Tranquillo Barnetta kehrt zum FC St.Gallen zurück. Der Zeitpunkt ist gut, zumindest fan-psychologisch. Alles andere ist Spekulation – und zum Glück Gegenstand schöner Träume.

Es ist die vielzitierte Rückkehr des verlorenen Sohnes. So geschehen schon unzählige Male in der weiten Fussballwelt, beinahe in Perfektion vom Schweizer Klassenprimus praktiziert, wobei auch der schon Missverständnisse zu verzeichnen hatte.

Als Schatten dieser unbändigen Begeisterung tritt bei derlei Rückkehraktionen oftmals die grosse Erwartungshaltung auf. Ein Phänomen, das auch beim Barnetta-Transfer zu beobachten sein wird. Seinen ersten Ernstkampf wird der 75-fache Internationale frühestens im Februar bestreiten. Genug Zeit also, sich Barnetta als heroischen Retter einer bisher eher verkorksten Saison auszumalen.

Vielseitiger Mittelfeldspieler
Durch seine letzte Station in den Vereinigten Staaten wird vielerorts über den tatsächlichen sportlichen Wert des Transfers diskutiert. Zu wenig bekannt ist hierzulande die amerikanische Profiliga. Urteile über die Major League Soccer sind für Laien nur schwierig zu fällen.

Näher liegen uns deshalb Barnettas Einsätze im Nationalteam. Auch wenn diese länger zurückliegen. Beim richtungsweisendsten Spiel der jüngeren Nationalmannschaftsgeschichte traf Barnetta doppelt. Das war 2011, die Schweiz holte gegen England ein 2:2. Frei, Streller und Grichting waren da erstmals nicht mehr dabei und Barnetta war mutmasslich als gewichtige Stütze einer jungen Mannschaft mit Shaqiri, Xhaka oder Mehmedi vorgesehen.

Den Status der damaligen Zeit erreichte Barnetta in der Folge nie mehr, wenn auch der vielseitig einsetzbare Mittelfeldspieler beispielsweise beim bemerkenswerten 4:3 der Schalker in Madrid mitwirkte und zuweilen brillierte. Es waren dies Glanzpunkte, die seine herausragenden Fähigkeiten andeuteten, aber langfristige Prägungen blieben aus.

Ist den St.Gallern noch zu helfen?
Der Zeitpunkt des Wechsels passt. Nicht unbedingt auf sportlicher Ebene, denn da kann man nur spekulieren. Niemand ist in der Lage zu beurteilen, ob und wie Barnetta dieser Mannschaft weiterhelfen kann. Dafür sind die Strukturen in einer Mannschaft zu unübersichtlich, zu willkürlich gestaltet.

Auf dem Papier liest sich ein zentrales Mittelfeld um den kämpferischen Toko, den strategischen Gaudino und den initiierenden Barnetta aber durchaus vielversprechend. Wohlwollende werden da gar behaupten, dass innerhalb der Landesgrenzen inklusive Fürstentum nur wenige in den federführenden Mittelfeldpositionen besser bestückt sind.

Aber Fussball funktioniert halt nicht nur auf dem Papier. Unzählige Unwägbarkeiten schwingen mit, sodass wir uns gerne an der emotionalen Komponente festhalten. Wir preisen den Kampfeswillen eines Spielers und fahren mit Hoffnungen ans nächste Auswärtsspiel. Der Fussball ist zu komplex und doch zu einfach, um Kommendes als richtig oder falsch deklarieren zu können. Alles andere würde diesem wunderbaren Spiel auch sein Kapital nehmen: seine Unberechenbarkeit.

Fester Bestandteil der St.Galler Fussball-DNA
Der Zeitpunkt passt vielmehr deshalb, weil wir uns bis Anfang Februar dieser herrlichen Illusion hingeben können, dass es mit Barnetta besser laufen wird. Im tiefsten Innern, das weiss der St.Galler Fussballfan, wird es wahrscheinlich eben nicht besser. Aber jene Selbsttäuschung, jener Zynismus ist steter Begleiter, wenn man grün-weiss denkt. Sie ist fester Bestandteil der St.Galler Fussball-DNA.

Das schummrige Grau vor dem wohligen Einschlafen tauchen wir naiv euphorisch in einen grün-weissen Hoffnungsschimmer. Wie Tranquillo Barnetta seine alte Liebe mittels furioser Rückrunde in internationale Sphären schiesst. Das Drehbuch ist geschrieben. Wir warten schon sehnlichst aufs Scheitern und hoffen doch, dass es eben nicht so kommt.


Dieser Beitrag erschien am 4. Oktober 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


Fünf Runden sind gespielt in der neuen Saison. Der FC St.Gallen steht auf dem vorletzten Platz. Kein gutes Zeichen, wenn man auf die Statistik blickt. SENF hat die Leistungen der ersten Spiele analysiert und dabei insbesondere auf die Neuzugänge geachtet.

Der FC St.Gallen taumelt in eine echte Krise. Das macht die Beurteilung der Spieler nicht einfacher, weil in solchen Phasen kaum einer sein Potenzial abrufen kann. Aber schlussendlich muss der FCSG den Karren mit den vorhandenen Spielern aus dem Dreck ziehen. Erste positive Tendenzen sind sehr wohl zu beobachten.

Das bis dato gesetzte Innenverteidiger-Duo um Alain Wiss und Martin Angha liest sich auf dem Papier gut. Auf der einen Seite der zweikampfstarke Angha, der zwischenzeitlich sogar das Amt des Kapitäns innehatte. Auf der anderen Seite der ehemalige zentrale Mittelfeldspieler Wiss, der im Aufbau über einen klugen ersten Ball verfügt. In Tat und Wahrheit funktioniert die Paarung aber nicht wie gewollt. Der eben erst verpflichtete Karim Haggui soll nun der neue Abwehrchef sein, fällt aber vorerst aus, nachdem er sich gleich im ersten Einsatz das Jochbein gerissen hat. Der Tunesier ist erfahren und hat in der Bundesliga einst gute Leistungen gezeigt. Allerdings ist das lange her. Und mehrere Jahre sind im Profifussball eine Ewigkeit. Es gilt abzuwarten, bis er wieder fit ist.

Wenig Abschlüsse
Ein erfahrener Innenverteidiger stand aber schon lange auf der Wunschliste vieler Fans. Dass man zusammen mit YB und Luzern statistisch die zweitbeste Abwehr der Liga hat, täuscht nämlich. Es ist eine Zahl, die vor allem darauf gründet, dass die Grundausrichtung der Mannschaft bemerkenswert defensiv ist. Die Spiele gegen YB, Sion und Lausanne waren an offensiver Harmlosigkeit kaum zu überbieten. Mit bislang 40 Abschlüssen verzeichneten die Espen von allen Teams am wenigsten. Als Vergleich: Die Berner Young Boys können sich deren 96 notieren lassen.

Böse Zungen werden gar von einer offensiven Planlosigkeit sprechen, die Zinnbauer zu verantworten hat. Es sind einzelne Begebenheiten, die diese These stützen. Man erinnert sich an Roman Buess, der etwa mehrfach alleine die gegnerische Defensive anzulaufen versuchte und sich anschliessend über den fehlenden Support seiner Mitspieler lautstark ärgerte. Sowas kommt vor, aber gerade in der aktuellen Lage scheint es schon ein Indikator für eine gewisse Planlosigkeit zu sein. Ein weiterer Indikator: Die St.Galler haben die zweitwenigsten Eckbälle zugesprochen bekommen. Eckbälle resultieren aus vergebenen Chancen, aus Druckphasen und offensivem Wirken.

Stürmer Buess ist trotzdem ein guter Transfer. Natürlich war seine Leistung in Vaduz mehr als dürftig, nimmt doch jenes Spiel womöglich einen ganz anderen Verlauf, wenn der U17-Weltmeister zur Führung trifft. Jedoch war Buess mit einem Tor und zwei Assists an allen drei bisherigen St.Galler Meisterschaftstoren direkt beteiligt. Zudem war es Buess, der im Cup per Doppelpack die Blamage verhinderte. Der Zuzug aus Thun läuft viel und kommt auch zu Chancen. Dass es viele Phasen gibt, in denen er in der Luft hängt, darf nicht nur an ihm festgemacht werden. Vor allem dann nicht, wenn Zinnbauer mit ihm als einziger Spitze spielen lässt.

Ballbesitz am falschen Ort
Bemerkenswert aber ist, dass die Grün-Weissen in keinem der fünf Meisterschaftsspiele weniger Ballbesitz hatten als ihr Gegner. Daraus kann man schliessen, dass das Spielgerät also durchaus in den Reihen der St.Galler ist, kaum aber in gefährlichen Zonen. Zinnbauers System mit einer einzigen Spitze hat zur Folge, dass man im Mittelfeld einen Spieler mehr hat. Oft wird so ein Übergewicht im Mittelfeld erzeugt. Zu brauchbaren Offensivaktionen kommt es aber dennoch selten.

Die Probleme beim Toreschiessen überraschen auch, weil das Potenzial des Teams sicherlich mehr hergeben würde. Tafer hat überdurchschnittliche Fähigkeiten. Er ist technisch überaus beschlagen und in der Lage, entscheidende Pässe zu spielen. Ihn zu kitzeln, ist Aufgabe des Trainers. Aleksic dagegen dürfte gemeinhin etwas überschätzt werden. Seine fulminanten Freistösse täuschen über seinen fehlenden Einfluss im Spiel hinweg. Dem Serben gelingt aus dem Spiel heraus wenig. Oft verpasst er das richtige Zeitfenster für ein Abspiel oder positioniert sich nicht in den aussichtsreichen Zonen. Er fällt nicht ab, aber Reputation und tatsächliche Wirkung klaffen bei ihm auseinander.

Abfallen dagegen tut bisher Neuzugang Gouaida. Der Zinnbauer-Schützling ist wenig am Ball, brilliert weder mit Dribbling noch mit Tempo. Aratore, der formstärkste St.Galler zum Ende der vergangenen Rückrunde, wäre da wohl eine bessere, weil schnellere und agilere Variante. Auch Chabbi, einem weiteren Neuzugang, kann man derartige Attribute attestieren. Sein Können bereits abschliessend zu beurteilen, ist natürlich noch nicht möglich. Aber einen besseren Eindruck als Gouaida hat er auf jeden Fall hinterlassen.

Bedrohliche Statistik
Als einzigen Sechser vor der Abwehr hat Zinnbauer seinen neuen Spielführer Toko fest eingeplant. Sein Wirken beschränkt sich fast ausschliesslich auf die Defensive, was mutmasslich auch die Vorgabe seines Trainers ist. Toko ist bemüht, zweikampfstark und versucht ab und an, sich zwischen die beiden Innenverteidiger zu schieben, während die Aussenverteidiger nach vorne rücken. Von dort aus betreibt er dann den Spielaufbau. Bis anhin tut er das grundsolide. Ein umsichtiger Stratege, der mit ruhiger Hand als Metronom vor der Abwehr durchdachte Bälle spielt und Angriffe provoziert, ist er aber nicht. Jene Aufgabe ist dann doch eher für Gaudino vorgesehen.

Gaudinos Qualitäten als technisch versierter Fussballer sind unbestritten. Und doch stellt man sich die Frage, ob er in dieses Team passt. Er ist im St.Galler Mittelfeld der einzige richtige Kombinationsspieler. Die Tafers, Aratores oder Aleksics sind eher temporeiche Spieler, die den Weg zum Tor direkt anvisieren. Ist Gaudino am Ball, wirkt es eher, als würde er das Tempo etwas verschleppen. Weiter hinten, wo er den klugen Aufbauer mimen könnte, wäre er mutmasslich effektiver. Dort spielt aber Toko.

Auf der Aussenverteidigerposition konnte sich Kofi Schulz, der in den Startspielen noch begann, noch nicht durchsetzen. Der ebenfalls neue Wittwer bekam zuletzt den Vorzug. Schulz ist schnell, hat aber technisch und taktisch bisweilen Mühe. Keiner der beiden dürfte eine überragende Rolle spielen. Tröstend darf jedoch angefügt werden, dass die Positionen links-  und rechtsaussen in der Viererkette im gesamten Weltfussball traditionell selten mit Weltklasse-Spielern besetzt sind. Es gibt schlicht wenige, die wirklich gut sind.

Wenn wir unsere Erkenntnisse zusammenfassen, müssen wir festhalten, dass die Mannschaft eigentlich zu stark wäre für den Abstiegskampf. Jedoch hat uns der FC Zürich vor wenigen Monaten erst bewiesen, dass dies längst keine Garantie ist, die Klasse zu halten. Der FC St.Gallen muss aufpassen. Zumal die Statistik der letzten Jahre nicht mehr für den FCSG spricht. Seit 2005 waren die St.Galler nach dem fünften Spieltag fast immer auf Rang 5 oder besser klassiert. Nur in zwei Fällen lag man am fünften Spieltag auf den hinteren Rängen. Und zwar in den Saisons 2007/08 und 2010/11. Am Ende dieser beiden Saisons stieg der FCSG ab.


Dieser Beitrag erschien am 23. August 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


Die Olympischen Spiele in Rio sind in aller Munde. Und obwohl das olympische Fussballturnier im fernen Brasilien stattfindet, fühlt sich der FC St.Gallen auch hierzulande dem olympischen Gedanken verpflichtet. Der Matchbericht aus Lausanne.

facepalm

Donnerstagabend, 20:45 Uhr, Lausanne-Sport empfängt den FC St.Gallen. Oder: Aufsteiger gegen Fast-Absteiger. Mit Olympia hat das erstmal nicht so viel zu tun, wäre da nicht das Stadion der Waadtländer, das Stade Olympique de la Pontaise. Wir sind ehrlich: Das tönt schon viel besser als Kybunpark.

Im Gegensatz zum Olympiastadion in München, wo der FC Bayern seine Heimspiele früher ausgetragen hat, haben in Lausanne nie Olympische Spiele stattgefunden. Seinen Namen verdankt das Stadion der Tatsache, dass Lausanne seit 1915 Sitz des IOC ist. Und trotzdem wehte an diesem Donnerstag ein Hauch Olympia durch das weite Rund.

Citius, altius, fortius
Wer an Olympia denkt, hat auch das inoffizielle Motto «Dabei sein ist alles» im Kopf. Es scheint, dass sich der FCSG diese Saison genau diesen olympischen Gedanken auf die Brust geschrieben hat. Angefangen hat es schon mit der Zielsetzung zu Beginn der Saison: Während man sich in früheren Saisons in der obersten Liga etablieren wollte, hiess die Zielvorgabe für diese Saison kurz und knackig «Ligaerhalt».

Das schreit förmlich nach «Dabei sein ist alles». Dabei sein, wollen wir in der Super League. Dabei sein, aber nicht unbedingt gewinnen. Solange wir mit den Grossen mitspielen dürfen, ist alles gut.

Dabei ist «citius, altius, fortius» – zu Deutsch: «schneller, höher, stärker» – das eigentliche Motto der olympischen Spiele. An den Spielen in Paris 1924 wurde diese Devise das erste Mal offiziell zitiert. Frei nach diesem Motto agieren auch die St.Galler Spieler auf dem Feld. Schneller den Ball verlieren, höher übers Tor schiessen, den Gegner stärker reden. Auch in Lausanne wieder: Auf dem Feld waren die St.Galler nahezu inexistent, gespielt hat praktisch nur eine Mannschaft.

Die Frage: Mühe geben oder Mühe haben?
Wir täten dem FCSG unrecht, wenn wir die zwei Schüsse in der ersten Halbzeit auf das Lausanner Tor nicht erwähnen würden, richtig herausgespielt war jedoch erst die Chance durch Bunjaku kurz vor Schluss. Vorher gehörten die herausgespielten Chancen dem Aufsteiger. Wie auch das verdiente Siegtor.

Ob sich die St.Galler nach diesem Sieg besonders Mühe gaben, oder besonders Mühe hatten? Schwer zu sagen. Zwingende Aktionen, Ballstafetten oder Spielfluss suchten die weitgereisten Ostschweizer Fans jedenfalls vergebens.

Dem Matchbericht des Tagblatts war am Freitag zum Spiel des Gegners folgendes zu entnehmen: «Von Beginn weg war ein ausgereiftes System und eine klare Spielanlage zu erkennen. Mit einer Dreierabwehr, einem gekonnten Spiel über die Flügel und vielen Seitenwechseln dominierten die Waadtländer das Geschehen deutlich.»

Unweigerlich kommt man bei diesen Zeilen ins Grübeln. Wann war beim FC St.Gallen das letzte Mal ein «ausgereiftes System und eine klare Spielanlage» zu erkennen? Eventuell beim Entscheidungsspiel gegen den FCZ in der letzten Saison. Aber davor? Muss wohl noch unter Jeff Saibene gewesen sein – ziemlich lange her.

Daran stören will man sich in St.Gallen aber nicht. Gebetsmühlenartig wird vom Trainer gepredigt, dass die Spieler es im Training hervorragend machten und schon noch alles besser werde. Wir möchten gerne daran glauben und schauen derweil nach Rio. Dort, wo der olympische Gedanke zähen sollte, werden irgendwie aber auch nur die Sieger gefeiert. Vielleicht ist «dabei sein» eben doch nicht alles…


Dieser Beitrag erschien am 14. August 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


Dzengis Cavusevic wechselt zum FC Zürich. Wir haben dem Stürmer im SENF #03 einen Artikel gewidmet, den wir an dieser Stelle zu seinem Abgang in voller Länge zugänglich machen.

CavusevicVier von 30 St.Galler Toren in der Hinrunde hat Dzengis Cavusevic geschossen. Das ist für einen Stürmer nicht besonders viel – gegenüber SENF erklärt der Slowene, wie es dazu kam und weshalb er mit der eigenen Hinrunde und derjenigen der Mannschaft doch zufrieden ist.

Fussballer haben häufig die Angewohnheit, dass sie in Interviews nichtssagende Floskeln verwenden. Das liegt nicht etwa daran, dass sie keine Meinung, ja keinen Charakter hätten, sondern dass ihnen dies oftmals vom Verein eingetrichtert wird, ihnen Sanktionen vom Trainer drohen. Deshalb flüchten sie in hohle Phrasen wie «wir schauen von Spiel zu Spiel» oder «wichtig ist, dass die Mannschaft gewonnen hat» – Aussagen, die mittlerweile niemand mehr hören kann beziehungsweise lesen will.

Dzengis Cavusevic bildet da keine Ausnahme. Der Slowene sagt nach der Hinrunde etwa «meine Statistik interessiert mich nicht» oder «es sind immer noch 18 Spiele zu spielen». Nur: Dem Slowenen nimmt man das ab. Dies erkennt man nicht nur im Gespräch mit dem Spieler, der sich danach vergewissert, ob der Interviewer auch wirklich alles verstanden habe, da sein Deutsch nun einmal nicht so gut sei. Man erkennt dies primär an seiner Körpersprache auf dem Feld, an seinem Einsatz für die Mannschaft, am eifrigen Torjubel mit Teamkollegen, wenn diese eingenetzt haben, an seiner unbändigen Lust, seinem Beruf Fussballspieler nachgehen zu können.

Fragt man den Slowenen nach seinem persönlichen Highlight der Vorrunde, so nennt er nicht etwa das Tor gegen YB nach 13 Saisonminuten. Oder das 2:1 in der Nachspielzeit gegen Luzern, mit dem Cavusevic nach drei Runden dafür zuständig war, dass in St. Gallen nicht schon wieder Unruhe ausbrach, da die ersten beiden Spiele mit nur einem Punktgewinn gar nicht positiv in Erinnerung blieben. Cavusevic sagt: «Mein Highlight ist, dass ich gesund bin, spielen kann, trainieren kann, der Mannschaft helfen kann.» Und man nimmt es ihm ab, wenn er sich solcher Allgemeinplätze bedient: Weil er im Gegensatz zu anderen Ex-Spielern dankbar dafür ist, dass ihm der FCSG nach zwei Kreuzbandrissen die Stange gehalten hat.

«Ich versuche zu helfen, auch defensiv. Ich versuche, Aktionen zu kreieren und auch für andere Platz zu machen», so der Slowene weiter, «ich schaue nicht auf meine Statistik. Das ist mein Charakter.» Und auch hier: Man glaubt es ihm, weil der 27-Jährige eine ebenso unscheinbare wie authentische Erscheinung hat, weil er seine technischen Defizite stets durch viel Einsatz kaschiert. Dass das in St.Gallen gerne gesehen ist, ist ihm bewusst. Dennoch treibt es ihm die Schamesröte ins Gesicht, wenn man ihm erzählt, dass er gerade für seinen kämpferischen Spielstil vom St.Galler Publikum stark geschätzt wird. «Das wusste ich so nicht», lächelt er verschmitzt.

Er ist bescheiden, der Cavusevic. Er träumt, wohl weil er so oft von Verletzungen gebeutelt wurde, nicht mehr von einer Weltkarriere bei einem Weltverein, sondern kann sich «auch vorstellen, die Karriere hier zu beenden. Ich habe hier alles, was ich brauche, sowohl als Profi wie auch im Privatleben.» Seit gut fünf Jahren wohnt Cavusevic in der Ostschweiz, vor dem FCSG war wie bei so manchem Spieler der FC Wil sein Arbeitgeber. Ein Verein, der auch sehr herzlich, ja familiär sei, so Cavusevic, «aber die Kulisse ist hier doch eine ganz andere».

Überhaupt, die Fans. Cavusevics Stimme wird noch leiser als sonst schon, wenn er sagt, dass hier eine super Stimmung herrsche und es ein schlechtes Gefühl sei, auswärts manchmal als Verlierer vom Feld gehen zu müssen. «Es ist ein Scheissgefühl», sagt er pointiert, «den Fans nichts zurückgeben zu können, wenn sie mehrere Stunden nach Sion, Basel oder sonst wohin reisen und wir dann das Spiel verlieren. Aber auch die Fans wissen, dass das halt ein Teil des Fussballs ist.»

Und verloren, das hat der FCSG in der Hinrunde hin und wieder. Vor allem am Anfang und am Schluss; wichtig sei gemäss Cavusevic aber gewesen, dass man sich dadurch nicht aus dem Konzept bringen liess. St. Gallen war nach dem Unentschieden in Vaduz ins Niemandsland der Tabelle abgerutscht, konnte sich in Baulmes nur sehr mühselig gegen 
Le Mont-sur-Lausanne in die nächste Cup-Runde vorarbeiten. Der Saisonstart verlief harzig, was nicht anders zu erwarten war: Nach dem Kater der letzten Rückrunde fanden viele Wechsel statt, die Automatismen haben sich erst mal einspielen müssen.

Und auch hier gilt: Das ist keine hohle Phrase, wenngleich einige Punktverluste doch sehr ärgerlich waren. St.Gallen setzte zu einer positiven Serie an, die mitunter zwei Spieler als Sieger hervorbrachte: Der französische Offensivmann Yannis Tafer, der St. Gallen mit spielerischen Kabinettstückchen beglückt, wie dies kaum einem seit dem Meistertitel je gelungen ist, sowie Everton, seines Zeichens Terrier und Knochenbrecher im zentralen Mittelfeld. Immer hauchdünn an der Grenze zur roten Karte, aber vielleicht nicht zuletzt deshalb so wichtig für ein Kollektiv, das im Sommer seiner Schaltstation im Mittelfeld beraubt wurde, wofür ein Mix aus Neu- und Geldgier zuständig war.

Sieben Meisterschafts- und zwei Cupspiele in Folge verlor St.Gallen nicht, daraus folgte das Vorrücken in den begehrten oberen Teil des Klassements. In diese Phase fällt die Qualifikation für den Cup-Viertelfinal ebenso wie der zweite Sieg gegen den FC Basel – das Punktemaximum gegen den Schweizer Ligakrösus hat in dieser Spielzeit sonst nur Real Madrid erreicht. Die Euphorie nahm in dieser Phase Ausmasse an, die einem FC St. Gallen beinahe schon fremd sind, den Fussballfan in seiner manisch-depressiven Veranlagung aber charakterisieren. Viele erwarteten deshalb das, was darauf folgte: eine zweite schwächere Phase. Nach dem spektakulären 3:3 gegen Vaduz definierte es Innenverteidiger Daniele Russo, auch er ein Aufsteiger der Saison, deutlich: «Wir haben jetzt noch zwei Spiele.Diese werden uns aufzeigen, wo wir stehen: Holen wir Resultate, war die Hinrunde sehr gut. Tun wir das nicht, war sie mittelmässig bis gut.» Es folgte ein 2:4 gegen YB, die zuvor starke Abwehr kassierte in drei Spielen zehn Tore. «Wir waren unglaublich naiv», ereiferte sich Trainer Jeff Saibene, «so etwas darf uns nicht passieren.» Um einem Wiederholen dieser Szenen vor dem letzten Saisonspiel gegen Sion vorzubeugen, führte der Luxemburger Videoanalysen durch,insbesondere mit den Innenverteidigern.

Dass Sion dann ein zahnloser Tiger war, spielte St. Gallen zwar in die Karten, das Spiel wurde aber gewonnen, weil der FCSG Geduld walten liess, sich durch Sions einschläferndes Spiel nicht einlullen liess und kämpferisch blieb. Aus diesen Komponenten resultierte ein niemals gefährdeter 2:0-Sieg, der dafür gesorgt hat, dass der FCSG punktgleich mit Thun auf dem vierten Tabellenrang überwintert – vier Punkte hinter YB und Zürich auf dem zweiten, zehn Punkte vor GC auf dem sechsten Tabellenrang. Von einem neuerlichen Abenteuer in Europa zu träumen ist in der Ostschweiz derzeit keineswegs utopisch.

«Es ist schade um zwei, drei Punkte, die wir leichtfertig vergeben haben», kann sich Cavusevic nicht vollumfänglich mit der Winterpausen-Bilanz anfreunden, «aber es ist so, wie es ist. Wir müssen uns nun gut vorbereiten und versuchen, so viele Punkte wie möglich zu holen.» Man habe vor der Saison zwar kein konkretes Rangziel definiert, dennoch lässt er durchblicken, dass er mit einem neuerlichen Einzug in die Europa League liebäugelt. «Ob das dann realistisch ist oder nicht, werden wir sehen. Es sind immer noch 18 Spiele zu spielen.»

Dass er das letzte Europacup-Abenteuer aufgrund seiner Verletzungen verpasste, scheint ihn derweil weniger zu plagen, als man das als Aussenstehender denken könnte. «Natürlich bin ich motiviert, aber ich war zufrieden, dass die Mannschaft gezeigt hat, dass sie auch im europäischen Vergleich Qualität hat», gibt er nochmals eine Phrase zum Besten. Dann fügt er mit einem schelmischen Lächeln doch noch an: «Ich hoffe, ich bin im nächsten Jahr dabei!»

Nicht aus Verbitterung, die letzte Europacup-Phase verpasst zu haben. Nicht aus persönlichem Geltungsdrang. Sondern aus der simplen Lust,Fussball zu spielen. Durch seine Verletzungen blieb ihm dies nämlich lange genug verwehrt.


Die Saison 2015/16 ist vorbei, der FCSG schafft nach einer durchzogenen Leistung den Klassenerhalt. Die Senf-Experten blicken zurück auf eine weitere Übergangssaison.

Zu Beginn der Saison hatten wir vor allem Fragen: Wie wird unsere Abwehr in die neue Saison starten? Wie präsentieren sich die Neuzugänge? Welche Ziele kann der FCSG in dieser Saison verfolgen? Antworten hatten wir damals noch nicht. Zu unberechenbar waren die Espen schon in den zwei Jahren zuvor aufgetreten.

Nach fünf Spielen war dann eigentlich schon klar, wie die Saison werden würde. Nach dem Sieg gegen Luzern – dem ersten von insgesamt drei 1:0-Erfolgen gegen die Innerschweizer – stand der FCSG auf Platz 4. Die Statistik sprach eine deutliche Sprache: Es wird wieder eine unansehnliche Saison. Ohne Ambitionen nach oben, ohne grosse Gefahr nach unten. Wenig später legte nach rund vier Jahren Jeff Saibene sein Traineramt nieder und der zuvor als HSV-Jugendtrainer tätige Joe Zinnbauer übernahm für ihn. Wir hofften, dass er ein Feuer entfachen würde: «Anzünden! Los!» So lautete das einfache Fazit unseres ersten Blicks auf den Trainer.

Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben

Nach der Winterpause zog sich das bekannte Muster jedoch weiter, wie wir feststellen mussten: «Das ist zu wenig für ambitioniertes Liebäugeln mit Europa. Aber auch zu viel, um sich ernsthaft Abstiegssorgen zu machen.» Daran änderten auch die Neuverpflichtungen zur Saisonhalbzeit nichts. Danach ging es wie in den beiden Saisons zuvor bergab.

Zwei Probleme konnten wir in der Mitte der Rückrunde ausmachen: Die Verteidigung und die beiden ersten 15 Minuten beider Halbzeiten. Daran sollte sich bis zum Schluss wenig ändern. Im Gegenteil. Die Anzahl der Gegentore stieg stetig und zu den schlechten Anfangsviertelstunden gesellten sich praktisch alle anderen Spielabschnitte. Nur gerade vor der Pause trat der FCSG noch halbwegs positiv auf. So brach vor dem Heimspiel gegen den FC Zürich doch nochmal das grosse Kribbeln aus. Die Ostschweizer waren doch noch in den Abstiegskampf geraten und mussten dringend punkten.

Im Spiel gegen den FC Zürich zeigten die Espen für einmal jedoch eine starke Leistung und entledigten sich damit der Abstiegssorgen. Allerdings trug der FCZ mit einer desolaten Leistung nicht unerheblich dazu bei, dass die St.Galler drei Runden vor Schluss den Klassenerhalt auf sicher hatten. Wenig erstaunlich, dass jetzt genau der FCZ den Gang in die Challenge League antreten muss.

Die Tore fallen hinten statt vorne

Der Klassenerhalt vermag nicht darüber hinwegzutäuschen, dass der FCSG eine missratene Saison gespielt hat. Insbesondere die Rückrunde war einmal mehr desolat. DieStatistik beweist es. Auch der Vergleich mit den anderen Teams ist wenig schmeichelhaft: Nur gegen den FC Luzern (neun Punkte) und gegen den FC Thun (sieben Punkte) holte der FCSG mehr als die Hälfte der möglichen zwölf  Punkte. Und nur gegen die Berner Oberländer gelang es den Espen, mehr Tore zu erzielen als zu erhalten. Auf die neue Saison muss sich einiges ändern, wenn man sich an den Europapokal- statt an den Abstiegsrängen orientieren will. Ein gesichertes Mittelfeld zwischen diesen beiden Polen gibt es bei einer Zehnerliga ohnehin nicht.

Zuallererst muss insbesondere in der Verteidigung für Stabilität gesorgt werden. Auch wenn der neu gefundene Fokus auf die Jugend beim FCSG grundsätzlich begrüssenswert ist, die abgelaufene Saison zeigt eben auch das Problem daran: Nach einer passablen Hinrunde folgte vor allem in der Defensive ein desolates Auftreten. Das Innenverteidigerduo Angha/Gelmi fiel nach der Winterpause regelrecht in ein Loch, aus dem es bis zum Schluss nicht mehr wirklich rauskam. Auch personelle Veränderungen brachten nur bedingt Besserung. Mit 66 Gegentoren stellen die Ostschweizer nach Zürich und Lugano die drittschlechteste Abwehr der Liga.  Für die nötige Stabilität braucht es wohl ein, zwei gestandene Spieler. Alain Wiss könnte so einer sein, nur war er aufgrund eines brutalen Fouls zu Beginn der Rückrunde lange verletzt. Und sowieso: Ob einer reicht, ist mehr als zweifelhaft.

Wenn die Espen aus einer gesicherten Defensive heraus agieren können, läuft es vielleicht auch offensiv wieder ganz von allein. Wahrscheinlicher ist aber, dass auch hier Änderungen nötig sind. Ein richtiger Knipser fehlt dem FCSG nach wie vor – lediglich 41 Treffer zeugen davon. Keine andere Mannschaft hat in der Saison 2015/16 so wenig getroffen wie die Ostschweizer – sogar der Absteiger FCZ schoss sieben Tore mehr.

Und dann die Trainerfrage

Nicht zuletzt muss auch Trainer Zinnbauer beweisen, dass er der richtige für den FC St.Gallen ist. In der SENF-Redaktion sind die Meinungen geteilt. Sicher ist: Die grossen Motivationskünste, die Zinnbauer nachgesagt werden, hat er bisher vermissen lassen. So schlecht, wie das Team jeweils aus der Kabine kam, scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein. Die Gänsehaut, von der frühere Spieler nach Zinnbauers Ansprachen gesprochen haben, hatten in dieser Saison höchstens die Fans. Aus anderen Gründen.


 

Dieser Beitrag erschien am 27. Mai 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.