Während dem Grossteil der Saison blieb der FCSG von Abstiegssorgen weitestgehend verschont. Verlieren die Espen aber am Montag gegen den FC Zürich, könnte es nochmals eng werden. Warum das nicht nur schlimm ist.

Espenblock

Wenn nach verpatzten Prüfungen der letzte Test des Semesters ansteht, entwickelt man sich zum unverbesserlichen Optimisten. Mittels Taschenrechner wird ermittelt, welche Note in der letzten Klausur nötig ist, um die erlösende Vier im Zeugnis zu erreichen. «Ich muss einfach eine Sechs schreiben und schon schliesse ich das Fach genügend ab», heisst es dann.

Natürlich scheitert man an dieser Vorgabe. Derzeitige Schüler und Studenten stimmen zähneknirschend zu, befinden wir uns doch wieder mitten im Endspurt eines Semesters. Auch Ehemalige fühlen sich bestätigt. Allerdings mit angenehmer Melancholie anstelle des Zweckoptimismus‘.

Pessimismus bei FCSG-Fans
Ein gegensätzlich funktionierendes Phänomen ist bei der FCSG-Anhängerschaft zu beobachten: Vor jeder neuen Partie tritt der unverbesserliche Pessimist zutage. Spätestens nach dem Auswärtssieg Luganos im Letzigrund letzten Mittwoch zückten die ersten St.Galler klammheimlich ihre Taschenrechner.

Weil in der grün-weissen DNA nicht nur masochistisch veranlagte Leidensfähigkeit eingepflanzt ist, sondern auch eine wohlige Prise Galgenhumor, können wir dem womöglich unverhofft spannenden St.Galler Saisonfinale doch noch Positives abgewinnen: Es wird spannend! Die lustlose Grauzone zwischen internationalen Liebäugeleien und nervenaufreibendem Abstiegskampf bleibt uns zum Ende der Saison doch noch erspart. Wenn auch die Frage um den Verbleib in der Spielklasse die unbeliebtere Ausführung der möglichen Gründe für überstrapazierte Nervenkostüme ist.

Kritische Situation nicht prekär werden lassen
Die letzten Spieltage verkommen so nicht zum leblosen Abspulen von Gewohnheiten. Sowohl die Mannschaft als auch die Fans dürften zumindest morgen Montag nochmals in den Genuss dieses einzigartigen Kribbelns kommen. Vor allem weil eine Niederlage gegen den FC Zürich am Montag zwei Wochen später im existenziellen K.O. gipfeln könnte. Auch der Verein will die potenziell kritische Situation nicht zur prekären Lage mutieren lassen – Saisonkartenbesitzer dürfen deshalb am Montag eine Person gratis mit ins Stadion nehmen.

Das Spiel mit dem Feuer ist deshalb reizvoll, weil ein Sieg von umso grösserer Bedeutung ist. Der FCSG zöselt, wie wir das beim Amtsantritt Zinnbauers bereits prognostiziert hatten. Man läuft Gefahr, sich die Finger böse zu verbrennen.

Im Idealfall  wird eines der beiden nächsten Heimspiele ein kleines Feuerwerk und so eine weitere Saison in der Super League bringen. Dann hoffentlich jenseits von nervenaufreibendem Abstiegskampf.


Dieser Beitrag erschien am 15. Mai 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


Nichts, aber auch gar nichts, hat beim FC St.Gallen am Sonntag gegen den FC Vaduz funktioniert. Mit 0:3 ging er im Ländle unter. Es wird deutlich: Der FCSG hat ein Problem in den ersten 15 Minuten beider Halbzeiten.

Wer beim Lesen des Leads ein Déjà-Vu hatte, den können wir beruhigen. Der Text fängt absichtlich genau gleich an wie jener nach dem Auswärtsspiel gegen den FC Zürich.Damals suchten wir das Problem in der Verteidigung. Heute gehen wir ins Detail.

Das Problem ist nicht nur, dass die Verteidigung seit der Winterpause schwächelt (siehe Grafik). Vielmehr scheint der FCSG weder in Halbzeit eins noch in Halbzeit zwei wirklich bereit auf den Platz zu kommen. In den bisherigen 26 Spielen weist der FC St.Gallen in den ersten 15 Minuten beider Halbzeiten eine negative Bilanz auf (siehe Grafik).

Zu Beginn der ersten Halbzeit hat er sechs Tore geschossen und neun erhalten. Anfangs der zweiten Hälfte ist der Saldo noch schlechter. Zwei geschossenen Toren stehen acht erhaltene gegenüber.

Typisch FCSG
Das Spiel in Vaduz war also typisch für den FCSG Ausgabe 2015/16. Kaum hatte der Schiedsrichter das Spiel angepfiffen, konnten die Vaduzer nahezu ungehindert nach vorne stürmen. Roy Gelmi bleibt zu passiv gegen Armando Sadiku, der bringt den Ball in die Mitte, wo der Ex-St.Galler Dejan Janjatovic elegant weiterleitet, bevor mit Moreno Costanzo ein anderer ehemals Grün-Weisser den Ball problemlos im Tor unterbringen kann. Für ihn schien sich gar keiner der St.Galler Verteidiger zuständig zu fühlen.

Keine fünf Minuten später der nächste Aussetzer. Gelmi spielt einen miserablen Rückpass in Richtung Daniel Lopar. Sadiku fängt den Ball ab und netzt ein. 2:0 für Vaduz, keine zehn Minuten sind gespielt.

Das Spiel war aber nicht nur typisch, weil der FCSG früh zwei Tore kassierte. Es war auch typisch, weil die St.Galler gegen Vaduz keine wirkliche Chance hatten. Und weil hauptsächlich Ex-Espen den FCSG abschossen – Janjatovic traf noch vor der Pause zum 3:0. Untypisch war lediglich, dass die Grün-Weissen die ersten fünfzehn Minuten nach der Pause schadlos überstanden.

Vielleicht lag das daran, dass Joe Zinnbauer Gianluca Gaudino einwechselte. Warum dieser überhaupt auf der Bank hatte Platz nehmen müssen, bleibt ein Rätsel. Die Alternativen Mario Mutsch und Mario Leitgeb hatten sich in den letzten Spielen nur sehr bedingt aufgedrängt.

Wahrscheinlich ist aber sowieso, dass die Vaduzer einfach kein Bedürfnis mehr hatten, weitere Tore zu schiessen. Gerade in der Rückrunde wäre dies gegen den FCSG nach der Pause nämlich kaum ein Problem. Schaut man die bereits angesprochene Statistik nur für die Spiele im Jahr 2016 an, wird noch deutlicher, dass der FCSG nach dem Pausentee nicht in die Gänge kommt. Ein Saldo von minus fünf Toren im Zeitraum von der 46. bis zur 60. Minute spricht Bände. Vielleicht müsste man den Spielern in der Pause Energy Drinks reichen.

Zyniker im Aufwind
In der St.Galler Fankurve hielt die Unterstützung trotzdem bis zum Schluss an. Zwar wurden die Aufforderungen an die Mannschaft, doch bitte endlich zu kämpfen, etwas expliziter vorgetragen als auch schon. Allzu grosse Missmutbekundungen blieben aber aus.

Es scheint fast so, dass sich die Fans daran gewöhnt haben, dass gegen Vaduz einfach nichts zu holen ist. Und manchmal hat das ja auch ganz praktische Vorteile: Letzte Saison erspielten die Liechtensteiner so viele Punkte gegen den FCSG, dass am Schluss Aarau absteigen musste. Der Zyniker im St.Gallen-Fan hat wieder mal Aufwind…


Dieser Beitrag erschien am 12. April 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


Nichts, aber auch gar nichts, hat beim FC St.Gallen am vergangenen Samstag gegen den FC Zürich funktioniert. Mit 0:4 ging er im Letzigrund unter. Die Ursachen sind in der Defensive zu suchen.

Es lag nicht daran, dass die Zürcher ein zugegeben gutes Pressing aufgezogen hatten.

Es lag nicht daran, dass sich die Zürcher zum ersten Mal seit Wochen oder gar Monaten in einem Zwischenhoch befinden.

Die Niederlage resultierte einzig aus der desolaten Leistung der St.Galler. Oder noch genauer: Aus der nahezu inexistenten Verteidigung. Die «SonntagsZeitung» meinte denn auch, die St.Galler noch im Ostermodus zu sehen: «Als hätten sie Angst, eventuell auf dem Letzigrund versteckte Schokohasen zu zertreten.»

Gestolper in der Verteidigung
Symptomatisch für die Art und Weise, wie der FCSG in Zürich auftrat, war eine schlussendlich unscheinbare Szene in der 40. Minute: Gianluca Gaudino versuchte, den Ball aus der Defensive herauszuspielen. Bedrängt wurde er von Zürchern, aber vor allem von Teamkollege Pascal Thrier, der ihm so unglücklich in die Quere kam, dass beinahe eine Chance für den FCZ entstand. So zeigten sich die Espen in der Abwehr das ganze Spiel über: Entweder stand man sich gegenseitig im Weg oder die einfachsten Pässe kamen nicht an. Kein Wunder, konnte der FCZ gleich viermal einnetzen.

In der 14. Minute war es Mario Leitgeb, der mit einem katastrophalen Fehlpass im Mittelfeld das Desaster einläutete. Unbedrängt spielte er einen Ball, der von den Zürchern abgefangen wurde, die dann sofort nach vorne stürmten. Beim ersten Schuss von Oliver Buff legten sich gleich zwei St.Galler auf den Rasen, um den Schuss zu stoppen, beim Nachschuss von Anto Grgic war niemand mehr da, der hätte blocken können. 1:0 für den FCZ.

Auch beim zweiten Tor nach 35 Minuten stand ein Fehlpass der St.Galler am Anfang. Aleksandr Kerzhakov übernahm den Ball, hatte Zeit und Raum, lancierte Buff, der wiederum spielte zu Burim Kukeli und schon stand es 2:0 für den FCZ.

Von hochgelobt zu anfällig
In der Pause dürfte es in der St.Galler Kabine ziemlich laut geworden sein. Trainer Joe Zinnbauer war schon während der gesamten ersten Halbzeit sichtlich unzufrieden und aufgebracht. Nur: Was auch immer Zinnbauer in der Pause seinen Spielern mitgegeben hatte, es brachte nichts. Zwar wirkte der FCSG in der zweiten Halbzeit etwas entschlossener, aber ein richtiges Aufbäumen blieb aus. Bei der einzigen wirklichen Chance, den Anschlusstreffer zu erzielen, war das Spiel schon weit fortgeschritten. FCZ-Goalie Yanick Brecher hatte Mühe mit einem Schuss von Danijel Aleksic, Batuhan Karadeniz konnte den Nachschuss aber nicht verwerten. Statt des Anschlusstreffers folgten die Tore drei und vier für den FCZ.

Das Spiel war bezeichnend für das Problem des FC St.Gallen in dieser Rückrunde. Die noch vor Kurzem hochgelobte Verteidigung um die jungen Martin Angha und Roy Gelmi ist in der Rückrunde anfällig geworden. So anfällig, dass Gelmi in Zürich sogar auf der Bank Platz nehmen musste, wofür kaum nur die kommunizierten Rippenprobleme der Grund gewesen sein dürften.

In der Hinrunde kassierten die Espen nur gerade 1,2 Tore pro Spiel. In den ersten sieben Spielen der Rückrunde waren es beinahe doppelt so viele: 2,3 Mal muss Daniel Lopar im Schnitt pro Spiel seit der Winterpause hinter sich greifen (Grafik). Und dabei gehört er zu den besten Torhütern der Liga.

Man will sich gar nicht ausmalen, wie es um den FCSG stünde, würde nicht wenigstens der Schlussmann seine Leistungen abrufen. Das Problem ist offensichtlich: Die Verteidigung des FC St.Gallen ist löchrig geworden.


Dieser Beitrag erschien am 4. April 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


In den drei bisherigen Rückrundenspielen testeten die St.Galler gleich alle Möglichkeiten eines Spielausgangs. Das ist zu wenig für ambitioniertes Liebäugeln mit Europa. Aber auch zu viel, um sich ernsthaft Abstiegssorgen zu machen.

Bedenklich ist, dass der FC St.Gallen den bisher einzigen Rückrundensieg auswärts eingefahren hat. Die beiden Heimspiele – gegen durchaus schlagbare Gegner – starteten jeweils furios und vielversprechend, endeten aber umso frustrierender.

Zweimal ging St.Gallen in Führung, zweimal verspielte man diese. Beni Huggel, der ansonsten mit seinen Einschätzungen höchstens an der Oberfläche zu kratzen vermag, hatte letzten Sonntag für einmal Recht, als er feststellte, dass es den Espen an Erfahrung mangelte. Joe Zinnbauer schickte gegen die Tessiner die zweitjüngste grün-weisse Startelf in dieser Spielzeit auf den Platz.

Der Umbruch als Dauerzustand

Ein Indikator für Erfahrung ist, wenn mit Führungen behutsam umgegangen wird. Wenn möglich, nimmt man etwas Tempo aus dem Spiel. Gleichwohl sollen aber die immer grösser werdenden Räume entsprechend mit offensivem Leben gefüllt werden, um die Begegnung endgültig zu entscheiden.

Das St.Galler Publikum bewies mal wieder überdurchschnittlichen Sachverstand. Der Torjubel nach dem 2:0 durch Aleksic war geradezu verhalten. Man zögerte, zweifelte. Leider berechtigt.

Derweil greifen die Verantwortlichen konsequent in den Sportchef-Baukasten und predigen, dass man sich mitten im Umbruch befinde. Umbruch, klingt ein wenig wie Übergangssaison. Aber in St.Gallen ist das Wort verbraucht und gehört zurecht in den Giftschrank.

Ob Umbruch oder nicht, mit jeder Saison will man besser werden. Und damit das gelingt, braucht es gute Transfers. Insgesamt fünf Neuzugänge präsentierte FCSG-Sportchef Christian Stübi in diesem Winter und einen bereits für den Sommer.

Wir ziehen ein erstes Fazit

Da wäre auf der Position des Linksverteidigers Florent Hanin, für den man die letzten verbliebenen Französischkenntnisse aus der Oberstufe hervorkramen muss.

Hanä fiel bisher nicht ab. Allerdings ist das in der derzeit schwächelnden St.Galler Abwehr kaum ein Lob. Er verantwortete ein Eigentor gegen Thun und verteidigte gegen Lugano, als die Ostschweizer zum zweiten Mal in dieser Saison drei Gegentore hinnehmen mussten. Offensiv sieht es ein wenig besser aus, wobei es hierbei nicht viel braucht, um den in die Romandie abgewanderten Vorgänger zu übertreffen.

Gespannt sein darf man auf Kofi Schulz, der im Sommer zum FC St.Gallen stossen wird. Der 26-jährige Deutsch-Ghanaer überzeugt gegenwärtig beim taumelnden FC Biel mit eindrücklicher Geschwindigkeit und Kraft. Er dürfte sich mit Hanin einen spannenden Konkurrenzkampf liefern.

Gaudino

Gianluca Gaudino ist ein Fussball-Intellektueller. Er ist keiner, der mit grossen Schritten den Ball treibt. Viel eher streift der 19-jährige Deutsche bedächtig durch das Mittelfeld. Seine Bewegungen sind kurz und schnell. Als wäre er auf der steten Suche nach der Lücke, nach diesem unerhört kleinen Zeitfenster, indem man einen spielentscheidenden Pass platzieren kann. Jeder zu grosse Schritt, jede Millisekunde kann einen solchen Geniestreich verhindern.

Dass derartige Attribute alleine längst nicht für die überragende Fussballkarriere reichen, weiss man nicht erst seit Jesus Mendez. Umso erfreulicher ist das hohe Laufpensum Gaudinos, gepaart mit einem bemerkenswert entschlossenen Zweikampfverhalten.

Gaudino ist ein Transfer, der St.Gallen sofort weiterhilft. Weil er das Spiel in seiner Gesamtheit betrachtet. Er kann Tempodrossler und -beschleuniger sein, ausgestattet mit dem Auge für die Situation. Zusammen mit Alain Wiss dürfte das ein zentrales Mittelfeld werden, das sehr viel Vergnügen bereitet.

Mario Leitgeb macht Sinn. Alain Wiss wird den Espen noch einige Zeit fehlen und Dejan Janjatovic forscht nach einer Shishabar im Fürstentum. Es galt also, den freien Platz im Kader sinnvoll zu besetzen. Leitgeb war sofort einsatzbereit und sein Vertrag ist fürs Erste bis Ende Saison befristet. Dass Aussenverteidiger Mario Mutsch noch immer den Vorzug erhält, weckt gewisse Zweifel, ob der 27-jährige Österreicher die Grauzone zwischen Mittelfeld und Abwehr als echte Alternative füllen kann. Wer sich im Umfeld seines ehemaligen Clubs Austria Wien umhört, ist nicht unbedingt positiver gestimmt.

Batuhan Karadeniz kam zwar noch nicht zum Einsatz, aber deckt den Bedarf an romantisch-dramatischen Träumereien. Die Vorstellung des von der strengen Hand Zinnbauers gezähmten Bad Boys, der sich in St.Gallen zum Toptorjäger entwickelt, gefällt. Der 24-jährige Türke bringt vieles mit – ausser Disziplin. Ein grosses Risiko ist der zweifache Internationale für den FCSG aber nicht. Sein Vertrag läuft im Sommer aus. Es liegt an ihm, sich zu beweisen und seine eigentlich erfrischende Kompromisslosigkeit von ausserhalb des Platzes auf den Platz zu bringen.

Vom 1. FC Köln kam der 19-jährige Stürmer Lucas Cueto. Er ist noch ohne Einsatz und eher Investition in die Zukunft denn sofortige Hilfe.

Hoffen auf die Wundertüten

Alles in allem erweist sich nur Königstransfer Gaudino als sofortige Qualitätssteigerung. Hanin ist solide. Bei ihm gilt es abzuwarten, ob daraus mehr wird. Leitgeb und insbesondere Karadeniz sind Wundertüten.

Wir hoffen auf Wunder. Und Europa. Fünfundvierzig Punkte sind schliesslich noch zu vergeben.


Dieser Beitrag erschien am 1. März 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


Irgendwie fühlte es sich doch komisch an, Saibene auf der anderen Seite zu sehen. Wie ein Wiedersehen nach einer in die Brüche gegangenen Beziehung.

Jeff Saibene

Auch wenn es in der Beziehung schon länger gekriselt hat, so ist das Schlussmachen nie einfach. Vor allem dann, wenn der ehemalige Gefährte schon nach gut einem Monat einen Neuen an seiner Seite hat. Und obwohl der FC St.Gallen am Wochenende auf diesen Neuen, den FC Thun, getroffen ist, kramen wir nicht das Wort «ausgerechnet» hervor. Dafür begegnet man sich in der kleinen Super League einfach zu oft.

Wer kennt es nicht? Man lernt sich kennen (Saibene löst Forte ab), ist sich sympathisch (Wiederaufstieg), verknallt sich (dritter Platz 2013), liebt sich heftig (Europa League), bekommt Beziehungsprobleme (Rückrunde 2015) und trennt sich (nach Vaduz-Niederlage).

Und sieht sich wieder.

Man würde ja tuscheln, verstohlen hinüberblicken und versuchen, sich ein Urteil zu bilden. Aber am Sonntag verhinderten unzählige Kameras und gut 6’000 Schaulustige eine unangenehme Intimität der ehemaligen Weggefährten.

Der fussballerische One Night Stand

Wie geht es dieser einst so wichtigen Person in meinem Leben ohne mich? «Es gibt genug andere», bemerkt der Freundeskreis in einer solchen Situation. Es gibt genug Trainer, dürfte der Funktionärskreis sagen. Und weil die Ligen einen solchen vorschreiben, ist die Durststrecke ohne echten Trainer meist überschaubar. Das Anhängsel «ad interim» – das fussballerische Gegenstück zum One Night Stand – hält selten lange, sieht man von der heftigen Romanze an der deutsch-holländischen Grenze zwischen Raute und Glatze ab.

Aber sowieso: Ein Wiedersehen Ehemaliger in der Super League hat nicht viel Brisanz.

Wegen des aktuellen Ligasystems – man duelliert sich mindestens viermal pro Jahr – wird das Treffen mit dem Ex-Verein zur Alltäglichkeit. Das gilt für Trainer wie für Spieler. Vor allem für letztere ist die Ausbildungsliga Super League eh oft nur Durchgangsstation. Wer viele Tore erzielt, ist beim Publikum beliebt. Wer viele Tore erzielt, ist aber auch sehr schnell weg. Das Ausland lockt, das Geld, volle Stadien, Ruhm. Es sind dann diese aussergewöhnlich talentierten Spieler, die man zwar kurz, aber umso heftiger liebt. Wie ein Ferienflirt. Man geht dann auch im Frieden auseinander, bleibt weiterhin in Kontakt. Stets mit der leisen Hoffnung, dass sie eines Tages zurückkehren. Im vergangenen Juli haben auch wir gehofft, aber es gab (noch) kein Liebescomeback.

Die Romanze mit Zinnbauer

Die Trainer wiederum sind in jüngerer Vergangenheit grundsätzlich im Frieden gegangen (worden). Koller verdankte man den wohl grössten Erfolg der Vereinsgeschichte, Forte den Wiederaufstieg und Saibene unverhofft magische Europapokalstunden. Die Balakovs, Looses und Castellas scheiterten, was ein weiteres Engagement in der höchsten Schweizer Spielklasse scheinbar verunmöglichte. Sowieso gilt, dass ein Trainer meist schon weg ist, bevor er grossen Schaden anrichten kann. Und bisweilen ist er schon weg, bevor er überhaupt richtig wirken kann. Wir kennen dieses Phänomen aus der Westschweiz, wo der Trainer nicht das schwächste, sondern das allerschwächste Glied ist.

Und so wird ein Rencontre mit Saibene bald nur noch ein vom Boulevard künstlich aufgebauschtes Thema sein, für das man Brisanz künstlich züchten muss. Und doch hat das Thuner Logo auf Saibenes Brust so real wie die Spielunterlage im Berner Oberland gewirkt. Dass Grün-Weiss in Thun drei Punkte entführte, grätscht eigentlich sowieso jeglichen Ansatz von Liebeskummer ab. Schliesslich haben die Espen auch einen Neuen, Joe. Nach zwei Siegen in Serie geht man so langsam vom Kennenlernen zum Sich-sympathisch-Sein über. Vielleicht wird daraus bis zum Winter eine Romanze?


 

Dieser Beitrag erschien am 10. November 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.

Bild: Saiten (upz)