, doch zum fünftplatzierten Luzern fehlen bereits fünf Punkte, während das letztplatzierte Lugano nur einen Punkt hinter den Espen liegt. Auch die Formkurve zeigt mit zuletzt drei verlorenen Spielen gegen die Grasshoppers, den FC Vaduz sowie den FCB klar nach unten. Auch wenn die Saison noch jung ist, droht der FCSG damit bereits in den Abstiegskampf zu geraten. Nach dem Cupspiel gegen den FC Breitenrain gastiert am kommenden Dienstag der FC Thun in St.Gallen. Die Berner Oberländer vermochten nach dem Abgang von Trainer Urs Fischer bisher auch noch nicht wirklich zu überzeugen. Möchte man es verhindern komplett in den Abstiegssumpf abzurutschen, sind gegen die Thuner drei Punkte Pflicht – somit muss bereits relativ früh in der Saison von einem sogenannten «Sechs-Punkte-Spiel» gesprochen werden.

Die zahlreich mitgereisten Fans der Espen schienen nichtsdestotrotz in Basel noch Feuerwerksbestände vom 1. August loswerden zu wollen. Die anwesenden Zuschauer wähnten sich dabei zeitweise wie im Vatikan: Analog der Papstwahl wurde zu Beginn der zweiten Halbzeit ein wenig schwarzer Rauch gezündet, was in Rom bekanntlich bedeutet, dass noch kein neuer Papst gewählt worden ist – ob die FCSG-Fans auf den am Samstag noch nicht präsentierten neuen Trainer anspielen wollten, ist nicht zweifelsfrei nachzuweisen. Sicher ist jedoch, dass die Frage nach dem neuen Trainer zu einem guten Zeitpunkt beantwortet wurde: Vergangenen Dienstagnachmittag kündigten die Verantwortlichen des FCSG Josef «Joe» Zinnbauer als Nachfolger von Jeff Saibene an und ermöglichen dem Neo-Chefcoach mit dem Cupspiel gegen das unterklassige Breitenrein somit einen (hoffentlich) gelungenen Einstand als Trainer des FC St.Gallen. Es wird sich dabei zeigen, ob die von Daniel Tarone vorgenommenen Umstellungen auch unter dem neuen Chefcoach Bestand haben. Wir hoffen auf jeden Fall, dass Zinnbauer die Mannschaft wieder zu stabilisieren vermag und möglichst schnell dafür sorgt, dass der FCSG die Abstiegsplätze hinter sich lässt. Die nötige Qualität dazu wäre im Kader bereits vorhanden und dem Auftritt in Basel zufolge sicherlich auch ein wenig weisser Rauch seitens der Fans.