Normalerweise schreiben wir hier über die sportliche Entwicklung des FC St.Gallen, über fremde Stadien, über Auswärtsfahrten und vieles mehr. Heute widmen wir uns einem anderen Thema, dem Yin zum Auswärtsfahrt-Yang quasi: dem Daheimbleiben(-Müssen).

Daheim bleiben

Jeder Fan kennt es. Auch jene, die eigentlich kein einziges Spiel des FC St.Gallen verpassen: Manchmal kann man einfach nicht mitfahren und muss das Spiel aus der Ferne mitverfolgen.

Vielleicht ists ein blödes Februar-Spiel und die Grippewelle rollt durch die Schweiz. Statt Bier gibts Tee, statt Fangesänge Niess-Attacken. Oder die Woche hindurch blieb so viel Arbeit liegen, dass der Chef am Wochenende alle ins Büro bestellt. Statt Matchprogramm gibts die neuesten Kennzahlen. Oder das Auswärtsspiel ist in Luzern und man will sich diesen goldenen Käfig ganz einfach nicht antun.

Wer Glück im Unglück hat, schafft es wenigstens rechtzeitig vor einen Fernseher. Im Fanlokal, das die Spiele überträgt, bei Freunden oder zuhause. Ein grosses Problem gibts bei der Fernsehübertragung aber: Während man im Stadion nur Fangesänge und seine eigenen, natürlich brillanten Fach-Diskussionen hört, gehört es bei Fernsehübertragungen aus unerklärlichen Gründen dazu, dass jemand erklärt, was grade auf dem Feld passiert. Oder es wenigstens versucht.

Diese Versuche treiben mitunter komische Blüten. So sehen die Kommentatoren letzten Sonntag Aleksic verletzt auf dem Platz liegen, obwohl sich Tafer auf dem Boden vor Schmerzen krümmt. Aber natürlich ist es auch schwierig, die beiden Spieler zu unterscheiden. Hilfreich wäre ja, wenn man die einzelnen Protagonisten irgendwie kenntlich machen würde. Vielleicht mit einer grossen Nummer auf dem Rücken? Das wär doch mal was.

Gegen nervige Kommentatoren gäbe es ein einfaches Mittel: Ton abschalten. Nur: Dann kriegt man auch nichts mehr von der Stimmung mit. Und die gehört ja schon dazu. Es gibt aber einen Ausweg: Radio.

Die Live-Schaltungen der verschiedenen Radio-Stationen – vor allem die teilweise viertelstündigen Einschaltungen des Adrenalin-Teams auf toxic.fm – sind nicht nur eine gute Alternativ-Tonspur, sie sind manchmal auch die einzige Rettung für die noch mehr vom Leid Geplagten unter den Daheimgebliebenen. Diejenigen, die es nicht einmal rechtzeitig vor den Fernseher schaffen. Radio hören geht auch am Arbeitsplatz. Oder im Bett.

Richtig schlimm wirds aber für alle, die eigentlich gar keinen Grund zum «Jommere» haben, weil sie nur wegen einer Auslandsabwesenheit nicht am Spiel sind. Teile des SENF-Teams mussten das schon oft erleben, schliesslich lassen sich gewisse Geschichten nur schreiben, wenn man sich vor Ort umgeschaut hat.

Manchmal hat man Glück und das Hotel-WLAN reicht für einen Stream. Manchmal hat man sogar noch mehr Glück und neben dem Stream des TV-Signals kommt auch ein Radio-Signal rein. Doch dann muss man es noch irgendwie hinkriegen, die unterschiedlichen Verzögerungen auszumerzen. Ein Tor zu hören, bevor man es sieht, ist leicht unbefriedigend.

Und wenn alles nichts nützt, erinnert man sich halt an die fast schon vorsintflutliche Kommunikationsform des SMS und nervt die Kollegen, die im Stadion stehen.

Egal, warum man nicht am Spiel ist, egal, wie schlimm ein Spiel im Stadion sein mag: Es ist noch viel schlimmer nicht im Stadion zu sein. Man ist noch nervöser, die Nerven sind noch angespannter, man spürt das Magengeschwür wachsen.

Die Spieltag-Emotionen lassen sich nämlich nicht einfach so ignorieren, oder – Zelli bewahre – abstellen!

Ein bisschen Abhilfe schaffen die Alternativ-Mitverfolg-Varianten zwar. Aber nichts geht über ein Auswärtsspiel, bei dem man live dabei ist! Mittendrin statt nur dabei ist man eben nur vor Ort, auch wenn ein Privatsender vor Jahren mal etwas anderes behauptet hat.

Etwas bleibt aber gleich, ob man jetzt im Stadion war oder nicht: Nach einem Sieg wie in Luzern geht man mit einem permanenten Grinsen durch die nächsten Tage.


Dieser Beitrag erschien am 23. Februar 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


Der FC St.Gallen konnte im neuen Wankdorf noch nie gewinnen. Auch letzten Samstag nicht. Das Senf-Kollektiv ist sich sicher: Schuld ist das Stadion!

Wankdorf

Seit über zehn Jahren versucht der FC St.Gallen nun schon, in Bern einen Sieg einzufahren. Letztmals erfolgreich waren die St.Galler noch im Neufeld, dem Ausweichstadion der Berner Young Boys, als das Wankdorf gerade erst abgerissen und noch nicht neu gebaut worden war. Im neuen Wankdorf, das offiziell in Stade de Suisse umbenannt wurde, konnte der FC St.Gallen also noch nie als Sieger vom Platz gehen.

Die logische Schlussfolgerung: Die ewigen Niederlagen in Bern liegen nicht an den elf St.Gallern auf dem Platz. Und auch nicht an den elf Bernern. Die Chancenauswertung der Young Boys am vergangenen Samstag ist Beweis genug: Aus 30 Torschüssen nur zwei Treffer zu machen, spricht nicht für die Effizienz. Es muss folglich am einzigen konstanten Punkt liegen: am Stadion.

Ladies Night im Wankdorf

Zugegeben: So schlimm wie der Stimmungsmoloch Letzigrund ist das Wankdorf natürlich nicht. Aber einige Punkte stimmen in Bern halt auch nicht. Da wäre zum einen der Kunstrasen. Wir alle kennen die Vorteile: Mehrfachnutzung, Terrainbeständigkeit, Wartung. Trotzdem: Der Fussball lebt davon, nicht klinisch steril zu sein. Nicht vorhersehbare Richtungsänderungen des Balls, der Geruch des Rasens, die dreckigen Shorts der Spieler- Das alles gehört zum Fussball dazu – nur in Bern halt nicht. Nicht wegzudiskutierender «Vorteil»: In der Pause kann das Auto eines Sponsors seine Runde ums Feld drehen. Wo andernorts ein Acker zurückbleiben würde, hinterlässt diese Marketing-Aktion keine Spuren auf dem Kunstrasen – dafür in den Köpfen der immer wieder über diese Aktion irritierten Gästefans.

Obwohl der Rasen also künstlich ist und entsprechend eigentlich kein Sonnenlicht braucht, versucht man in Bern neustens, solches künstlich zu generieren. LED-Banden zwischen dem ersten und zweiten Rang der Tribünen an den Längsseiten überstrahlen selbst das Flutlicht. Der Stadionbesuch als Solarium-Ersatz? Wellness-Tag beim Fussball? Würde ja irgendwie passen, schliesslich ist in Bern immer ein spezieller Tag: Wir haben aufgehört zu zählen, wie oft wir schon bei einer Ladies Night oder einem Kids Day zu Gast waren. Dieses Mal wars – der Jahreszeit geschuldet – das X-Mas-Special.

Offenbar ist man bei den Verantwortlichen in Bern der Meinung, dass man nicht wegen dem Fussballspiel in ein Stadion pilgert, sondern wegen einem «Mehrwert». Kein Wunder wird das Stadion auf den Werbebanden mit dem Slogan «Stade de Suisse – die multifunktionale Eventarena» beworben.

Wankdorf? Stadion? Fussball?

Das ist offenbar nicht sexy genug, um im Marketingsprech zu bleiben.

Fettspritzer von der YB-Wurst

Vielleicht ist der Grund für den Sonnenlicht-Ersatz per LED-Bande aber auch ein ganz anderer: Das Wankdorf gleicht nämlich einem Kühlschrank sondergleichen. Gefühlt herrschen im Stadion immer einige Grad weniger als rund herum. Und gefühlt lässt uns die Liga auch immer an den kältesten Tagen nach Bern reisen. Wer sich dann aufwärmen will, greift zu kaum geniessbaren Heissgetränken oder zu einer YB-Wurst. Der Verkaufsschlager im Sortiment ist bei den Fans vor allem beliebt, weil man sämtliche weitere Personen in einem Umkreis von drei Metern bei jedem Biss am Genuss beteiligt.

Beim Geschmack gehen die Meinungen auseinander. Aber als St.Galler muss man sich in fremden Stadien ja mit schäbiger Wurstqualität zufrieden geben. Wer sich durch die Fettspritzer der YB-Wurst nicht das Augenlicht weggebrannt hat, darf sich in der Pause an der Videowand über das «vermutlich beste Bier der Welt» informieren und die Hausdruckerei der Young Boys kennenlernen.

Wir retten uns durch diese Dauer-Bewerbung, versuchen nicht einzufrieren und sind dann doch irgendwie froh, als die YB-«Viertu-Stung» eingeläutet wird: nur noch 15 Minuten (plus natürlich die 30 Minuten Blocksperre für Gästefans) in diesem Kühlschrank ausharren.

In diesem Sinne: Hebet näch am Bänkli, YB hät für euch äs Werbe-Gschänkli…


Dieser Beitrag erschien am 1. Dezember 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


Das selbsternannte Downtown Switzerland hat immer noch kein Fussballstadion. Aber weil gleich zwei Clubs in Zürich spielen, muss man als FCSG-Fan vier Mal pro Jahr ins Stimmungsloch Letzigrund. Auch am vergangenen Samstag wieder, beim Spiel gegen GC.

Letzigrund

Dass GC kein Heimstadion hat, geistert in regelmässigen Abständen durch die Medien. Stadionprojekte werden entworfen, nur um dann aus verschiedenen Gründen doch nicht realisiert zu werden. Ungeschickte Kampagnen vor Abstimmungen und ein gewisser Hochmut haben mehrmals zu einem Abschmettern der Projekte an der Urne geführt.

Gegen den Zustand wird protestiert, wie unlängst durch die GC-Fans in Form eines Legendenspiels gegen Neuchâtel Xamax auf dem Ex-Hardturmareal. Ohne Erfolg. Darum hiess es auch für uns an diesem wunderbar herbstlichen Samstag wieder: auf zu einem Fussballspiel in einem Leichtathletikstadion.

Dieses Mal war nichts anders als sonst und gerade deshalb war es furchtbar desillusionierend.

Gekommen sind wenige
Bei den Ticketschaltern muss man in letzter Zeit nicht lange anstehen. Früh entsteht der Eindruck, dass die anströmenden Massen wie gewohnt ausbleiben werden.

Aber vielleicht liegt das auch an den nach wie vor hohen Preisen. GC hält sich nämlich nur im Vorverkauf an die schweizweit eingeführten Obergrenzen von 25 Franken (voller Preis) bzw. 20 Franken für ermässigte Tickets. An den Tageskassen kosten die Tickets immer noch 30 bzw. 25 Franken. Das könnte noch zu reden geben.

Kaum im Stadion erblicken wir die gewohnt trotzige Zaunfahne im GC-Heimsektor: «trotz Exil a jedem Spiel». Das wirkt seltsam, wenn man gleichzeitig die beiden mit einer grossen blauen Blache abgedeckten Teilsektoren der Heimkurve sieht.

Obwohl die Anspielzeit am frühen Samstagabend nicht allzu schlecht ist und die Platzierung der Grasshoppers im oberen Teil der Tabelle in der Regel zu einem erstaunlichen Anschwellen der bekennenden GC-Fans führt: Das weite Rund ist weitgehend leer. Nicht nur jeder zweite Platz ist leer, es sind ganze Sektoren, in die sich keine Menschenseele verirrt hat.

Für uns keine Überraschung: Wir verstehen jeden GC-Fan, der sich nach Jahren im Exil (!) in einem Leichtathletikstadion (!!), das noch dazu die Heimstätte des stadtinternen Erzfeindes (!!!) ist, nicht mehr in den Letzigrund bewegen mag.

Stimmung? Geht anders
Um das Geschehen auf dem Platz, ein für den FCSG glückliches Unentschieden, aus unserer Perspektive mitverfolgen zu können, braucht man fast einen Feldstecher – oder aber viel Fantasie. Bei Spielbeginn lässt sich knapp der Name des GC-Torhüters hinter der roten Tartanbahn entziffern. Joe Zinnbauer, der zeitweise seinen Trainerbereich um das Doppelte verlässt, erahnt man nur.

Während in anderen Stadien zwischenzeitlich eine laute Kulisse Anziehungspunkt ist und Zuschauer ins Stadion lockt, macht dieses Leichtathletikstadion nicht wirklich Laune. Es herrscht ein wortwörtliches Stimmungsloch – dies da das Letzigrund ja in den Boden hinein gebaut wurde –, die Akustik leidet stark. Die gegnerische Kurve hört man eigentlich nie. Als die Zuschauerzahl kommuniziert wird, ist niemand überrascht: offiziell haben sich 5’500 Fans eingefunden. Wie so oft erscheint selbst das zu hoch.

Fad und seelenlos
Beim Abpfiff bleibt vor allem eines: das Gefühl, heute kein «richtiges» Fussballspiel gesehen zu haben. Dass GC schon so lange keine eigene Heimstätte hat, ist an sich schon ein Armutszeugnis. Dass man aber in ein Leichtathletikstadion ausweichen muss, wird mit jedem erneuten Besuch ein bisschen trostloser. Für ein so emotionales Spiel wie Fussball, für einen solchen Verein – «d’Super League vum Rekordmeischter, än Institution, ey» – und in einer Grossstadt sollte es möglich sein, ein Stadionprojekt auf dem ehemaligen Hardturmareal zu realisieren.

Die jetzige Situation hinterlässt einen faden Beigeschmack, gerade auch wenn man sich an die Spiele im alten Hardturm und die Stimmung dort erinnert. Wir verlassen nach dem Spiel dieses seelenlose Leichtathletikstadion und sind uns ziemlich sicher: Wir werden wohl auch nächstes Mal, wenn St. Gallen gegen GC spielt, wiederkommen. Wenigstens müssen wir nicht jedes zweites Wochenende ins Letzi.

Und unser einziger Trost heute: Das GC-Siegeslied müssen wir, zur Abwechslung, auch nicht hören.

(Bild: Wikipedia/Raymond Lafourchette)


Dieser Beitrag erschien am 29. September 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


Es gibt gewisse Situationen, die jedem FCSG-Fan bekannt sind. SENF hat zehn solcher Begebenheiten zusammengestellt – Viel Spass!

1. Wenn jemand aus unerklärlichen Gründen Senf zu seiner Bratwurst bestellt:

1365[1]

2. Wenn ein besonders witziger Zeitgenosse den unsäglichen Spruch «Hopp Sangallä, inä mit äm Ballä» zum Besten gibt:

1362[1]

3. Wenn der FC Basel mal wieder Schweizermeister wird:

1296[2]

4. Wenn das Bier wider Erwarten alkoholfrei ist:

1043[2]

5. Wenn der FCSG im Cup (schon wieder) gegen einen unterklassigen Gegner verliert:

1370[1]

6. Wenn dich deine Mitarbeiter nach einer Niederlage am Montag nach dem Resultat fragen:

828[1]

7. Wenn die Hobby-Zürcher mal wieder mit ihren 27 Meistertiteln angeben:

1095[1]

8. Wenn du dir die Wiederholung vom «Wunder von Moskau» ansiehst:

kbstng[1]

9. Wenn der Schiedsrichter mal wieder einen völligen Schwachsinn pfeift:

1065[1]

10. Wenn das Spiel in fünf Minuten beginnt und du noch immer auf dein Bier wartest:

1511[1]


Dieser Beitrag erschien am 15. September 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.