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Nach der ernüchternden Niederlage gegen den zweitklassigen FC Zürich ist der FC St.Gallen noch tiefer in der Krise. Die Fans plagt die innere Leere. Am Sonntag folgt das kapitale Kellerduell.

Zugegeben, die Hoffnung war nicht sehr gross, dass der FC St.Gallen wenigstens im Cup etwas reissen könnte. Das Ausscheiden gegen den FC Zürich kam daher auch wenig überraschend. Und trotzdem stürzt es den Verein noch weiter in die Krise und mit ihm die Fans in die grosse Leere.

Seit jeher ist der Cup so etwas wie die einzige Hoffnung für FCSG-Fans. In der Meisterschaft reicht es ohnehin fast nie für wirklich gute Platzierungen. Über 36 Spiele eine Leistung aufrechtzuerhalten, dass am Ende ein Europacup-Platz rausschaut – damit rechnen die wenigsten. Aber im Cup, wo es nur ein paar gute Spiele braucht, da müsste doch irgendwann mal etwas möglich sein. Doch auch der kürzeste Weg nach Europa ist für den FC St.Gallen mit steter Regelmässigkeit zu steil.

Nach dem Cup ist vor dem Abstieg

Meistens ist nach dem Ausscheiden aus dem Cup die Saison für den FC St.Gallen so gut wie gelaufen. Dieses Jahr dürfte das anders sein. Mit dem letzten Platz nach zwölf Runden stecken die St.Galler in akuter Abstiegsgefahr.

Das «Tagblatt» erkannte vor kurzem, dass die Statistik nichts Gutes erahnen lässt. Diese Gefahr sahen wir schon Mitte August, als wir uns die letzten Jahre näher angeschaut hatten: «Der FC St.Gallen muss aufpassen. Zumal die Statistik der letzten Jahre nicht mehr für den FCSG spricht. Seit 2005 waren die St.Galler nach dem fünften Spieltag fast immer auf Rang 5 oder besser klassiert. Nur in zwei Fällen lag man am fünften Spieltag auf den hinteren Rängen. Und zwar in den Saisons 2007/08 und 2010/11. Am Ende dieser beiden Saisons stieg der FCSG ab.»

Die Fans sind am Ende der Geduld

Kein Wunder, herrscht bei den Fans Untergangsstimmung. Joe Zinnbauer hat den Kredit bei vielen längst verspielt. Die Zahl jener, die ihm noch die Stange halten, wird immer kleiner. «Es ist Zeit zu gehen» ist noch die netteste aller Aufforderungen, die man zurzeit in der Ostschweiz über ihn hört.

Die Lage des FC St.Gallen ist zurzeit aber so schlecht, dass auch andere in den Fokus geraten. «Dä Stübi chasch grad mitgeh», ist immer öfter zu hören. Sportchef Christian Stübi, der für das Kader verantwortlich ist, hat seit Amtsantritt nicht überzeugt. Sein grösster Erfolg: Er hat Tranquillo Barnetta zurückgeholt. Nur: Barnetta hat seine Rückkehr schon in Aussicht gestellt, als Stübi noch nicht auf dem Sessel des Sportchefs sass.

In der aktuellen Situation droht auch Präsident Dölf Früh viel Kredit zu verlieren. Von vielen noch immer als Retter des FC St.Gallen bezeichnet, weil er für die Schulden der Vergangenheit geradestand, droht er, zum zweiten Mal als Präsident den Gang in die zweite Liga antreten zu müssen. Dieses Mal wird man ihm das nicht so schnell verzeihen. Je später er reagiert, desto eher wird ihm die sportliche Misere angelastet.

Und auch den Grossteil der Mannschaft wollen wohl die meisten Fans in die Wüste schicken. Ausgenommen davon ist wohl lediglich Daniel Lopar, der eine solche Misere ja jetzt selbst schon zum x-ten Mal mitmachen muss.

Daumen drücken im Kellerduell

Am Sonntag folgt für den FC St.Gallen das Kellerduell gegen den FC Thun. Ein kapitales Spiel, also: Daumendrücken und Tickerlesen, hier auf saiten.ch!

Verlieren die St.Galler, beträgt der Rückstand zu Thun bereits sechs Punkte. Selbst wenn Vaduz, das ebenfalls auf den hinteren Tabellenplätzen klassiert ist, erwartungsgemäss bei den Berner Young Boys verliert, sieht die Situation mehr als nur bedrohlich aus. Vaduz hätte zwar immer noch nur einen Punkt mehr als St.Gallen, von ihren bisher elf Punkten haben die Liechtensteiner jedoch deren sechs gegen den FCSG geholt.

Nicht gerade beruhigend, wenn der Abstieg praktisch nur noch verhindert werden kann, indem man den Angstgegner überholt. Sollte der FCSG also am Sonntag verlieren, den Fans bliebe vermutlich einmal mehr nur übrig, sich in Ironie und Zynismus zu flüchten. Schliesslich ist das ja die letzte Form der Enttäuschung. Und wer sollte das besser wissen als wir.


Dieser Beitrag erschien am 29. Oktober 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv kommentiert dort in der Rubrik «Am Ball» das Geschehen auf und neben dem Platz.10


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Der FC St.Gallen kommt nicht aus der Krise raus. Mit dem aktuellen Personal wird er das auch kaum schaffen. Das hat sich nicht erst beim Auswärtsspiel in Luzern gezeigt.

Das Spiel in Luzern war eine Katastrophe. Mit dem 0:3 dürfen sich die St.Galler noch glücklich schätzen. Dies nicht zuletzt dank des besten Mitspielers am Sonntag: der Torlatte. Dass zurzeit so gar nichts zusammenpasst, ist aber schon länger offensichtlich.

Es liegt nicht an einzelnen Personen, dass der FCSG (wiedermal) am Tabellenende steht. Auf dem Platz wirken die Spieler regelmässig überfordert, scheinen gar nicht so recht zu wissen, wie ihnen geschieht. Auf der Trainerbank versucht Joe Zinnbauer verzweifelt, irgendwie Einfluss zu nehmen. Wie er das aber macht, versteht kaum noch jemand. Auf dem Stuhl des Sportchefs schliesslich sitzt Christian Stübi und muss sich die Frage gefallen lassen, was er aus dem Geld gemacht hat, das er für die Kaderplanung erhielt. Eine Million mehr soll es dieses Jahr gewesen sein. Die Mannschaft zeigt diesen eigentlich zu erwartenden Qualitätsanstieg definitiv nicht.

Welches Personal für welches Spiel?
Man mag einwenden, Stübi hätte doch eben erst Tranquillo Barnetta zurück nach St.Gallen geholt. Ja, die Verpflichtung kam unter ihm zustande. Aber seien wir ehrlich: Wie gross ist die Leistung des Sportchefs, der einen Spieler zur Rückkehr überzeugt, der sowieso schon immer zurückwollte? Wenn es hier um Verhandlungen ging, waren diese wohl eher finanzieller Natur.

Man könnte auch einwenden, Stübi hätte kurz nach Amtsantritt das vielversprechende Talent Gianluca Gaudino nach St.Gallen gelotst. Und in der Tat merkt man beim jungen Bayern-Spieler immer mal wieder, dass er wohl tatsächlich zu Höherem berufen ist. Nur spielt er aber auch jetzt schon ein Spiel, mit dem seine Teamkameraden wenig anfangen können. Die Fokussierung auf den Ballbesitz zählt auch beim FC St.Gallen Ausgabe 2016 nicht zu den grössten Stärken.

Ein Problem, dass auch Zinnbauer während seiner bisherigen Zeit meist ignorierte: Er möchte einen Fussball spielen, den die Mannschaft schlicht nicht spielen kann. Er scheint zwar unlängst etwas davon abgekommen zu sein, aber ein passendes System hat er immer noch nicht gefunden. Davon zeugen die immer wieder veränderten Startformationen. Oft wird ohne offensichtlichen Grund wild hin- und hergewechselt. Ein gutes Spiel als Indikator für einen Startplatz im nächsten Spiel – in St.Gallen taugt dieser Indikator nicht mehr allzu viel.

Was unter der Woche im Training passiert, können wir als Aussenstehende natürlich nicht vollständig nachvollziehen. Einzelne – sagen wir es mal nett – nicht auf den ersten Blick verständliche Rotationen sind vielleicht durch die Geschehnisse unter der Woche erklärbar. Nicht aber in einem Ausmass, das die Situation in St.Gallen erklären würde.

Aussitzen ist keine Lösung
Kurzum: Sowohl Stübi als auch Zinnbauer scheinen mit der ihnen anvertrauten Aufgabe ebenso überfordert wie die Spieler mit dem Geschehen auf dem Platz. Weder die Verpflichtungen noch die Auf- und Einstellung der Mannschaft folgen einem Konzept. Gerade ein solches wäre aber wichtig. Ohne Konzept wird die Talfahrt des FCSG kaum gestoppt werden können.

Im Gegenteil: Der Verein läuft Gefahr, bis zur Winterpause in einem so desolaten Zustand zu sein, dass nicht einmal mehr die Rückkehr Barnettas für genügend Aufbruchsstimmung sorgen kann, um einen drohenden Abstieg zu verhindern.

Eine Reaktion wäre von Nöten. Handeln scheint beim FC St.Gallen aber nicht in Mode zu sein. Präsident Dölf Früh hält eisern am Trainer fest. An der gestrigen Generalversammlungwar die sportliche Entwicklung praktisch kein Thema. Es scheint fast, als wolle er sich keinen Fehler bei der Verpflichtung seines Personals eingestehen.

Nur: Jemanden zu verpflichten, der danach nicht das bringt, was man sich erhofft hat, das kann passieren. Zu lange mit einer Reaktion zu warten, ist hingegen ein kapitaler Fehler.


Dieser Beitrag erschien am 25. Oktober 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


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Tranquillo Barnetta kehrt zum FC St.Gallen zurück. Der Zeitpunkt ist gut, zumindest fan-psychologisch. Alles andere ist Spekulation – und zum Glück Gegenstand schöner Träume.

Es ist die vielzitierte Rückkehr des verlorenen Sohnes. So geschehen schon unzählige Male in der weiten Fussballwelt, beinahe in Perfektion vom Schweizer Klassenprimus praktiziert, wobei auch der schon Missverständnisse zu verzeichnen hatte.

Als Schatten dieser unbändigen Begeisterung tritt bei derlei Rückkehraktionen oftmals die grosse Erwartungshaltung auf. Ein Phänomen, das auch beim Barnetta-Transfer zu beobachten sein wird. Seinen ersten Ernstkampf wird der 75-fache Internationale frühestens im Februar bestreiten. Genug Zeit also, sich Barnetta als heroischen Retter einer bisher eher verkorksten Saison auszumalen.

Vielseitiger Mittelfeldspieler
Durch seine letzte Station in den Vereinigten Staaten wird vielerorts über den tatsächlichen sportlichen Wert des Transfers diskutiert. Zu wenig bekannt ist hierzulande die amerikanische Profiliga. Urteile über die Major League Soccer sind für Laien nur schwierig zu fällen.

Näher liegen uns deshalb Barnettas Einsätze im Nationalteam. Auch wenn diese länger zurückliegen. Beim richtungsweisendsten Spiel der jüngeren Nationalmannschaftsgeschichte traf Barnetta doppelt. Das war 2011, die Schweiz holte gegen England ein 2:2. Frei, Streller und Grichting waren da erstmals nicht mehr dabei und Barnetta war mutmasslich als gewichtige Stütze einer jungen Mannschaft mit Shaqiri, Xhaka oder Mehmedi vorgesehen.

Den Status der damaligen Zeit erreichte Barnetta in der Folge nie mehr, wenn auch der vielseitig einsetzbare Mittelfeldspieler beispielsweise beim bemerkenswerten 4:3 der Schalker in Madrid mitwirkte und zuweilen brillierte. Es waren dies Glanzpunkte, die seine herausragenden Fähigkeiten andeuteten, aber langfristige Prägungen blieben aus.

Ist den St.Gallern noch zu helfen?
Der Zeitpunkt des Wechsels passt. Nicht unbedingt auf sportlicher Ebene, denn da kann man nur spekulieren. Niemand ist in der Lage zu beurteilen, ob und wie Barnetta dieser Mannschaft weiterhelfen kann. Dafür sind die Strukturen in einer Mannschaft zu unübersichtlich, zu willkürlich gestaltet.

Auf dem Papier liest sich ein zentrales Mittelfeld um den kämpferischen Toko, den strategischen Gaudino und den initiierenden Barnetta aber durchaus vielversprechend. Wohlwollende werden da gar behaupten, dass innerhalb der Landesgrenzen inklusive Fürstentum nur wenige in den federführenden Mittelfeldpositionen besser bestückt sind.

Aber Fussball funktioniert halt nicht nur auf dem Papier. Unzählige Unwägbarkeiten schwingen mit, sodass wir uns gerne an der emotionalen Komponente festhalten. Wir preisen den Kampfeswillen eines Spielers und fahren mit Hoffnungen ans nächste Auswärtsspiel. Der Fussball ist zu komplex und doch zu einfach, um Kommendes als richtig oder falsch deklarieren zu können. Alles andere würde diesem wunderbaren Spiel auch sein Kapital nehmen: seine Unberechenbarkeit.

Fester Bestandteil der St.Galler Fussball-DNA
Der Zeitpunkt passt vielmehr deshalb, weil wir uns bis Anfang Februar dieser herrlichen Illusion hingeben können, dass es mit Barnetta besser laufen wird. Im tiefsten Innern, das weiss der St.Galler Fussballfan, wird es wahrscheinlich eben nicht besser. Aber jene Selbsttäuschung, jener Zynismus ist steter Begleiter, wenn man grün-weiss denkt. Sie ist fester Bestandteil der St.Galler Fussball-DNA.

Das schummrige Grau vor dem wohligen Einschlafen tauchen wir naiv euphorisch in einen grün-weissen Hoffnungsschimmer. Wie Tranquillo Barnetta seine alte Liebe mittels furioser Rückrunde in internationale Sphären schiesst. Das Drehbuch ist geschrieben. Wir warten schon sehnlichst aufs Scheitern und hoffen doch, dass es eben nicht so kommt.


Dieser Beitrag erschien am 4. Oktober 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


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Fünf Runden sind gespielt in der neuen Saison. Der FC St.Gallen steht auf dem vorletzten Platz. Kein gutes Zeichen, wenn man auf die Statistik blickt. SENF hat die Leistungen der ersten Spiele analysiert und dabei insbesondere auf die Neuzugänge geachtet.

Der FC St.Gallen taumelt in eine echte Krise. Das macht die Beurteilung der Spieler nicht einfacher, weil in solchen Phasen kaum einer sein Potenzial abrufen kann. Aber schlussendlich muss der FCSG den Karren mit den vorhandenen Spielern aus dem Dreck ziehen. Erste positive Tendenzen sind sehr wohl zu beobachten.

Das bis dato gesetzte Innenverteidiger-Duo um Alain Wiss und Martin Angha liest sich auf dem Papier gut. Auf der einen Seite der zweikampfstarke Angha, der zwischenzeitlich sogar das Amt des Kapitäns innehatte. Auf der anderen Seite der ehemalige zentrale Mittelfeldspieler Wiss, der im Aufbau über einen klugen ersten Ball verfügt. In Tat und Wahrheit funktioniert die Paarung aber nicht wie gewollt. Der eben erst verpflichtete Karim Haggui soll nun der neue Abwehrchef sein, fällt aber vorerst aus, nachdem er sich gleich im ersten Einsatz das Jochbein gerissen hat. Der Tunesier ist erfahren und hat in der Bundesliga einst gute Leistungen gezeigt. Allerdings ist das lange her. Und mehrere Jahre sind im Profifussball eine Ewigkeit. Es gilt abzuwarten, bis er wieder fit ist.

Wenig Abschlüsse
Ein erfahrener Innenverteidiger stand aber schon lange auf der Wunschliste vieler Fans. Dass man zusammen mit YB und Luzern statistisch die zweitbeste Abwehr der Liga hat, täuscht nämlich. Es ist eine Zahl, die vor allem darauf gründet, dass die Grundausrichtung der Mannschaft bemerkenswert defensiv ist. Die Spiele gegen YB, Sion und Lausanne waren an offensiver Harmlosigkeit kaum zu überbieten. Mit bislang 40 Abschlüssen verzeichneten die Espen von allen Teams am wenigsten. Als Vergleich: Die Berner Young Boys können sich deren 96 notieren lassen.

Böse Zungen werden gar von einer offensiven Planlosigkeit sprechen, die Zinnbauer zu verantworten hat. Es sind einzelne Begebenheiten, die diese These stützen. Man erinnert sich an Roman Buess, der etwa mehrfach alleine die gegnerische Defensive anzulaufen versuchte und sich anschliessend über den fehlenden Support seiner Mitspieler lautstark ärgerte. Sowas kommt vor, aber gerade in der aktuellen Lage scheint es schon ein Indikator für eine gewisse Planlosigkeit zu sein. Ein weiterer Indikator: Die St.Galler haben die zweitwenigsten Eckbälle zugesprochen bekommen. Eckbälle resultieren aus vergebenen Chancen, aus Druckphasen und offensivem Wirken.

Stürmer Buess ist trotzdem ein guter Transfer. Natürlich war seine Leistung in Vaduz mehr als dürftig, nimmt doch jenes Spiel womöglich einen ganz anderen Verlauf, wenn der U17-Weltmeister zur Führung trifft. Jedoch war Buess mit einem Tor und zwei Assists an allen drei bisherigen St.Galler Meisterschaftstoren direkt beteiligt. Zudem war es Buess, der im Cup per Doppelpack die Blamage verhinderte. Der Zuzug aus Thun läuft viel und kommt auch zu Chancen. Dass es viele Phasen gibt, in denen er in der Luft hängt, darf nicht nur an ihm festgemacht werden. Vor allem dann nicht, wenn Zinnbauer mit ihm als einziger Spitze spielen lässt.

Ballbesitz am falschen Ort
Bemerkenswert aber ist, dass die Grün-Weissen in keinem der fünf Meisterschaftsspiele weniger Ballbesitz hatten als ihr Gegner. Daraus kann man schliessen, dass das Spielgerät also durchaus in den Reihen der St.Galler ist, kaum aber in gefährlichen Zonen. Zinnbauers System mit einer einzigen Spitze hat zur Folge, dass man im Mittelfeld einen Spieler mehr hat. Oft wird so ein Übergewicht im Mittelfeld erzeugt. Zu brauchbaren Offensivaktionen kommt es aber dennoch selten.

Die Probleme beim Toreschiessen überraschen auch, weil das Potenzial des Teams sicherlich mehr hergeben würde. Tafer hat überdurchschnittliche Fähigkeiten. Er ist technisch überaus beschlagen und in der Lage, entscheidende Pässe zu spielen. Ihn zu kitzeln, ist Aufgabe des Trainers. Aleksic dagegen dürfte gemeinhin etwas überschätzt werden. Seine fulminanten Freistösse täuschen über seinen fehlenden Einfluss im Spiel hinweg. Dem Serben gelingt aus dem Spiel heraus wenig. Oft verpasst er das richtige Zeitfenster für ein Abspiel oder positioniert sich nicht in den aussichtsreichen Zonen. Er fällt nicht ab, aber Reputation und tatsächliche Wirkung klaffen bei ihm auseinander.

Abfallen dagegen tut bisher Neuzugang Gouaida. Der Zinnbauer-Schützling ist wenig am Ball, brilliert weder mit Dribbling noch mit Tempo. Aratore, der formstärkste St.Galler zum Ende der vergangenen Rückrunde, wäre da wohl eine bessere, weil schnellere und agilere Variante. Auch Chabbi, einem weiteren Neuzugang, kann man derartige Attribute attestieren. Sein Können bereits abschliessend zu beurteilen, ist natürlich noch nicht möglich. Aber einen besseren Eindruck als Gouaida hat er auf jeden Fall hinterlassen.

Bedrohliche Statistik
Als einzigen Sechser vor der Abwehr hat Zinnbauer seinen neuen Spielführer Toko fest eingeplant. Sein Wirken beschränkt sich fast ausschliesslich auf die Defensive, was mutmasslich auch die Vorgabe seines Trainers ist. Toko ist bemüht, zweikampfstark und versucht ab und an, sich zwischen die beiden Innenverteidiger zu schieben, während die Aussenverteidiger nach vorne rücken. Von dort aus betreibt er dann den Spielaufbau. Bis anhin tut er das grundsolide. Ein umsichtiger Stratege, der mit ruhiger Hand als Metronom vor der Abwehr durchdachte Bälle spielt und Angriffe provoziert, ist er aber nicht. Jene Aufgabe ist dann doch eher für Gaudino vorgesehen.

Gaudinos Qualitäten als technisch versierter Fussballer sind unbestritten. Und doch stellt man sich die Frage, ob er in dieses Team passt. Er ist im St.Galler Mittelfeld der einzige richtige Kombinationsspieler. Die Tafers, Aratores oder Aleksics sind eher temporeiche Spieler, die den Weg zum Tor direkt anvisieren. Ist Gaudino am Ball, wirkt es eher, als würde er das Tempo etwas verschleppen. Weiter hinten, wo er den klugen Aufbauer mimen könnte, wäre er mutmasslich effektiver. Dort spielt aber Toko.

Auf der Aussenverteidigerposition konnte sich Kofi Schulz, der in den Startspielen noch begann, noch nicht durchsetzen. Der ebenfalls neue Wittwer bekam zuletzt den Vorzug. Schulz ist schnell, hat aber technisch und taktisch bisweilen Mühe. Keiner der beiden dürfte eine überragende Rolle spielen. Tröstend darf jedoch angefügt werden, dass die Positionen links-  und rechtsaussen in der Viererkette im gesamten Weltfussball traditionell selten mit Weltklasse-Spielern besetzt sind. Es gibt schlicht wenige, die wirklich gut sind.

Wenn wir unsere Erkenntnisse zusammenfassen, müssen wir festhalten, dass die Mannschaft eigentlich zu stark wäre für den Abstiegskampf. Jedoch hat uns der FC Zürich vor wenigen Monaten erst bewiesen, dass dies längst keine Garantie ist, die Klasse zu halten. Der FC St.Gallen muss aufpassen. Zumal die Statistik der letzten Jahre nicht mehr für den FCSG spricht. Seit 2005 waren die St.Galler nach dem fünften Spieltag fast immer auf Rang 5 oder besser klassiert. Nur in zwei Fällen lag man am fünften Spieltag auf den hinteren Rängen. Und zwar in den Saisons 2007/08 und 2010/11. Am Ende dieser beiden Saisons stieg der FCSG ab.


Dieser Beitrag erschien am 23. August 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


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Die Olympischen Spiele in Rio sind in aller Munde. Und obwohl das olympische Fussballturnier im fernen Brasilien stattfindet, fühlt sich der FC St.Gallen auch hierzulande dem olympischen Gedanken verpflichtet. Der Matchbericht aus Lausanne.

facepalm

Donnerstagabend, 20:45 Uhr, Lausanne-Sport empfängt den FC St.Gallen. Oder: Aufsteiger gegen Fast-Absteiger. Mit Olympia hat das erstmal nicht so viel zu tun, wäre da nicht das Stadion der Waadtländer, das Stade Olympique de la Pontaise. Wir sind ehrlich: Das tönt schon viel besser als Kybunpark.

Im Gegensatz zum Olympiastadion in München, wo der FC Bayern seine Heimspiele früher ausgetragen hat, haben in Lausanne nie Olympische Spiele stattgefunden. Seinen Namen verdankt das Stadion der Tatsache, dass Lausanne seit 1915 Sitz des IOC ist. Und trotzdem wehte an diesem Donnerstag ein Hauch Olympia durch das weite Rund.

Citius, altius, fortius
Wer an Olympia denkt, hat auch das inoffizielle Motto «Dabei sein ist alles» im Kopf. Es scheint, dass sich der FCSG diese Saison genau diesen olympischen Gedanken auf die Brust geschrieben hat. Angefangen hat es schon mit der Zielsetzung zu Beginn der Saison: Während man sich in früheren Saisons in der obersten Liga etablieren wollte, hiess die Zielvorgabe für diese Saison kurz und knackig «Ligaerhalt».

Das schreit förmlich nach «Dabei sein ist alles». Dabei sein, wollen wir in der Super League. Dabei sein, aber nicht unbedingt gewinnen. Solange wir mit den Grossen mitspielen dürfen, ist alles gut.

Dabei ist «citius, altius, fortius» – zu Deutsch: «schneller, höher, stärker» – das eigentliche Motto der olympischen Spiele. An den Spielen in Paris 1924 wurde diese Devise das erste Mal offiziell zitiert. Frei nach diesem Motto agieren auch die St.Galler Spieler auf dem Feld. Schneller den Ball verlieren, höher übers Tor schiessen, den Gegner stärker reden. Auch in Lausanne wieder: Auf dem Feld waren die St.Galler nahezu inexistent, gespielt hat praktisch nur eine Mannschaft.

Die Frage: Mühe geben oder Mühe haben?
Wir täten dem FCSG unrecht, wenn wir die zwei Schüsse in der ersten Halbzeit auf das Lausanner Tor nicht erwähnen würden, richtig herausgespielt war jedoch erst die Chance durch Bunjaku kurz vor Schluss. Vorher gehörten die herausgespielten Chancen dem Aufsteiger. Wie auch das verdiente Siegtor.

Ob sich die St.Galler nach diesem Sieg besonders Mühe gaben, oder besonders Mühe hatten? Schwer zu sagen. Zwingende Aktionen, Ballstafetten oder Spielfluss suchten die weitgereisten Ostschweizer Fans jedenfalls vergebens.

Dem Matchbericht des Tagblatts war am Freitag zum Spiel des Gegners folgendes zu entnehmen: «Von Beginn weg war ein ausgereiftes System und eine klare Spielanlage zu erkennen. Mit einer Dreierabwehr, einem gekonnten Spiel über die Flügel und vielen Seitenwechseln dominierten die Waadtländer das Geschehen deutlich.»

Unweigerlich kommt man bei diesen Zeilen ins Grübeln. Wann war beim FC St.Gallen das letzte Mal ein «ausgereiftes System und eine klare Spielanlage» zu erkennen? Eventuell beim Entscheidungsspiel gegen den FCZ in der letzten Saison. Aber davor? Muss wohl noch unter Jeff Saibene gewesen sein – ziemlich lange her.

Daran stören will man sich in St.Gallen aber nicht. Gebetsmühlenartig wird vom Trainer gepredigt, dass die Spieler es im Training hervorragend machten und schon noch alles besser werde. Wir möchten gerne daran glauben und schauen derweil nach Rio. Dort, wo der olympische Gedanke zähen sollte, werden irgendwie aber auch nur die Sieger gefeiert. Vielleicht ist «dabei sein» eben doch nicht alles…


Dieser Beitrag erschien am 14. August 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.